Über die Hintergründe der Liquidierung der Kommunistischen Partei Chinas
von Enver Hoxha - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
[Teil 3]
»Mao Tse-tung [Mao Zedong] sagt, dass ›... es eine gefährliche Politik wäre, den Menschen verbieten zu wollen mit Falschem, Bösem und Feindseligem, mit Idealismus und Metaphysik und mit dem Plunder von Konfuzius, Lao Dsi und Tschiang Kai-schek in Berührung zu kommen. Das würde zu geistigem Verfall führen, zu einseitigem Denken und zur Unfähigkeit, Prüfungen zu bestehen und Herausforderungen zu begegnen.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 397.)
Mao Tse-tung zieht daraus die Schlussfolgerung, dass der Idealismus, die Metaphysik und die bürgerliche Ideologie ewig existieren werden, deshalb dürfe man sie nicht nur nicht verbieten, sondern müsse ihnen sogar die Möglichkeit geben, hervorzubrechen, an die Oberfläche zu kommen und zu konkurrieren. Diese versöhnlerische Haltung gegenüber allem Reaktionären sitzt so tief, dass er Unruhen in der sozialistischen Gesellschaft für unvermeidlich und das Verbot der Tätigkeit der Feinde für falsch hält. ›Meiner Meinung nach‹, sagt Mao Tse-tung, ›sollte jeder, der Unruhe stiften will, das ruhig so lange tun dürfen, wie es ihm beliebt. Wenn ihm ein Monat nicht reicht, dann gebt ihm eben zwei Monate Zeit; kurz, bevor er sich nicht ausgetobt hat, kann man keinen Schlussstrich unter die Angelegenheit ziehen. Setzt man einem Krawall überstürzt ein Ende, geht er eines Tages von neuem los.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 405-406.)
All das waren keine akademischen, ›wissenschaftlichen‹ Diskussionen, das war eine opportunistische konterrevolutionäre politische Linie, die dem Marxismus-Leninismus entgegengesetzt wurde, die die Kommunistische Partei Chinas verdorben hat, in deren Reihen hundertundein Standpunkte und Meinungen zirkulierten und in der heute tatsächlich 100 Schulen miteinander wetteifern. Das hat dazu geführt, dass die bourgeoisen Wespen frei im Garten der 100 Blumen herumfliegen und ihr Gift verspritzen.
Diese opportunistische Haltung in den ideologischen Fragen hat unter anderem auch darin ihre Wurzeln, dass sich die Kommunistische Partei Chinas während der ganzen Periode von ihrer Gründung bis zur Befreiung des Landes und darüber hinaus nicht um ihre ideologische Konsolidierung bemüht hat, dass sie nicht gearbeitet hat, um die Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin im Verstand und in den Herzen ihrer Mitglieder zu verankern, dass sie nicht darum kämpfte, sich die Grundlagen der marxistisch-leninistischen Ideologie anzueignen und sie konsequent und Schritt für Schritt auf die konkreten Bedingungen Chinas anzuwenden.
Die ›Maotsetungideen‹ stehen im Gegensatz zur marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution.
In Mao Tse-tungs Schriften ist oft von der Rolle der Revolution im Entwicklungsprozess der Gesellschaft die Rede, doch im Kern hält er sich an eine metaphysische, evolutionistische Konzeption. Im Gegensatz zur materialistischen Dialektik, die die fortschreitende Entwicklung in Form einer Spirale nachweist, predigt Mao Tse-tung die Entwicklung in zyklischer Form, als Kreislauf, als wellenförmigen Prozess, der vom Gleichgewicht zum Ungleichgewicht und wieder zum Gleichgewicht, von der Bewegung zum Stillstand und wieder zur Bewegung, vom Aufstieg zum Abstieg und wieder zum Aufstieg, vom Vorwärts zum Rückwärts und wieder zum Vorwärts führt usw. An den Vorstellungen der antiken Philosophie über die reinigende Rolle des Feuers anknüpfend, schreibt Mao Tse-tung: ›Es ist notwendig, in bestimmten Abständen ‘ein Feuer anzufachen’. Wie oft? Was meint ihr, jedes Jahr einmal oder lieber alle drei Jahre einmal? Ich meine, man sollte es in einem Planjahrfünft mindestens zweimal tun, so wie es nach unserem alten Kalender alle drei Jahre ein Schaltjahr mit einem Schaltmonat und alle fünf Jahre ein zweites gibt.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 499.) -
Also zieht Mao genau wie die Astrologen von einst aus dem Mondkalender das Gesetz von der periodischen Entzündung des Feuers, von der Entwicklung, die von der ›großen Harmonie‹ zur ›großen Unordnung‹ und wieder zur ›großen Harmonie‹ führt, und so wiederholen sich die Zyklen periodisch. Auf diese Weise stellen die ›Maotsetungideen‹ der dialektisch-materialistischen Auffassung von der Entwicklung, die wie Lenin sagt, ›... den Schlüssel zur ‘Selbstbewegung’ alles Seienden [liefert]... den Schlüssel zu den ‘Sprüngen’, zum ‘Abbrechen der Allmählichkeit’, zum ‘Umschlagen in das Gegenteil’, zum Vergehen des Alten und Entstehen des Neuen‹ (W. I. Lenin, Werke, Bd. 38, alb. Ausgabe, S. 396.) die metaphysische Auffassung gegenüber, die ›tot, farblos, trocken‹ ist.
Das zeigt sich noch klarer an der Behandlung des Problems der Widersprüche durch Mao Tse-tung, zu dem er, der chinesischen Propaganda nach, einen ›besonderen Beitrag‹ geleistet und dabei die materialistische Dialektik auf diesem Gebiet weiterentwickelt hat. Es stimmt, dass Mao Tse-tung in vielen seiner Schriften oft von den Gegensätzen, den Widersprüchen, von der Einheit der Gegensätze spricht und sich auch marxistischer Zitate und Phrasen bedient, dennoch ist er von einem dialektisch-materialistischen Verständnis dieser Fragen weit entfernt. Bei der Behandlung der Widersprüche geht er nicht von den marxistischen Thesen aus, sondern von denen der alten chinesischen Philosophen; er betrachtet die Gegensätze mechanisch, als äußere Phänomene, und das Umschlagen in das Gegenteil stellt er sich als bloßen Platzwechsel zwischen ihnen vor. Mit einigen der alten Philosophie entnommenen ewigen Gegensätzen wie oben - unten, vorwärts - rückwärts, rechts - links, leicht - schwer usw. usf. operierend, leugnet Mao Tse-tung im Kern die den Dingen und Phänomenen selbst innewohnenden Widersprüche und behandelt die Entwicklung als einfache Wiederholung, als eine Kette unveränderlicher Zustände, worin sich immer dieselben Gegensätze und immer dasselbe Verhältnis zwischen ihnen feststellen lassen. Des Umschlagens ins Gegenteil, verstanden als bloßer Platzwechsel und nicht als Lösung des Widerspruchs und als qualitative Veränderung des Phänomens selbst, dem diese Gegensätze innewohnen, bedient sich Mao Tse-tung als formales Schema, dem alles untergeordnet wird. Ausgehend von diesem Schema versteigt sich Mao zur Behauptung, dass ›der Dogmatismus, wenn er in sein Gegenteil umschlägt, entweder zum Marxismus oder zum Revisionismus wird‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 479.), dass ›die Metaphysik in Dialektik und die Dialektik in Metaphysik umschlägt‹ usw. Hinter derlei absurden Behauptungen und hinter dem sophistischen Spiel mit den Gegensätzen verbergen sich die opportunistischen und antirevolutionären Auffassungen Mao Tse-tungs. -
So betrachtet Mao die sozialistische Revolution nicht als eine qualitative Veränderung der Gesellschaft, bei der die antagonistischen Klassen und die Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verschwinden, sondern er stellt sie sich als bloßen Platzwechsel zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat vor. -
Um diese ›Entdeckung‹ zu untermauern, schreibt Mao: ›Wenn die Bourgeoisie und das Proletariat nicht den Platz tauschen könnten, wie wäre es dann möglich, dass das Proletariat durch die Revolution zur herrschenden Klasse wird, und die Bourgeoisie zur beherrschten?... Wir und die Kuomintang Tschiang Kai-scheks standen im völligen Gegensatz zueinander. Daraus, dass die beiden gegensätzlichen Seiten miteinander kämpften und sich ausschlossen, ergab sich, dass wir und die Kuomintang-Leute die Plätze tauschten...‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 399-400.) -
Dieselbe Logik führte Mao Tse-tung auch zur Revision der marxistisch-leninistischen Theorie über die zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft. ›Der Dialektik entsprechend wird, so sicher der Mensch sterben muss, das sozialistische System als eine historische Erscheinung eines Tages zu bestehen aufhören, und seine Negation wird das kommunistische System sein. Würde man behaupten, das sozialistische System mit seinen Produktionsverhältnissen und seinem Überbau werde nie absterben, was für ein Marxismus wäre das? Wäre das nicht dasselbe wie ein Glaubensbekenntnis, wie eine Religionslehre, die die Unsterblichkeit Gottes predigt?‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 5, franz. Ausgabe, Peking 1977, S. 409.)
Mao Tse-tung revidiert offen das marxistisch-leninistische Verständnis vom Sozialismus und Kommunismus, die im Kern zwei Phasen gleichen Typs, der gleichen sozialökonomischen Ordnung sind und sich nur durch den Grad ihrer Entwicklung und ihrer Reife unterscheiden, und stellt auf diese Weise den Sozialismus als etwas dem Kommunismus diametral Entgegengesetztes hin.
Nach solchen metaphysischen und antimarxistischen Vorstellungen behandelt Mao Tse-tung ganz allgemein die Frage der Revolution, die er als einen endlosen Prozess betrachtet, der sich während der ganzen Zeit, da die Menschheit auf Erden existiert, periodisch wiederholt, als einen Prozess, der aufeinanderfolgend von der Niederlage zum Sieg, vom Sieg zur Niederlage schreitet. Die antimarxistischen, einmal evolutionistischen, einmal anarchistischen Vorstellungen Mao Tse-tungs von der Revolution zeigen sich noch klarer, wenn er die Probleme der Revolution in China behandelt.
