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Wolf im Schafpelz

von Rudolf Müller, Dietmar Klein (1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Außenpolitik der Maoisten - Wirtschaftsinteressen in Afrika – Versprechungen als politischer Bluff

»Die Selbstisolierung Pekings von der nationalen Befreiungsbewegung, seine Blockbildungen mit den rechten und nationalistischen Kräften und der klar ausgeprägte Antisowjetismus führten die Maoisten Ende der sechziger Jahre in die Sackgasse. Sie mussten ihre Taktik ändern, ihren Kurs teilweise modifizieren.

Mit der „Begründung“, die afro-asiatischen Völker hätten „Sonderinteressen“ und müßten sich „Sondervereinigungen“ schaffen, gingen die maoistischen Führer in diesen Jahren daran, alle möglichen Leute um sich zu scharen und separate Gewerkschafts-, Journalisten-, Schriftsteller-, Studenten-, Sport- und andere Organisationen auf die Beine zu stellen. Einige käufliche Elemente führen heute noch als „Leiter“ solcher Organisationen in Peking ein Schattendasein.

Die im Stile der „Hongweibings“ mit abenteuerlichen, ultralinken Methoden betriebene Spalter- und Wühltätigkeit der chinesischen Führer erlitt – von zeitweiligen Erfolgen abgesehen – auch in Afrika ihre gesetzmäßige Niederlage. Das Experiment des Exports der „Kulturrevolution“ scheiterte auch auf dem „Schwarzen Kontinent“ kläglich. Mit Beginn der siebziger Jahre erklärte Peking, Afrika sei „noch nicht revolutionsreif“ und korrigierte seine bisherige Taktik der globalen und massiven „Eindringung“. -

Mit alter Politik im neuen Gewand spielte sich Peking jedoch erneut als Sachwalter der ehemals kolonial unterdrückten Völker auf, um sie in seine Falle zu locken. Es war also gezwungen, für seine Politik eine neue Hülle zu finden. An die Stelle des Kommandierens, der Subversion, der Anzettelung bewaffneter Putsche und der groben Provokationen trat auch gegenüber den Ländern Afrikas die „Offensive des Lächelns“. Sie geht – welche Selbstentlarvung! – mit einer verschärften Verleumdung der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten einher.

Heute geben sich im Zeichen der „Offensive des Lächelns“ chinesische Delegationen in den Hauptstädten vieler afrikanischer und asiatischer Staaten gegenseitig die Türklinke in die Hand. In gleicher Weise ergießt sich eine Flut von Einladungen zum Besuch Pekings an andere Länder, die auch von einer Reihe Regierungen in den letzten Jahren wahrgenommen wurden. 1974 weilten die Staatschefs Algeriens, Sambias, Tansanias, Kameruns, Zaïres und anderer unabhängiger afrikanischer Staaten in der VR China.

Diesen Staatsmännern wurde eine betont großzügige Gastfreundschaft auf höchster Ebene erwiesen. Dabei wurde nicht mit schönen Worten gegeizt und in fast allen Reden beteuert, dass Peking der „beste“ und „treuste“ Freund der jungen afrikanischen Staaten sei und man gemeinsam gegen die „Supermächte“ kämpfen müsse. Jeder weiß sofort, wer damit wirklich gemeint ist.

In diesem Sinne arbeitet auch der offizielle Propagandaapparat, der immer wieder die These ausposaunt, dass „die Völker Chinas und Afrikas das gleiche historische Schicksal haben“, dass „die Wege ihrer wirtschaftlichen Entwicklung übereinstimmen“ [Afrika als billiger Rohstofflieferant! – R. S.], dass die maoistische Führung „den nationalen Befreiungskampf konsequent unterstützt“ und „entschieden“ gegen Imperialismus, Rassismus und Kolonialismus auftritt.

Die neuerliche Belebung der diplomatischen Aktivität Pekings – gegenwärtig [1975] unterhält China diplomatische Beziehungen mit 33 von 42 souveränen Staaten Afrikas – verfolgt Ziele, die von den offiziellen Beteuerungen sehr weit entfernt sind. Die neue Etappe der „Infiltration“ in Afrika begann vor allem, nachdem die Volksrepublik China ihren rechtmäßigen Platz in der Organisation der Vereinten Nationen wieder einnehmen konnte. So versucht die Pekinger Führung, sich der Entwicklungsländer Afrikas in ihrem Kampf um die Führerschaft sowohl in der UNO als auch auf dem internationalen Schauplatz überhaupt zu bedienen.

