Kapital Kurs
von Karl Wild
Bd. 1 des „Kapitals“ von Karl Marx
-2- Zur Einführung in den „Kapital“-Kurs
Am Hauptwerk von Karl Marx, dem "Kapital", haben sich seit dem Ersterscheinen 1867 viele Generationen von Anhängern und Gegnern des "Marxismus" abgearbeitet und nach Erkenntnis gesucht. Heute, da global der Kapitalismus zu seinen Ursprüngen zurück kehrt, ist die Marxsche Forschungsarbeit über "die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse"(12)* von unvermindertem Wert. Dies gilt umso mehr, da im "Kapital" nicht eine spezifische Entwicklungsphase der kapitalistischen Gesellschaft analysiert wird und Aussagen darüber folglich ein Verfallsdatum tragen. Marx betont eindringlich, dass es in seiner Darlegung "nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen", geht. Im "Kapital" handelt es sich "um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen."(12) Um diese Allgemeingültigkeit seiner Aussagen über das Kapitalverhältnis zu erreichen, abstrahiert Marx von den konkreten historischen Ausprägungen und will die zeitlosen "Naturgesetze" des "Kapitals" uns nahe bringen.
Nun kann die "Kapital"-Lektüre zwei Zielsetzungen haben. Anhand des Gegenstandes Kapital die Marxsche Methode studieren, um sie allgemein anzuwenden, und/oder Erkenntnisse über das Kapital selbst zu gewinnen, um die Welt zu verstehen und Bedingungen zu ihrer Veränderung zu erkennen. In den einzelnen Lektionen wird, so unser Streben, möglichst textnah und vorurteilsfrei, der Text aufbereitet und komprimiert dargestellt. Hierbei geht es um die "Gesetze" des Kapitals an sich und nicht um die Reflexion der Marxschen Methode.
Unser "Kapital"-Kurs will die Eigenlektüre nicht ersetzen, vielmehr anregen, selbst in dem Werk auf Entdeckungsreise zu gehen. Doch wollen wir auch den Interessierten, die aus welchen Gründen auch immer das Werk nicht selbst oder nur in Teilen studieren möchten, einen Einblick in die Marxschen Darlegungen vermitteln.
Marx, ging selbst davon aus, dass der Anfang seines Werkes, die Analyse der "Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware"(12) durchaus Verständnisschwierigkeiten für den Leser birgt. Da wir uns streng an Text und seinen Aufbau halten, ist der Einstieg nicht leicht und werden die ersten Lektionen die schwierigsten werden. Doch mit Marx setzen wir auf den Leser, der "selbst denken"(12) kann und will.
* Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23; alle Seitenangaben daraus
Hans-Jürgen Burgholte (in memoriam)/Karl Wild
-3- Lektion 01a: Ware und Arbeit
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 49 – 61
Marx beginnt seine Untersuchung wie ein Naturforscher bei der "ökonomischen Zellenform" der bürgerlichen Gesellschaft, der "Warenform des Arbeitsprodukts"(12)*, der einzelnen Ware also, die von ihm als "Elementarform" des gesellschaftlichen Reichtums gesehen wird.
Am ersten Satz seiner Darlegung zum "Kapital" kann man bereits lernen, dass man ihn sehr genau lesen muss. Er schreibt nämlich, "der Reichtum der Gesellschaften ... erscheint als >ungeheure Warensammlung<, die einzelne Ware als seine Elementarform."(49) Er abstrahiert nicht nur von den vielfältigen bunten mannigfaltigen Erscheinungen der Warenwelt, um unseren Blick auf die durch Abstraktion gewonnene "Elementarform" Ware zu lenken, mit dem unscheinbaren Wörtchen "erscheint" will er uns warnen, dass bei Entfaltung seiner Untersuchung zum "Kapital" wir genaueres erfahren werden, was den "Reichtum der Gesellschaften" ausmacht, "in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht"(49). Und um die Untersuchung der "kapitalistischen Produktionsweise" als der ökonomischen Basis der bürgerlichen Gesellschaft geht es im "Kapital", um nicht mehr und nicht weniger.
Aber kehren wir zur Ware zurück und betrachten ihre Bestimmungen. Die Ware ist "zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding", welche die Fähigkeit hat, auf irgendeine spezifische Weise ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen, nützlich zu sein, wobei es völlig nebensächlich ist, wie dieses Bedürfnis befriedigt wird, unmittelbar in der Konsumtion oder mittelbar als Produktionsmittel. Auch völlig gleichgültig ist es, ob das Bedürfnis dem "Magen oder der Phantasie"(49) entsprungen ist. Der dingliche Charakter der Waren, dies sollten wir kritisch anmerken, wird als erste Bestimmung der Ware genannt, während in unserer heutigen "Warensammlung" zunehmend nichtdingliche Waren nach allgemeiner Auffassung an Bedeutung gewinnen, von Versicherungs- und Finanz- bis hin zu Softwareprodukten.
Als zweite Bestimmung betont Marx, dass die Ware und ihr "Nutzen für den Menschen ... durch Arbeit vermittelt" sein muss. Nicht jeder Nutzen oder jedes Mittel zur Bedürfnisbefriedigung wird deshalb gleich zur Ware. Marx verweist als Beispiele auf "Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz". Als dritte Bestimmung der Ware nach Nutzen und Arbeitsprodukt betont Marx, "ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein", wenn es zur eigenen Bedürfnisbefriedigung dient und es wird zur Ware nur dann, wenn "das Produkt dem andern ... durch den Austausch übertragen"(55) wird. Arbeit für sich selbst und nicht für andere schafft keine Waren, nur die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse durch den Austausch führt zur Warenproduktion.
Andererseits bildet Arbeit für andere dann keine Ware, wenn die Arbeit "nutzlos" ist und nicht zu einem sinnvollen "Gebrauchsgegenstand"(55) führt.
"Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert." Dieser Gebrauchswert, die qualitativ verschiedene Seite der Waren, ihre spezifische Eigenschaft, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, interessiert Marx nur begrenzt. Er will ja keine Warenkunde verfassen und betont nur, dass die Entdeckung der Nützlichkeit von Dingen "geschichtliche Tat" sein. Der Gebrauchswert einer bestimmten Ware wird uns aber noch wesentlich beschäftigen, dies nur vorweg.
Vorerst interessiert ihn nur, dass in der von ihm "betrachteten Gesellschaftsform", der bürgerlich-kapitalistischen nämlich, die Gebrauchswerte zugleich die "stofflichen Träger des Tauschwerts"(50) und damit der quantitativen Seite der Waren sind. Waren, haben wir bereits gelernt, werden zu Waren, wenn Güter getauscht werden, und dieses notwendige Austauschverhältnis im gesellschaftlichen Akt des Warenkaufs und –verkaufs wird uns beschäftigen. Warum, fragt Marx, tauscht sich ein bestimmtes Quantum einer Ware gegen ein bestimmtes Quantum einer anderen Ware, warum ist A gleich B wert?
Ware A und B, so ungleich sie auch sein mögen, schlussfolgert Marx, müssen etwas gemeinsam enthalten und dieses gemeinsame "kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Ware sein."(51) Von ihren Gebrauchswerten, ihren körperlichen Eigenschaften, muss ja im Austauschverhältnis gerade abstrahiert werden, und wenn man dies tut, so haben die Waren "nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten."
Wird von den konkreten Gebrauchswerten der Waren abstrahiert wird, so auch vom "nützlichen Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten", von den "konkreten Formen dieser Arbeiten". Gleich welche Arbeit, sie
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"sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit." Die "gemeinschaftliche gesellschaftliche Substanz" der Arbeit bildet das Gemeinsame der Waren, ihre "Werte – Warenwerte".(52) "Das Gemeinsame", was den Tausch ermöglicht, "was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert" und wertbildend ist die abstrakte gesellschaftliche Arbeit.
Um als Ware A gegen Ware B zu tauschen, um gleichen Wert zu haben, muss dasselbe Quantum Arbeit in ihnen "vergegenständlicht oder materialisiert" sein. "Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit ...", gleichwertiger Teil der "gesamten Arbeitskraft der Gesellschaft" und nur die "Durchschnitts-Arbeitskraft" geht mit der "gesellschaftlich notwendige(n) Arbeitszeit"(53) in die Wertbildung und in die Wertgröße ein.
Der Merksatz lautet: "Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit. Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit."(54) Die notwendige Arbeitszeit ändert sich entsprechend der "Produktivkraft der Arbeit"(54). Es gilt: "Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, ... desto kleiner sein Wert"(55) und selbstverständlich auch umgekehrt.
Wir haben die Substanz des Werts und sein Größenmaß bis jetzt kennen gelernt. Nun hat auch die Arbeit (wie all die Waren durch sie) einen Doppelcharakter. "Diese zwiespältige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist ... der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht". Die verschiedenen nützlichen Tätigkeiten, die "eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit" bilden, sind "Existenzbedingung der Warenproduktion"(56), aber nicht jede Arbeitsteilung führt notwendigerweise, betont Marx, zur Warenproduktion. Der Merksatz lautet:
"Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber." Damit präzisiert Marx die Austauschbestimmung der Ware und führt den Begriff der "Privatarbeit" ein, "d.h. in einer Gesellschaft von Warenproduzenten entwickelt sich dieser qualitative Unterschied der nützlichen Arbeiten, welche unabhängig voneinander als Privatgeschäfte selbständiger Produzenten betrieben werden, zu einem vielgliedrigen System (der) gesellschaftlichen Teilung der Arbeit."
Diese nützlichen gesellschaftlich aufgeteilten Arbeiten ist allen "Gesellschaftsformen" "unabhängige Existenzbedingung", "ewige Naturnotwendigkeit", die den "Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur" und damit das "menschliche Leben"(57) überhaupt ermöglicht.
Hier, bei der Arbeit, ist für Marx die Gebrauchswertseite ganz und gar nicht nebensächlich. Und, was oft vergessen wird, Marx betont, dass der Mensch in seiner Arbeit nur wie die Natur verfahren kann und dabei von "Naturkräften" beständig unterstützt wird. Arbeit ist "also nicht", wie oft fälschlich argumentiert wird, "die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte"(58) oder des stofflichen Reichtums der Gesellschaft.
Wenn man vom nützlichen Charakter der Arbeit absieht, nur ihre quantitativ wertbildende Eigenschaft betrachtet, bleibt die "produktive Verausgabung von menschlichen Hirn, Muskel, Nerv ...", von menschlicher Arbeit überhaupt(59). Diese abstrakte Verausgabung verschiedener Arbeitsarten, die "einfache Durchschnittsarbeit" wechselt von Gesellschaft zu Gesellschaft, ändert sich in den Zeitepochen, ihr Wert setzt komplizierte Arbeit der einfachen Arbeit gleich. Diese Reduktion geschieht "hinter den Rücken der Produzenten" "durch einen gesellschaftlichen Prozess", ohne den der Austausch der verschiedenen in verschiedenen Waren materialisierten Arbeiten nicht möglich wäre. (siehe 59) Die Wertgröße einer Ware richtet sich so nach der zeitlichen Verausgabung der auf durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit reduzierten konkreten Tätigkeit.(siehe 60)
Da die Produktivkraft der nützlichen, konkreten Arbeit angehört, tangiert sie die Wertgröße nicht. "Dieselbe Arbeit ergibt daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle." Steigt die Produktivkraft, verteilt sich der Wert einer Arbeitszeiteinheit auf mehr Produkte und umgekehrt. Die Überlegungen zur Produktivkraft werden uns im Verlauf des Kurses noch öfter beschäftigen.
Zusammenfassend lässt sich über den Doppelcharakter der Arbeit sagen, dass sie im "physiologischen Sinne" als Verausgabung "abstrakter (gleicher menschlicher) Arbeit" den "Warenwert" und in zweckbestimmter nützlicher Form die "Gebrauchswerte" der Waren produziert.(61)
*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23
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Lektion 01b: Die Wertform oder der Tauschwert
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 62-85
Wir haben in der ersten Lektion die Bestimmungen der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert kenngelernt, genauer was den gemeinsamen Wert der Warenwelt ausmacht. Die zum gesellschaftlichen Austausch bestimmten Produkte der verschiedenen Privatarbeiten "erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform."(62) Insofern war ihre Bestimmung als Tauschwert "falsch. Die Ware ist Gebrauchswert ... und Wert". Im Austauschverhältnis der Waren erhält der Wert die "Erscheinungsform ... des Tauschwerts". (75)
Was nun diese Wertform ist, weiß ein jeder, der die Preisschilder der Waren studiert, die "Geldform". Marx führt uns nun in die "Genesis dieser Geldform"(62) ein.
Ware A wird im Austausch mit Ware B gleichgesetzt, d.h. die Ware A drückt ihren Wert in der Ware B aus. A "ist als relativer Wert dargestellt oder sie befindet sich in relativer Wertform", B hingegen fungiert als "Äquivalent" von A "oder befindet sich in Äquivalentform".(63) Eine Ware kann nicht gleichzeitig Wert- und Äquivalentform sein, es "hängt ausschließlich ab von ihrer jedesmaligen Stellung im Wertausdruck, d.h. davon, ob sie die Ware ist, deren Wert, oder aber die Ware, worin Wert ausgedrückt wird."(64)
Noch interessiert uns nur die qualitative Seite dieses Ausdrucks, dass A überhaupt gleich B gesetzt werden kann. Der Merksatz lautet:
"Nur der Äquivalentausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt."(65) Nur so kann der Wert von A seinen relativen Wertausdruck in seinem Äquivalent der Ware B finden, da im Austausch die beiden Waren unabhängig von ihren Gebrauchswerten oder ihrer spezifischen Nützlichkeit auf ihr Gemeinsames, die wertbildende Arbeit, reduziert sind.
Nun tauscht sich ja A nicht gleich B, sondern der relativen Wertausdruck bedingt ein bestimmtes Wertgößenverhältnis und so wird im konkreten Austausch 20 Einheiten A gegen 1 Einheit B getauscht oder findet 20A sein Äquivalent in 1B. Ändert sich die benötigte Arbeitszeit zur Herstellung einer Ware, so ihr Austauschverhältnis. Verdoppelt sich die zur Herstellung von 20A benötigte Arbeitszeit, so sind diese 20A nun 2B wert, verdoppelt sich die benötigte Arbeitszeit von B, so stellen sich 20A nur mehr in 0,5B dar. Ändert sich gleichzeitig in gleichem Umfang die benötigten Arbeitszeiten von A und B, bleibt der Wertausdruck 20A=1B unverändert, gleich ob die Arbeitszeit steigt oder fällt.
