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Nachdenken über demokratische Reformalternative, Transformation und antimonopolistische Strategie

von Robert Steigerwald

1. Reform und Revolution sind Zwillinge

Reform und Revolution sind Zwillinge, unzer- trennliche (!) denn wenn man sie operativ tren- nen wollte, gingen sie beide daran zugrunde...
In einer Erörterung über den Spruch: Das mag wohl in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (aus dem Gedächtnis zitiert) meinte Kant: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie!“

Das weiß oder beachtet jeder Mann und jede Frau, wer auch immer irgendwie etwas in Angriff nehmen muss: Sie oder er denkt erst einmal nach, wie mache ich das am best- en, wie erleichtere ich mir die Arbeit?

Es muss eben alles, wie Engels in der Feuerbach-Schrift meinte, das uns in Bewegung setzt, zuvor durch unseren Kopf hindurch. Zugespitzt heißt dies: In jedem praktischen Problem ist Theoretisches als Hintergrund, als Substanz, als Leitlinie enthalten. Nehmen wir unser praktisches Hauptproblem: Wir wollen den Kapitalismus unter die Erde bringen. In diesem Problem der Praxis ist ein theoretisches Grundproblem enthalten, das der Ent- wicklung. Dazu hat Hegel – wie ich meine - die- endgültige Antwort gegeben, der sich Lenin anschloss und die wir, in der DKP, in der Erarbeitung programmatischer Dokumente stets zu beachten versuchen.

Diese Lösung ist auch die Substanz der wichtigsten taktischen Regel des Marxismus: Wir Kommunisten kämpfen für die Lösung von Aufgaben, die sich als unzureichend er- weisen könnten, die aber im Verlaufe des Kampfes um ihre Verwirklichung über sich selbst hinaustreiben. So zu lesen im „Kommunistischen Manifest“.

Worin besteht die Hegelsche Lösung des Problems?
„Bei der Allmählichkeit des Entstehens liegt die Vorstellung zugrunde, dass das Entste- hende schon sinnlich oder überhaupt wirklich vorhanden, nur wegen seiner Kleinheit noch nicht wahrnehmbar, wie bei der Allmählichkeit des Verschwindens, dass das Nichtsein oder das Andere, an seine Stelle Tretende gleichfalls vorhanden, nur noch nicht bemerkbar sei …. Es wird damit das Entstehen und Vergehen überhaupt aufgehoben oder … in eine Kleinheit des äußerlichen Daseins verwandelt und der wesentliche oder der Begriffsunterschied in einen äußerlichen, bloßen Größenunter- schied. – Das Begreiflichmachen eines Entstehens und Vergehens aus der Allmählichkeit der Veränderung hat die Tautologie einer Langweiligkeit; es hat das Entstehende oder Vergehende schon vorher ganz fertig und macht die Veränderung zu einer bloßen Änderung des äußerlichen Unterschiedes…. dagegen spiegelt sich die Identität und die Veränderung als die gleichgültige, äußerliche des Quantitativen vor…“


Die ersten Mikroskopisten dachten, im Samen oder in der Eizelle ein winzig ausgebildetes Exemplar dessen zu entdecken, das sie gerade untersuchen wollten und waren er- staunt, da zwar Substanzen, aber kein Mini-Wesen zu entdecken. Jene unter uns – ich nenne Dieter Klein und Heinz Wachowitz, der sich dabei von Dieter Klein leiten ließ – die da meinen, unter und inmitten von uns befinde ich doch bereits der Sozialismus wenig- stens in Keimform, die in einem Buch verkünden: „Das Morgen tanzt schon im Heute“ mögen sich zwar an diesem lyrischen Buchtitel erfreuen, aber sie haben wohl nicht bedacht, dass man dann dieses Morgen nicht gefährden darf, dass man es wachsen lassen, pflegen muss, dass jedes andere Herangehen an dieses Morgen verantwortungs- los sein müsse.

