Skip to main content Skip to page footer

Luther und der Protestantismus

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Von Friedrich Engels:

Engels: Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent. II. Deutschland und die Schweiz
(Ende Oktober bis Anfang November 1843)

»Deutschland hatte seine Sozialreformer schon zur Zeit der Reformation.

Bald nachdem Luther begonnen hatte, für die Kirchenreform zu agitieren und das Volk gegen geistliche Herrschaft aufzuwiegeln, erhob sich die Bauernschaft Süd- und Mitteldeutschlands in einem allgemeinen Aufstand gegen ihre weltlichen Herren.

Luther erklärte stets, sein Ziel sei die Rückkehr zum ursprünglichen Christentum in Lehre und Leben; die Bauern wollten das gleiche und forderten deshalb die Erneuerung des Urchristentums nicht bloß in der Kirche, sondern auch im gesellschaftlichen Leben. Sie hielten den Zustand der Leibeigenschaft und Knechtschaft, in dem sie lebten, für unvereinbar mit den Lehren der Bibel. Sie wurden von einem Haufen hochmütiger Barone und Grafen unterdrückt, Tag und Nacht ausgeplündert und wie das Vieh behandelt; kein Gesetz schützte sie, und gab es eines, so fand sich niemand, der ihm Geltung verschafft hätte.

Ein derartiger Zustand stach sehr ab von dem Gemeinwesen der ersten Christen und von den Lehren Christi, wie sie in der Bibel niedergelegt sind. So erhoben sie sich zum Krieg gegen ihre Herren, der nur ein Vernichtungskrieg sein konnte. Der Prediger Thomas Münzer, den sie an ihre Spitze stellten, erließ einen Aufruf, der natürlich voll des religiösen und abergläubischen Unsinns seiner Zeit war, der aber unter anderem auch Grundsätze wie diese enthielt: Nach der Bibel habe kein Christ das Recht, irgendwelches Eigentum ausschließlich für sich zu behalten; Eigentumsgemeinschaft sei der einzig geeignete Zustand für eine Gesellschaft von Christen; keinen guten Christen sei es erlaubt, irgendeine Herrschaft oder Befehlsgewalt über andere Christen auszuüben, auch nicht irgendein Regierungsamt oder erbliche Macht inne zuhaben, sondern im Gegenteil, so, wie vor Gott alle Menschen gleich sind, sollten sie es auch auf Erden sein.

Diese Lehren waren nichts weiter als logische Schlüsse aus der Bibel und aus Luthers eigenen Schriften; aber der Reformator war nicht bereit, so weit zu gehen wie das Volk. Trotz des Mutes, den er gegenüber den geistlichen Behörden bewies, hatte er sich nicht von den politischen und sozialen Vorurteilen seiner Zeit befreit. So fest wie er an die Bibel glaubte, glaubte er an das göttliche Recht der Fürsten und Grundherren, das Volk mit Füßen zu treten.

Da er außerdem den Schutz des Adels und der protestantischen Fürsten bedurfte, schrieb er ein Pamphlet gegen die Aufständischen [1/153], worin er nicht nur jede Verbindung mit ihnen von sich wies, sondern auch noch den Adel aufhetzte, sie als Rebellen gegen die Gesetze Gottes mit der äußersten Strenge niederzuzwingen. „Schlagt sie tot wie Hunde!“ rief er.

Das ganze Pamphlet ist mit solcher Gehässigkeit, ja mit einer solchen fanatischen Wut gegen das Volk geschrieben, dass es für immer ein Makel auf Luthers Charakterbild sein wird;

Es zeigt, dass er, der seine Laufbahn als Mann des Volkes begonnen hatte, nun ganz im Dienste seiner Unterdrücker stand.

Der Aufstand wurde nach überaus blutigem Bürgerkrieg niedergeworfen und die Bauern in ihre alte Knechtschaft zurückgeführt.«

Aus: MEW, Bd. 1, S. 488/489.
Aus dem Englischen.

Anmerkung
[1/153] Gemeint ist Martin Luthers im Mai 1525 herausgegebene Schrift „Ermanunge zum fride auff die zwelff artickel der Bawrschafft von Schwaben. Auch widder die reubischen vnd mördisschen rotten der andern bawren“.

Quelle: Karl Marx / Friedrich Engels. Über Religion. Dietz Verlag Berlin 1976.

leipziger montagsdemo:
Ein Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern

http://www.leipziger-montagsdemo.de/informationen/daten/daten_07_kirche/kirche_zitate.htm

http://www.leipziger-montagsdemo.de/informationen/daten/daten_07_kirche/zitate/luther/luther__ein_riese.htm