Der komplizierte Merksatz lautet: "Der relative Wert einer Ware kann wechseln, obgleich ihr Wert konstant bleibt. Ihr relativer Wert kann konstant bleiben, obgleich ihr Wert wechselt, und endlich brauchen gleichzeitige Wechsel in ihrer Wertgröße und im relativen Ausdruck dieser Wertgröße sich keineswegs zu decken."(69)
Nach dieser komplexen Darstellung der relativen Wertform untersucht Marx nun genauer den Äquivalentausdruck, worin sich also x der Ware A ausdrückt und stellt als "erste Eigentümlichkeit ... der Äquivalentform" fest: "Gebrauchswert (der Ware B) wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts" (von A)(70). Oder anders ausgedrückt: Die "konkrete Arbeit (von B) wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit."(72) Denn diese Ware B, gehen wir einen logischen Schritt weiter, kann nicht nur das Äquivalent von A, sondern von jeder beliebigen Ware sein. In der "allgemeinen Wertform" stellen alle Waren ihren Wert "einfach dar, weil in einer einzigen Ware" und zugleich "einheitlich, weil in derselben Ware."(79) Als allgemeines Äquivalent wird die "eigne Naturalform" der Ware B zur "gemeinsame(n) Wertgestalt", und "daher mit allen andren Waren unmittelbar austauschbar. Ihre Körperform gilt als die sichtbare Inkarnation, die allgemeine, gesellschaftliche Verpuppung aller menschlichen Arbeit."(81)
Nun ist die "allgemeine Äquivalentform" "eine Form des Werts überhaupt" und somit könnte jede x-beliebige Ware zur allgemeinen Äquivalentform der bunten Warenwelt werden. "Die spezifische Warenart, mit deren Naturalform die Äquivalentform gesellschaftlich verwächst, wird zur Geldware oder funktioniert als Geld." Es wird ihr "Monopol, innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen."(83) Nun, was war zur Zeit von Marx und bis weit in unsere Zeit diese Geldware, dieses allgemeine Tauschäquivalent, in welchem alle anderen Waren ihre relative Wertform darstellten?
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Das Gold.
Eine spezifische Ware wurde im historischen Verlauf unabhängig von ihren sonstigen Gebrauchswerten
(Schmuck!) durch gesellschaftlichen Willensakt ausgesondert, um alle anderen Waren in ihrer Naturalform den Wert an sich wiederzuspiegeln, Inkarnation aller gesellschaftlichen Arbeiten überhaupt. Waren lassen sich so mühelos tauschen, weil sie in dieser gemeinsamen Geldware sich so mühelos qualitativ und quantitativ ausdrücken lassen. Und Marx betont, dass bereits in "der einfachen Warenform" "der Keim der Geldform"(85) angelegt und zu untersuchen ist. Alle Mystik, die Gold = Geld umgibt, verschwindet, wenn uns bewusst ist, dass es nur Ausdruck der gleichen, abstrakt menschlichen Arbeit ist.
Lektion 01c: Der „Fetischcharakter“ der Ware
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 85-98
Findet das Rätsel der Geldform bereits seine Auflösung in der Wertform der Ware, so ist diese selbst "ein sehr vertracktes Ding, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken." Tritt ein Produkt als Ware auf den Markt, verwandelt sie sich "in ein sinnlich übersinnliches Ding."(85) Der "rätselhafte Charakter" der als Waren gehandelten Arbeitsprodukte entspringt nicht aus der Arbeit oder aus der benötigten Arbeitszeit, hieran ist nichts mystisches, sondern aus der Warenform selbst. Der Marxsche Kernsatz lautet:
"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht ... einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als ... gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt". "Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt."(86)
Wie wir gelernt haben, sind die Waren Produkte "voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten", deren gesellschaftlicher Charakter erst im Warentausch zum Vorschein kommt.(87) Erst im Austausch setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten "einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es." Erst das Wertverhältnis verwandelt die Arbeitsprodukte "in eine gesellschaftliche Hieroglyhe".(88) Da im Austausch sich auch erst die Wertgröße ihrer Arbeiten herausstellt und diese beständig "unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Austauschenden" wechselt, zu einem "Geheimnis" wird, nimmt der gesellschaftliche Prozess für die Warenproduzenten "die Form einer Bewegung von Sachen (an), unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren."(89)
Was hier abstrakt formuliert ist, wird schlagend beweiskräftig in jeder Stockung des Warenabsatzes, in jeder Krise der Warenproduktion. Ohne bewusstes Tun und gegen ihren Willen kann die Privatarbeit der Warenproduzenten über Nacht wertlos werden.
Marx greift zum Vergleich auf die Religionen zurück, um das Ausmaß der Entfremdung und Verdinglichung zu verdeutlichen, wo "die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten"(86) annehmen. Und genauso geschieht es in der Warenwelt mit den Produkten der menschlichen Arbeit. Der "Fetischismus"(87) der Waren wird zu einer "objektiven Gedankenform"(90) der Warenproduzenten. Kurz gesagt, man schreibt Dingen(den Waren) Fähigkeiten zu, die in Wirklichkeit dem produktiven Tun der Menschen in der Gesellschaft zukommt.
Auf den Seiten 90ff zeigt Marx, dass solche Verkehrung spezifisch der warenproduzierenden Gesellschaft zukommt und im Vorgriff auf Max Weber, dem Begründer der modernen Soziologie, kommt er zur Schlussfolgerung, das für "eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, ... ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, das "Christentum" und speziell der "Protestantismus" die "entsprechendste Religionsform" ist(93). Der Fetisch der Warenwelt wie der der Religion, so Marx, kann "überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werktagsleben der Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen."(94)
Im Kapitel über den "Warenfetisch" gibt uns Marx erste Einblicke in die ideologischen Formen wie Verdinglichung, Entfremdung, Verkehrung, die aus der Basis der Gesellschaft, dem Produktionsprozess entspringen und nur durch eine bewusste Gestaltung dieses Produktionsprozesses überwunden werden können. Marx warnt davor, den Fetisch der Warenform als der "allgemeinste(n) und unentwickelste(n) Form
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der bürgerlichen Produktion" (97) als leicht durchschaubar im Vergleich zum Geld- oder Kapitalfetisch, die wir noch kennen lernen werden, zu halten. Die "theologischen Mucken"(85) der Warenform, dies sei noch angemerkt, sind heute angesichts der bunten Warenwelt der Markenprodukte mit ihren Zuschreibungen von sinnlichen Attributen bestimmt nicht leichter zu durchschauen als zu Marxens Zeiten.
Lektion 02: Der Austauschprozess
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 99-108
Nachdem wir die Bestimmungen der Ware an sich nachgezeichnet haben, überrascht uns Marx im zweiten Kapitel mit einem Perspektivwechsel und stellt lakonisch fest, dass die "Waren nicht selbst zu Markte gehen" und dafür den "Warenbesitzer" brauchen. Die "Warenhüter" sind gezwungen, damit der Austausch klappt, sich "wechselseitig als Privateigentümer an(zu)erkennen" und damit ein "Rechtsverhältnis" einzugehen, "worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt."(99) Wir lernen also hier die fundamentale Begründung für den juristischen Überbau in der bürgerlichen Gesellschaft, der, man achte auf die neue Kategorie, eine "Widerspiegelung" des ökonomischen Unterbaus der Gesellschaft ist. Je mehr sich Warenbeziehungen entfalten, desto umfassender die Ausformung des juristischen Überbaus und die Rechtsförmigkeit der Verhältnisse. En passant liefert uns Marx eine wesentliche Begründung einer Theorie des (bürgerlichen) Rechts.
Die Waren"hüter" handeln füreinander als "Repräsentanten" ihres Warenangebots und kommen für Marx nur in Betracht als "ökonomische Charaktermasken", "Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse". Der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft handelt nicht frei, sondern ist im ökonomischen Verkehr Sklave des Warenverhältnisses! Sein Interesse ist die Veräußerung der Waren, die für ihn selbst keinen Gebrauchswert darstellen und der Kauf von Waren, deren Gebrauchswert er benötigt. Bevor "die Gebrauchswerte realisiert" werden können, muss sich im Austausch erst ihr "Wert realisieren"(100). Für den einzelnen Warenbesitzer ist der Warenaustausch ein "individueller Prozess" zur Bedürfnisbefriedigung. Andererseits will er "seine Ware als Wert realisieren" in jeder beliebigen anderen Ware und durch "gesellschaftliche Aktion" muss eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent bestimmt werden; das Geld tritt auf die Bühne.
