Melancholia
von Franz Witsch
Liebe politisch interessierte Freunde/Innen,
der letzte Bürgerbrief über "Bemerkungen über den Mehrwert" (17.Teil) ist schon alt. Die Fertigstellung des Textes des 18.Teils wird dennoch etwas warten müssen.
Er versucht u.a. eine Auseinandersetzung Wolfgangs Detels neuem Werk "Geist und Verstehen", ein schwieriges, knapp 600 Seiten starkes Buch, mit dem ich immer noch zugange bin.
Hinzugekommen ist vor wenigen Tagen noch die Aufsatzsammlung "Philosophie der Gefühle", herausgegeben und eingeleitet von Sabine Döring, die ich vorerst nur überfliegen konnte, aber dennoch kommentieren möchte in der Gewissheit, für eine Beurteilung ohnehin nie genug zu wissen.
Der Aufbau des 18.Teils wird voraussichtlich die folgenden Überschriften haben:
14.6.4 Regelwidrigkeiten
14.6.4.1 Prozesshaftes vs. affirmatives Verstehen
14.6.4.2 Subjektivistisch verobjektivieren
14.6.4.3 Feeling und Emotion (Philosophie der Gefühle)
14.6.4.4 Melancholia (Lars von Trier)
14.6.4.5 Verstehen und verständigen
14.6.4.6 Kritik an Heideggers “Sein und Zeit”
(siehe: www.film-und-politik.de/html/wash.html)
Wie man sieht, enthält der 18.Teil einmal mehr eine Besprechung zu einem Film, zum Film von Lars von Trier "Melancholie". (Start: 6. Okt.2011)
Diese umfangreiche Film-Besprechung möchte ich den interessierten LeserInnen des internen Blindverteilers vorab zukommen lassen (siehe PS).
Die Einbeziehung eines Films ist diesmal besonders wichtig. Es geht darum, was es heißt, über Gefühle zu sprechen, bzw. Gefühle oder Gefühlswelten zu interpretieren in einer Welt, die es immer mehr verlernt, über Gefühle zu reden; in dem Sinne, was es bedeutet, eine Regel zu brechen, sind Gefühle doch problematisch unter dem Aspekt, dass Handlungen
aus dem Gefühl heraus von Regeln genauso wenig wissen wie von Regelwidrigkeiten. Zu verstehen, was das bedeutet, setzt voraus, eine Gefühlsqualität: z.B. die Melancholie, so nah an der sozialen Praxis wie möglich zu beschreiben. Dafür bietet Triers Film eine unschätzbare Hilfestellung; der Film führt in intensiven Bildern und sparsamen Dialogen in die Welt eines melancholisierenden Menschen ein.
Von solchen Menschen sagt man, sie seien unfähig zu trauern über etwas, was in der (sozialen) Welt der Fall ist. Ich möchte weniger von einer Unfähigkeit eines melancholischen Menschen sprechen, als viel mehr davon,
dass es seine Umwelt nur schwer erträgt, dass sie betrauert und damit in Frage gestellt wird. Meine These: Die Realitätsverweigerung (der Realitätsbruch) geht nicht vom Melancholiker aus, sondern wird von seiner Umgebung feinfühligst inszeniert, von Menschen, die sich mit "ihrer" Umwelt im Reinen wissen und wollen, dass dies auch so bleibt.
Herzliche Grüße
Franz Witsch
www.film-und-politik.de
Der Link zur Abhandlung "Bemerkungungen über den Mehrwert":
www.film-und-politik.de/C26.pdf (hier sind alle Quellen vermerkt)
PS:
C26.14.6.4.4
Melancholia (Lars von Trier)
Im heutigen Lebenskontext wie im herrschenden sozialwissenschaftlichen Diskurs kommt dem Gefühl ein autonomer Status nicht zu in dem Sinne, dass es als eine verhandelbare Ressource zwischenmenschlicher Verständigung aufgefasst würde, um sich selbst tragende soziale Strukturen zu ermöglichen, so als sei die Autonomie des Gefühls mit dem Objektbezug des Gefühls nicht vereinbar. Man darf “autonom” eben nicht so verstehen werden, als seien Gefühle aus sich selbst heraus nicht verstehbar.
