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Zur Kolonialfrage

von Karl Wild

oder Was uns Marx heute noch dazu zu sagen hat

Schien mit dem Erfolg des nationalen Unab- hängigkeitsstrebens der portugiesischen Ko- lonien in Afrika und Asien der Entkoloniali- sierungsprozess als positives Ergebnis des „Kalten Krieges“ in den 70er Jahren des ver- gangenen Jahrhunderts zu einem (vorläufigen) Abschluss gekommen sein, so stellt sich heute - angesichts unzähliger nationaler Erhebungen und erneuter Landnahme weltweit - die Kolonialfrage aufs Neue.

In dieser knappen Untersuchung geht es um eine Annäherung an diese Problematik aus historischer Sicht. Der moderne Kolonialismus der letzten sechshundert Jahre, beginnend mit der Eroberung der „Neuen Welt“ durch Spanien und Portugal, fortgesetzt durch Hol- land, Frankreich und England, später die Westexpansion der USA, nicht zu vergessen die Landnahme Russlands und Chinas, Japans und als Nachzügler das kaiserliche Deut- schland, Israel oder auch Belgien, um nur markante Merkpunkte zu nennen, scheint in der gegenwärtigen Periode eine Renaissance zu erleben.

Oder wie sollte der Betrachter die heutigen globalen Inbesitznahme von natürlichen Res- sourcen und der Ware Mensch anders deuten? Die rasante Entwicklung der menschli- chen Produktivkräfte, der Logistik und der Technologien im Gefolge des Aufstiegs des Neoliberalismus(*1) läßt die Marxschen Ausführungen zum Kolonialismus wieder aktuell gültig erscheinen. Betrachten wir kurz, was uns Marx heute noch sagen kann.

Das Beispiel der „britischen Herrschaft in Indien“ (*2)(*3)

1853 vergleicht Marx die „Indien-Debatte“(317) mit den „türkischen, sardinischen und schweizerischen Fragen“ zur „friedlichen Lösung“ anstehender Konflikte. „Dort wie hier dieselbe reiche Mannigfaltigkeit der Bodenerzeugnisse und diesselbe Zerrissenheit in der politischen Struktur.“ In „Hindustan“ stellt sich aus sozialer Sicht die Lage „unendlich qualvoller“(318) dar durch das von England, dem „europäischen Despotismus“, über den „asiatischen Despotismus“ gebrachte „ungeheuerliche“ Leid.

Marx betont: „Dabei handelt es sich nicht um eine besondre Eigentümlichkeit der bri- tischen Kolonialherrschaft, sondern nur um eine Nachahmung der holländischen“. Ursache des asiatischen Despotismus ist die von einer Zentralmacht gelenkte „künstliche Berieselung durch Kanäle und Wasserwerke, die Grundlage der orientalischen Landwirtschaft.“(319) Sei die „Zivilisation“ in Asien „zu niedrig“ für eine friedliche Lösung des Problems, so seien die Briten unfähig zur Organisation der „öffentlichen Arbeiten.“

Als Fazit stellt Marx bitter fest: Sei die Zerstörung überkommener Strukturen in Indien/im Orient noch so sehr zu beklagen, widerstrebt diese „Meer von Leiden“(322) dem Zeitzeugen, „so dürfen wir doch darüber nicht vergessen, daß diese idyllischen(*4) Dorfgemeinschaften ... seit jeher die feste Grundlage des orientalischen Despotismus gebildet haben“.

Kolonialismus jeglicher Spielart erzeugt unendliches menschliches Leid, aber dennoch stellt er sich solange als alternativlos dar, solange nicht die nationale, ökologische wie soziale Frage im Orient wie im Okzident gestellt wird. Das Beharren auf überkommenen Strukturen mag menschlich vernünftig erscheinen, ist jedoch chancenlos gegenüber der Macht der „sogenannten ursprünglichen Akkumulation“(*5) des Kapitals. Gewalt und Krieg gehören zum Prozess der Expansion des Kapitals damals wie heute.

*1) zu den verwendeten Begriffe siehe:
www.wikipedia.org

*2) Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, S.317ff, Berlin(DDR) 1985

*3) alle Seitenangaben daraus

*4) Marx benutzt hier den Ausdruck „idyllisches“ Landleben zynisch wie im „Kommunistischen Manifest“ von 1848

*5) siehe Das Kapital, Band 1, von 1867