Dies geschieht in einem historischen Prozess ("Im Anfang war die Tat")(101), wobei der sich entwickelnde Austausch zwischen verschiedenen "Gemeinwesen" auf die Entfaltung der Warenproduktion selbst in diesen Gemeinwesen zurück wirkt (vgl. 102f), so dass "im Laufe der Zeit ... wenigstens ein Teil der Arbeitsprodukte absichtlich zum Behuf des Austausches produziert werden."(103) Je entwickelter die Austauschbeziehungen, desto größer die Notwendigkeit nach der besonderen Waren, in der sich alle Werte beliebiger Waren darstellen lassen. Durch die "Funktion des Geldes, als Erscheinungsform des Warenwerts zu dienen oder als das Material, worin die Wertgrößen der Waren sich gesellschaftlich ausdrücken", muss "die Geldware" zu "rein quantitativer Unterschiede fähig, also nach Willkür teilbar ... sein"(104). Auf Grund dieser natürlichen Fähigkeit waren Gold und Silber für diese Aufgabe prädestiniert.
Die "Magie des Geldes"(107) hat seine Ursache in einer "Verwechslung": "Der Austauschprozess gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern (nur) ihre spezifische Wertform." Der Wert bestimmt sich wie bei jeder anderen Ware durch die zu ihrer Produktion benötigten durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit. "Die Verwechslung beider Bestimmungen", von Wert und Wertform, "verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten", Geld für "ein bloßes Zeichen" zu halten, um so mehr, als dass Geld tatsächlich "in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann".(105)
Wir, die wir nur mehr von "Geldzeichen" umgeben sind, sind von der "Magie des Geldes" erst recht geblendet. Und es ist doch schon verwirrend genug, die Materialien Gold und Silber für "die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit"(107) zu setzen.
Die Marxsche Zusammenfassung des bisher Entwickelten lautet: Die "Magie des Geldes"(107) hat seinen Ursprung im "atomistische(n) Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozess", da sie sich nur als "Privateigentümer"(99) ihrer in den Waren vergegenständlichten "Privatarbeiten" gegenübertreten "und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewussten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eigenen Produktionsverhältnisse" "die Warenform annehmen" muss. Der "falsche Schein" ist vollendet, "sobald die allgemeine Äquivalentform mit der Naturalform verwachsen oder zur
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Geldform kristallisiert ist."(107)
Somit ist das "Rätsel des Geldfetischs ... nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs"(108), den wir ja in der letzten Lektion kennen lernten. Hat mensch den Warenfetisch entschlüsselt, fällt man auf die "Magie des Geldes" und den Geldfetisch nicht mehr herein!
Lektion 03a: Das Geld als Maß der Werte
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 109 – 118
Wir wissen bereits, dass das Geld (oder Gold) "der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks" liefert und die "Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare" darstellt. Als "allgemeines Maß der Werte", als "spezifische Äquivalentware" wird das Geld zur "notwendigen Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Ware, der Arbeitszeit."(109)
Dieser Wertausdruck beliebiger Waren ist ihre "Geldform oder ihr Preis". Nur die Geldware selbst "hat dagegen keinen Preis", denn sonst müsste sie sich "auf sich selbst als sein eignes Äquivalent" beziehen. "Der Preis oder die Geldform der Waren" ist, dies betont Marx, nur eine "ideelle oder vorgestellte Form"(110) und kann deshalb in seiner Funktion als Wertmaß durch "nur vorgestelltes oder ideelles Gold"(111) ersetzt werden.
Der Merksatz lautet: "Als Maß der Werte und als Maßstab der Preise verrichtet das Geld zwei ganz verschiedene Funktionen. Maß der Werte ist es als die gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, Maßstab der Preise als ein festgesetztes Metallgewicht."(113)
Durch Übereinkunft wird ein bestimmte Goldgewicht zum Preis x, z.B. 1 Unze Gold gleich 1 Pfund Sterling oder 100 Mark. Somit kommt Marx zum Schuss: "Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit." Hängt so die Wertgröße von der gesellschaftlichen Arbeitszeit ab, so "erscheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer ihr existierenden Geldware." Dadurch bedingt besteht "die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße" oder, anders ausgedrückt, durch die Preisform kann der Preis einer Ware von der Wertgröße abweichen.
Durch dieses prinzipielle mögliche Auseinanderfallen von Preis und Wert kann der Preis überhaupt aufhören, Wertausdruck zu sein, und "Dinge, die an und für sich keine Waren sind, z.B. Gewissen, Ehre usw., können ihren Besitzern für Geld feil sein und so durch ihren Preis die Warenform erhalten. Wir merken uns: "Ein Ding kann daher formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben."(117)
Allgemein gilt:
"Die Preisform schließt die Veräußerlichkeit der Waren gegen Geld und die Notwendigkeit dieser Veräußerung ein." Gleichgültig, was da auf den Markt zum Austausch kommt. "Andrerseits funktioniert Gold nur als ideelles Wertmaß, weil es sich bereits im Austauschprozess als Geldware umtreibt." Ohne dieses "harte Geld"(118), die allgemeine Äquivalentware Gold, könnte das Geld seine Funktion als ideelles Maß der Werte, der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, nicht erfüllen.
Lektion 03b: Das Geld als Zirkulationsmittel
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 118 – 143
Marx betont einleitend, dass die Entwicklung hin zum Geld die Widersprüche des Warenaustausches zwar nicht "aufhebt", aber diesen eine "Form" gibt, "worin sie sich bewegen können." "Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen."(118) Marx sagt uns damit, dass seine Darstellung und Analyse der Geldform als Exempel der materialistischen Dialektik studiert werden kann. Und nur diesen "Formwechsel oder die Metamorphose der Waren" in der "Sphäre des Warenaustauschs" gilt es zu betrachten. Die "Verdopplung der Ware in Ware und Geld, einen äußeren Gegensatz", worin sich der "immanente Gegensatz von Gebrauchswert und Wert" darstellt, gilt es zu verstehen. Eine bestimmte Ware ist reell ein bestimmter Gebrauchswert, ihr gesellschaftlich bestimmter Wert erscheint im Austauschprozess "ideell im Preis" und das der Ware gegenüberstehende Gold als seine "reelle Wertgestalt". "Diese gegensätzlichen Formen der Waren sind die wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschprozesses."(119) Die berühmte Formel des Austauschprozesses lautet: Ware – Geld – Ware oder W-G-W, Verwandlung von
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Ware in Geld und dann wieder Rückverwandlung des Geldes in eine andere Ware. Wiederum ein Merksatz:
"Die Teilung der Arbeit verwandelt das Arbeitsprodukt in Ware und macht dadurch seine Verwandlung in Geld notwendig."(122) Ob diese Verwandlung allerdings im konkreten Fall gelingt, sei dahingestellt und die Warenzirkulation beinhaltet so manche Krisenursache. "Nichts," polemisiert Marx gegen den Liberalen Say, "kann alberner sein als das Dogma, die Warenzirkulation bedinge ein notwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe, weil jeder Verkauf Kauf und umgekehrt." Denn: "Die Zirkulation sprengt die zeitlichen, örtlichen und individuellen Schranken des Produktenaustausches eben dadurch, dass sie die hier vorhandne unmittelbare Identität zwischen den Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet."(127) "Als Vermittler der Warenzirkulation" (von Kauf und Verkauf) "erhält das Geld die Funktion des Zirkulationsmittels."(128)
Es "funktioniert als Kaufmittel, indem es den Preis der Ware realisiert."(129) Durch diese Realisation fällt die Ware aus der Zirkulation heraus und das Geld/Gold nimmt seinen Platz ein. "Obgleich daher die Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint (wiederum lernen wir eine Verkehrung kennen!) die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung."(130) "Das Geld ... als Zirkulationsmittel haust beständig in der Zirkulationssphäre"(131).