Das sind sie nicht; das trifft auch auf Befindlichkeiten und Stimmungslagen (feelings) zu; auch sie verweisen auf Gegenstände außerhalb ihrer selbst, wie die Reden Schleiermachers “Über die Religion” eindrucksvoll offenbaren. Sie offenbaren eine “Geisteshaltung” (Mentalität), die als Gefühlsdisposition im Innen angesiedelt ist und, absurd, aber wahr, ausschließlich nach Innen gerichtet sein will. Als seien Gefühle aus sich selbst heraus verstehbar.
Natürlich, sie lassen sich einordnen: sie sind mehr oder weniger gut oder schlecht. Selbst schlechte Stimmungen sind in sich selbst verliebt. Auch sie wollen um ihrer selbst willen geliebt werden. Vergeblich. Liebe, als Stimmungslage aufgefasst, erfordert Außenbezug, auch wenn sie, wie ich mit Proust meine, zuallererst Selbstliebe sein mag (WIF-DPB, 198f), was freilich den Objektbezug einschließt (aaO, 17f), dass heißt, die Liebe zu einem Gegenstand, der vom Gefühl besetzt wird. Auch Stimmungen sind von Absichten kontaminiert; sie möchten mitteilen und überzeugen, dazugehören. Sie brauchen das Objekt der Liebe, ob sie wollen oder nicht. Insofern verstummt das Subjekt nie vollständig.Selbst die selbstzerstörerisch nach innen gerichtete Melancholie kennt Impulse (Absichten), die sich in soziale Strukturen ergießen, um diese melancholisch zu befärben, als könne es ein verallgemeinerbares Lebensziel sein, sich dem Leben unentwegt zu verweigern.
Diese Stimmungslage einer latenten Verweigerungshaltung dem Leben gegenüber demonstriert die Melancholikerin Justine (Kirsten Dunst) im Film “Melancholia” (Regie: Lars von Trier) auf eindrucksvolle Weise; sie kann ihrer opulent-rauschenden Hochzeit innerlich nur wenig abgewinnen, viel weniger als es ihr innig sie liebender Ehemann Michael (Alexander Skarsagard) vermag, und entzieht sich dem Fest, wenn sich die Gelegenheit ergibt; z.B. bringt sie ihren Neffen ins Bett, liest ihm eine Gutenachtgeschichte vor und schläft darüber zusammen mit ihm ein, selbstvergessen, die Hochzeitsgäste ignorierend, ohne bösartige Absicht. Auch wenn auf diesem Fest Gefühle sich noch unvereinbar begegnen sollen, v.a. bei dem sich liebenden Brautpaar. Doch vorerst machen sich alle aufrichtig Sorgen. Michael und Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) bemühen sich liebevoll um sie; sie suchen sie; beide wissen um Justines Melancholie und wollen helfen, freilich auf unterschiedliche Weise.
Das Problem: wie ein Gefühl verhandeln, dass vornehmlich nach Innen gekehrt ist. Justine versucht einen konstruktiven Bezug zu einem Außen immer wieder zu finden; es gelingt ihr aber nicht wirklich. Der Melancholiker ist vielleicht doch nicht immer nur nach innen gekehrt. Auch er sucht den Kontakt, nur eben nicht auf die gleiche Weise wie der realitätstüchtige Nicht-Melancholiker, der sich mit der äußeren Welt im Reinen fühlt, so wie Michael, der von Justines Stimmung zwar nicht unberührt bleibt, aber sich nicht anstecken lässt; er erträgt es nur schwer, dass seine geliebte Justine mit der Welt: “seiner” Welt, nicht im Reinen ist. Also neigt er dazu, wenn’s schwierig wird, sie wie eine Kranke zu behandeln, ohne zu gewahren, dass die Kranke mit ihrer sogenannten Krankheit vielleicht nur auf eine krank danieder liegende und vollständig bedrohte Welt reagiert, denn siehe da, der Planet Melancholia, zehn mal größer als die Erde, rast auf die Erde zu und keiner will es wahr haben; Claire hat davon gehört, aber ihr Mann versichert ihr, es gäbe Berechnungen, denen man vertrauen könne, die beweisen, das Melancholia die Erde unmöglich treffen könne. Er wird die Wahrheit so lang es irgend geht vor der Realität verbergen.
