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Kapital, Lohnarbeiter und Kapitalist

von Karl Wild

Oder ein Beitrag zur Entwirrung der Diskus- sion um nationales versus internationalisiertes Kapital

"Das Kapital ist ein scheues Reh", weiß der Börsenspekulant als letzte Weisheit zu ver- kaufen. Für den verdinglichten Kategorien anhängenden Alltagsverstand sind Maschinen und Fabriken das Kapital an sich, höchstens fällt ihm noch das verruchte Geld ein, das der Kapitalist und nicht er besitzt.

Für den gebildeten Ideologen von rechts wie links ist das zinsraffende Kapital und sein Besitzer, die Bank, das böse, gutes Kapital hingegen solches, welches in der Produktion von Gütern schafft. Kapital muss arbeiten, da sind sich alle einig. Für das eigene Kapital tut der brave Gewerkschafter alles, das Eindringen fremdländischen Kapitals kommt hin- gegen dem Ausverkauf nationaler Interessen gleich.

Einerseits zwingt uns die Globalisierung zum entschlossenen Handeln für unseren Stand- ort, andererseits wollen wir auf den Märkten weltweit die Ersten sein.
Geld macht (nicht) glücklich, es kommt nur auf den Standpunkt und das Interesse an. Was Kapital nun ist, dazu hat Karl Marx drei dicke (unvollendete) Wälzer geschrieben, aus denen man schlau wird oder auch nicht. Angeblich ist das "Kapital" Pflichtlektüre in der Aus- bildung für New Yorker Börsenbroker.

Ganze Generationen von westdeutschen linken Studenten haben sich semesterlang durch diverse "Kapital-Kurse" gequält, - bei zweifelhaftem Ertrag. Jeder Kurs hatte so seine individuelle Interpretation des Gesamtkunstwerks "Kapital". Auch der Lernerfolg für die New Yorker Spekulanten scheint begrenzt, bedenkt man den Börsenverlauf der letzten Jahre.

Um es einfach zu sagen: Kapital ist Geld, das sich Arbeitskraft und Produktionsmittel kauft,
um Waren damit herzustellen oder zu vertreiben, deren Verkaufswert die Höhe des vorgeschoss- enen Kapitals übersteigt. Geld ist aber auch Kapital, wenn es an andere als Kredit verliehen wird, die damit produzieren oder wirtschaften, und dafür eine Prämie, den Zins, zahlen.

Darüber hinaus ist auch Grund und Boden Kapi- tal, wenn es eine Rendite abwirft. Gemeinsames Merkmal aller Kapitalformen ist der Anspruch, mehr zu erhalten als in den wirtschaftlichen Vor- gang hineingesteckt wurde, einen Mehrertrag oder Mehrwert zu erzielen.

Und diesen Anspruch erhebt jeder Kapitaleigner, ob einheimischer oder fremder Abstam- mung. Kapital an sich gibt es wohl seit Jahrtausenden, zum vorherrschenden gesell- schaftlichen Verhältnis, Kapitalismus, wird es nach Marx nur, "wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltge- schichte." *(KI, S.184)

Denn nur dieser Lohnarbeiter verfügt in seiner Arbeitskraft über die Fähigkeit, mehr in Geld gemessene Güter oder Wert zu schaffen als er in einer bestimmten Zeit selbst zum Leben braucht. Dass Lohnarbeitsverhältnis zwischen Arbeiter und ihn anwendenden Kapitalisten ist die gesellschaftliche Maschine, welche Wert sprich Geld schafft, der Goldesel aus dem Märchen.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: In der Diskussion um die weltbewegende Frage, ob wir es gegenwärtig um die Vorherrschaft der Konkurrenz national verfasster und dominierter Kapitale und Staaten zu tun haben oder um das Wirken eines den Nationalstaaten überlegenen und außer ihnen existierenden internationalen Finanzkapitals, wird u.E. schlicht immer vergessen, das es sich beim Kapital um ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen LohnarbeiterInnen und Kapitalisten handelt.

Und beide tragen nun einmal in der Regel einen bestimmten Pass mit sich, der sie einer bestimmen Nationalität und einem bestimmten nationalen Kapital zuordnet. Es sind ge- rade die LohnarbeiterInnen, die von ihrem jeweiligen Nationalstaat zu einem bestimmten Volk abgerichtet werden. Auch jeder noch so multinational sich verstehende Konzern hat einen bestimmten juristisch wirksamen Firmensitz, der bestimmt, welche nationale Regelungen von Steuer- bis Umweltrecht für ihn zu gelten haben.