Marx geht nun der Frage nach, wie viel Geld als Zirkulationsmittel benötigt wird, um die Käufe/Verkäufe einer Zeitperiode zu realisieren, da ein bestimmtes Geldquantum ja mehr als einen Kauf-/Verkaufakt ermöglichen kann. Dies hängt ab von der Preissumme aller Waren auf dem Markt/in der Zirkulationssphäre einer Zeitperiode und von der "Geschwindigkeit des Geldumlaufs"(134), d.h. wie viele Händewechsel des Geldes zwischen Käufer und Verkäufer vorliegen. Und wieder wendet sich Marx gegen einen verbreiteten Irrglauben: "Die Illusion, dass umgekehrt die Warenpreise durch die Masse der Zirkulationsmittel ... bestimmt werden"(137).
Aus seiner Funktion als Zirkulationsmittel entspringt die "Münzgestalt" des Geldes. "Wie die Feststellung des Maßstabs der Preise, fällt das Geschäft der Münzung dem Staat anheim."(138) Ein bestimmtes Geldstück erhält ein bestimmtes Metallgewicht zugeordnet, welches sich aber durch den Gebrauch abnutzt und Gewicht/Wert verliert. Marx kommt zum Ergebnis dieses Vorgangs: "Das Münzdasein des Goldes scheidet sich völlig von seiner Wertsubstanz. Relativ wertlose Dinge, Papierzettel, können an seiner Statt als Münze funktionieren."(140) Das "Staatspapiergeld mit Zwangskurs"(141), uns heute so selbstverständlich, betritt das Licht der Welt bzw. der Zirkulation. Die für den Geldumlauf benötigte Menge an Gold kann "durch Papiersymbole ersetzt werden."(142)
Lektion 03c: Das Geld als "hartes" Geld
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 143 – 160
Sobald nun der Verkauf einer Ware nicht zum sofortigen Kauf einer anderen Ware führt, wird "aus bloßer Vermittlung des Stoffwechsels (der arbeitsteiligen Produktion und Realisation)... dieser Formwechsel (von Ware in Geld) zum Selbstzweck." "Ware wird verkauft, nicht um Ware zu kaufen, sondern um Warenform durch Geldform zu ersetzen. ... Das Geld versteinert damit zum Schatz, und der Warenverkäufer wird Schatzbildner." "Gold und Silber werden so von selbst zu gesellschaftlichen Ausdrücken des Überflusses oder des Reichtums."*(144) Und diese Vorstellung ist bis heute herrschend. (Vgl. auch die ursprüngliche Definition von Reichtum in Lektion 1a)
Marx kommt zum Ergebnis: "Mit der Möglichkeit, die Ware als Tauschwert oder den Tauschwert als Ware festzuhalten, erwacht die Goldgier. Mit der Ausdehnung der Warenzirkulation wächst die Macht des Geldes, der stets schlagfertigen, absolut gesellschaftlichen Form des Reichtums."(145) Und: "Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson." Oder modern ausgedrückt: Geld regiert die Welt.
Fallen, wie gesagt, Kauf und Verkauf zeitlich auseinander, wird "der Verkäufer ... Gläubiger, der Käufer Schuldner." "Das Geld "wird Zahlungsmittel."(149) Marx kommt zum Ergebnis:
"Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel schließt einen unvermittelten Widerspruch ein. Soweit sich die Zahlungen ausgleichen, funktioniert es nur ideell als Rechengeld oder Maß der Werte. Soweit wirkliche Zahlung zu verrichten, tritt es nicht als Zirkulationsmittel auf, als nur verschwindende und vermittelnde Form des Stoffwechsels, sondern als die individuelle Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit, selbständiges Dasein des Tauschwerts, absolute Ware."(151f) Und dieser Widerspruch "eskaliert" in den "Produktions- und Handelskrisen" zur "Geldkrise"(152). Als Zahlungsmittel wird das Geld zum Kredit (davon im Dritten
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Band des Kapitals mehr!)
Nun werden Waren im Kapitalismus nicht nur lokal gehandelt. "Im Welthandel entfalten die Waren ihren Wert universell. Ihre selbständige Wertgestalt tritt ihnen daher hier auch gegenüber als Weltgeld." Und Marx formuliert den Kernsatz: "Erst auf dem Weltmarkt funktioniert das Geld in vollem Umfang als die Ware, deren Naturalform zugleich unmittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit in abstracto ist. Seine Daseinsweise wird seinem Begriff adäquat."(156) Vergleiche nur den Mythos vom US-Dollar! Als Weltgeld ist es Zahlungsmittel in allen national abgesonderten Wirtschaftsräumen und gleicht die Differenzen der Warenhandlungsbilanz aus. Zugleich kündet der Schatz an - modern gesprochen - Devisen von der Stärke der nationalen Staaten.
Lektion 04: Die Verwandlung von Geld in Kapital
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 161 – 191
Nach der Darstellung der Kategorie Ware und der daraus abgeleiteten Geldform, Begriffe, die verschiedenen Produktionsweisen zuzuordnen sind, aber erst im Kapitalismus zur vollen Entfaltung gelangen, stellt Marx über die Geldform fest : "Dies letzte Produkt der Warenzirkulation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals." Und wieder, die sei angemerkt, stoßen wir in der Einleitung zu einem neuen Abschnitt, wie im ersten Kapitel, auf den Begriff von der "Erscheinungsform".
"Ausgangspunkt des Kapitals" ist so die "Warenzirkulation", "Warenproduktion und ... Handel bilden die historischen Voraussetzungen ... Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals". Ware und Geld gehen also nicht nur logisch dem Kapital voraus, sondern sind auch historisch seine Voraussetzungen. "Historisch tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form von Geld gegenüber, als Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital." Aber nicht nur historisch gilt diese Voraussetzung, "jedes neue Kapital betritt in erster Instanz ... den Markt ... als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll."(161) Und diese Prozesse wollen wir uns nun betrachten.
Neben der "unmittelbaren Form der Warenzirkulation" "W-G-W", Verwandlung von Ware in Geld, um eine andere Ware zu kaufen, also der Warentausch, tritt in der Zirkulation die Form "G-W-G"(162), der Kauf einer Ware, um diese wieder (zu einem höheren Preis) zu verkaufen. So lautet der Merksatz: "Die einfache Warenzirkulation beginnt mit dem Verkauf und endet mit dem Kauf, die Zirkulation des Geldes als Kapital beginnt mit dem Kauf und endet mit dem Verkauf. Dort bildet die Ware, hier das Geld den Ausgangspunkt und Schlusspunkt der Bewegung."(163) Dient die erste Bewegung dem Erwerb ein neuen Gebrauchswertes, so jetzt dem Erwerb von Geld, besser gesagt, der Vermehrung des vorgeschossenen Geldes. Denn die Bewegung G-W-G macht nur Sinn, wenn am Ende ein "Überschuss über den ursprünglichen Wert", ein "Mehrwert"(165), die Bewegung abschließt. Also gilt: G-W-G´, wobei G´ größer als der ursprüngliche vorgeschossene Geldwert G.
Somit kommt Marx zum Ergebnis:
"Die einfache Warenzirkulation (W-G-W) ... dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck", eben der Aneignung eines benötigten Gebrauchswertes zur Bedürfnisbefriedigung, während "die Zirkulation des Geldes als Kapital" zur Mehrung desselben unternommen wird, "Selbstzweck" ist und unbegrenzte Wiederholung erfordert. "Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos."(167) Eine neue "ökonomische Charaktermaske"(163) lernen wir im "Träger dieser Bewegung" kennen und der Geldbesitzer wird "Kapitalist". Denn: "Der objektive Inhalt... – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums", maßlose Geldvermehrung, "das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital."(167f) Aus der Form G-W-G´ erwächst ein "absoluter Bereicherungstrieb", die "rastlose Vermehrung des Werts". In dieser Form funktionieren W und G "nur als verschiedene Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre... Existenzweise"(168). Unablässig wird gekauft, um teurer zu verkaufen und so wird die Verwertung des Werts zum "automatischen Subjekt". In diesem Prozess ändert sich die Größe des Werts, er verwertet sich so selbst. Marx kommt zum Ergebnis:
„Denn die Bewegung, worin er(der Wert oder das vorgeschossene Geld) Mehrwert zusetzt, ist seine eigne
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Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung." Die Form, worin der Wert seine "Identität" findet, "Ausgangspunkt wie Schlusspunkt jedes Verwertungsprozesses"(169), ist das Geld. Kaufen, um teurer zu verkaufen, erscheint auf den ersten Blick als "eigentümliche Form ... des Kaufmannskapital", aber auch das industrielle Kapital ist zuerst "Geld, das sich in Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt." Im "zinstragenden Kapital", dies ein Vorgriff, wird unmittelbar G zu größerem G´.
