„Werbung“ um den „Schwarzen Kontinent“
von Rudolf Müller, Dietmar Klein (1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die Außenpolitik der Maoisten
Maoisten säten Zwietracht
»Die Politik Chinas gegenüber Afrika in den sechziger Jahren trug nicht nur dazu bei, in verschiedenen Staaten Situationen zu schaffen, die der Reaktion bei der Verwirk- lichung ihrer Pläne halfen, sondern sie bewirkte auch, dass das Leben vieler im Kampf stehender Patrioten der Befreiungsbewegungen preisgegeben wurde.
Mit dem Beschluss der 11. Plenartagung des Zentralkomitees der [antikommunistischen] KP Chinas im August 1966 über die „Große Proletarische Kulturrevolution“ wurde auch hinsichtlich der Verbindungen zu den nationalen Befreiungsbewegungen eine neue Etappe eingeleitet. Die Pekinger Führer arbeiteten fieberhaft daran, überall in Afrika ohne Rücksicht auf die reale Lage, Anhänger für ihre Theorie vom „revolutionären Volkskrieg“ zu finden und sie dazu aufzuputschen. -
Die Anleitung gab die „Peking Review“ vom 17. Januar 1967, wo man folgendes lesen konnte: „Asien, Afrika und Lateinamerika sind heute die Hauptgebiete, wo die revolutionären Stürme toben. Sie stehen seit dem zweiten Weltkrieg im Brennpunkt der Widersprüche im Weltmaßstab. Der bewaffnete Kampf entwickelt sich kräftig. Dadurch wird eine ausgezeichnete Lage geschaffen, und es eröffnet sich eine grandiose Aussicht: Vom ,Dorf der Welt’ – her wird die ,Stadt der Welt’ – Nordamerika und Europa – eingekreist. Bei der Revolution des chinesischen Volkes und bei der Revolution der Völker der ganzen Welt hat sich in der Praxis gezeigt, dass das Volk nur befreit werden kann, wenn man sich auf die Gewehre verlässt. Der einzig richtige Weg zur völligen Befreiung der unterdrückten Nationen und Völker ist der, dass sie zum Gewehr greifen und einen großen revolutionären Krieg führen.“
In Afrika wurden vor allem solche Länder wie Ghana, Mali, Nigeria, Kenia, Niger, Senegal, Kamerun und Sudan sowie die Befreiungsbewegungen in Angola, in Moçambique, Simbabwe, Namibia und in Guinea-Bisau von den chinesischen „Heilspredigern“ heimgesucht. Die Versuche der Maoisten, die Beziehungen zwischen den Entwicklungsländern und den sozialistischen Ländern zu untergraben, trugen nicht nur die Gefahr in sich, den wirtschaftlichen Fortschritt dieser jungen Staaten, sondern auch den Prozess ihrer vollen politischen Befreiung zu bremsen.
Den Anhängern Maos in Afrika war jedes noch so primitive Mittel der politischen, ideologischen, ökonomischen, rassen- und stammesmäßigen sowie religiösen Spaltung recht, um ihre eigennützige Politik durchzusetzen. Innerhalb der „Union der Völker Kameruns“ (UPC) wurden zwei prochinesische Spaltergruppen geschaffen. Im gerade politisch unabhängig gewordenen Kongo (Kinshasa) wurden einige abenteuerliche Partisanengruppen organisiert, um den Kongo in ein „zweites Vietnam“ zu verwandeln. Die Befreiungsbewegungen in den ehemaligen portugiesischen Kolonien Angola (MPLA) und Moçambique (FRELIMO) wurden durch von Peking gelenkte prochinesische Gruppierungen bekämpft.
Äußerst zwielichtig verhielt sich die VR China zu dem Konflikt zwischen Nigeria und der von den USA-Imperialisten zum Abfall von Nigeria getriebenen Ostregion, die sich zeitweilig als „Biafra-Staat“ etablierte. Obwohl die OAU (Organisation der Afrikanischen Einheit) 1968 aus Algier einen Appell an alle Staaten richtete, „sich jeder Tätigkeit zu enthalten, die geeignet ist, der Einheit, der territorialen Integrität und dem Frieden in Nigeria zu schaden“, erklärte Peking, dass es „Biafra“ in seinem Kampf gegen „die Imperialisten und die sowjetischen Revisionisten“ Hilfe leisten wird. Der Separationschef Ojukwu beeilte sich, Mao Tse-tung zu versichern, dass „das im Kampf gegen den Imperialismus und den sowjetischen Revisionismus stehende Volk Biafras dem Beispiel des vom Präsidenten Mao geführten chinesischen Volkes folgen wird“. Der Londoner „Guardian“ verwies zu jener Zeit darauf, dass „chinesische Waffen in dem kunterbunten Arsenal des Obersten Ojukwu eingetroffen sind, dank dessen ,Biafra’ weiterkämpft“.
Ungeachtet der vielen Niederlagen und politischen Bankrotte setzten die chinesischen Führer den „Export der Kulturrevolution“ fort. So stellten Ende Februar 1967 auf einer Beratung in Peking den in Afrika akkreditierten chinesischen Diplomaten Tschou En-lai und Frau Jiang Qing, Ehefrau Maos, die Aufgabe, in Afrika eine „breite Einheitsfront ... unter den glorreichen Banner der revolutionären Prinzipien“ Mao Tse-tungs zu schaffen. Ziel dieser Front müsse die „Kulturrevolution in Afrika“ sein. Das war nichts anderes als der Versuch, diese Länder an sich heranzuziehen und der Botmäßigkeit der Maoisten zu unterstellen. Die Mehrheit der afrikanischen Länder war jedoch nicht bereit, in die Fußtapfen der Maoisten zu treten. -
Tschou En-lai hatte bereits anlässlich seiner vom Dezember 1963 bis Februar 1964 andauernden Afrikareise durch zwölf afrikanische Länder am 5. Februar 1964 in Mogadischou eine Presseerklärung abgegeben und „von den ausgezeichneten revolutionären Aussichten in Afrika“ gesprochen. Das wurde als direkter Aufruf zum Sturz der bestehenden afrikanischen Regierungen aufgefasst und war Veranlassung, dass einige afrikanische Länder den geplanten Besuch Tschou En-lais ablehnten. Ungeachtet dessen setzten die Maoisten in den sechziger Jahren ihre zersetzende Politik im mehreren afrikanischen Ländern fort.
Maoisten säten Zwietracht
Durch aktive Einmischung der Maoisten kam es bereits 1963 zur Spaltung in der Volksbefreiungsbewegung Angolas (MPLA), der Befreiungsfront von Moçambique (FRELIMO) und einigen anderen Befreiungsbewegungen Afrikas. Aus der MPLA trat bereits Anfang der sechziger Jahre eine Gruppe unter Führung des ehemaligen Generalsekretärs Variato da Cruz aus, die dann in der Praxis nicht gegen die portugiesischen Kolonialherren, sondern gegen die MPLA kämpfte. Variato da Cruz wurde häufiger Gast in Peking und nahm an vielen Veranstaltungen der Maoisten teil. Mitte der sechziger Jahre diskreditierte er sich endgültig; die Gruppe da Cruz zerfiel. Er selbst wurde als Sprecher am Pekinger Rundfunk angestellt.«
[Fortsetzung folgt.]
Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. „Werbung“ um den „Schwarzen Kontinent“. Maoisten säten Zwietracht.