Rezension von 'Kein Befehlen, kein Gehorchen'
von Markus Bauer
Neuerscheinung: Syndikalistisch-Anarchistische Jugend von 1918 bis heute!
Ganzheitlich betrachtet ist das Ende 2011 im Berner Apropos-Verlag erschienene Buch „Kein Befehlen, kein Gehorchen! Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918“ vom Historiker Helge Döhring einer der interessantesten und zusammenhängenden Texte, die über die Geschichte, nicht nur diejenige der anarcho-syndikalistischen Jugend, geschrieben wurde.
Das I-Tüpfelchen dieses Buches ist die uneigennützige Zusammenarbeit vieler Helferinnen und Helfer, so dass der Erlös dieses Buches wieder der heutigen anarcho-syndikalistischen Bewegung zufließt und somit auch eine sehr positive Darstellung der Bewegung bewirken wird.
Zum Inhalt:
Das Buch ist zeitgeschichtlich sehr übersichtlich in drei Bände gegliedert. Der erste Teil beginnt bei den Anfängen und der Entstehung der Bewegung bis 1945, der zweite Band beschäftigt sich mit dem Neuaufbau von freiheitlichen Jugendbewegungen wie der FFSJ und schließt mit einem zeitlich aktuellen Interview über die „Anarcho-Syndikalistische Jugend“ (ASJ). Im dritten Teil lesen sich sehr interessante Dokumente über die Organisationen und deren Aufbau, sowie Schriftstücke von Autoren, wie Herbert Wehner, Ernst Friedrich und Theodor Pliever, die für die eigenen Zeitungen Beiträge schrieben.
Mit diesem Buch kann man nicht nur wissenschaftlich arbeiten, sondern es ist auch als sehr gutes Lesebuch zu empfehlen. Durch die Interviews und dem Schreibstil ist es, trotz der immensen Informationen (der vielfältigen, aber übersichtlichen Statistiken usw.) die man durch dieses Buch bekommt, flüssig zu lesen.
Beim Vorwort werden auch Menschen, die sich erst jetzt mit dem Anarcho-Syndikalismus beschäftigen, bzw. sich dafür interessieren, sehr gut in die Thematik herangeführt. Die Erklärungen sind weitreichend und schlüssig. Die Einleitung bringt einen zum Beginn, neben dem geschichtlichen Abriss der Jugendbewegung, auf eine schmunzelnde Art und Weise zum Nachdenken und inspiriert die interessierte Leserschaft auch, das Buch gleich von Anfang an mit weiten Augenwinkeln zu betrachten, sich dadurch in die damalige Zeit besser hineinversetzen zu können.
Im ersten Teil beschreibt Helge Döhring nicht nur die vielschichtigen freiheitlich denkenden und handelten Jugendorganisationen, sondern auch ungeschönt deren punktuelle Rivalitäten. Nebenbei ist es auch ein guter Abriss über die ganzen Schwerpunkte, für die sich Anarchosyndikalisten einsetzten und darüber, welche Schwierigkeiten sie dabei zu bewältigen hatten. Dabei kann man sicherlich auch einiges in unsere heutige Zeit mit hinübernehmen.
Es werden die einzelnen freiheitsliebenden Jugendverbände, aufgelockert und ergänzend durch Statistiken und Bilder, sehr gut erklärt und auch ihre Bedeutung für die damalige Zeit geschildert. Die oben erwähnten Dokumente, in Form von personellen Bildern, aber auch Zeitungsausschnitte machen das Buch zu einem lebendigen Lesestoff. Abgerundet wird der erste Teil unter anderem durch Biografien und Interviews von Aktivisten der Zeit vor 1945.
Der zweite Teil ist durch seine Kürze selbsterläuternd. Er ist aber deshalb wichtig, weil er sich mit der Gegenwart auseinandersetzt und dadurch auch eine positive Perspektive in vielerlei Hinsicht aufgezeigt.
Der dritte Teil ist schon durch seine, nur durch langwierige Forschungsarbeit wieder entdeckten Dokumente ein starkes Stück deutscher Zeitgeschichte, die so in keinem mir wissentlich anderen Buch vorkommt. Auch die Redakteure und Autoren sind nicht nur von ihren Namen, wie Herbert Wehner, her interessant, sondern weil man durch ihre Schriften auch den Wandel der Personen nachvollziehen kann. Helge Döhring hat mit diesem Buch eine Verknüpfung zu seinen anderen Büchern (z.B. „Damit in Bayern Frühling werde!“ und „Schwarze Scharen“, verlegt bei Edition AV), aber auch zu anderen Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen wie (z.B. Martin Veith Martin: „Eine Revolution für die Anarchie“, Geschichte der ASJ im Großraum Stuttgart) bestens hergestellt und damit einen überregionalen Blickwinkel in die Geschichte, besonders der anarchistischen-syndikalistischen Arbeiterjugend geschaffen. Aber es ermöglicht auch eine weitreichende Betrachtungsweise der anderen freiheitlichen Jugendverbände.
Fazit
Helge Döhring hat mit diesem Buch seine kontinuierliche historische Arbeit bestätigt.
Zusammenhängend kann man sagen, dass „Kein Befehlen, kein Gehorchen“ ein „lebendiges“ Buch darstellt.
Es dient sicherlich auch dazu, sich mit der Geschichte der Bewegung auseinanderzusetzen und aus den positiven Darstellungen sowie den Fehlern, die damals und auch heute gemacht werden, seine gemeinschaftlichen oder eigenen Schlüsse zu ziehen. Denn nur dadurch können sich die freiheitlich gesinnten Menschen in und außerhalb der Bewegung weiterentwickeln.
Auch zeigt dieses Buch sehr gut auf, dass es außer jugendparteilich geprägten Organisationen noch sehr vielfältige Möglichkeiten gibt, sich in gesellschaftliche Diskurse einzubringen, ohne hierarchische, herrschaftliche Strukturen hinzunehmen oder zu akzeptieren. Der einzige Wermutstropfen dieses Buches liegt, wie im Buch anfangs erwähnt, an Personen wie Herrn Heiner Becker, die durch Ihre Einstellung nicht nur Historikern uva. egal in welcher Form schädigen, sondern dadurch auch das Vermächtnis Rudolf Rockers entwürdigen. Herr Becker wird durch seine Beweggründe nur erreichen, dass Menschen wie Rudolf Rocker und seine weitsichtigen Schriften in Vergessenheit geraten werden. Und das wäre nicht nur Schade, sondern unverzeihlich.
Helge Döhring: „Kein Befehlen, kein Gehorchen!
Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918“,
apropos-verlag, Bern 2011, 424 Seiten, 14 Euro,
ISBN 978-3-905984-07-1
http://syndikalismusforschung.wordpress.com/2012/01/02/424-buchseiten-zur-jugend-aus-dem-vorwort-und-inhalt
http://syndikalismusforschung.files.wordpress.com/2011/12/jugendbuch-werbeflyer-farbe1.pdf