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Maoisten im „Bremserhäuschen“

von Rudolf Müller, Dietmar Klein (DDR 1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

»Seit 1950 hatten die sozialistischen Län- der, insbesondere die Sowjetunion, beharr- lich in jeder UNO-Vollversammlung die Wie- dereinsetzung der VR China in ihre legiti- men Rechte gefordert.

Kein Wunder, dass viele Staaten bei der Be- grüßung der chinesischen UNO-Delegierten am 15. November 1971 am East River die Hoffnung äußerten, dass China einen eigenstän- digen positiven Beitrag bei der Verwirklichung der vor dem Weltforum stehenden Haupt- aufgaben leisten werde. Tatsache ist jedoch, dass die VR China in diesen vier Jahren bei fast jeder Abstimmung im „Bremserhäuschen“ sass.

Während von Pekinger Führern in den sechziger Jahren die These des „Zwei-Fronten-Kampfes“, gegen den USA-Imperialismus und gegen den „modernen Revisionismus in der Sowjetunion“, in den Vordergrund gestellt wurde, sind sie in den letzten Jahren von dieser Strategie abgegangen und haben nachdrücklich und ohne Tarnung die UdSSR zum Hauptfeind erklärt.

Von diesem Zeitpunkt an wird erneut die vor Jahren von einigen imperialisti- schen Ideologen erfundene These von den „zwei Supermächten“ über Gebühr strapaziert.

Von der Tribüne der VI. UNO-Sondertagung zu Fragen der Rohstoffversorgung aus offenbarte Deng Xiaoping den erstaunten Zuhörern, dass das sozialistische Weltsystem aufgehört habe zu existieren. Nach dem zweiten Weltkrieg hätte es einige Zeit bestanden, wäre aber ebenso zerfallen, wie der imperialistische Block im Westen.

Was ist der politische Hintergrund für die „These“, dass das „sozialistische Lager nicht mehr existiert“? Mit dieser Behauptung verfolgen die Maoisten erstens das Ziel, China von jeglichen Verpflichtungen – und seien sie auch nur moralischer Natur – gegenüber dem sozialistischen System zu entbinden. Und zweitens soll damit die Anwendung jeglicher Mittel im Kampf gegen die Sowjetunion und gegen die Gemeinschaft der sozialistischen Länder vor der Weltöffentlichkeit und vor dem eigenen Volk gerechtfertigt werden. -

Deshalb bemühen sie sich krampfhaft, eine „Einheitsfront“ gegen die Welt des Sozialismus zusammenzuzimmern, gewissermaßen ein Sammelbecken für alles Reaktionäre unserer Tage, von ganz rechts bis zu den äußerst „linken“, extremis- tischen Kräften. -

Weiter stellte Deng Xiaoping die Behauptung auf, dass es auf dem Erdball zu „scharfen Differenzierungen“ und Umgruppierungen gekommen sei, die dazu geführt hätten, dass sich angeblich „drei Welten“ herausbildeten. Erneut wurde von diesem ranghohen chinesischen Politiker [Deng Xiaoping] der „spezielle Taschenspielertrick“ strapaziert, und – im völligen Widerspruch zur sozialökonomischen Wirklichkeit – die UdSSR und die USA wurden auf eine Stufe gestellt.

Zur „ersten Welt“ werden die „UdSSR und die USA“ gezählt. Zur „zweiten Welt“ zählt man alle anderen kapitalistischen und sozialistischen Staaten, vorausge- setzt, sie sind industriell hoch entwickelt. Und zur „dritten Welt“ soll schließlich die große Gruppe der „armen“ Länder, die Entwicklungsländer Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, gehören.

Es versteht sich von selbst, dass das maoistische China sich zur „dritten Welt“ zugehörig fühlt, als ein schlichtes, anspruchsloses „Entwicklungsland“ – allerdings mit der zahlenmäßig stärksten Armee der Welt, mit einem Militärbudget von fast 40 Prozent seines Staatshaushaltes, mit Wasserstoffbomben und Trägerraketen, mit Satelliten im Weltall. -

Aus diesem „Weltbild“ „verschwindet“ faktisch der Imperialismus ebenso wie der Sozialismus. Solche willkürlichen Konstruktionen demonstrieren deutlich den Bruch mit jedem Klassenstandpunkt, mit jeder revolutionären Position.«

Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Pekings Rolle in der UNO.