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Sozialistische Emanzipation und Revolution

Zur materialistischen Begründung der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution

von Otto Finger

„Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft.“ [1/26]

»Von dieser Leninistischen Feststellung über den ideologischen und politischen Angelpunkt der wissenschaftlichen Weltanschauung ist auszugehen, um die Stellung der Revolutionstheorie in ihr und die Bedeutung des Materialismus für die theoretische Begründung dieses Wichtigsten am Marxismus begreifen zu können. -

Es soll gezeigt werden, dass die Begründung der welthistorischen Mission des Proletariats, seiner Rolle bei der Befreiung der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung, seiner Rolle als der nicht nur revolutionärsten, sondern auch schöpferischsten aller bisherigen Gesellschaftsklassen, eben als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft – dass dies also von Anbeginn und bis in seinen detaillierten ökonomischen Nachweis in Marx’ „Kapital“ unabdingbar auf materialistischer philosophischer Basis entwickelt ist. Nicht so, dass der Materialismus als ein vorgegebenes System von Aussagen über das Verhältnis von Sein und Bewusstsein, von Mensch und Natur, Gesetz und Handeln, schlechtweg hätte vorausgesetzt werden können und nur angewandt zu werden brauchte. Vielmehr handelt es sich darum, dass die von der zwei Jahrtausende umspannenden Tradition materialistischen Denkens gewonnenen Resultate selbst einen reicheren Inhalt, eine reichere methodische und politische Funktion erhalten, indem sie von Marx, Engels und Lenin auf die genannte politisch-ideologische Grundlage bezogen werden, auf dem Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse nicht bloß weiterentwickelt, sondern selbst revolutioniert, ja jetzt überhaupt erst zu wissenschaftlich bewussten Momenten revolutionären Handelns emporgehoben werden. -

Und um auch dies vorauszuschicken: Materialismus als weltanschauliches Fundament für die Klarstellung der weltgeschichtlichen Mission der Arbeiterklasse entwickelt, schließt den ganzen Umkreis der in traditioneller Philosophie mit Naturphilosophie umschriebenen Probleme, dasjenige, was spätbürgerliche und revisionistische Ideologen die naturdialektische „Ontologisierung“ des Materialismus nennen, nicht aus. -

Vielmehr ist dies von Anbeginn im neuen Materialismus eingeschlossen, gerade auch deshalb, weil die Revolution der Arbeiterklasse und die auf ihr beruhende Errichtung der sozialistischen Gesellschaft ein weltgeschichtlich neues Verhältnis des gesellschaftlichen Menschen zu den Naturbedingungen seiner Produktionstätigkeit eröffnet. Karl Marx hat dies in klassischer Form im „Kapital“ ausgeführt. Erste Keime für die theoretische Begründung dessen liefern, wie wir im 5. Kapitel zeigen, die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, speziell, wenn Marx darin notwendige Bedingungen für die Aufhebung der Entfremdung der Arbeit angibt.

Worin drückt sich nun der Umschlagspunkt zum Materialismus und zur materialistisch-philosophischen begründeten Parteinahme für das Proletariat und seine revolutionäre Bewegung in der „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ aus?

Marx stellt hier die Frage der Revolution erstmalig materialistisch. Das heißt, er fragt nach den objektiven Bedingungen der Revolution, die gegeben sein müssen, damit ihre subjektiven Faktoren, das theoretische Bewusstsein von ihrer Notwendigkeit und bewusstes Handeln ihre Wirkung entfalten können. Anders: Marx beginnt die Theorie-Praxis-Dialektik, die seit der Doktordissertation eines der übergreifenden Themen seines philosophischen Denkens ist, materialistisch zu klären. Und noch konkreter: Marx fragt nach der Beziehung revolutionärer Praxis und revolutionärer Theorie auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse, dass er aber diese Frage hier als Frage des proletarischen Klassenkampfes zu formulieren beginnt, erfordert und ermöglicht ihre materialistisch-dialektische Antwort. -

Damit soll angedeutet sein: der spezifisch Marxsche Materialismus, ein Materialismus, der sich auf keiner seiner Entwicklungsstufen darauf beschränkt hat, nur die Bedingtheit des Bewusstseins aus dem gesellschaftlichen Sein zu erklären, stellt von Anbeginn die Frage, welche geschichtliche Wirkung gesellschaftliches Bewusstsein unter welchen konkreten gesellschaftlichen Voraussetzungen entfalten könne. Vor allem aber: wie das materialistische Wissen um gesellschaftliche Gesetze selbst zur Triebkraft ihrer Durchsetzung und Beherrschung werden könne.

Die „tätige Seite“ ist so von Anbeginn in diesem Materialismus in einer doppelten Gestalt entwickelt: das primäre Moment der gesellschaftlichen Tätigkeit als materielles begriffen, schließt die Aktivität dieses begreifenden materialistischen Bewusstseins selbst ein. Seinen klassischen Ausdruck hat dieser Marxsche Standpunkt in der Formel gefunden, dass die Theorie zur materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift. Damit ist sogleich auch dies klar: Marx entwickelt die materialistische Theorie, um sie zur massenhaften, nicht esoterischen, nicht elitären Aktion werden zu lassen. -

Ein knappes Jahrfünft später werden Karl Marx und Friedrich Engels im „Manifest der Kommunistischen Partei“ klären, dass dieses „Weltlich-Werden“ der Philosophie das Werk der Vorhut der Arbeiterklasse und aller werktätigen Massen ist, der Partei. Wissenschaftliche Sozialtheorie ist dergestalt nicht bloß Erklärung, Beschreibung historischer Objekte, sondern trägt den Charakter revolutionärer Ideologie, zielt auf Veränderung der objektiven Verhältnisse ab.

„Die Revolutionen“, sagt der Materialist Marx, „bedürfen nämlich eines passiven Elementes, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volk immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist ... Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Bedürfnisse sein? Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen ... Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein ...“ [2/27] -

Marx’ theoretische Arbeit lässt sich von daher in ihrer revolutionierenden Zielsetzung auch so charakterisieren: Sie zielt ab auf die Aktivierung der „materiellen Grundlagen“ der Revolution, die Verwandlung des „passiven Elements“ in ein geschichtlich aktives.

Karl Marx ging zunächst von einer Haltung aus, die er mit den bürgerlich-kritischen Köpfen des Junghegelianismus teilt: die reaktionären deutschen Zustände bedürfen der Veränderung. Sein entscheidender materialistischer Schritt über den Junghegelianismus hinaus setzt mit der Fragestellung nach den materiellen Grundlagen der Veränderbarkeit ein.

In einer ähnlichen Wendung wie der eben zitierten heißt es hierzu, dass die Bedürfnisse der Völker in eigener Person die letzten Gründe ihrer Befriedigung seien. [3/28]

Nun kommt es für die Wissenschaftlichkeit der Revolutionstheorie freilich sehr darauf an, in welcher philosophischer Weise der Begriff „Bedürfnis“ gefasst, ob zum konkret-materialistischen Konzept von Bedürfnis vorgeschritten wird, die materiellen gesellschaftlichen Beziehungen und Gesetze entwickelt werden, in denen historische Bedürfnisse entstehen, sich wandeln, zur revolutionären Aktionsbereitschaft zuspitzen. Und eben diese Probleme wirft auch der Begriff des Volkes in diesem Zusammenhang auf. Auch stellt sich die Frage, wie zu den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen in einem Volk weitergegangen wird, wie diese Verhältnisse bis ihr Klassenwesen hin durchleuchtet werden, um in konkret-materialistischer Weise an die objektive Dialektik des Klassenkampfes als der gesellschaftlichen Entwicklungsform des historischen Fortschritts, speziell aber revolutionärer Umwälzungen heranzukommen. -