Anders ausgedrückt: Wer die nationale Verfasstheit der Kapitale leugnet und nur von supranationalen Strukturen schwadroniert, blendet schlichtweg sowohl die nationale Verfasstheit der Klassen als auch die Relevanz der staatlichen Politik mit ihren vielen Handlungsfeldern aus.

Auf der anderen Seite ist es gerade Marx, der die internationale Dimension des Kapitals unermüdlich betont. So ist "der Weltmarkt ... selbst die Basis dieser Produktionsweise" **(KIII, S.345) und "die Tendenz den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke." ***(Grundrisse, S. 311)

Das unermüdliche mehrwerthaschende Wirken des Kapitals hat eine national Basis in den es bildenden Klassen an Menschen und zugleich eine diese nationalen Grenzen spreng- ende immer währende Dynamik, die eine lange Geschichte hat: "Welthandel und Welt- markt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals."*(KI, S. 161) Im Begriff des Kapitals selbst ist diese internationale Dimension des Wirkens der kapitalistischen Kräfte eingeschlossen.

Wer also nur eine Seite des Wirkens des Kapitalverhältnisses verabsolutiert, nationales versus internationales Kapital in ausschließenden Kategorien denkt, der verkennt ent- weder die politische Zurichtung des Wirkens der immer noch nationalen Klassen mit ihren dann unterschätzten Folgen wie z.B. Nationalismus oder Rassismus oder er leugnet schlichtweg die Tendenz des Kapitals, sich weltweit Reichtumsquellen in Form von Arbeit und Natur zu erschließen und die Produktion mit ihrem Mehrwert global zu realisieren.

Die nationale wie die internationale Seite des Kapitals stehen nun nicht widerspruchsfrei zueinander und in ökonomischen wie politischen Krisen entlädt sich von Zeit zu Zeit dieses Spannungsverhältnis. Um aber die konkrete vorherrschende Tendenz in diesem Spannungsverhältnis zu bestimmen, vergessen die an abstrakte Kategorien gebundene "Marxisten" gern, dass es sich beim Lohnarbeiter und beim Kapitalist um konkrete Men- schen handelt, deren Handeln nicht nur von rational-ökonomischen Faktoren, sondern deren Agieren zumindest gleichstark von soziokulturellen Prägungen bestimmt wird.

Und es macht eben einen Unterschied, ob z.B. ein Unternehmen von deutschen oder US-amerikanischen Managern geführt wird, die Aktionäre des Konzerns überwiegend deutsche oder US-amerikanische Pässe haben, der Sitz der Firma in New York oder in Berlin ist, die "Stammbelegschaft" aus Deutschland oder den USA kommt. Dennoch: Trotz der Widerstände gerade reaktionärer, an lokal und regional produzierende und sich vermarktende Unternehmen gebundene politische Kräfte nimmt die, nennen wir sie kos- mopolitische, Tendenz innerhalb der Klassen des Kapitalverhältnisses permanent zu.

Dafür sorgen Migration und 'Jetset'. Und nennenswerte Teile des vagabundierenden int- ernationalen Geldkapitals mögen letztendlich noch auf einen bestimmten nationalen Be- sitzer zurück zuführen sein, ihr Wirken ist aber davon völlig losgelöst. Dass sich eine globale universalistische Kapitaltendenz letztendlich durchsetzt, erscheint mir unzwei- felhaft. Rückschläge in der Durchsetzung dieser Tendenz, primär durch nationalstaat- liches Handeln, sind aber genauso jederzeit in einem historischen Rahmen - man denke an die Folgen der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts - denkbar.

Internationalisierung des Kapitals schließt die Zunahme zwischenstaatlicher Konflikte eben nicht aus oder man ist einem blinden ökonomistischen Determinismus verhaftet, der, so meine Vermutung, beide Seiten des Streits um die Vorherrschaft nationalen oder internationalen Kapitals gefangen hält.

Karl Wild, 2004/Juli 1013

* (KI, Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23)
** (KIII, Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, MEW 25)
*** (Grundrisse, Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie)