„Tansam“ – „Ameiseninvasion“ aus China
von Rudolf Müller, Dietmar Klein (1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die Außenpolitik der Maoisten.
»Das A und O der chinesischen Wirtschaftsoperationen in Afrika ist nach wie vor der Bau der „Tansam“, jener Eisenbahnlinie, die später einmal Tansania und Sambia verbinden soll. [- 1975 -] Für die Verwirklichung dieses Projektes war den Regierungen von Tansania und Sambia eine Anleihe in Höhe von 420 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt worden. Die Bedingungen dieser Anleihe nehmen sich auf den ersten Blick äußerst verlockend aus: ein zinsloser Kredit mit einer Laufzeit von dreißig Jahren.
Von allen Wirtschaftshilfen der VR China in Afrika sticht tatsächlich der Bau der „Tansam“-Eisenbahn ins Auge. Das Abkommen über den Bau wurde am 14. November 1969 geschlossen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man sagen, dass die chinesischen Führer in dieses gewaltige Projekt – das offensichtlich ein Gegenstück zur Wirtschaftshilfe der UdSSR beim Bau des Assuanstaudammes in Ägypten darstellen soll – erhebliche Mittel investiert haben. Der Bau der Eisenbahnlinie an sich ist eine gute Sache. Ohne Zweifel wird sie zu einer enormen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung in Sambia und Tansania beitragen. Als unmittelbarer Nachbar des rhodesischen und des südafrikanischen Rassistenregimes war zum Beispiel die Republik Sambia in der Vergangenheit mehrmals dem wirtschaftlichen Boykott und anderen Drohungen dieser faschistischen Staaten ausgesetzt. Erinnert sei nur an die wiederholte Sperrung der Eisenbahnlinie durch Simbabwe (Südrhodesien), über die Sambia früher den größten Teil seines Kupfers in die Häfen an der Küste des Indischen Ozeans transportierte. Die neue, gemeinsame „Tansam“ wird gegenüber derartigen politischen Erpressungen seiner Nachbarn immun sein, und ihre Gleise werden im Hafen von Daressalam in Tansania am Indischen Ozean enden.
Deshalb ist es nicht etwa Gegenstand der Kritik, dass die Mittel zum Bau aus China kommen. Dennoch hat das ganze nicht nur einen Pferdefuß. Erstens gelangen diese Länder in starke chinesische Abhängigkeit, was die nationale Souveränität untergräbt. Zweitens verpflichten die von Peking angewandten Methoden der Kreditgewährung alle Länder, die Kredit erhalten, jährlich für einen bestimmten Betrag chinesische Waren zu kaufen. Das Ergebnis eines solchen Abkommens, bei weitem nicht des einzigen in der Praxis der chinesisch-afrikanischen Beziehungen, war ein gewaltiger Zustrom von chinesischen Erzeugnissen in die afrikanischen Länder, die vielfach beim Käufer keinen Absatz fanden. Das Problem beschränkt sich aber nicht allein auf Absatzschwierigkeiten. Der Export chinesischer Waren nach Tansania und Sambia wirkt sich vor allem negativ auf die traditionellen interafrikanischen Beziehungen aus. Einige Staaten, zum Beispiel Kenia, äußerten große Unzufriedenheit darüber, dass ihre Erzeugnisse von den Märkten der Nachbarländer verdrängt würden. -
Außerdem schuf der Zustrom chinesischer Waren eine reale Gefahr für die nationale Industrie: Die Verwaltungen einiger Betriebe mussten die Produktion drosseln, weil sie nicht in der Lage waren, sich dem Warendruck Pekings (Baumwolle, Tee, Streichhölzer, Baustoffe usw.) zu widersetzen. -
„Welchen Sinn hat die Eisenbahn, wenn wir in der Hoffnung auf sie die eigene Industrie vernichten?“ – wurde im Zusammenhang damit im April 1972 in der Presse Sambias gefragt.
Den von Peking unternommenen Bau der „Tansam“ (1880 Kilometer lang) bezeichnet man in Afrika bildhaft als „Ameiseninvasion aus China“, da an dem Bau über 20 000 Chinesen mitwirkten. (Übrigens sind nach bescheidenen Berechnungen gegenwärtig [1975] mehr als 35 000 Bürger der VR China in den verschiedensten Regionen Afrikas tätig.) Viele Bewohner Tansanias betrachten den Bau der „Tansam“ als eine Art „Trojanisches Pferd“ für das Eindringen Chinas in diese Region. -
Die Londoner Zeitschrift „Mining Journal“ schrieb in diesem Zusammenhang nicht ohne Grund, „dass diese Eisenbahn stark nach Kupfer riecht“, an dem China brennend interessiert ist.«
[Fortsetzung folgt.]
Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. „Tansam“ – „Ameiseninvasion“ aus China.