Die eben genannten Fragen stellen sich auch für die weltanschauliche Bedeutung und methodische Fruchtbarkeit von solchen mit obigen gleichrangigen Begriffen wie Interesse oder Nation. Auch hier kommt es ja – wie die Geschichte des sozialtheoretischen Denkens des 18. und 19. Jhs., aber auch die modernen politischen und ideologischen Parteienkämpfe zeigen – entschieden darauf an, sie, um es auf eine Formel zu bringen, materialistisch und klassenmäßig zu vertiefen. -

Interessen und Bedürfnisse etwa, wie bei Herbert Marcuse in freudianisierender Manier auf „Triebstrukturen“ reduziert, versperren den Blick für Klassenwurzeln und Klassenziele all jenen gesellschaftlichen Handelns, in dem Interessen geschichtswirksam werden. [4/29] -

Nation ist ebensowenig ein soziales Gebilde, das außerhalb der sozialökonomischen Grundlagen und Klasseninhalte begriffen werden konnte. In abstrakt-überhistorischer Denkweise zu etwas wie einem „höchsten Wert“ gemacht, kann dieser Begriff bald für direkte imperialistische Aggressionsideologien, bald auch für die ideologische Diversion gegen sozialistischen Patriotismus und das sozialistische Bewusstsein des Internationalismus missbraucht werden.

Es geht also um die Konkretheit der genannten Begriffe. In der Tat gewinnt Karl Marx hierfür schon in der „Einleitung“ solche Ansätze, die dann zu Bestandteilen des voll durchgebildeten historischen Materialismus und der Theorie der sozialistischen Revolution werden. Was Marx in diesem Zusammenhang, den Begriff Bedürfnis konkretisierend, eine philosophische Grundlage des historischen Materialismus formulierend, ausführt, stellt sich als eine Fragestellung heraus, die durchaus noch modern ist, tiefer geht als alle heutige psychologisierende Oberflächenbeschreibung im Rahmen spätbürgerlicher Soziologie und revisionistischer Scheinkritik am Imperialismus. -

Karl Marx sagt also: „Das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit.“ [5/30] -

Und proletarischen Klasseninhalt, dem sozialistischen Ziel der von ihm aufgebauten politischen Ökonomie als Wissenschaft Ausdruck gebend, der parteilich-sozialistischen Bedeutung des Begriffs politische Ökonomie vorarbeitend gebraucht Karl Marx die Formel: „Politische Ökonomie oder Herrschaft der Sozietät über den Reichtum.“ [6/31] So laute das Problem für das gegenüber Deutschland fortgeschrittene England und Frankreich. Herrschaft der Sozietät über den Reichtum kann hier als anderer Ausdruck für Vergesellschaftung der Produktionsmittel, für Aneignung dieses materiellen Reichtums durch seine Produzenten, die Werktätigen genommen werden. -

In diesem Sinne spricht Marx die revolutionäre Aufgabe für die ökonomisch und politisch durchgebildete bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft so aus: das bis in seine letzten Konsequenzen fortgegangene Monopol (dieser Terminus bezeichnet hier die Alleinherrschaft des bürgerlichen Privateigentums in dieser Gesellschaft) müsse aufgehoben werden. [7/32] Für Deutschland, die kritischen bürgerlichen Theoretiker der damaligen Zeit [19. Jh.], lautete dagegen das Problem erst so: „Nationalökonomie oder Herrschaft des Privateigentums über die Nationalität“ [8/33].

Das nähere materialistische Bestimmen des geschichtlichen Bedürfnisses in einem Volke geschieht also durch Einbegreifen des ökonomischen und industriellen Entwicklungsprozesses. Diese materiell gesellschaftlichen Grundvorgänge werden geltend gemacht, sowohl um das geschichtliche Wesen eines gegebenen sozialen Zustandes, seine historische Qualität, seine Nähe zum oder Ferne vom historisch in einer Epoche Notwendigen herauszuarbeiten. Und diese Prozesse werden geltend gemacht, um zum Wesen der sozialen Antagonismen vorzudringen sowie die Perspektiven und Triebkräfte ihrer Lösung zu klären. Bereits auf dieser frühen Stufe deutet sich für allen ferneren Fortschritt der revolutionären Philosophie der Arbeiterklasse als ganzes und der wissenschaftlichen Revolutionstheorie im besonderen dies an:

Der theoretische Erkenntnisfortschritt aus dem Materialismus heraus vollzieht sich in unlösbarer Verschmelzung von philosophischer und ökonomischer Analyse. Diese Verschmelzung aber wird durch den Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse ebenso erzeugt wie vorausgesetzt. Damit die zutiefst weltanschauliche Frage nach der Zukunft der Menschheit beantwortbar ist, gesellschaftliche Perspektiven begründet werden können, muss durch diesen Klassenstandpunkt die Erkenntnis der sozialökonomischen Grundlage aller geschichtlichen Veränderungen zum praktisch-gesellschaftlichen Bedürfnis werden.

Mit der Entwicklung der Arbeiterklasse und ihres Gegensatzes zum Kapital entsteht eben dieses theoretische Bedürfnis. Die „Gründe seiner Befriedigung“ liegen, mit Marx zu reden, in ihr selbst. Dergestalt, dass sie jene gesellschaftliche Klasse ist, deren Entstehungsprozess, deren Entfaltung zur massenhaftesten, diszipliniertesten, organisiertesten, revolutionärsten aller bisherigen Klassen die bislang höchste Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivität – und Widersprüchlichkeit – der materiellen Arbeitstätigkeit einschließt. -

Es ist die entwickeltste Klasse materiell produktiver Arbeit. Den Standpunkt dieser Klasse einnehmen heißt demzufolge auch den gesellschaftlichen und historischen Punkt erreicht zu haben, der die Einsicht in die materiellen Lebensgrundlagen der menschlichen Geschichte ermöglicht und notwendig macht. -

Dass und inwiefern dies zugleich auch die Neubegründung von Dialektik als revolutionärer Methode und auf materialistischem Fundament einschließt, soll in nachfolgenden Abschnitten gezeigt werden. Hier sei dies vorausgeschickt: Diese Marxsche Dialektik ist materialistisch und revolutionär als Widerspiegelung des objektiven Widerspruchsprozesses, in welchem Arbeit und Kapital sich bewegen.

Marx’ „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ legt einen Grundstein für diesen Erkenntnisprozess und dokumentiert, in welcher Weise er als gleichermaßen philosophischer, politökonomischer und sozialtheoretischer einsetzt. Der Ausdruck sozialtheoretisch schließt hier auch dies ein: Gewinnung theoretischer Sätze über soziale Beziehungen und Gesetze, indem deren geschichtliche Bewegung verallgemeinert wird. In der „Einleitung“ spielt ja gerade die „reiche Kenntnis der Geschichte“ (Lenin) eine maßgebliche Rolle, um das Proletariat als Träger der künftigen Revolution zu entdecken.

Vom Abstraktum „Bedürfnis“ schreitet Karl Marx in der „Einleitung“ zum materialistischen und sozialtheoretischen Konkretum Klasseninteresse fort. Die „Bedürfnisse der Völker“ beginnen sich als Bedürfnisse der Klassen herauszustellen. Freilich gilt dabei: das Klasseninteresse des Proletariats darf auch deshalb erstmalig für das Interesse eines ganzen Volkes stehen, weil es die unerhörte Majorität jedes Volkes darstellt und weil in seiner Verwirklichung die Verwirklichung der Interessen aller werktätigen Menschen eingeschlossen ist.

Marx fragt nach den innerhalb der deutschen Zustände der damaligen Zeit [19. Jh.] vorhandenen sozialen Kräften, die zu ihrer Umwälzung befähigt wären. In charakteristischer Abgrenzung bereits von junghegelianischen idealistischen Illusionen über die Macht der von praktisch sozialen Prozessen getrennten Ideen, untersucht er nicht primär die Ideen dieser sozialen Kräfte, sondern ihre reale gesellschaftliche Situation. Er versucht, aus ihrer politischen Geschichte und Gegenwart, aus den praktisch vorliegenden Erfahrungen über ihre Aktionsfähigkeit und Handlungsbereitschaft auf ihr künftiges Verhalten zu schließen. Und zwar vor allem, sofern dieses Verhalten in den Klassenantagonismen vorgezeichnet ist. -