Sozialismus wäre dann nichts qualitativ Neues sondern ein Geschenk bereits des Kapitalismus an die Zukunft – so ein Unfug. Wenn es aber ein solches vorausgesetztes Etwas nicht gibt und es auch nicht aus dem Nichts entstehen kann, so muss es als Neues aus Prozessen, Auseinander- setzungen, Widersprüchen von ursprünglich vor- handenem Anderem, anderem Etwas hervorge- hen. Der Geschichtsprozess zeigt uns, wie aus solchem Anderen „aus allen Poren blut- und schmutztriefend“ sich der Kapitalismus heraus erhoben hat.
Nur wer auf Wunder hofft, an sie glaubt, mag annehmen, es könne beim Übergang vom Kapita- lismus zum Sozialismus anders sein.

Aus Nichts kann eben nichts entstehen, so verging Zeit, bis man verstand, dass sich da Neues aus vorhandenem Alten herausbilden muss, sich dies aber nicht durch einfaches Wachstum von Vorhandenem, sondern durch einen Qualitätssprung aus diesem vorhan- denem Alten herausbilden werde. Qualität, Quantität und Maß, Hegel zeigt, dass diese drei Kategorien miteinander verbunden sind.

Qualität, Quantität und Maß sind wesentlich für einen und denselben Gegenstand, wird das Maßverhältnis verändert, bildet sich eine neue Qualität, dies aber geschieht durch eine sprunghafte Unterbrechung des Prozesses. Es ist eine Knotenlinie von Maßverhält- nissen vorhanden, man kann sie beispielsweise bei der Veränderung der Aggregatszu- stände chemischer Substanzen beobachten.

Lenin hat diese Lösung des Entwicklungs-Problems voll übernommen:
„Entwicklung ist ´Kampf`der Gegensätze. Die beiden grundlegenden (oder die beiden möglichen? oder die beiden in der Geschichte zu beobachtenden)? Konzeptionen der Entwicklung (Evolution) sind: Entwicklung als Abnahme und Zunahme, als Wiederholung, und Entwicklung als Einheit der Gegensätze (Spaltung des Einheitlichen in einander ausschließende Gegensätze und das Wechselverhältnis zwischen ihnen). Bei der ersten Konzeption der Bewegung bleiben die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.). Bei der zweiten Konzeption richtet sich die Hauptaufmerksamkeit gerade auf die Erkenntnis der Quelle der ´Selbst`bewegung.


Die erste Konzeption ist tot, farblos, trocken. Die zweite lebendig. Nur die zweite lebendig. Nur die zweite liefert den Schlüssel zu den ´Sprüngen`, zum ´Abbrechen der Allmählichkeit`, zum ´Umschlagen in das Gegenteil`, zum Vergehen des Alten und Entstehen des Neuen. Die Einheit (Kongruenz, Identität, Wirkungsgleichheit) der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist.“


Es gibt keinen Versuch, diese Hegel-Leninsche Lösung, die eine theoretische und praktische ist, theoretisch zu widerlegen, man versucht nur, sie praktisch zu umgehen.

Dazu nutzt man beide von Hegel als falsch dargelegte „Ansichten“:
Es geht einmal um die Annahme einer Konzeption der Reform in Permanenz als möglicher Ausweg und bezeichnet sie als Transformation, wobei man einräumt, dass es eine revolutionäre und eine reformerische Konzeption dieser Transformnation geben könne. Und das zweite Mal geht man von der Möglichkeit eines unvorbereiteten Sprungs aus dem Alten ins Neue aus. Aber dass wir den Weg zur Überwindung des Kapitalismus nicht gehen könnten, ohne um Reformen zu ringen, steht nicht zur Debatte.

Die Frage ist jedoch, wie weit man auf diesem Weg der Reformen vorankommen kann. Wird es so möglich, dass die in der sog. ursprünglichen Akkumulation getrennten beiden grundlegenden Produktivkräfte, die sachliche und die menschliche mit der Folge der Herausbildung jener beiden Grundklassen, welche die Gesellschaft, ihren Antagonismus, ihren Kampf von da an und bis heute bestimmen, wieder vereinigt, dass also die Produktionsmittel nicht mehr als Ausbeutungsmittel des Kapitals genutzt werden können? Wird es zu einer friedlich-schiedlichen Übereignung der Produktionsmittel an das arbeitende Volk kommen? Werden die Kapitalisten den Ast absägen, auf dem sie sitzen?