Vergeblich. Die Unruhe der Pferde in den Stallungen sprechen eine andere Sprache, wie Justine, die vom heranrasenden Planeten nichts weiß, aber vielleicht doch schon reagiert?, angemessener als es der realitätstüchtige Rationalist es vermag? Wie dem auch sei; Michael glaubt die geeigneten Mittel zu kennen, um seine zukünftige Frau Justine aus ihrer Melancholie zu erlösen, während Claire, ihre Schwester, Justine zwar auch für krank und hilfebedürftig hält, aber anders als Michael weiß, dass sie mit ihrer “Krankheit” leben muss, um nicht zu sagen: Claire weiß, dass sie Justine zusammen mit ihrer Melancholie lieben können muss, wenn sie sie überhaupt lieben will.Ganz anders ihr Ehemann Michael. Er liebt sie, aber nimmt sie nicht ernst; er möchte sie erlösen, unbedingt, zwanghaft. Er sieht die Erlösung, de facto ein feindlicher Angriff gegen die Stimmung, in seiner Person verborgen, in seiner Liebe, die Berge versetzt, wie er glaubt, die er, wie Schleiermacher das religiöse Gefühl, ganz tief in seinem Inneren verspürt, als tief empfundenes Gefühl der Liebe zu Justine, die er ihrer Liebe freilich appliziert, ohne zu ahnen, was er mit dieser Geisteshaltung (einen Menschen zu programmieren) anrichtet: er verurteilt seine Liebe, weil unverhandelbar wie die Melancholie, dazu, Phantasie zu bleiben, also dem Innen nicht zu entrinnen, wiewohl seine Liebe auf einen Gegenstand verweist, den er aber mit seiner Liebe identifiziert (Identität von Innen und Außen => Außen als bloße Phantasie), so dass der Gegenstand der Liebe sich der Eigenschaft, verhandelbar zu sein, entzieht. Weil das so ist, darf Justines Art zu lieben keine Rolle spielen; denn sie gefährdet mit ihrer Art zu lieben Michaels Art zu lieben; es begegnen sich unverhandelbare Gefühle, die einander ausschließen, aufeinander zurasen, wie der Planet Melancholia auf die Erde. Die andere Art zu lieben wird als Bedrohung empfunden.
Vor allem Michael sieht das ganz klar, auch wenn er sich von der anziehenden Justine bezaubern lässt und die Annäherung sucht, mit der er freilich, anders als Justine, zugleich erlösen will. Justine soll sein wie er. Der Unterschied zwischen den beiden Arten zu lieben besteht darin, wie sie den Außenbezug generieren. Die Melancholie fühlt sich, weil weltverneinend, gegenüber dem Nicht-Melancholiker, der sich mit der Welt im Reinen fühlt, in der Defensive (dies nicht, jenes nicht, am liebsten gar nichts), und ist weit entfernt, den Nicht-Melancholiker von seiner Welt, die er liebt, zu erlösen. Das wäre zu viel Realitätsbezug. Das ist gegen unsere Welt gerichtet und deshalb zutiefst human.Die Melancholie will zwar nicht erlösen, aber doch befärben, einen Ton hineinbringen, der sich, natürlich, mit dem des Nicht-Melancholikers vermischen würde, ohne dass die Melancholie es bewusst beabsichtigt.