"Allgemeine Formel des Kapitals", lernten wir, "wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint, ist aber G-W-G´"(170). Wie, so fragen wir uns, ist nun aber dieses G´, dieses teure Verkaufen, möglich, diese Zusetzung von Mehrwert?
Aus der Zirkulation der Waren kann, da es sich um "Austausch von Äquivalenten"(173) handelt, dieser Mehrwert nicht entstehen. Es muss sich folglich bei der Geldvermehrung systematisch um den "Austausch von Nicht-Äquivalenten"(174) drehen. Dies ist zwar denkbar, wenn eine besondere Klasse auf dem Markt nur als Käufer auftritt, nur konsumiert ohne zu produzieren (siehe 176). "Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines (!) Landes kann sich", auf Dauer und systemimmanent, logisch wie praktisch, "nicht selbst übervorteilen." (177) Was der eine gewinnt, verlöre der andere und die ganze Veranstaltung wäre ein Nullsummenspiel! Also gilt der Marxsche Merksatz:
"Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht (gesamtgesellschaftlich!) auch kein Mehrwert. Die Zirkulation oder der Warenaustausch schafft keinen Wert."(177f) Der als Kapitalist fungierende Geldbesitzer muss also eine Ware finden, die zu ihrem Wert gekauft wird und dennoch am "Ende des Prozesses", in der Nutzung, im Gebrauch dieser Ware, mehr Wert herausziehen kann, als er vorgeschossen hat.(siehe 181) Er muss "innerhalb der Zirkulation, auf dem Markt, eine Ware ... entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Wert wäre, daher Wertschöpfung." Und diese spezifische, von allen anderen Waren unterschiedene Ware gibt es in der Tat und es ist das "Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft."(18)
Da der Warentausch durch keine außerhalb liegenden Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt ist, "kann die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muss er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein" oder die analysierten Bedingungen des Warentauschs wären nicht erfüllt. Und dieser Verkauf der Arbeitskraft muss zeitlich limitiert sein, denn sonst würde er sich ja als Person verkaufen und sich aus "einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware" (182) selbst verwandeln. Damit "die Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware" vorfinden, dies die zweite Bedingung, darf der Besitzer der Arbeitskraft nicht über die Fähigkeit verfügen, selbst Waren zu produzieren und auf dem Markt anzubieten. (siehe 183) Er muss also "frei in dem Doppelsinn" sein, "dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine (einzige) Ware verfügt, dass er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen." Die Herausbildung dieses doppelt freien Arbeitskraftverkäufers ist "selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischen Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion."(183)
Wie, fragt nun Marx, lässt sich "der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware", bestimmen? Antwort: "Der Wert der Arbeitskraft ... ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit."(184) "Die Existenz des (die Arbeitskraft verkaufenden) Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eigenen Reproduktion oder Erhaltung."(185) Es gilt: "Der Wert der Arbeitskraft löst sich auf in den Wert einer bestimmten Summe von Lebensmittel"(weitgefasst), die das Leben der arbeitskraftverkaufenden Person ermöglichen. (siehe 186) In der Anwendung der Arbeitskraft durch den geldbesitzenden Kapitalisten muss nun, um die Eingangsfrage zu beantworten, mehr Wert geschaffen werden als zu deren Bezahlung von Nöten war. "Der Konsumtionsprozess der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozess von Ware und von Mehrwert" und vollzieht sich wie bei jeder anderen Ware "außerhalb des Markts oder der Zirkulationssphäre."
Marx betont nun wieder, dass diese "Sphäre der Zirkulation oder des Warentausches ... ein wahres Eden der angeborenen Menschenrechte" ist. Hier herrschen die bürgerlichen Werte "Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham(Eigennutz)!"(189) Verkäufer und Käufer der Ware Arbeitskraft sind frei als Person und gleich,
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da sie Äquivalente austauschen, und beide so über spezifisches Eigentum verfügen. "Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen."(190) Hier, in der Zirkulation oder auf dem Arbeitsmarkt, stehen sich Lohnarbeiter und Kapitalist gleichberechtigt gegenüber. Aber nur im Akt des Kauf und Verkaufs der Ware Arbeitskraft. Nicht so in deren Anwendung im Produktionsprozess. Auf dem Weg dahin "schreitet... der ehemalige Geldbesitzer voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam, wie jemand der seine eigne Haut zu Markte"(191) trägt. Dorthin begeben wir uns auch in der nächsten Lektion!
Lektion 05: Arbeits- und Verwertungsprozess
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 192 – 213
Wir verlassen nun mit Marx die Sphäre der Zirkulation oder der Tauschbeziehungen auf den Märkten und begeben uns in die Produktionssphäre, in die Sphäre der Arbeit. Marx betont einleitend, dass "die Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern ... ihre allgemeine Natur nicht dadurch (ändert), dass sie für den Kapitalisten und unter seiner Kontrolle vorgeht. Der Arbeitsprozess ist daher zunächst unabhängig von jeder gesellschaftlichen Form zu betrachten."(192) Dieses "zunächst" dürfen wir aber nicht vergessen, im Fortgang werden wir sehen, dass die "gesellschaftliche Form" durchaus auf den Arbeitsprozess konstitutiv einwirkt.
Aber kommen wir zur Definition von Arbeit an sich. Da es sich um eine berühmtesten Ausführungen von Marx handelt, wollen wir sie vollständig zum Selberlesen anführen.*) Wir wollen gleich mit der Kurzdefinition fortfahren: "Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel." Der "allgemeine Gegenstand der menschlichen Arbeit... findet sich ohne sein Zutun" in der Natur (vor). Es ist die gesamte Erde mit all ihren Stoffen, vom Wasser über die Pflanzen und Tiere bis hin zum Erz. "Ist der Arbeitsgegenstand dagegen selbst schon durch frühere Arbeit filtriert, so nennen wir ihn Rohmaterial." Er hat bereits "eine durch Arbeit vermittelte Veränderung erfahren"(193). Der Mensch wirkt nun mit Hilfe der Arbeitsmittel auf den Arbeitsgegenstand ein und nutzt die "mechanischen, physikalischen, chemischen Eigenschaften der Dinge, um sie als Machtmittel auf andre Dinge, seinem Zweck gemäß, wirken zu lassen." Der Mensch könnte so in Anlehnung an Franklin als "ein Werkzeuge fabrizierendes Tier" betrachtet werden.
Die Arbeitsmittel haben einen zentralen Stellenwert in der Marxschen Theorie, denn die "Arbeitsmittel" kennzeichnen letztendlich die "ökonomischen Gesellschaftsformationen.“(194) Marx kommt zum kategorialen Schluss:
"Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen."(194f) Sie sind "Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird."**) Das Produkt des Arbeitsprosses "ist ein Gebrauchswert, ein durch Formveränderung menschlichen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff. Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegenstand verbunden. Sie ist vergegenständlicht"(195). Vom Standpunkt des Resultats des Arbeitsprozesses, vom Produkt her betrachtet, "erscheinen beide, Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, als Produktionsmittel und die Arbeit selbst als produktive Arbeit." Man merke sich die erste Annäherung an den Begriff der produktiven Arbeit!
