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Menschliche Emanzipation und sozialistische Revolution

von Otto Finger - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

„In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen.“ (Karl Marx)

»Der oben genannte Begriff der menschlichen Emanzipation – auf ihn kommen die genannten Revisionsversuche mit Vorliebe zurück – bedarf der Erläuterung.

In der Tat ist es ein für die Phase der Herausbildung der wissenschaftlichen Revolutionstheorie ganz charakteristischer Begriff. Charakteristisch für den politisch-sozialen Radikalismus, den der Marxsche Materialismus hier erreicht und auch für die nicht bloß terminologischen Schranken, in denen er sich noch bewegt. Es ist ein vergleichsweise abstrakter Ausdruck für das politische Generalthema, um das es hier schon geht: das Thema der sozialistischen Revolution. -

In ihm schwingt noch ein Rest des Feuerbachschen anthropologischen Materialismus mit. Wenn es eben hieß, menschliche Emanzipation sei ein noch relativ abstrakter Ausdruck für proletarische Revolution, dann gilt dies bezüglich der in der kurzen Zeitspanne bis zur Abfassung des „Manifests“ gewonnenen Konkretisierung. Das heißt vor allem: Angabe der näheren Bedingungen, Inhalte und Resultate jenes weltgeschichtlichen Vorgangs, in welchem sich das Proletariat von der kapitalistisch unterdrückten zur revolutionär kämpfenden, politisch siegenden und machtausübenden Arbeiterklasse emporhebt. Denn im „Manifest“ und in den Arbeiten, welche die Revolution von 1848 und den Pariser Kommunardenaufstand des Jahres 1871 theoretisch verallgemeinern, wird klar: der revolutionäre Sprung aus dem Zustand der Verelendung, der Erniedrigung, der Unterdrückung durch das Kapital in das Reich der sozialistischen Freiheit und Humanität, das ist kein einmaliger welthistorischer Kraftakt der Arbeiterklasse, mit dem sie sogleich und mit einem Male die ganze Menschheit in die kommunistische Zukunft voranbringen würde. -

Marx und Engels begannen mit dem „Manifest“ die Idee der sozialistischen Revolution auch dahin zu präzisieren, dass diese Revolution in der Diktatur des Proletariats ihren politischen Angelpunkt besitzt, dass der Vorgang der Umwälzung der alten Verhältnisse selbst eine ganze Epoche umfasst, in der der sozialistische Staat und die Partei der Arbeiterklasse ein ganzes System gesellschaftlicher Führungsaufgaben bewältigen müssen. -

Diese fortschreitende Konkretisierung der Fragen des Staates und der revolutionären Partei, ihrer Bündnispolitik, das alles ist theoretische Verallgemeinerung der praktisch-politischen Bewegung der Klassenkräfte, insbesondere solcher Kulminationspunkte des Klassenkampfes im vorigen 19. Jahrhundert wie der 48er Revolution und der Pariser Kommune von 1871.

Es darf jedoch über ihrer relativen Abstraktheit nicht übersehen werden, dass die Marxsche Formel von der „menschlichen Emanzipation“

erstens auf den humanistischen Grundgehalt dieser Revolution deutet – sie ist der Ausgangspunkt jener Gesellschaft, die die Befreiung der Volksmassen nicht in der Phrase, sondern in der ökonomischen [ökologischen], politischen und geistig-kulturellen Lebenswirklichkeit zustande bringt, die das massenhafteste Schöpfertum der Werktätigen freisetzt;

zweitens diese Revolution als den Beginn einer Umwälzung kenntlich macht, worin – über eine Reihe später erst und vor allem durch Lenin näher ausgearbeitete Stufen der Entfaltung von der sozialistischen zur höheren kommunistischen Entwicklungsstufe – an die Stelle der Klassengesellschaft die klassenlose Gemeinschaft tritt. Für beide Momente drückt der Terminus menschliche Emanzipation einen wesentlichen Unterschied zu allen bisherigen Revolutionen aus. Das beschränkte, auf die Klasseninteressen einer verschwindenden Minderheit aller Menschen, der Bourgeoisie, orientierte Ziel, deren durchaus nicht menschliche, sondern unmenschliche, die Majorität aller Menschen erneut unterdrückende, ausbeutende politische Herrschaft, diesen begrenzten Inhalt der bürgerlichen Revolution bezeichnet hier Marx mit dem Wort von der nur politischen Emanzipation. -

Dass freilich auch der Weg zur „menschlichen Emanzipation“ im Marxschen Sinne den politischen Klassenkampf und die politische Machteroberung einschließt, beginnt Marx bereits in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844 zu klären. Die Aufhebung aller Entfremdung, so betont Marx, kann sich nicht anders als in „der politischen Form der Arbeiteremanzipation“ aussprechen. [1/42]

Darin fanden die bereits stattgehabten Erhebungen des politisch erwachenden Proletariats in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen 19. Jahrhunderts einen prägnanten theoretischen Ausdruck. Der Fortschritt der Theorie widerspiegelt auch hier die realen Fortschritte der praktisch-politischen Bewegung, der beginnenden Zuspitzung des Klassenantagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Marx war hiermit in Paris, dem politischen Zentrum dieses Antagonismus, 1844 unmittelbar konfrontiert.