Die Melancholie hat Ansichten, aber beabsichtigt nichts. Sie hat Kontakt, aber sie sucht ihn nicht. Während der Nicht-Melancholiker nicht davon lassen will, den Melancholiker zu erlösen, indem er überfärbt, überschreibt, appliziert, programmiert, abrichtet. Eine Erlösung, die er in seiner Person ansiedelt; die Person erlöst, weil sie sich überlegen: mit der Realität im Reinen, fühlt; das Reine soll der geliebten Person appliziert werden; sie soll realitätstüchtig umprogrammiert werden, kurzschlüssig. Die eine Person soll werden, bzw. fühlen wie die andere, als gäbe es tatsächlich so etwas wie einen Verschmelzungsvorgang zwischen zwei Menschen in der Liebe. Die Kurzschluss-Methode wird aus der Bestandsregung heraus generiert; sie liegt, verbunden mit stark und authentisch empfundenen Liebesgefühlen, tief in Michaels Person vergraben; diese Gefühle gräbt er aus und verwandelt sie mit Hilfe seiner Liebesfähigkeit in liebevolle Blicke und Gesten, die er auf seine Geliebte richtet, um sie in einen siebten Himmel zu versetzen; er, der Realitätstüchtige, setzt ganz auf das Gefühl, freilich ohne es als verhandelbar zu begreifen. Weil Michael seine zukünftige Frau Justine wahrhaftig und authentisch anschaut. Ein wunderschöner Objektbezug, der sich freilich an der Realität nicht bricht. Damit kann Michael seine Justine tatsächlich beruhigen und, mehr noch, dazu bringen, dass ihre Melancholie so etwas wie einen aktiven Bezug zu äußeren Welt sucht: Justine lässt sich auf die äußere Welt, auf Michael, ein. Freilich nur bis zu dem Zeitpunkt, wo sich sein Liebesgefühl in einen durch körperliche Berührungen angestachelten lüstern-euphorischen Blick verwandeln. Er wähnt seine Sexualität, pure Körperlichkeit, als die Erlösung. Sie verlässt den Innenraum unmittelbar praxiswirksam, um Realitätsbezug zu programmieren; der lüsterne Blick verselbständigt sich freilich; er fordert Ergebnisse: Sex ohne Verzug, weil er sich als die Erlösung weiß.
De facto wird die Verbindung der Realität zum Innenleben der Liebe überdehnt und zerreist; vor allem der Kontakt zum Innenleben des Gegenüber geht verloren. Der Gegenstand (der Liebe): der lüstern-fordernde Blick entzieht sich jeglicher Kommunikation. Er ist nicht verhandlungsfähig, wiewohl er sich gegenständlich präsentiert.Nicht nur dass Michael, welch eine Anmaßung, nicht nur nicht zu erlösen vermag, im Gegenteil, er (und nicht Justine) führt den Bruch zwischen Justines Melancholie und seiner Art, realitätstüchtig zu lieben, herbei. Solche Brüche, treten sie nur oft genug auf, sind vermutlich dazu angetan, psychotische Symptome zu befördern, vielleicht auszulösen, so dass der Melancholiker in eine Welt versinkt, die der liebeskranke Michael nun überhaupt nicht mehr versteht, wenn man überhaupt von verstehen sprechen kann; man muss wohl eher von akzeptieren sprechen, was nicht bedeutet, dass man etwas, was in der Welt der Fall ist, tatsächlich und erschöpfend verstehen würde; im Sinne von “erklären können”.
Gar nichts ist erklärbar; nur akzeptierbar; der Liebe zugänglich, gerade weil man akzeptiert, ohne erschöpfend erklären zu können. Nunmehr kann Michael nicht mehr verstehen, was aber nur bedeutet: er kann nicht akzeptieren. Dann darf das liebeskranke Realitätsprinzip, das immer schon alles weiß, bevor es auf etwas stößt, auch mal traurig sein und sagen: tragisch, aber er, Michael, habe es immer schon gewusst und nie wahrhaben wollen, dass Justine nicht zu ihm passt. Das sagt er jetzt noch nicht; aber er wird es bald sagen, ohne jetzt schon zu wissen, dass er es sagen wird. So lange Justines Verhaltensauffälligkeiten im gewohnten Rahmen verbleiben, mag sich der anpassungstüchtige Michael nur fragen und, weil nicht erklärbar, nicht verstehen, wieso sich seine geliebte Justine gegen seine sexuellen Bedürfnisse denn wehre, wo er es doch gut meine und das machen möchte, was jeder “normale” Mensch mache? Liebe in der Hochzeitsnacht. Nur dass er nicht versteht, dass die Melancholie durch Sex nicht erlöst werden, sich mit der normalen Welt nicht gemein machen möchte: noch dazu durch einen Sex, der sich der melancholischen Stimmung gegenüber verselbständigt, während der Sex zur Allerwelts-Stimmung des Nicht-Melancholikers völlig unproblematisch dazu gehört.
