Wem gehört die Geschichte?
von René Lindenau
Unabhängig von Geburtsort, seinem Wirkungs- kreis, oder auch von Parteizugehörigkeit, Ge- schichte geht jeden an.
Das mag ein trockener Satz sein, aber es ist einer mit dem Anspruch, das man ihn mit Leben erfüllt.
Die Frage hier soll nun sein, wie die Beantwort- ung eben dieser Eigentumsfrage auf die Geschichte funktioniert, nachdem 1990 der Zusammentritt der geteilten Deutschländer zu einem Staatengebilde vollzogen wurde.
Nun, ist es nicht so, das z.B. solche geschichtlichen Ereignisse wie die am 17. Juni 1953 im Osten, oder die Studentenunruhen 1968 im Westen, die von der Einheitspartei dik- tierte Politik der DDR-Regierung, sowie die von Lobbys diktierte Politik der Bundesregier- ung alle interessieren sollten. Ob sie innerhalb der damals bestehenden Grenzen, die ihnen auch der 'Kalte Krieg' vorgab, in staatstragender Weise handelnd ihre Geschichte machten, oder ob sie als geschichtliches Objekt nur deren Verfügungsmasse waren.
Aus jenem Systemwettbewerb, der inzwischen auch Teil der Geschichte ist, ging die DDR als Verlierer hervor. Seitdem gilt die dabei übrig gebliebene alte Bundesrepublik Deutschland als Sieger der Geschichte. Ob dieser Gewinn gut war, ob er Erhaltenswer- tes gebracht hat, warum die Geschichte überhaupt so verlaufen ist dürfte eigentlich auch jeden angehen. Denn auch im Umgang mit Geschichte ist doch die Zeit der Alleinvertretungsansprüche vorbei. Wobei heute nicht die ostdeutsche, westdeutsche sowie die europäische Brille vergessen werden sollte.
Nur so wird ein differenziertes Bild von der Geschichte im Ganzen sichtbar. Dass sich „Ossis“ nur ihrer Ost-Biographien und die damit verbundenen historischen Begebenheiten annehmen und die „Wessis“ dieses Spiel auf ihre Weise mitmachen bringt uns alle nicht weiter. Die Einstellung: „Was kümmert mich der Mist auf dem anderen Hof“ ist daher falsch. Richtig muss es heißen: „Es ist unser aller Mist“.
Somit ist bei Berücksichtigung all der historischen wie weltpolitischen Umstände das hineinpressen der jeweiligen Ost-West-Geschichte in voneinander getrennte Rahmen nicht hilfreich. Denn die Geschichte der beiden deutschen Staaten ist nicht teilbar, sie gehört deshalb in einen Rahmen, von dem sich jeder Betrachter nunmehr selbst sein eigenes Bild machen sollte. Zudem gilt: Nur wer sich Geschichte und die damit verbund- enen individuellen Geschichten erzählt, kann sich kennenlernen und zusammenwachsen.
Hinzu käme, wer sich aus der Geschichte raushält, der hat nicht mal eine Basis, um seine Gegenwart zu begreifen. Ferner ist Geschichte immer ein Lernprozess, an dem jeder aufgerufen ist, teilzunehmen. Schließlich ist die Auseinandersetzung mit der Ge- schichte eine recht gegenwartsverbundene Tätigkeit. Für politische Parteien heißt das nämlich, sie sind zur Systemanlayse aufgefordert, woraus ggf. ihre Systemkritik ent- steht und im weiteren Fortgang formulieren sie darauf aufbauend ihre zukunftsweis- ende (?) Programmatik.
Doch das bedeutet auch, der Bürger der verblichenen DDR sollte ebenso aufgeschlossen auf geschichtliche Vorgänge in der alten BRD reagieren, wie ein Bürger der hinterblieb- enen BRD auf geschichtliche Vorgänge in der DDR. Nur so kann sich bei der Geschichte ein Lernerfolg einstellen und Zukunft besser gestaltet werden. Dass es besser gehen muss, das zeigt die Gegenwart. Wenn man das will, dann muss man jedoch erstmal aus der Geschichte lernend in der Gegenwart ankommen. Das vorausgesetzt lässt sich da- nach auch für eine bessere Zukunft arbeiten, die irgendwann mit ihren Akteuren und Ergebnissen selbst Geschichte sein wird. Ob sie jedoch gut ist und damit von erhalt- enswerter Art, das haben auch heutige Generationen schon in der Hand.
Wenn es wieder nur so wird, wie Ossip Mandelstam meinte, die „Geschichte ist eine Pulverkammer“, und wenn man weiß, das er als Opfer stalinscher Willkür 1938 umkam, dann ist klar, da ist erneut was schiefgelaufen.
Hätte man dann speziell im bundesdeutschen Raum, um den es mir hier vordergründig geht, auch wieder nicht aus der Geschichte gelernt? Die Frage würde sich stellen.
Doch vorher: Einen wichtigen Hinweis hat diesbezüglich der marxistische Theoretiker und Politiker Antonio Gramsci hinterlassen, ohne natürlich u.a.von den ganzen deutsch-deutschen Kontexten und von seiner Historie wissen zu können.
In einem Artikel vom 16. März 1918 „Ein Jahr Geschichte“, also im Zusammenhang mit dem ersten Jahrestag der russischen Revolution endete er so:
… „Nein, die mechanischen Kräfte setzten sich niemals in der Geschichte durch; es sind die Menschen, das Bewusstsein, es ist der Geist, der die äußere Gestalt formt und schließlich immer triumphiert. Ein Jahr Geschichte hat sich vollendet, aber die Geschichte geht weiter...“
Nachstehende sechs Zeilen hat die Zensur gestrichen. Doch das ist wiederum Teil einer ganz anderen Geschichte.
Cottbus, den 10.07.2013
René Lindenau