Maos liebste Europäer
von Rudolf Müller, Dietmar Klein (DDR 1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
»So haben zum Beispiel die Besuche von Franz Josef Strauß, die er im Januar und im September 1975 in China absolvierte, der Weltöffentlichkeit noch einmal vor Augen geführt, dass Peking seit einigen Jahren zum Mekka der westdeutschen Reaktion und der notorischen Entspannungsfeinde geworden ist, die sich gegenseitig in China die Klinke in die Hand geben.
In der Reihe der China-Pilger sah man solche markanten „Politiker der Stärke“ wie den ehemaligen englischen Premierminister Edward Heath – der zweimal binnen kurzer Zeit von Mao Tse-tung empfangen wurde – und den stockreaktionären US-Senator Henry Jackson. Diese „Verständigung der Herzen“ tat sich besonders bei den kurz aufeinanderfolgenden Besuchen von Strauß in China im Jahr 1975 kund und war ein alarmierender Ausdruck weitgehender politischer und militärischer Übereinstimmung.
Peking kennt „keine Probleme“ bei der Wahl seiner Lieblinge, wenn es darum geht, Verbündete gegen die Sowjetunion, gegen die internationale kommu- nistische Bewegung und deren Friedenspolitik zu suchen. -
Findet man schon nichts dabei, mit der chilenischen faschistischen Junta zu paktieren, warum sollte man Strauß – dessen politische Ansichten auch in Peking seit langem bekannt sind – nicht liebevoll als engen Verbündeten in die Arme schließen? Und so geschah es dann auch.
Zu einem Zeitpunkt, als sich Bonner Politiker aller Parteien noch um die „Ostpolitik“ stritten, hatte Strauß schon längst die chinesische Karte gezogen. Bereits 1968 hatte er sich in seinem Buch „Herausforderung und Antwort. Ein Programm für Europa“ eifrig und leidenschaftlich als Initiator einer Achse Bonn – Peking hervorgetan. Und so ist es kein Zufall, dass die Pekinger „Renmin Ribao“ auf Seite 1 mit Schlagzeilen über die Begegnung Mao – Strauß berichtete, die die Aufmachung über das Treffen Mao – Nixon bei weitem übertrafen.
So nimmt es dann auch nicht wunder, dass sich im trauten Verein mit der unheiligen Allianz der Entspannungsgegner in der kapitalistischen Welt die Pekinger Führer in den Gesprächen mit Strauß erneut für die weitere Stärkung des aggressiven NATO-Bündnisses, für die „Wiedervereinigung Deutschlands“, für eine politisch und militärisch starke westeuropäische Union, gegen die abgeschlossenen Verträge, gegen die bestehenden Grenzen und gegen alle realistischen Elemente in der Politik anderer westeuropäischer Staaten aussprachen. Berauscht von seiner „Erfolgsreise“ erklärte der CSU-Vorsitzende Strauß nach seiner Rückkehr aus China im Januar 1975 in einem Interview: „Wir haben mit dem Staate Maos keinerlei politisch aktuelle oder latente offene oder versteckte Gegensätze.“
Bezeichnend für die Rolle von Strauß war sein besonderes Interesse für militärische und militärpolitische Fragen in China. „Sicher in dem Bewusstsein, seine Schularbeiten gemacht zu haben“, wie ausländische Zeitungen diese Szene beschrieben, inspizierte Strauß in Begleitung hoher Militärs verschiedene Bunkersysteme und andere militärische Anlagen, so die der 196. Infanteriedivision bei Tianjin, und nahm voller Begeisterung an Manövern teil. Leutselig stellte Strauß sich den Angehörigen der Armee als „Kamerad“ vor: „Ich war selbst zwölf Jahre Soldat, sechs Jahre in der Wehrmacht, sechs Jahre als Minister.“
Ein makabres Schauspiel lieferte der CSU-Boß jedoch, als er an einer Übung der „Volksmiliz“ im Dorf Qiao Chanhe, nördlich von Peking, teilnahm. Strauß und seine Frau klatschten wie wild Beifall, als sechs- bis siebenjährige Scharfschützen der „Volksmiliz“ stolz die von ihren Schüssen zerlöcherten Zielscheiben vorwiesen. -
Man muss es noch einmal unterstreichen: Der Vorsitzende einer christlichen Partei in der BRD applaudierte Kindern, die man, benebelt vom Antisowjetismus, das Töten lehrt! Eine Entgleisung? Nein, ein politisches Programm!
Abschließend zu diesem Komplex anstelle einer weiteren Kommentierung der Verbrüderung zwischen der BRD und dem maoistischen China unserer Tage die Schlagzeile der neofaschistischen „Nationalzeitung“ aus München, die bereits am 11. Oktober 1974 – anlässlich des Besuches des heutigen [damaligen] Außenministers der VR China, Qiao Guanhua, in Bonn – auf Seite 1 des Blattes veröffentlicht wurde: „Es lebe die deutsch-chinesische Freundschaft!“«
[Fortsetzung folgt.]
Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Chinas liebster Europäer.