Der Realitätstüchtige kann sich nicht vorstellen, dass man jemanden lieben kann, ohne Sex haben zu wollen. Nur dass Sex und Liebe nichts miteinander zu tun haben. Der eine giert; der andere will nicht. Na und? Geht nicht, sagt die Regel: Liebende machen Sex; etwas anderes versteht – oder besser: akzeptiert – die Regel nicht; so spricht der Machtbesessene, der instrumentalisiert bis hin zum Missbrauch, zur sexuellen Nötigung, und es noch gut meint, sich ggf. ungerecht behandelt fühlt, wenn man ihm Missbrauch vorwirft. In dieser Perspektive ist es falsch zu sagen, dem, der nötigt, ginge es nur um Macht und nicht um wirkliche Gefühle. Sie vermögen sich nur zu verwandeln in der Verschiebung des Gefühls im Objektbezug. Das bedeutet, auch der Machtbesessene vermag zu lieben, zu fühlen, zu verführen bis hin zur Feinfühligkeit, nur dass er eben den Außenbezug der Liebe, den verhandelbaren Gegenstand, verwandelt in einen Gegenstand der Verheißung (im siebten Himmel), und ihn dergestalt für vollkommen unproblematisch hält, weit entfernt, den Gegenstand (seines Gefühls) für einen wirklichen und bodenständigen Gegenstand zu halten, über den man verhandelt im Interesse einer strukturbildenden und daher sozialverträglichen Liebe. Und weil es nichts zu verhandeln gibt im siebten Himmel, der alles unproblematisch so sieht, wie es sein muss: nämlich regel-gerecht, ist der Bruch unausweichlich.
Er wird von der Regel – nicht von der Störung: der Abweichung von der Regel – sozialunverträglich in die Welt gesetzt, regel(ge)recht inszeniert, möglichst hinter dem Rücken der Beteiligten, damit diese sich am Ende alle einig sind gegen die Störung, auf dass sie möglichst geräuschlos entsorgt werde. Zuweilen lassen sich Geräusche nicht vermeiden. Dann nimmt man sie in Kauf. Schlimmer: der machtbesessenen Politiker möchte, so steht zu befürchten, dass Autos und Banken brennen, um sich als Feuerwehr aufzuspielen. Er ist es, der den Brand legt, um ihn dann martialisch zu löschen.Ausgangspunkt der Misere ist die Art zu lieben oder mit Gefühlen im Projektionsmodus umzugehen; zu sagen “ich will” heißt nie, dass der andere in gleicher Weise will oder überhaupt will. Verstehen heißt nicht “übereinstimmen”.
Das macht Verhandlungen zwingend. Verhandlungen immer wieder über die gleichen Gegenstände. Was heute wahr ist, ist am nächsten Tag anders, vielleicht gar nicht mehr wahr. So hat man früher nicht gedacht, vielleicht nicht denken können, verbunden mit einer bestimmten Lebensweise, orientiert an universalen Wahrheiten, die das Regelative verbürgten. Das ist heute nicht mehr möglich. Universale Wahrheiten helfen nicht mehr weiter, um soziale Strukturen ausbilden zu können, die sich selber zu tragen vermögen, vorausgesetzt, Kommunikation wird nicht verweigert, z.B. indem man einen Bruch in der eben beschriebenen Weise inszeniert.
Ein Gefühl verhandeln? Niemals. Das wäre ein Sakrileg gegenüber dem Gefühl, das Schleiermacher in seinen “Reden über die Religion” mit einem religiösen Gefühl – dem Gefühl der Gefühle – identifiziert, mit dem Glauben nicht an Gott, sondern dem Glauben an das Religiöse schlechthin. Damit macht er das Gefühl unangreifbar, unverhandelbar. Verhandelt zu werden möchte sich das Gefühl nicht bieten lassen. In diesem Sinne hat Michael sich für Justine nicht interessiert und daher ihre Gesten und ihr Abwehrverhalten nicht zu verstehen (zu akzeptieren) vermocht, weil er ihre Welt, sich der herrschenden Welt zu verweigern, nicht akzeptiert. Er liebt ihre sexuelle Ausstrahlung, was legitim wäre, wenn er die Liebe nicht auf Ausstrahlung, mithin Gesten, die für pure Gefühle stehen, reduzieren würde, was er macht, wenn er glaubt, mit seinem Sex: seiner sexuellen Ausstrahlung und Praxis, von Störungen (“falschen” Gefühlen) zu erlösen, bzw. Justine dazu zu bringen, über (seinen) Sex in die Welt zurückzufinden, nur um nicht mit ihrer Störung leben zu müssen; gar von der Störung befärben zu lassen. Seine Realitätstüchtigkeit, seine Leistungsfähigkeit wären bedroht; dabei wäre eine kleine Geste der Zugehörigkeit, eine bloße Umarmung, vermutlich angemessen; aber schon diese Zurückhaltung wird als Bedrohung empfunden. Nicht der Sex ist das Problem, sondern dass er abverlangt wird, erträgt Justines Grundstimmung nicht, die sich gar nicht gegen Personen als solche, ja noch nicht einmal gegen ihre Hochzeit richtet, sondern nur gegen Menschen, die sie aus ihrer Grundstimmung herausreißen wollen, ob nun mit Sex oder anderswie, ist völlig gleichgültig.
