Maoisten aus der reaktionären Küche
von Rudolf Müller, Dietmar Klein (DDR 1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
»Im November 1973 erklärte Tschou En-lai, dass China „das Ziel, die deutsche Einheit zu erreichen, unterstützt“. Peking solidarisierte sich somit mit den reaktionärsten Kreisen der BRD, die wie das Organ der DKP „Unsere Zeit“ hervorhob, mit Hilfe der Formel von der „Einheit Deutschlands“ versuchten, „die sozialistische DDR zu liquidieren“ und „den Sozialismus auf deutschem Boden zu vernichten“.
Die Maoisten versuchen, die revanchistischen Tendenzen bestimmter reaktionärer Kräfte zu schüren, und treten gegen die Unantastbarkeit der in Europa entstandenen Staatsgrenzen auf. Im Juni 1973 erklärte der damalige Außenminister der VR China, Qi Pengfei, dass, „obwohl seit dem zweiten Weltkrieg 28 Jahre vergangen sind, auf der Erde noch immer Durcheinander und Unordnung herrschen“. -
Im Mai 1973 behauptete Tschou En-lai, dass „der zweite Weltkrieg eine ganze Reihe von Problemen zurückgelassen hat, die gelöst werden müssen“. In einem Gespräch mit Vertretern führender BRD-Konzerne verstieg Tschou En-lai sich zur Behauptung, er „kenne kein Kaliningrad, sondern nur ein Königsberg“.
Die gesamte Philosophie der chinesischen Außenpolitik in Europa ist einfach: Das, was für die sozialistischen Länder nützlich ist, ist schlecht, und das, was diesen schadet, ist gut. Die Maoisten, die sich von dieser, mit Verlaub zu sagen, „Philosophie“ leiten lassen und in einem Gespann mit den westdeutschen Reaktionären gehen, schwimmen indes offenbar gegen den Strom, handeln der Forderung der Zeit zuwider. [1975]
Zum erklärten „Feind Nr. 1" wurde nach der „Kulturrevolution“ der „sowjetische Sozialimperialismus“. Die USA wurden nunmehr offen als Partner betrachtet, mit dem man eine Allianz zur Bekämpfung der sozialistischen Gemeinschaft einging.
Unverhohlene „Verbitterung“ lösten bei der chinesischen Führung die Verhandlungen über die Reduzierung der Streitkräfte und Rüstungen in Mitteleuropa aus. Anfangs sprach sich Peking gegen die Idee der Verhandlungen zu dieser Frage aus. Aber bekanntlich zeitigten derartige „Ratschläge“ kein Ergebnis. Daraufhin versucht jetzt die Pekinger Führung, die Vorschläge der sozialistischen Länder bei den Verhandlungen in Wien vor der Weltöffentlichkeit in Misskredit zu bringen.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Gespräch des amerikanischen Journalisten Sulzberger mit Tschou En-lai, Ende Oktober 1973. Tschou erklärte, dass er, während er früher gegen die NATO war, jetzt diesen Block aufruft, „stark zu bleiben“, da er zu einem „Verteidigungsbündnis gegen den aggressiv gewordenen Warschauer Pakt“ wurde. -
Kein Wunder, dass die „New York Times“ in ihren Spalten berichten konnte: „China ist in unseren Tagen ein eifrigerer Anhänger der NATO als einige Mitglieder dieses Bündnisses.“ NATO-Generalsekretär Luns ging sogar so weit, zu sagen, dass China „einer der besten Freunde der NATO ist.“
Diese abenteuerliche Generallinie in der maoistischen Außenpolitik wird gegenwärtig durch einen weiteren gefährlichen Wesenszug gekennzeichnet.
In provozierender Weise versuchen die Maoisten in den letzten Jahren – besonders seit dem X. Parteitag der [antikommunistischen] KP Chinas – der friedliebenden Menschheit den Gedanken an die Unvermeidlichkeit eines dritten Weltkrieges aufzuzwingen. Man begnügt sich also nicht mehr damit, die Kriegspsychose in China selbst anzustacheln, sondern nutzt vor allem jede Gelegenheit, auf dem diplomatischen Parkett zu erklären, dass „jede Generation ihren Krieg“ brauche.
Tschou En-lai behauptete auf der 1. Tagung des IV. Nationalen Volkskongresses nicht zufällig, dass „es in dieser Welt keine Entspannung gibt ...“.
Am 22. Juli 1975 publizierte die japanische Tageszeitung „Sankei Shimbun“ in einem Bericht über ein Treffen von Deng Xiaoping mit japanischen Journalisten einen Ausspruch, der hinsichtlich seiner zynischen Offenheit kaum zu überbieten ist. Dieser ehemalige Generalsekretär der KP Chinas, nach der „Kulturrevolution“ verstoßen und als Zwangsarbeiter „in die Wüste geschickt“, inzwischen jedoch auf der politischen Stufenleiter Chinas wieder zum dritten Mann im Staat aufgerückt, äußerte sich wie folgt: „Einige Leute mögen in diesem Krieg sterben, aber sogar das wird es leichter machen, die Probleme der unterdrückten Nationen und Menschen zu lösen, und das ist nicht unbedingt schlecht.“ [Deng Xiaoping]
Es liegt auf der Hand, dass Mao und seine Anhänger nicht so sehr an eine eigene Beteiligung an einem neuen Weltkrieg denken. Vielmehr spekulieren sie auf einen militärischen Zusammenstoß zwischen den USA und der UdSSR. Diese Linie zeigte sich schon in ihrer gesamten Indochina-Politik und ist auch gegenwärtig [1975] nicht zu übersehen. Ihr erklärtes Ziel ist es, wie bereits dargelegt, bei einer atomaren Kriegskatastrophe im Sinne einer alten Weisheit der chinesischen kaiserlichen Diplomatie und Mythologie den „weißen Affen“, das heißt den „lachenden Dritten“, zu spielen.
Ungelöste Probleme, offene Grenzfragen, eine starke NATO in harter Konfrontation mit den Warschauer Vertragsstaaten – das ist nach Meinung der Pekinger Strategen der richtige Zündstoff in Europa. Ein militärischer Konflikt auf diesem Kontinent wäre so recht nach dem Geschmack der Maoisten, das wäre ein Feuer, an dem sie sich selbst die Hände wärmen könnten.«
[Fortsetzung folgt.]
Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Argumente aus der reaktionären Küche.