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Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

von N. G. Semrjugina - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

W. I. Lenin - Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung
[Teil 1]

Eine Auswahl von Schriften und Reden - Zusammengestellt von N. G. Semrjugina - Aus dem Buch „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ [1]

I. In welchem Sinne kann man von der internationalen Bedeutung der russischen Revolution sprechen?

»In den ersten Monaten nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat in Russland (25. Oktober/7. November 1917) konnte es scheinen, dass infolge der ungeheuren Unterschiede zwischen dem rückständigen Russland und den fortgeschrittenen westeuropäischen Ländern die Revolution des Proletariats in diesen Ländern der unsern sehr wenig ähnlich sein werde. Jetzt liegt uns bereits eine recht beträchtliche internationale Erfahrung vor, die mit voller Bestimmtheit erkennen lässt, dass einige Grundzüge unserer Revolution nicht örtliche, nicht spezifisch nationale, nicht ausschließlich russische, sondern internationale Bedeutung haben. Ich spreche hier von internationaler Bedeutung nicht im weiten Sinne des Wortes: Im Sinne der Einwirkung unserer Revolution auf alle Länder sind nicht einige, sondern alle ihre Grundzüge und viele ihrer sekundären Züge von internationaler Bedeutung, dass das, was bei uns geschehen ist, internationale Geltung hat oder sich mit historischer Unvermeidlichkeit im internationalen Maßstab wiederholen wird, so muss man einigen Grundzügen unserer Revolution eine solche Bedeutung zuerkennen.

Natürlich wäre es ein großer Fehler, diese Wahrheit zu übertreiben und sie auf mehr als einige Grundzüge unserer Revolution auszudehnen. Ebenso wäre es verfehlt, außer acht zu lassen, dass nach dem Sieg der proletarischen Revolution, sei es auch nur in einem der fortgeschrittenen Länder, aller Wahrscheinlichkeit nach ein jäher Umschwung eintreten, dass nämlich Russland bald danach nicht mehr ein vorbildliches, sondern wieder ein (im „sowjetischen“ und im sozialistischen Sinne) rückständiges Land sein wird.

Aber im gegebenen historischen Zeitpunkt liegen die Dinge nun einmal so, dass das russische Vorbild allen Ländern etwas, und zwar etwas überaus Wesentliches aus ihrer unausweichlichen und nicht fernen Zukunft zeigt. Die fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder haben das längst begriffen – noch häufiger freilich haben sie es nicht so sehr begriffen als vielmehr mit dem Instinkt der revolutionären Klasse erfasst, empfunden. Daher die internationale „Bedeutung“ (im engen Sinne des Wortes) der Sowjetmacht und ebenso der Grundlagen der bolschewistischen Theorie und Taktik [2]. Nicht begriffen haben das die „revolutionären“ Führer der II. Internationale [3] vom Schlage Kautskys in Deutschland, Otto Bauers und Friedrich Adlers in Österreich, die sich deshalb auch als Reaktionäre, als Verteidiger des schlimmsten Opportunismus und Sozialverrats erwiesen haben. Unter anderem zeigt die 1919 in Wien anonym erschienene Broschüre „Weltrevolution“ (Sozialistische Bücherei, Heft 11, bei Ignaz Brand) besonders anschaulich den ganzen Gedankengang und den ganzen Gedankenkreis, richtiger gesagt, den ganzen Abgrund von Unverstand, Pedanterie, Gemeinheit und Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse – und das alles unter der Marke „Vereidigung“ der Idee der „Weltrevolution“.

Aber auf diese Broschüre werden wir ein andermal ausführlicher zurückkommen müssen. Hier wollen wir nur noch eines hervorheben: In den längst vergangenen Zeiten, als Kautsky noch ein Marxist war und kein Renegat, ging er an die Frage als Historiker heran und sah voraus, dass eine Situation eintreten könne, in welcher der Revolutionismus des russischen Proletariats zum Vorbild für Westeuropa werden würde. Das war im Jahre 1902, als Kautsky in der revolutionären „Iskra“ [4] den Artikel „Die Slawen und die Revolution“ veröffentlichte. Man lese, was er in diesem Artikel schrieb:

„Heute“ (im Gegensatz zum Jahre 1848) „scheint es jedoch, als seien die Slawen nicht bloß in die Reihe der revolutionären Völker eingetreten, sondern als verschiebe sich der Schwerpunkt des revolutionären Denkens und Wirkens immer mehr nach den Slawen zu. Das revolutionäre Zentrum wandert von West nach Ost. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts war es in Frankreich, zeitweise in England, 1848 trat auch Deutschland in die Reihe der revolutionären Nationen ein... Das neue Jahrhundert jedoch beginnt unter Erscheinungen, die den Gedanken nahe legen, dass wir einer weiteren Verschiebung des revolutionären Zentrums entgegengehen, und zwar einer Verschiebung nach Russland hin... Russland, das so viele revolutionäre Anregungen von dem Westen empfangen, ist vielleicht jetzt daran, auch seinerseits revolutionäre Anregungen zu geben. Das Aufflammen der russischen revolutionären Bewegung wird vielleicht das kraftvollste Mittel sein, jenen Geist des weichlichen Philistertums und kühlen Staatsmannstums zu bannen, der in unseren Reihen sich breitzumachen beginnt, und die Leidenschaften des Kampfes und der Begeisterung für unsere großen Ideale wieder hoch emporlodern zu lassen. Russland hat längst aufgehört, für Westeuropa ein bloßer Hort der Reaktion und des Absolutismus zu sein. Das Verhältnis kehrt sich jetzt vielmehr um. Westeuropa wird der Hort der Reaktion und des Absolutismus in Russland... Mit dem Zaren wären die Revolutionäre Russlands vielleicht schon längst fertig geworden, wenn sie nicht gleichzeitig gegen seinen Bundesgenossen zu kämpfen hätten, das europäische Kapitals. Hoffentlich gelingt es ihnen diesmal, beide Feinde niederzuringen, so dass deren unheilige Allianz rascher zusammenbricht als ihre Vorgängerin. Aber wie immer der jetzige Kampf in Russland enden möge, das Blut und das Lebensglück der Märtyrer, das er leider nur zu reichlich fordern dürfte, wird nicht umsonst dahingegeben werden. Es wird die Saat der sozialen Umwälzung in der ganzen zivilisierten Welt befruchten und sie reicher und rascher in die Halme schießen lassen. Die Slawen waren 1848 der eisige Frost, der die Blüten des Völkerfrühlings tötete. Vielleicht ist es ihnen beschieden, nun zum Föhnsturm zu werden, der das Eis der Reaktion zum Bersten bringt und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführt. (Karl Kautsky. „Die Slawen und die Revolution“, „Iskra“, russische sozialdemokratische revolutionäre Zeitung, Nr. 18 vom 10. März 1902.)*

Wie gut schrieb Karl Kautsky doch vor 18 Jahren!«
[Teil 1]

* Deutscher Originaltext siehe „Märzfeier 1902", Festschrift der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand zum Gedenktag der Revolution von 1848. Die Red.

Anmerkungen

1 Lenin schrieb das Buch „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ zur Eröffnung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale; russisch erschien es am 12. Juni 1920, französisch und englisch im Juli. Das Buch wurde an die Delegierten des II. Kongresses der Komintern verteilt; seine wichtigsten Leitsätze und Schlussfolgerungen bildeten die Grundlagen der Beschlüsse des Kongresses. Das Werk fand eine überaus weite Verbreitung. Es wurde wiederholt in vielen Sprachen herausgegeben.

2 Gemeint sind Theorie und Taktik der Bolschewiki, der von W. I. Lenin gegründeten revolutionären marxistischen Partei Russlands.

Als Bolschewiki („Mehrheitler“) wurden seit dem II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (1903) die Anhänger Lenins bezeichnet, die bei den Wahlen der leitenden Parteiorgane auf dem Parteitag die Mehrheit erhielten, während Lenins Gegner, die Opportunisten, Menschewiki („Minderheiten“) genannt wurden.

Der VII. Parteitag der SDAPR (Bolschewiki), der im März 1918 stattfand, gab der Partei den neuen Namen: Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), abgekürzt KPR(B). Auf dem XIX. Parteitag (1952) erfolgte die Umbenennung in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU).

3 Zweite Internationale 1889 gegründete internationale Vereinigung sozialistischer Parteien, in der mit dem Anbruch der imperialistischen Epoche die opportunistischen Tendenzen nach und nach die Oberhand gewannen. Als 1914 der Weltkrieg begann, nahmen die opportunistischen Führer der II. Internationale offen für die imperialistische Politik der bürgerlichen Regierungen ihrer Länder Partei. Die II. Internationale zerfiel.

4Iskra“ (Der Funke) – die erste gesamtrussische illegale marxistische Zeitung, 1900 von W. I. Lenin gegründet. Spielte die entscheidende Rolle bei der Bildung der revolutionären marxistischen Partei der russischen Arbeiterklasse.

Bald nach dem II. Parteitag (1903) geriet die „Iskra“ in die Hände der Opportunisten, der Menschewiki. Ab Heft 52 hörte sie auf, ein Organ des revolutionären Marxismus zu sein.

Quelle: W. I. Lenin. Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung. Eine Auswahl von Schriften und Reden. Verlag Progress Moskau 1972. Zusammengestellt von N. G. Semrjugina. Diese Ausgabe wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Verlag Progress, Moskau, und dem Dietz Verlag, Berlin, hergestellt. Alleinvertrieb in der DDR: Dietz Verlag, Berlin. Gedruckt in der UdSSR.