Die (negative) Grundstimmung möchte vor allem eines nicht: erlöst werden. Die Befreiung von der Melancholie? Unmöglich. Zumal die Welt um sie herum sie nicht erträgt; sie erträgt nicht, dass Verweigerungshaltungen (aus)gelebt werden wollen. Dennoch, eine kleine (körperliche) Geste hätte vermutlich gereicht, nicht um von der Störung zu erlösen, aber um den vollständigen Bruch der Störung mit der Welt zu verhindern, Justine in der Realität zu belassen mit ihren anmaßenden Regeln und Konventionen, die den Einzelnen, ja selbst den angepasstesten Nicht-Melancholiker überfordern; in einer Welt, in der die Störung (in Gestalt des Rückzugs, des Welt-Entzugs) zum Leidwesen der Störung nicht gut gelitten ist; es mag absurd klingen, aber die Regelwidrigkeit möchte von der Regel anerkannt werden, dafür lässt sich die Regelwidrigkeit auf die Regel ein, aber nicht umgekehrt, die Regel auf die Regelwidrigkeit.
Die Regel begreift nicht, dass es den vollständigen Weltentzug nicht gibt und führt ihn, den Bruch herbei, um am Ende Recht zu behalten. Also werden Autos, Banken, ja ganze Städte brennen, weil die Regel es will: eine Welt-Verneinung der schlimmsten Sorte.Vertun wir uns nicht. Die Melancholie (die Störung, das Unwägbare, das Regelwidrige) ist in die Welt durchschaubarer, regelgerechter Intentionalitäten und Zwecke eingelassen, allerdings zum Leidwesen der Regel. Das bedeutet, Intentionalitäten und Zwecke mögen, noch viel mehr als Sinn oder (Grund-)Stimmungen, über den Regelbegriff eindeutig identifizierbar sein, aber diese Eindeutigkeiten gehören ins Reich der Vorstellung, die sich an der Praxis bricht, spätestens dann, wenn es zum Bruch kommt, die von der Regel selbst herbeigeführt wird, weil die Regel es nicht erträgt, nur eine Vorstellung zu sein, über die wir immer nur Vermutungen anstellen können (ist die Regel, tatsächlich richtig, trotzdem sie anerkannt ist?), wie gesagt nicht deshalb, weil Vorstellungen (Absichten) nicht identifizierbar wären; sie gehören aber dem Innenleben an, aus dem heraus sie Zeichen absondern, die erst dann, nachdem sie den Innenraum verlassen haben, identifizierbar werden, 1:1-identifizierbar im Sinne einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion (Kap.14.4.4), da wir, auch wenn wir es im Interesse unserer Realitätstüchtigkeit ständig tun, von einer Identität zwischen Innen und Außen nicht ausgehen können, im übertragenden Sinne zwischen dem, was ein Autor sagt (an Zeichen abgesondert hat), und dem, was er vielleicht (innerlich) meint und dem Gesagten (noch) nicht zugeschlagen hat; jetzt, im Augenblick, wo etwas gesagt, bleibt etwas zurück, das Ungesagte, das meint; welches dem Gesagten schnell noch etwas hinzufügen möchte, am liebsten unverzüglich am Rederecht vorbei.