Man kann doch nicht erwarten, dass das Kapital, um der Interessen des arbeitenden Volkes willen, Selbstmord begeht. Und es gibt auch kein Beispiel dafür, das uns lehrte, so etwas als reale Möglichkeit ins Auge zu fassen. Antagonismen – und um einen solchen handelt es sich – werden nicht konfliktlos gelöst Aber die andere, ebenfalls falsche Variante, die des unvorbereiteten Sprungs aus dem Kapitalismus ins gelobte Land des Sozialismus? Die Überwindung des Kapitalismus ohne vorbereitenden Kampf, ohne den Kampf um Reformen ist eine noch abenteuerlichere Vorstellung. An der Verbindung beider Kampfformen, der reformerischen und der revolutionären, führt kein Weg vorbei. Hegel, als er in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie zu Leibnitz kam und dessen – von Aristoteles vorgearbeitete – Formulierung fand, es gebe in der Natur keine Sprünge, sagte, beide hätten recht, wenn sie nur hinzugefügt hätten, dass die Natur keine unvorbereiteten Sprünge mache.

Also beide „Konzeptionen“ sind falsch, weil einseitig, weil nur jeweils ein Moment des in Wahrheit dialektischen Entwicklungs-Problems beachtend. Wir haben in der DKP, in der Erarbeitung unserer Strategie und Taktik, uns an den Darlegungen Hegels und Lenins (dieser vor allem auf dem II. und IV. Kongressen der Komintern und dann Dimitroffs - dieser in der Kritik an Fehlern der Kommunisten - auf dem VII. Weltkongress dieser Komintern) orientiert und eine Konzeption des Kampfes um eine antimonopolistische Demokratie auf dem Weg zum Sozialismus erarbeitet. Wir gehen davon aus, dass die Monopole das Herzstück des heutigen Kapitalismus sind und folglich im Zentrum unseres Kampfes stehen müssen.

Wir gehen weiter davon aus, dass in mehreren miteinander verbundenen Etappen des Kampfes die subjektiven und objektiven Bedingungen für das Herankommen an die Lösung, den Kapitalismus zu überwinden, geschaffen werden können. Im Kampf um die Verteidigung des Errungenen werden Kräfte entstehen, die um die Erweiterung dieses Errungenen wirken und wir auf diese Weise an Positionen herankommen können, wo es um tiefer wirkende Reformen geht. In unserem Programm haben wir dazu ausführlich argumentiert - dies ist die theoretische und praktische Substanz unseres Verhaltens zum Thema Reform und Revolution.

2. Zur Transformations-Strategie

Ein Richter, der über einen Mörder urteilen soll, wird sich zuerst ein Bild von diesem, seinen Lebensumständen, seiner Biografie machen, um vielleicht verstehen zu können, warum aus einem Menschen wie diesem ein Mörder werden konnte.

Das gilt auch für die Probleme, mit denen wir uns seit geraumer Zeit in der Partei herumschlagen: Auch sie haben eine Geschichte und wenn man diese nicht kennt, versteht man sie nicht. Was die Geschichte unserer Probleme angeht, so liegen ihre Ursprünge in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Man muss jedoch beachten , dass die gesellschaftlichen Verhältnisse damals qualitativ völlig andere waren als sie es heute bei uns sind. Darum ist es nicht angängig, die heutigen Prozesse auf gleiche Weise anzugehen wie dies damals geschah. Wie ist das zu verstehen?

Nehmen wir zunächst den damaligen Zustand der kommunistischen Weltbewegung. Auf internationalen Konferenzen hatte sie die internationale Lage so gewertet: Wir leben in der dritten Etappe der allgemeinen Krise des Kapitalismus, in der die Arbeiterbewegung und ihre höchste Errungenschaft, der Sozialismus, immer mehr zur bestimmenden Kraft werden. Diese Arbeiterbewegung, dieser Sozialismus war konfrontiert mit der NATO und in deren Vertrag war ein Passus über innere Aggression enthalten, womit die Übernahme der Macht in einem NATO-Land durch die Kommunisten gemeint war.