Den Gegensatz – materialistisch im Gegensatz der Klassen, die sie tragen, deren Revolution sie ist, gefasst – zwischen bürgerlicher als einer bloß politischen und keineswegs gründlichen und sozialistischen als wirklich radikaler und darum auch allgemein menschlicher, d. i. in ihrer Wurzel auf die humanistische Zukunft der ganzen Menschheit hinführenden Revolution drückt Marx in seiner damaligen Sicht der deutschen Zustände [2/43] so aus:

„Nicht die radikale Revolution ist utopischer Traum für Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzipation, sondern vielmehr die teilweise, die nur politische Revolution, die Revolution, welche die Pfeiler, des Hauses stehenlässt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution? Darauf, dass ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, darauf, dass eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, dass die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also z. B. Geld und Bildung besitzt oder beliebig erwerben kann.“ [3/44]

Wir sehen, wie Marx von materialistischen Prinzipien ausgehend, die Grundfragen von Theorie und Praxis der Revolution auf völlig neue Art zu klären beginnt, wie es sich Gedanken nähert, aus der materiell bedingten objektiven Situation einer bestimmten Klasse, des Proletariats, das Wesen der künftigen sozialistischen Revolution zu erschließen und ebenso aus der materialistisch gefassten Situation der Bourgeoisie die Schranken ihrer Revolution zu bestimmen.

Diese außerordentlich wichtige ideologische Frage, die Frage also nach den Konsequenzen des Klassenwesens bürgerlicher und sozialistischer Revolution spielt bis hinein in die Spätschriften Lenins eine gewichtige Rolle. Und sie stellt sich auf jeder Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung: Bestimmung der Strategie und Taktik ihres revolutionären Kampfes hängen insbesondere zu Zeitpunkten, da bürgerlich-demokratische Revolutionen auf der Tagesordnung stehen, von dieser ideologischen Klarheit ab. Die Fähigkeit der Arbeiterklasse, ihre politische, organisatorische und weltanschauliche Selbständigkeit zu behaupten, auch indem und gerade weil sie bürgerlich-demokratische Bestrebungen, Reformvorstellungen etc. gegen Reste des Feudalsystems oder auch – und das ist ein heute entscheidender Aspekt – gegen das imperialistische Herrschaftssystem unterstützt, vorantreibt, sich an die Spitze jeder progressiven Bewegung stellt – diese Fähigkeit also und diese Aufgabe kann sie nur bei völliger Klarheit über die unüberschreitbaren Klassenschranken der, wie Marx sagt, nur „teilweisen“ Revolution der Bourgeoisie erringen und meistern.«

Anmerkungen

1/42 Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: K. Marx/ F. Engels, Werke, Ergänzungsband, Erster teil, Berlin 1968, S. 521.

2/43 »Marx glaubte an einen baldigen Sieg der „menschlichen Emanzipation“ – erst die nähere ökonomische Analyse des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit sowie die sozialtheoretische Verallgemeinerung der Revolution von 1848 ermöglichten eine gründlichere Ausarbeitung der Prinzipien der revolutionären sozialistischen Bewegung, ihrer objektiven Bedingungen, subjektiven Faktoren, ihrer Etappen und Resultate. Eines aber wird man anlässlich dieses frühen Marxschen Gedankens festhalten dürfen: er hat sich in einer entscheidenden Beziehung als Antizipation der tatsächlichen Dialektik der revolutionären Entwicklung erwiesen. Bestätigt hat sich diese Voraussage Marx’: „In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen.“ (K. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 391) Die gründliche Brechung der „Knechtschaft“ des Junkertums und des Monopolkapitals, d. i. die Zuendeführung der bürgerlich-demokratischen Revolution {...}«

3/44 K. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 388.

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975.

Studie von Otto Finger. Vgl. 3.6. Menschliche Emanzipation und sozialistische Revolution, in: 3. Kapitel: Philosophischer Materialismus und Herausbildung der wissenschaftlichen Revolutionstheorie der Arbeiterklasse.