Doch muss das Ungesagte zuweilen warten. Warum auch nicht? Es gibt ja noch ein Morgen oder Übermorgen. Im Hinblick auf ein Morgen oder Übermorgen sind Innen und Außen immer wieder auf (vermeintliche) Identitäten oder Differenzen zu überprüfen, was grundsätzlich eine Differenz zwischen Innen (Vorstellung) und Außen (Gegenstand der Vorstellung) einschließt, die ebenso grundsätzlich nicht einholbar ist und für allerhand Spannung – auch negative Gefühle – im Leben sorgt, die es gleichwohl zu verhandeln gilt.Spannung, soll sie sich nicht krankhaft nach Innen richten, wie das Schleiermacher und die u.a. von ihm vorbereitete spätere Romantik mit ihrer Leerbegriffs-Strategie (Nation, Volk, Rasse, etc.), aber auch wir noch praktizieren, macht Kommunikation in Rede und Gegenrede notwendig, vorausgesetzt, die Diskursteilnehmer sind nicht konfliktscheu und halten Spannungen aus, verbunden mit negativen Gefühlen, die als verhandelbare Ressource der Verständigung entscheidend dazu gehören und deshalb ausdrücklich akzeptiert werden müssen; andernfalls würde der kommunikative Prozess ausdünnen, banal und trivial werden, kurzum sterben, bis es zum Bruch kommt, der, wie eben beschrieben, von der Regel ausgeht ist und inszeniert wird. Wiewohl es den Anschein hat, als würde die Melancholikerin Justine den Bruch herbeiführen. Von den Tatsachen her ist das nicht zu bestreiten. Sie nimmt sich einen ihrer Hochzeitsgäste, ihren zukünftigen jüngeren Arbeitskollegen, den sie auf ihrer Hochzeit kennen gelernt hat, zieht ihn auf den anliegenden Golfplatz, um ihn dort hell erleuchtet und zum Entsetzen des liebeskranken Bräutigams abzureiten. Eine Fehlfunktion, wie Detel in ”Geist und Verstehen” in einem vergleichbaren Zusammenhang vielleicht sagen würde: er bringt, konfliktscheu, immer nur Beispiele, die in sein triviales Weltbild passen. Fehlfunktionen zerstören “alles”, sie verschließen Türen für ein zukünftiges Leben. Völlig unverständlich, Justines Verhalten, nicht nachvollziehbar, nicht kommunizierbar, nicht verhandelbar.
Die Melancholie sieht sich vollständig zurückgeworfen auf sich selbst, ohne die Spur von “verstehbaren” Außenbezug, ohne es freilich zu beabsichtigen, mit bösen Folgen, etwas, was die Melancholie nur scheinbar will, bzw. sie weiß nicht, dass sie den vollständigen Bruch will; sie liefert dem Bräutigam freilich einen wohlfeilen Grund, den Bruch zu inszenieren. Dennoch, nicht sie verlässt den Bräutigam, sondern der Bräutigam, um Orientierung bemüht, maschinell, aber regelkonform reagierend, verlässt sie. Was zuviel ist, ist zuviel: Sex auf eine Weise, der das Sozialgefüge zerstört. Eine versöhnende Umarmung, würde die Regel sagen, ist nicht mehr angemessen, vielleicht um die Regelwidrigkeit einmal mehr zurückzuholen ins Reich der Regeln und Konventionen, einer sogenannten regulativen Macht, die angeblich nicht repressiv ist, so Detel in DEW-GuV (224f).
Fragt sich nur, für wen nicht repressiv. Fest steht, dass die Macht in Gestalt eines Regelsystems ohne Einbeziehung der Unwägbarkeit der Störung nicht in der Lage ist, zu überleben; deshalb wird sie und nicht die Störung, angesiedelt ohnehin auf der erdabgewandten Seite des Mondes, den endgültigen Bruch herbei führen, und daher ist die Regel auch weit entfernt davon, einen Beitrag für sich selbst tragende soziale Strukturen zu leisten; das gelingt nur, wenn der kommunikative Prozess nicht (nachhaltig) unterbrochen wird, sondern ggf., und sei es nur sprachlos in Gestalt einer Geste, weitergeführt oder offen gehalten wird, vielleicht mit einer Geste, die (ganz wichtig für die schlechte Stimmung) das negative Gefühl als verhandelbare Ressource der Verständigung sprachlos einschließt, resp. problematisierend denkt, und damit über die unproblematische Feststellung von Banalitäten und Trivialitäten (wir brauchen Regeln!) hinausgeht; ich meine Feststellungen von Banalitäten ganz im Geiste von Detels “Geist und Verstehen” (DEW-GuV) als da sind: die soziale Realität ist als Regelsystem beschreibbar; die Regel macht Leben möglich, etc.; ja, und dann kann das Leben so schön sein, wenn alle es nur wollen und regelgeleitet mitmachen, am besten im Gleichschritt, weil wir uns so gut verstehen, besser als es die Tiere vermögen; lasst uns, anders als die Tiere, die Welt verstehend genießen, was möglich ist, wenn wir ihre Regeln verstehen und befolgen; wir haben nur die eine Welt; dafür müsse es Regeln geben, denen wir uns unterordnen, um diese eine Welt für uns alle zu bewahren; wir haben es uns verdient. Doch auf der Basis welcher sozialen Strukturen, die es heute de facto gar nicht mehr gibt. Nicht weil keiner mehr Regeln befolgt, sondern weil wir das Regelwidrige, die Störung, nicht als verhandelbare Ressource zu verhandeln, bzw. zu kommunizieren in der Lage sind.
