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Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft. Eine Alternative zur Warenwirtschaft. Kurzfassung.

Von Wolfgang Hoss

1. Einleitung

Der Sozialismusversuch in den ehemaligen Ländern des Ostblocks hat nicht zu den durch die Theorie vorhergesagten Resultaten geführt; es stellen sich heute insbesondere folgende Fragen: erstens, nach welchen theoretischen Grundsätzen sollte damals der Sozialismus aufgebaut werden? zweitens, was waren die Hauptgründe für das Scheitern? Und drittens, welche Schlußfolgerungen ergeben sich heute für die Sozialismustheorie.

In seinem Werk „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ formuliert Engels das für den Aufbau des Sozialismus bedeutsamste Theorem zunächst wie folgt:

Zitat 1:

"Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt ... " (Friedrich Engels, MEW, Bd.19, S.226)

Und in „Kritik des Gothaer Programms“ sagt Marx zunächst sinngemäß das gleiche:

Zitat 2:

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus, ..."

(Karl Marx, MEW, Band.19, Seite 19).  ….  „Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft  ….  wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht.“

(Karl Marx, MEW Band 19, Seite 20)

Waren sind Produkte die für den Austausch produziert werden, und wenn demnach die sozialistischen Produzenten ihre Produkte nicht mehr austauschen (Marx, Zitat 2), dann wird in der logischen Folge bereits in der ersten Phase des Sozialismus die Warenproduktion aufgehoben.

Aber Marx hat seinen zunächst eindeutigen Aussagen zur Aufhebung der Warenproduktion wenig später im Text einige Aussagen hinzugefügt die hierzu tatsächlich oder scheinbar in Widerspruch stehen.  

Zitat 3

„…. Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas gegeben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehen kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andren ausgetauscht.“

(MEW Band 19, Seite 20)

Durch diese Marx’schen Aussagen werden Irritationen Tür und Tor geöffnet - sollen nun der Warenaustausch und die Warenproduktion sofort nach der sozialistischen Revolution in der Gesamtwirtschaft aufgehoben werden, oder erst in einer späteren Entwicklungsphase, und wenn ja, wodurch sollen sie ersetzt werden? Auch durch die folgenden Aussagen von Marx werden diese Fragen nicht eindeutig beantwortet:

Zitat 4:

 „Dasselbe bürgerliche Bewußtsein, das die manufakturmäßige Teilung der Arbeit ....... als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigre, denunziert daher ebenso laut jede bewußte gesellschaftliche Kontrolle und Reglung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigentumsrechte …. des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts Ärgres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde.

(Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 377).

Es ist zwar richtig, daß innerhalb einer Fabrik keine Waren ausgetauscht werden, und daß normalerweise in einer größeren Fabrik die Arbeitsproduktivität höher liegt als in einer vergleichbaren kleineren Fabrik, so daß man annehmen könnte, daß durch einen Zusammenschluß aller Unternehmen der Volkswirtschaft zu einer einzigen großen Fabrik eine höhere Arbeitsproduktivität erreicht werden kann als in einer Volkswirtschaft mit vielen kleinen autonomen Warenproduzenten bzw. mit dominierender privater Warenproduktion. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß ab einer bestimmten Größe einer Unternehmensvereinigung die Arbeitsproduktivität nicht mehr steigt, sondern sinkt. Die Unternehmensvereinigungen verwandeln sich im Zuge ihrer unablässigen Vergrößerung ab einer bestimmten Größe in schwerfällige Ungetüme die insbesondere in der Entscheidungsfindung kleineren autonomen Unternehmen und Unternehmensvereinigungen mit optimaler Größe unterlegen sind. Zum Beispiel im Vergleich der beiden deutschen Staaten BRD und DDR hat die Erfahrung gezeigt, daß der zentralstaatlich geleitete Koloß der VEB-Betriebe in der DDR (in der DDR gab es einen zentralen Artikelkatalog mit etwa 100 Millionen Erzeugnistypen) zu einer bürokratischen Reglementierung der Betriebskollektive geführt hat, durch die die freie Bewegung und schöpferische Initiative der Arbeiter, Ingenieure und Betriebsmanager stark gehemmt und die staatliche Wirtschaftszentrale schließlich überfordert wurde. Es gibt zwar Umstände die diesen Vergleich teilweise fragwürdig machen, aber bei unvoreingenommener Betrachtung war das höhere Realeinkommen pro Erwerbstätigen und damit die höhere Arbeitsproduktivität in der BRD im Vergleich zur DDR nicht zu übersehen.

Wenn aber die Arbeitsproduktivität in einer Fabrik so groß wie eine heutige mittlere oder große Volkswirtschaft, unter sonst gleichen Umständen, unvermeidlich niedriger liegt als in einem Volkswirtschaftssystem mit dominierender privater Warenproduktion, dann war das Scheitern des Sozialismusversuchs in den ehemaligen Ländern des Ostblocks bereits durch diese Zielsetzung  „vorprogrammiert“ . Die allgemeine Maßgabe „Planung der volkswirtschaftlichen Produktion ähnlich wie in einer einzigen großen Fabrik“ hat z.B. in der DDR zu einer bürokratischen Form der Warenproduktion geführt, die man staatskapitalistische Warenproduktion nennen kann. Einerseits sollten in der DDR die Betriebe ihre Produkte wertgleich verkaufen und kaufen und damit Waren austauschen und im Resultat des Warenaustauschs Gewinne realisieren und für Gewinnrealisierungen belohnt werden, und andererseits sollte die Warenproduktion, der Warenaustausch und das Gewinnprinzip aufgehoben werden. Aus diesem Widerspruch kam man in der DDR und den anderen Ostblockstaaten nicht heraus.

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