"Produkte sind daher nicht nur Resultat , sondern zugleich Bedingung des Arbeitsprozesses."(196) Und "da jedes Ding vielerlei Eigenschaften besitzt und daher verschiedner Nutzanwendung fähig ist, kann das Produkt das Rohmaterial(oder auch als Hilfsstoff) sehr verschiedner Arbeitsprozesse bilden." Es gilt: "Ob ein Gebrauchswert als Rohmaterial, Arbeitsmittel oder Produkt erscheint, hängt ganz und gar ab von seiner bestimmten Funktion im Arbeitsprozess". Als Produktionsmittel verlieren Produkte "den Charakter des Produkts" und "funktionieren nur noch als gegenständliche Faktoren der lebendigen Arbeit."(197) Und diese so bedeutungsvolle "lebendige Arbeit" erweckt alle Dinge "von den Toten"(198). Dieser Gegensatz von "lebendiger" und toter" Arbeit wird fundamental für die Marxsche Theorie.
In und durch die Arbeit werden die "stofflichen Elemente" angeeignet und somit ist der Arbeitsprozess "Konsumtionsprozess. Diese produktive Konsumtion unterscheidet sich dadurch von der individuellen Konsumtion, dass letztere die Produkte als Lebensmittel des lebendigen Individuums, erstere sie als Lebensmittel der Arbeit, seiner sich betätigenden Arbeitskraft, verzehrt."
Und es gilt der Merksatz: "Das Produkt der individuellen Konsumtion ist daher der Konsument selbst, das
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Resultat der produktiven Konsumtion ein vom Konsumenten unterschiednes Produkt."
Marx kommt zum Schluss, dass der Arbeitsprozess die "allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher ... allen seinen Gesellschaftsformen gemeinsam."(198) Arbeit macht den Menschen zum Menschen!
Doch nicht um eine allgemeine Arbeitswertlehre geht es Marx und so "kehren wir zu unserem Kapitalisten in spe zurück." Dieser hatte "auf dem Warenmarkt alle zu einem Arbeitsprozess notwendigen Faktoren gekauft, die gegenständlichen Faktoren oder die Produktionsmittel, den persönlichen Faktor oder die Arbeitskraft."(199)
Im Konsumtionsprozess der Ware Arbeitskraft, dem Arbeitsprozess, arbeitet der Arbeiter "unter der Kontrolle des Kapitalisten" und das Produkt dieses Prozesses "ist Eigentum des Kapitalisten, nicht des unmittelbaren Produzenten, des Arbeiters."(199f) Denn nachdem der Kapitalist dem Arbeiter den Zeitwert der Arbeitskraft bezahlt hat, gehört sie dem Kapitalisten und er wendet sie nach seinen Bedingungen an. "Der Kapitalist hat durch den Kauf der Arbeitskraft die Arbeit selbst als lebendigen Gärungsstoff den toten ihm gleichfalls gehörigen Bildungselementen des Produkts einverleibt."(200) Sie gehört ihm genauso wie das Resultat des Arbeitsprozesses, das Produkt. "Der Arbeitsprozess ist ein Prozess zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat" (200) und die lebendige Arbeitskraft wird zum Ding wie die zur produktiven Konsumtion benötigten Produktionsmittel. Die Gebrauchswerte, Arbeitskraft wie x-beliebiges Produkt, sind in der Warenproduktion immer zuvorderst "Träger des Tauschwerts" und unser Kapitalist will "nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert." "Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert", erinnert uns Marx, "muss ihr Produktionsprozess Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess sein."(201)
Im Wertbildungsprozess gehen alle verschiedenen konkreten Arbeiten ein nur nach ihrer "Quantität", nur als "gesellschaftliche Durchschnittsarbeit" (Vgl. die Bestimmung des Werts) "Denn nur gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit", erinnern wir uns wieder, "zählt als wertbildend." Somit stellen bestimmte "Quanta Produkt ... jetzt nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit."(204)
Aber "der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozess sind zwei verschiedene Größen." Z.B. sei der Wert zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft gleich sechs Stunden oder ein bestimmter Geldbetrag x, die tatsächliche Anwendung der Arbeitskraft im Produktionsprozess beträgt aber zwölf Stunden. "Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte." Es ist der "spezifische Gebrauchswert" der Ware Arbeitskraft, "Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat." Dies ist "ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer"(206). Der Kernsatz lautet:
"Indem der Kapitalist Geld in Waren verwandelt, die als Stoffbildner eines neuen Produkts oder als Faktoren des Arbeitsprozesses dienen, indem er ihrer toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt, verwandelt er Wert, vergangne, vergegenständlichte, tote Arbeit in Kapital, sich selbst verwertenden Wert".
Dauert nun der Produktionsprozess länger als nötig, um den Wert der Ware Arbeitskraft durch ein neues Äquivalent zu ersetzen, wird er also nach unserem Beispiel über sechs Stunden hinaus verlängert, wird der Wertbildungsprozess zum "Verwertungsprozess"(209) des Kapitals.
Führen wir unser Beispiel aus:
In sechs Stunden stellt der Arbeiter, dessen Arbeitskraft dem Kapitalisten 10 Geldeinheiten (GE) kostet, 5 Produkte her, zu deren Produktion Produktionsmittel (Rohstoff, Hilfsmittel, Maschinen etc.) in Höhe von ebenfalls 10 GE nötig sind. Der Wert(= hier gleich Preis) je Produkt ist folglich 20GE : 5 Produkte = 4 GE je Produkt. Wendet der Kapitalist nun den Arbeiter 12 Stunden an, bleibt dessen Wert mit 10 GE gleich; die Produktionsmittel, die Nutzbarmachung vergangner "toter" Arbeit erhöht sich somit auf 20 GE. Es werden nun 10 Produkte mit einem Wert von 10x4 Ge= 40GE vom Kapitalisten angeeignet, zu deren Produktion er nur 30 GE vorschießen musste. Der Mehrwert aus dem Verwertungsprozess des Kapitals beträgt also 40-30 GE=10 GE.
Der bei der "Analyse der Ware gewonnene Unterschied zwischen der Arbeit, soweit sie Gebrauchswert, und derselben Arbeit, soweit sie Wert schafft," stellt sich nun dar "als Unterscheidung der verschiedenen Seiten des Produktionsprozesses". Der Merkssatz lautet: "Als Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess
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ist der Produktionsprozess (in den ersten sechs Stunden des Arbeitstages) Produktionsprozess von Waren; als Einheit von Arbeitsprozess und Verwertungsprozess (in den zwölf Stunden) ist er kapitalistischer Produktionsprozess, kapitalistische Form der Warenproduktion."(211)
Die angewandte Arbeit, ob "einfache, gesellschaftliche Durchschnittsarbeit oder kompliziertere Arbeit", dies merkt Marx abschließend an, ist aus der Sicht des Verwertungsprozesses "gleichgültig".(211) "Die Arbeit, die als höhere, kompliziertere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit gilt, ist die Äußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehen"(211f) und deren Wert deshalb höher ist, z.B. 20 GE statt derer 10. Sie "vergegenständlicht sich daher, in denselben Zeiträumen, in verhältnismäßig höheren Werten."(212) Am grundlegend dargestellten Sachverhalt ändert sich daher nichts.
*) "Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.
Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel."(192f)
**) Insofern, sollte Marx Recht haben, wäre der ehemalige "realexistierende Sozialismus" durchaus keine von der kapitalistischen Gesellschaftsformation verschiedene Angelegenheit gewesen!
Lektion 06: Konstantes und variables Kapital
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 214 - 225
Durch den Kauf der Ware Arbeitskraft erweckt der Kapitalist, haben wir im letzten Kapitel gelernt, die tote, in den Produktionsmitteln vergegenständlichte Arbeit, zum Leben. Wie nun die "verschiedenen Faktoren des Arbeitsprozesses ... an der Bildung des Produkten-Werts" teilnehmen, wollen wir nun, Marx folgend, betrachten.