Das Regulative zu betonen ist trivial, vor allem nicht strukturbildend, sondern setzt Strukturen als gegeben voraus, die nur noch verbraucht und abgelebt werden, sofern es sie überhaupt noch gibt, und ihr Fehlen das Subjekt nicht in die innere Emigration oder in die Melancholie treibt, gezwungenermaßen, weil mittlerweile alles abgetrieben worden ist, mithin Autoritäten, die de facto für einen Status-Quo sozialstruktureller Erosionen stehen, nicht mehr ernst genommen werden können. Man schaue nur, wie unsere Elite mit der Finanzkrise umgeht.
Den Vogel schießt zur Zeit Steinbrück, der zukünftige Kanzlerkandidat der SPD, ab. Das, was ein völlig verängstigter Bürger aus der Finanzkrise gelernt haben könnte, entwickelt er nicht weiter, sondern lässt es laut Welt Online in einem Satz in sich zusammen fallen:“Aufgabe der Politik sei es”, so gibt Welt Online Steinbrück wider, “den Menschen zu erklären, dass Deutschland von der weiteren Integration Europas profitiere.”
Das bedeute, so Steinbrück wörtlich: “Natürlich müssen die Deutschen zahlen.” Aber das Geld sei gut investiert „in unsere und die Zukunft Europas, in Frieden und Wohlstand.” Daraufhin schrieb ein sichtlich erboster Bürger: “Der größte Mist, den ich je aus dem Halse eines Politikers gehört (gelesen) habe. Mir fällt nur eins ein: Herr Steinbrück, erklären sie uns nicht für verblödet. Sie können mir nicht wirklich ernsthaft erklären wollen, warum wir für Frieden und Wohlstand Kohle für Schuldenländer zahlen sollen.” (WOL-026)Steinbrück plädiert für einen Länderfinanzausgleich auf europäischer Ebene. Schön und gut. Dieser ist freilich auf der Basis völliger Überschuldung aller europäischen Staaten nicht praktikabel. Er funktionierte für Deutschland bis in die 1970er Jahre hinein, weil es keine Überschuldung gab und wir nicht wussten, wohin mit dem Geld. Mit der Rentenreform (1957) lief das ähnlich. Adenauer führte die bruttolohnbezogene Rente ein. Das musste er, weil er nicht wusste, wohin mit der aufgelaufenen Kohle. Was lernen wir aus der Geschicht? Der Spießer im Bürger (das Kapital) kann nur zerstören, nichts erhalten, weil der Bürger (aus einem schlechten Gewissen heraus) die Regel fetischisiert und vermoralisiert, so dass man meinen könnte, die Regeln (der Kapitalverwertung) seien mit Gefühlen und Leben begabt. Steinbrück fetischisiert eine Regel: den deutschen Länderfinanzausgleich, bis zum Abwinken.
Sind Strukturen am Ende vollständig abgetrieben, bleibt nur noch die Passivität des Subjekts, wenn man so will, sein Tod, der dem Subjekt von der Regel aufgedrängt wird. Der (politische) Tod ist von der Regel durchaus gewollt, hat man doch nicht das Subjekt und sein Status als Einzelwesen im Auge, das sich eben nicht vornehmlich über die Fähigkeit definiert, eine Regel zu befolgen, also ein braves Subjekt zu sein, um die Welt zu retten.