Die NATO hatte den Ernst dieser Formulierung einige Male durch das Einlaufen schwerer US-Kriegsschiffe in italienische Häfen demonstriert. Um ein Bild zu gebrauchen: Da rasten zwei D-Züge mit voller Geschwindigkeit aufeinander zu und das führte durchaus zu politischem Nachdenken. Dieses Nachdenken bewirkte die Ausarbeitung einer anderen Strategie: Das Konzept der Revolution wurde durch eine Strategie, Transformation, nicht mehr Revolution ersetzt, die man als eine Art Reform-in-Permanenz verstehen kann. Dies sollte als Konzept die der NATO-Politik zugrunde liegende Einschätzung kommunistischer Politik als revolutionärer, der man mit NATO-Mitteln entgegen treten sollte, den Boden entziehen.

Der erste Schritt war eine als Grundlagen-Buch verstandene Arbeit Gorbatschows . Ich schätzte sie im Juni 1989 so ein: „Wenn an die Stelle des Klassenmäßigen das Gattungsbezogene tritt, wenn Politik an allgemeinmenschliche Moral gebunden wird und dies deshalb möglich sein soll, weil der Kapitalismus aus seinem inneren Wesen heraus friedensfähig sei, folglich die Menschheit in Gestalt beider konkurrierender Systeme koexistieren könne und die Überwindung des Kapitalismus durch den Sozialismus nicht mehr nötig sei, dann ist logischerweise die marxistische Kapitalismus-Analyse falsch. Dann werden in der Politik Moral und der politische Wille führender Kräfte und Klassen dominant gegenüber der materiellen Basis der Gesellschaft. Das ist das Ende jeder marxistischen Geschichts- uns Gesellschaftstheorie.“

Diese Entwicklung setzte sich fort in den Grundinhalten des sog. Ideologie-Papiers von SPD und SED, denn auch dort wird die marxistische Analyse negiert, wonach der Kapitalismus, der Imperialismus aus seinen eigenen Entwicklungstendenzen notwendig zur Aggression und Krieg hinführe. In unserem Land wurde dies Ausgangspunkt für die Überlegung, die bis dahin bestimmende revolutionäre Strategie der kommunistischen Arbeiterbewegung zu „ersetzen“. Unsere Politik ging davon aus, dass das „Herz“ des heutigen Kapitalismus die Monopole, die produktions- und marktbestimmenden Unternehmen seien. Folglich sei der Kampf primär gegen diese Monopole zu führen. Die „neue“ Politik sollte durch eine Reformalternative sei. Hein Jung und Jörg Huffschmid, die beiden Hauptautoren dieser Konzeption dazu „Es kann kaum übersehen werden…dass in der Strategie der demokratischen Reformalternative die antimonopolistischen Orientierung, wie sie für die marxistische Strategie der Vergangenheit bestimmend war, in den Hintergrund tritt.“
(Aus: Jörg Huffschmid/Heinz Jung, „Reformalternative“, Arbeitsmaterialien des IMSF 28, Kapitel V.4, „Reformalterative und Transformationsperspektive“, S. 152)

Dies knüpfte an jene programmtische Wende an, die in der IKP in der zweiten Hälfte der siebzieger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts als Konzeption der Transformation ins Leben trat.. Dieses Konzept der „Transformation der Gesellschaft“ orientierte auf ein Planungsmodell, das aber nicht die Ausweitung des öffentlichen Sektors in der Wirtschaft oder die Infrage-Stellung des Profits als Grundlage habe. (Colajanni, Napolion – politics die piano, in: Panorama, 19. 9. 78, S. 38) sondern auf einem Konsens beruhe, der Ergebnis eines langen politischen Prozesses sei, aus dem heraus sich die vorrangigen gesellschaftlichen Bedürfnisse entwickelten .. (Barca/Manghetti, Durch ökonomische Programmierung zur Rekonstruktion der Gesellschaft, deutsch in: Sozialismus für Italien, S. 76 f) Die „kollektiven Verbraucher“, gemeint sind die miteinander im Demokratisierungsprozess mit mehr Kompetenzen auszustattenden National-, Regional- und Provinzial-Parlamente, Stadtteilräte u. a. noch zu schaffende demokratische Organe sowie die „privaten kollektiven Verbraucher“ wie Genossenschaften usw. werden eine Art Aufgaben und Bedarfsplan aufstellen.