Womit wie es zu tun haben, ist jener höchste Typ materialistischer Analyse, die, mit Lenin zu reden, ihren „Objektivismus gründlicher, vollständiger“ durchführt als der in der Illusion klassenneutral möglicher Sozialerkenntnis befangene Objektivist. [9/34] -

Diese Analyse ist gründlicher, weil sie bis auf die Klassengegensätze vorstößt. Im Sinne solch parteilich-materialistischer Klassenanalyse fasst Karl Marx die kritische Überprüfung der Aktionsfähigkeit der sozialen Kräfte in Sätzen wie dem folgenden zusammen:

„In Deutschland ..., wo das praktische Leben ebenso geistlos als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Emanzipation, bis sie nicht durch ihre unmittelbare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre Ketten selbst dazu gezwungen wird.“ [10/35] -

Der Materialismus dieses Herangehens an die Frage der Veränderbarkeit liegt offen zutage:

Erstens wird sie als Klassenfrage formuliert. Gesellschaftliche Klasse, das ist für Marx nicht die Idee der Klasse, sondern gesellschaftliche Realität. Klassenaktion, das ist für Marx nicht geistige oder „geistlose“ Aktivität des Gedankens, sondern der praktischen Tat.

Zweitens wird sie als Problem der materiellen, nicht der eingebildeten, nur gedachten Notwendigkeit formuliert.

Drittens betont Karl Marx die unmittelbare Lage. -

Hier kündigt sich erstmals die für die gesamte spätere, auch moderne leninistische Entwicklung der Revolutionstheorie charakteristische Aufgabe der Sozialanalyse an. Die Aufgabe nämlich, zu bestimmen, was eine unmittelbar revolutionäre Situation sei. -

Welche objektiven und subjektiven Bedingungen erfüllt sein müssen, dass man von einer revolutionären Krise eines bürgerlichen Staates, einer kapitalistischen Nation, sprechen kann. -

Worauf Marx den Blick lenkt ist dies: das Wissen um die allgemeine Gesetzmäßigkeit, die zur Revolution führt, reicht nicht aus, um revolutionäre Politik treiben zu können. Dieses Wissen muss ergänzt werden durch die genauste Kenntnis eben der unmittelbaren Lage der zur Revolution berufenen Klasse, ihrer konkreten Situation – ökonomischen [ökologischen], politischen, ideologischen – in einem konkreten Zeitpunkt, um die realen Chancen einer revolutionären Erhebung abschätzen zu können, um statt anarchistisch bornierten Abenteuertums eine wissenschaftlich begründete Strategie und Taktik für die Revolution entwerfen zu können.

Dass die materialistische Analyse objektiver Bedingungen einer revolutionären Situation bereits hier – wie auch im ganzen nachfolgenden Entwicklungsgang der wissenschaftlichen Revolutionstheorie – überhaupt nichts zu tun hat mit einer Vernachlässigung des subjektiven Faktors jeder Revolution, insbesondere der revolutionären Bewusstheit, auch des, wenn man so will, sozialpsychologischen Habitus revolutionärer Akteure, vor allem aber der ideologischen und psychologischen Haltung des revolutionären Proletariats, diesen Sachverhalt macht die „Einleitung“ ganz klar. Etwa, wenn Karl Marx von der Konsequenz, der Schärfe, dem Mut, der Rücksichtslosigkeit spricht, die eine Klasse zum „negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln könnte.“ [11/36] -

Negativer Repräsentant: Das ist eine Klasse, welche die ganze alte Gesellschaft infragestellt, all ihre Gebrechen, ihre reaktionären Verhältnisse negiert, umwälzt.

