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Norden und Schiller - ein (aktuelles) Mißverständnis

von Wolfgang Fieg

Anfang der 50er Jahre verfaßte Albert Norden, Mitglied des Politbüros und wohl auch schon „Chefideologe“ der SED sein Werk „Um die Nation“. Darin zeigt er am Beispiel der damals jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte auf, daß die wahren Interessen der deutschen Nation in der Hand der Arbeiterklasse und ihrer proletarischen Partei allemal besser aufgehoben waren, als bei der Bourgeoisie und ihren politischen Erfüllungsgehilfen. Später, als die „nationale Frage“ in der DDR keine Konjunktur mehr hatte, wurde das Buch nicht neu aufgelegt, wohl im stillschweigenden Einvernehmen mit seinem Verfasser. Es erschien erst in den achtziger Jahren im Westen als Raubdruck im Verlag einer der vielen K-Gruppen.

Lesenswert ist es allemal. An einer Stelle befaßt sich Norden mit Friedrich Schiller und den politischen Voraussetzungen seines historisch-literarischen Werkes. Er wirft Schiller Verrat an dessen eigenen Idealen vor. Während dieser nämlich noch in der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Krone“ (1788) den generalständischen Freiheitskampf positiv würdige, stehe er in „Maria Stuart“ auf der Seite der katholischen Reaktion.

Dem liegt ein Mißverständnis zugrunde. Zwar kann es keinen Zweifel geben, auf welcher Seite Schiller steht, wenn er Geschichte schreibt, sei es im wissenschaftlichen Werk, sei es in der dramatischen Form. Falsch interpretiert man ihn aber, wenn man ihm unterstellt, er habe stets auf der solzialökonomisch fortschrittlichen Seite stehen wollen. Nein: Schiller war einfach nur ein Freiheitsromantiker. Welche der Konfliktparteien gesellschaftlichen Fortschritt repräsentierte, war ihm gleich. Wahrscheinlich hätte er mit diesem Begriff überhaupt nichts anfangen können.

Auf der Seite der aufständischen Generalstände stand er nicht, weil diese das fortschrittliche Bürgertum, die Krone Spaniens hingegen ein überlebtes und zur Ablösung anstehendes Feudalsystem repräsentierten, sondern weil die spanische Herrschaft die niederländischen Stände „unterdrückte“ und deren „alte Rechte“ verletzte.

Dieses Motiv kehrt in „Wilhelm Tell“ (1804) wieder. Niemand wird ernsthaft behaupten, die Bergbauern am Vierwaldstätter See seien Repräsentanten des gesellschaftlichen Fortschritts gewesen. Das Gegenteil ist der Fall. Den „Fortschritt“, d. h. den sich herausbildenden modernen Territorialstaat, für den die „alten Rechte“ der Bergbauern nur ein ärgerliches Hemmnis waren, repräsentierte der Landvogt Gessler allemal mehr.

Zu einem ähnlichen Befund gelangen wir, wenn wir „Maria Stuart“, Schillers vier Jahre zuvor erschienene literarische Adaption des englisch-schottischen Thronfolgekonflikts in 16. Jahrhundert betrachten. Recht hat Norden, wenn er die gesellschaftlichen Folgen benennt, die ein Sieg der Stuart-Erbin gehabt hätte. Recht hat er auch, wenn er umgekehrt in der Herrschaft der Tudor-Erbin die Garantie bürgerlichen und damit gesellschaftlichen Fortschritts erblickt. Aber Schiller ging es nicht um Fortschritt. Ihm ging es um „Freiheit“ und „Recht“. Daß Elisabeth beides verletzte, noch dazu auf menschlich fragwürdige Art, war für ihn hinreichend, die Partei Mariens zu ergreifen.

Schiller stand stets auf der Seite der „Freiheit“, gleich, welche politischen, ökonomischen und sozialen Folgen mit dem Sieg der „Freiheitskämpfer“ verbunden waren. Das hat Norden verkannt, das hätte sein Vorwurf an Schiller sein müssen. Ihm hingegen „Verrat an den eigenen Idealen“ vorzuwerfen, unterstellt diesem Ideale, die er nicht hatte.

Auch heute gibt es viele, die – wie Schiller - jedem „Freiheitskämpfer“ bedingungslos zujubeln, und nicht fragen, wie die sozialökonomische Ordnung denn beschaffen sein soll, für die die Rebellion eintritt. Nicht jede Rebellion ist eben fortschrittlich, wie gerade die jüngere Geschichte und die Ereignisse der jüngsten Zeit zeigen.