Diese Planung der Nachfrage, die nur einheitlich sein kann bezogen auf die oben angeführten Prioritäten, wird auf dem Markt mit dem Angebot zusammengebracht. Angeboten wird von den öffentlichen und privaten Unternehmen. Die sind in ihren Entscheidungen „autonom“. Gegenüber den öffentlichen Unternehmen wird die Kompetenz der staatlichen Eingriffs, vor allem gegenüber der privaten Wirtschaft durch Anreize und das Angebot von Möglichkeiten, die für die Gesellschaft nützlich sind erfolgen, (Napolitano, Giorgio, Lenkung der Wirtschaft und Pluralismus: Diskus algano, Napolinaton, Merlini u.a. in: Sozialismus für Italien, S. 181) jedoch keinesfalls in repressiver Weise.

Dazu sollten die spontanen Kräfte des Markts durch Bedarfsplanung als Orientierungspunkt für die Wirtschaft eingeschränkt werden. Das ergäbe ein Nebeneinander von an gesellschaftlichen Bedürfnissen einerseits und des Profitstrebens und unternehmerischer Freiheit andererseits orientierter Wirtschaft. Haupthebel solcher Transformation sei die allmähliche Ausweitung der Macht (?) der arbeitenden Klassen durch ständige Dezentralisierung der Staatsgewalt, Erweiterung der demokratischen Strukturen durch Schaffung neuer demokratischer Organe.

Die führende Rolle der Arbeiterklasse soll durch das Streben nach breitem Konsens untermauert werden, was bedeute, dass sie ihren Kampf auf die politische Ebene zu beziehen habe. (Merlini, ebenda, S. 167). Hegemonie bedeute dann das Vorherrschen der politischen, kulturellen und moralischen Kategorien der arbeitenden Klassen in der politischen Sphäre und ist auch schon in der bürgerlichen Gesellschaft zu erreichen. Dazu muss aber die erstrebte Transformation auch anderen sozialen Kräften eine Perspektive bieten. Dies mündet ein in die Konzeption des „historischen Kompromisses“, die eine Änderung des Charakters der Christlichen Demokratie als Folge des wachsenden Einflusses und der Initiative der Arbeiterklasse, die Verhinderung einer rechtsradikalen Transformation erfordere. (Berlinguer, Enrico, Für eine demokratische Wende, Berlin 1975, S. 381f) Es wird nötig, auf das Sozialismus-Bild der IKP einzugehen, schließlich soll Transformation doch zu diesem Sozialismus führen..

“Indem wir diese Perspektive akzeptieren, die Perspektive eines Marsches zum Sozialismus in der Demokratie und im Frieden, führen wir den Begriff einer graduellen Entwicklung ein, in der es schwierig ist, den Zeitpunkt des qualitativen Wandels genau zu bestimmen…“


Was natürlich eine Binsenweisheit ist. Zugleich wird erklärt, diese graduelle Entwicklung sei das Gegenenteil der evolutionistischen Auffassung, die die Grundlage des Reformismus sei. Denn die graduelle Entwicklung bedeute inhaltlich und potentiell den konkreten Bruch der evolutionären Entwicklung des Kapitalismus ist und damit letztlich konkret die Notwendigkeit des Sprung. Das werde unweigerlich Widerstände und Reaktionen der herrschenden Klasse hervorrufen. Nun muss aber sagen, dass in den oben wiedergegebenen Ansichten der IKP zur Transformation nichts auf den Bruch hindeutet oder hinführt. Gibt es solche Hinweise an anderer Stelle?

Zu lesen ist, die Abschaffung des Marktes bedeute die Beschränkung der ökonomischen Freiheit und damit auch eine unzulässige Beschränkung der politischen Freiheit. (Cojalani, N. a. a. O. , S.38). Das Problem der Freiheit müsse man auch aus der Sicht der anderen Seite der Gesellschaft sehen!! (Berlinguer, L. in: Lenkung der Wirtschaft und Pluralismus, in: Sozialismus für Italien, S. 171.)