Oder wenn Karl Marx von jener „Breite der Seele“ spricht, „die sich mit der Volksseele, wenn auch nur momentan, identifiziert ...“ [12/37] Und wenn Marx schließlich auf „jene Genialität“ hinweist, „welche die materielle Macht zur politischen Gewalt begeistert.“ [13/38] -

Der Marxsche Materialismus hat auf keiner seiner Ebenen etwas mit solch grobschlächtigen Ökonomismus zu tun, wie ihn sich der Opportunismus um die Jahrhundertwende [19./20. Jh. / - analog 20./21. Jh.] zu eigen machte, um auf die Automatik des spontanen ökonomischen Prozesses zu vertrauen, der in die neue Gesellschaft friedlich hineinführen würde. -

Auch nicht mit solchem Mechanizismus, solchem Vernachlässigen des subjektiven Faktors, der Bewusstheit und Leidenschaft des Handelns, wie dies spätbürgerliche Materialismusfeindlichkeit der Marxschen Lehre unterstellt. Und zwar deshalb unterstellt, um sie für die ideologische und politische Aufweichung durch alle möglichen Idealismen und Subjektivismen der bürgerlichen Philosophie zuzurichten.«

[Hervorhebungen: R. S.]

Anmerkungen

1/26 W. I. Lenin, Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx, S. 576.

2/27 K. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: K. Marx / F. Engels, Werke, Bd. 1, S. 386 f.

3/28 Vgl. ebenda, S. 381.

4/29 »In dem Aufsatz „Aggressivität in der gegenwärtigen Industriegesellschaft“ (In: Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft, Frankfurt am Main. 1969) beansprucht Marcuse, jenes „Syndrom“ (die Koppelung von hochentwickelter industriell-technischer Kapazität, steigendem Lebensstandard, Machtkonzentration, Verhaltensmanipulation) darzustellen, welches das Funktionieren der „Gesellschaft im Überfluss“ anzeige. Wir übergehen die höchst fragwürdige Übernahme des Begriffs „Gesellschaft im Überfluss“ als Synonym für die amerikanische Gesellschaft, d. h. ein von der aggressivsten imperialistischen Monopolbourgeoisie der Gegenwart beherrschtes System. -

Für unseren Zusammenhang relevant ist Marcuses Haltung zur Genese, Entfaltung und „Repression“ widerstreitender Bedürfnisse und Interessen in dieser Gesellschaft: die freudianisierende Sicht verschleiert ihre Klassenwurzeln und die revolutionäre Perspektive: „Jeder Manipulation im Interesse bestimmter Unternehmen, politischer Richtungen und Interessen ist das allgemeine und objektive Ziel übergeordnet, den Einzelnen mit der Lebensform auszusöhnen, die ihm von der Gesellschaft aufgezwungen wird. Da in einer derartigen Aussöhnung eine beträchtliche zusätzliche Repression mitspielt, muss eine libidinöse Vermittlung der Ware erreicht werden, die das Individuum kaufen (oder verkaufen) soll ... Mit anderen Worten: die sozialen und politischen Bedürfnisse müssen sich in individuelle, triebmäßige Bedürfnisse verwandeln. Und in dem Maße, in dem die Produktivität dieser Gesellschaft nicht ohne Massenproduktion auskommen kann diese Bedürfnisse standardisieren und generalisiert werden.“ (Ebenda, S. 13) Hier wie im ganzen Beitrag Marcuses verharrt die Darstellung in der Beschreibung freudianisch interpretierter sozial-psychologischer Phänomene im imperialistischen Herrschaftssystem, deren Klassengrundlagen im Dunkeln bleiben.«

5/30 Karl Marx, zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 382.

6/31 Ebenda.

7/32 Vgl. ebenda, S. 383.

8/33 Ebenda, S. 382.

9/34 W. I. Lenin, Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve, in: Werke, Bd. 1, Berlin 1961, S. 414.

10/35 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 390.

11/36 Ebenda, S. 389.

12/37 Ebenda.

13/38 Ebenda.

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 3.4. Zur materialistischen Begründung der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution, in: 3. Kapitel: Philosophischer Materialismus und Herausbildung der wissenschaftlichen Revolutionstheorie der Arbeiterklasse.

25.03.2012, Reinhold Schramm (Bereitstellung)