Wie aus seinen Schriften hervorgeht, hat sich Mao Tse-tung bei der Analyse der Probleme der chinesischen Revolution und bei der Bestimmung ihrer Aufgaben nicht auf die marxistisch-leninistische Theorie gestützt. In seiner Rede auf der vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas im Januar 1962 einberufenen erweiterten Arbeitskonferenz gab Mao Tse-tung selbst zu, dass ›unsere langjährige revolutionäre Arbeit blindlings durchgeführt wurde, ohne zu wissen, wie man die Revolution durchführen muss, gegen wen die Speerspitze der Revolution zu richten ist, ohne eine Vorstellung von ihren Etappen zu haben und davon, wer zuerst und wer später gestürzt werden muss, usw.‹ -
Dies bewirkte, dass die Kommunistische Partei Chinas nicht fähig war, die Führung des Proletariats in der demokratischen Revolution und deren Verwandlung in die sozialistische Revolution zu sichern. Der gesamte Verlauf der chinesischen Revolution zeugt vom chaotischen Weg der Kommunistischen Partei Chinas, die sich nicht vom Marxismus-Leninismus, sondern von den antimarxistischen Konzeptionen der ›Maotsetungideen‹ über den Charakter der Revolution, über ihre Etappen, über ihre Triebkräfte usw. leiten ließ.
Mao Tse-tung konnte die engen Verbindungen zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution und der proletarischen Revolution niemals richtig begreifen und erklären. Im Gegensatz zur marxistisch-leninistischen Theorie, die wissenschaftlich nachgewiesen hat, dass sich zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution und der sozialistischen Revolution keine chinesische Mauer erhebt, dass diese beiden Revolutionen nicht durch lange Zeiträume voneinander getrennt werden dürfen, behauptete Mao Tse-tung: ›Die Verwandlung unserer Revolution in die sozialistische Revolution ist eine Sache der Zukunft... Wann sich dieser Übergang vollziehen wird... dazu kann eine ziemlich lange Zeit benötigt werden. Solange für einen solchen Übergang nicht alle notwendigen politischen und ökonomischen Voraussetzungen gegeben sind, solange ein solcher Übergang für die überwiegende Mehrheit unseres Volkes nicht von Nutzen, sondern von Schaden sein kann, soll man von diesem Übergang nicht reden.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 1, alb. Ausgabe, S. 210.)
An dieser antimarxistischen Auffassung, die nicht für die Umwandlung der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution ist, hielt Mao Tse-tung während der ganzen Zeit der Revolution fest, ja sogar auch nach der Befreiung. So sagte Mao Tse-tung 1940: ›Die chinesische Revolution muss notwendigerweise... die Phase der neuen Demokratie durchlaufen und erst danach die Phase des Sozialismus. Von diesen Phasen wird die erste relativ lang sein...‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 3, alb. Ausgabe, S. 169.) -
Im März des Jahres 1949, auf dem Plenum des Zentralkomitees der Partei, auf dem Mao Tse-tung das Programm zur Entwicklung Chinas nach der Befreiung vorlegte, sagte er: ›In dieser Periode sind alle Elemente des Kapitalismus in Stadt und Land zuzulassen‹. Diese Ansichten und ›Theorien‹ bewirkten, dass die Kommunistische Partei Chinas und Mao Tse-tung nicht für das Hinüberwachsen der Revolution in China in die sozialistische Revolution kämpften, dass sie der Entwicklung der Bourgeoisie und der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse freie Bahn ließen.
In der Frage des Verhältnisses zwischen der demokratischen und der sozialistischen Revolution steht MaoTse-tung auf den Positionen der Führer der II. Internationale, die als erste die marxistisch-leninistische Theorie über das Hinüberwachsen der Revolution attackierten und verdrehten und mit der These auftraten, dass zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution und der sozialistischen Revolution ein langer Zeitraum liege, in dessen Verlauf die Bourgeoisie den Kapitalismus entwickle und die Bedingungen für den Übergang zur proletarischen Revolution schaffe. Die Überführung der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, ohne dem Kapitalismus die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln, betrachteten sie als unmöglich, als Überspringen von Etappen. -
An dieser Auffassung hält sich völlig auch Mao Tse-tung, wenn er sagt: ›Zu versuchen, den Sozialismus auf den Ruinen der kolonialen, halbkolonialen und halbfeudalen Ordnung aufzubauen, ohne einen einheitlichen Staat der neuen Demokratie,... ohne die kapitalistische Privatwirtschaft zu entwickeln, ... wäre von vorne bis hinten eine Utopie.‹ (Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 4, alb. Ausgabe, S. 366.) «
[Teil 3]
Quelle: Enver Hoxha: Imperialismus und Revolution. Verlag „8 Nëntori“, Tirana 1979. Hrsg.: Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PAA. Vgl.: Die „Maotsetungideen“ – eine antimarxistische Theorie.