Es gehe um di Vereinbarkeit zwischen Rechten und Privilegien des Unternehmers und des Eigentums) einerseits und demokratischen Grenzen andererseits Der PCI setze auf Pluralismus, der nicht nur Parteienvielfalt bedeute, sondern auch Vielfalt der politischen, sozialen und kulturellen Beiträge zum Entscheidungsprozess. Die Rolle des Staates im Sozialismus ergibt sich daraus, dass er seine Legitimität aus der Mehrheit, also auch die des Proletariats aufgrund eines Konsenses gewährt. Der sozialistische Staat, der sich auch auf Konsens stützen müsse, habe also die formale Gleichheit aller, also auch der Bourgeois zu gewährleisten. Er müsse die demokratische Regierungsform beibehalten.

„Wir bekräftigen hiermit, dass wir für einen effektiv und absolut laizistischen Staat sind; dass wir genauso wie gegen einen konfessionellen Staat gegen einen Staatsatheismus sind…wir sind dagegen, dass der Staat irgendeine Ideologie oder Religion wie auch Kultur- und Kunstrichtung zum Nachteil den anderen bevorzugt.“
(Berlinguar, Enrico, Brief an Monsignore Betazzi, In: Die italenischen Kommunsten, 4/77, S. 34 f) (Das steht so auch in den Artikeln 3 und 4 unseres Grundgesetzes – doch wie ist die Realität?) Heinz Jung untersuchte diese Prozesse in seinem Buch „Abschied von einer Realität“, während wir diese Entwicklung nicht wirklich ernsthaft erörterten. Allerdings erschien dieses Buch von Heinz Jung erst später, inmitten der „Katastrophe“ von 1989/90.

Doch zu der Zeit, da diese „neue“ Strategie das Leben der Welt erblickte, waren die „Neuerer“ in der DKP Geburtshelfer der Reformalternative und wir „Betonköpfe“ haben uns damals herzhaft mit den „Neuerern“, auch mit Heinz Jung und Jörg Huffschmid, seinem damaligen Mitautoren, gestritten. Heinz Jung hat in dem eben genannten Buch jedoch nicht nur diese dramatische Auseinandersetzung zu unserer Strategie dargelegt und analysiert, sondern sie dann auch kritisiert, Selbstkritik gezogen, wollte, wie er mir bei unserer „Versöhnung“ – es war dies kurz vor seinem Tod – sagte, wieder in die DKP eintreten.

Der Substanz nach ist die Grundlage der Auseinandersetzung die Einschätzung des Kräfteverhältnisses bezogen auf die beiden Hauptkomponenten der internationalen Auseinandersetzung. Und zu fragen ist, welche der damaligen von den unterschiedlichen Handelnden angenommenen Bedingungen - eben zum Kräfte- zum Stärkeverhältnis - existieren heute noch und welche nicht mehr? Ist diese strategische Wende - unabhängig von der Frage, ob sie wenigstens damals richtig war - ob ihre Weiterverfolgung etwa in Arbeiten von Dieter Klein, Conrad Schuhler und Leo Mayer zur Transformations-Konzeption oder in Gestalt der heutigen Konzeption der Transformation der EL-Orientierung richtig ist?

Es darf aber nicht übersehen, nicht ignoriert werden, dass in und hinter diesen Auseinandersetzungen auch des große Thema: Krieg und Frieden wirkt, unsre Verantwortung auch das Nachdenken über das Verhältnis unserer Strategie zu diesem großen Problem gehört! Denn ein Problem, das damit nicht aus der Welt geschafft wird, ist das, wie man angesichts eines waffenstarrenden Imperialismus diesen wird überwinden können!

Ich denke, da wäre ganz gründlich über das Problem des Kampfes um Frieden und Abrüstung nachzudenken, ein Problem das breiteste Bündnismöglichkeiten eröffnete – ich denke nur daran, wie einst Chrustschow mit seiner weltweiten Abrüstungsforderung die Welt in Erregung versetzte!

Mit anderen Worten, dass man, von Moskau, der Blockkonfrontation und der Waffenarsenale ausgehend sich Gedanken zur Politik machte, welche es angesichts dieser Bedingungen er Blockkonfrontation zu entwickeln sei ist das Problem, auch nicht, dass man dabei auf gänzlich neue Überlegungen kam, nur muss man diese „messen“ an den Realitäten und sie nicht schon, weil sie schön ausgetüftelt worden sind, für die Lösung des Problems halten.