Die Zeitschrift „Peking Review“ schrieb, Afrika habe besondere Aufmerksamkeit zu gelten, denn es sei „voller Lebenskraft wie Bäume und Sträucher im Frühling“. Zugleich bemüht sich das maoistische Regime in Afrika, Absatzmärkte für seine Erzeugnisse zu erschließen und neue, billige Rohstoffquellen für sein Land zu finden. In der neuen Etappe wird, wie die „Sowjetskaja Rossia“ am 31. Oktober 1974 schrieb, auch eine neue Taktik angewandt. Die Pekinger Führer verlangen nicht mehr plump von den Afrikanern, dass sie mit dem Gewehr in der Hand eine den Maoisten genehme Macht errichten sollen. Sie wenden die Konzeption „Zusammenarbeit und Hilfe“ an, der das Streben zugrunde liegt, ökonomisch und politisch stärker auf dem afrikanischen Kontinent einzudringen. Peking will die jungen Staaten Afrikas, die zur Realisierung ihrer Entwicklungspläne an Entwicklungshilfe von außen interessiert sind, dazu bringen, sich nach China zu richten, das angeblich ebenfalls zur „dritten Welt“ gehöre. Das ist ein simples Manöver, darauf gerichtet, die Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen Staaten und der sozialistischen Gemeinschaft zu schwächen und allein die politischen und wirtschaftlichen Positionen der Volksrepublik China in Afrika zu festigen.

Ökonomen haben errechnet, dass die Gesamtsumme der Mittel, die die Volksrepublik China für die afrikanischen Länder bisher in den siebziger Jahren [- 1975] bereitstellte, erheblich angewachsen ist. Diese Mittel werden aber im wesentlichen für kleinere Projekte auf dem Gebiet der Landwirtschaft, der Leicht- und Nahrungsmittelindustrie verwendet, wo die gleiche primitive Technologie angewendet wird, wie sie in vielen Industriezweigen Chinas heute [1975] noch üblich ist.

Hier sei bemerkt, dass Peking das Hauptgewicht vor allem auf Investitionen im Straßenbau legt und dadurch sein Unvermögen tarnt, der „dritten Welt“ bei der Schaffung von großen, modernen Industriebetrieben Hilfe zu leisten. Zu beachten ist auch die Tatsache, dass China in der Regel nicht am Aufbau jener Industriezweige teilnimmt, die eine wirkliche ökonomische Unabhängigkeit der Entwicklungsländer für die Zukunft fördern. -

Diese Ausrichtung der „Zusammenarbeit“ Chinas mit der „dritten Welt“ zeigt eine frappierende Ähnlichkeit mit der „Hilfe“ der imperialistischen Mächte. Sie führt dazu, dass die wirtschaftliche Rückständigkeit der Entwicklungsländer praktisch konserviert wird. Das trägt im Endergebnis zum weiteren Zurückbleiben der Länder der „dritten Welt“ hinter den entwickelten Industriestaaten bei. Das ist nicht zufällig. Das Leben beweist, dass Peking immer häufiger mit jenen Kräften in den imperialistischen Ländern übereinstimmt, die nicht an der Entwicklung der Länder der „dritten Welt“ interessiert sind.

Die nigerianische Zeitung „Daily Express“ hatte völlig recht, als sie schrieb, dass die chinesischen Führer ihre Wirtschaftspolitik als Hauptinstrument für die Realisierung ihrer Großmachtpläne benutzen. Besonderes Interesse zeigt China für jene Länder Afrikas, die über wertvolle Rohstoffressourcen verfügen. Das erklärt auch, warum Peking an die wirtschaftliche Hilfe für afrikanische Länder so streng differenziert herangeht und eine „Brückenkopfpolitik“ betreibt. Gerade von diesen Erwägungen ließ sich Peking leiten, als es Kenia und Ghana Kredite verweigerte.

Die Pekinger Führer haben in den sechziger und siebziger Jahren bisher 29 afrikanischen Ländern Kredite und andere ökonomische Hilfe versprochen. Diese Versprechungen erweisen sich in vielen Fällen als politischer Bluff. China leistete im wesentlichen nur Tansania, Sambia und einigen wenigen anderen afrikanischen Ländern eine größere ökonomische und militärische Hilfe.«
[Fortsetzung folgt.]

Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Wolf im Schafpelz.