Während die angewandte Arbeit "dem Arbeitsgegenstand neuen Wert" zusetzt, wird "der Wert der Produktionsmittel... erhalten durch seine Übertragung auf das (neue) Produkt." Durch den Arbeitsprozess, der Verwandlung von Produktionsmittel in ein neues Produkt, vermittelt die Anwendung der Arbeit diese Übertragung. Dies gilt es näher zu betrachten.
Aus der "Doppelseitigkeit" der Arbeit, die zugleich ihren Wert dem Produkt neu zusetzt und gleichzeitig die alten, toten Werte der Produktionsmittel überträgt, folgt die "Doppelseitigkeit des Resultats"(214). Einerseits, "in ihrer abstrakten, allgemeinen Eigenschaft ..., als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft,
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setzt die Arbeit ... den Werten (der Produktionsmittel) ... Neuwert zu, und in ihrer konkreten, besondren, nützlichen Eigenschaft .. überträgt sie den Wert dieser Produktionsmittel auf das Produkt und erhält so ihren Wert im Produkt."(215) Knapp gefasst: "Durch das quantitative Zusetzen von Arbeit wird neuer Wert zugesetzt, durch die Qualität der zugesetzten Arbeit werden die alten Werte der Produktionsmittel im Produkt erhalten."(215f) Allgemein gilt: "Es zeigt sich..., dass ein Produktionsmittel nie mehr Wert an das Produkt abgibt, als es im Arbeitsprozess durch Vernichtung seines eignen Gebrauchswerts verliert."(218) Kohle zur Energieerzeugung wird verbrannt, Rohstoffe und Halbfabrikate werden verarbeitet, Maschinen und Gebäude werden verschlissen.
Noch einmal poetisch Marx dazu: "Indem die produktive(!) Arbeit Produktionsmittel in Bildungselemente eine neuen Produkts verwandelt, geht mit dem Wert eine Seeelenwanderung vor. Er geht aus dem verzehrten Leib in den neu gestalteten Leib über. Aber diese Seelenwanderung ereignet sich gleichsam hinter dem Rücken der wirklichen Arbeit." Diese "Naturgabe" der "lebendigen Arbeit", "die dem Arbeiter nichts kostet, aber dem Kapitalisten viel einbringt", nämlich "die Erhaltung des vorhandnen Kapitalwerts"(221), solange der Arbeitsprozess nicht "gewaltsam" stockt.
Genauer gesprochen wird "der Wert der Produktionsmittel ... nicht reproduziert", sondern im "neuen Gebrauchswert ... erscheint ... der alte Tauschwert"(222) wieder.
"Der Teil des Kapitals", fasst Marx definitorisch zusammen, "der sich in Produktionsmittel ... umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozess. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital." (223)
Im Gegensatz dazu bildet der "subjektive(!) Faktor des Arbeitsprozesses", die "sich betätigende Arbeitskraft" des Arbeiters, "zusätzlichen Wert, Neuwert." Ihr vom Kapitalisten vorgeschossener Wert "bildet den Überschuss des Produktenwerts über seine dem Wert der Produktionsmittel geschuldeten Bestandteile. Er ist der einzige Originalwert", der durch den Arbeits- und Verwertungsprozess "selbst produziert ist." Er " ist wirklich reproduziert, nicht nur scheinbar, wie der Wert der Produktionsmittel. Der Ersatz eines Werts durch den andren ist hier vermittelt durch neue Wertschöpfung."
Marx fasst zusammen: "Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals ... reproduziert sein eignes Äquivalent und (im Verwertungsprozess) einen Überschuß darüber. Mehrwert ... Aus einer konstanten (vorgeschossenem Geldbetrag) Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapital fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil oder kürzer: variables Kapital." Es gilt der Merksatz:
"Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital."(224)
Durch Änderung der "gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" des Werts der Produktionsmittel mag sich zwar "das Größenverhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital oder die Proportion, worin das Gesamtkapital in konstante und variable Bestandteile zerfällt" ändern, aber dies "berührt dagegen nicht den Unterschied von konstant und variabel."(225)
Lektion 07: Die Rate des Mehrwerts
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 226 - 244
Greifen wir unser Beispiel aus der Lektion 5 wieder auf, so stellt sich das vorgeschossene Kapital C dar in der berühmten Formel: C = c + v, wobei c das in den Prozess eingegangene tote oder konstante Kapital der Produktionsmittel bezeichnet und v den Wert des variablen Kapitals. Ziel des Arbeits- wie Verwertungsprozesses unter der Kontrolle des Kapitalisten ist C´ oder die Erzielung eines "Überschusses des Produktenwerts über den Wert seiner Produktionselemente gleich der Verwertung des vorgeschossenen Kapitals oder gleich dem produzierten Mehrwert"(226) gleich m. Es gilt somit:
C´ = c + v +m oder mit unserem Beispiel 40 = 20 + 10 +10
Das im Prozess tatsächliche Mehrprodukt beträgt, wie wir wissen, nur 20 GE, v + m, da die 20 GE des vorgeschossenen konstanten Kapitals nur im Neuprodukt erhalten und umgeschlagen werden. Wie sich das vorgeschossene variable Kapital verwertet, ist somit ausgedrückt in m/v oder 10/10 gleich 100 Prozent. "Diese verhältnismäßige Verwertung des variablen Kapitals oder die verhältnismäßige Größe des Mehrwerts (nennt Marx) Rate des Mehrwerts."(230)
In unserem Beispiel stellte sich der Wert v in sechs Arbeitsstunden dar, tatsächliche Arbeitszeit waren aber
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12 Stunden. "Den Teil des Arbeitstags", in dem die Reproduktion oder Werterhaltung der Ware Arbeitskraft oder des Arbeiters erfolgt, nennt Marx die "notwendige Arbeitszeit, die während derselben verausgabte Arbeit notwendige Arbeit."(230f) Und diese Zeit ist "notwendig für den Arbeiter, weil unabhängig von der gesellschaftlichen Form (!) seiner Arbeit. Notwendig für das Kapital und seine Welt, weil das beständige Dasein des Arbeiters ihre Basis." Ohne die Erhaltung der Arbeitskraft und damit des Lebens des Arbeiters eben keinen Arbeits-, Wertbildungs- und Verwertungsprozess, denn: Die andere Hälfte des Arbeitstages nach unserem Beispiel, "die der Arbeiter über die Grenzen der notwendigen Arbeit hinaus schanzt, kostet ihm zwar Arbeit, Verausgabung von Arbeitskraft, bildet aber keinen Wert für ihn. Sie bildet Mehrwert ... Diesen Teil des Arbeitstages (nennt Marx) Surplusarbeitszeit, und die in ihr verausgabte Arbeit: Mehrarbeit." Es sei entscheidend "für die Erkenntnis des Mehrwerts, ihn als bloße Gerinnung von Surplusarbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Mehrarbeit zu begreifen."
Sahen wir in der Lektion 5 die Arbeitsmittel als Charakteristika der Gesellschaftsformationen, so betont Marx nun: "Nur die Form, worin diese Mehrarbeit den unmittelbaren Produzenten ... abgepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, z.B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit."(231)
Den Teil des erzeugten Produkts, in unserem Beispiel den Teil von 10x, "worin sich der Mehrwert darstellt", nennt Marx nun folgerichtig "Mehrprodukt", gleich 2 ½ . Marx betont, "wie die Rate des Mehrwerts durch sein Verhältnis nicht zur Gesamtsumme, sondern zum variablen Bestandteil des Kapitals bestimmt wird, so" gilt dies auch für "die Höhe des Mehrprodukts", welches nicht "durch sein Verhältnis zum Rest des Gesamtprodukts, sondern zum Produktteil, worin sich die notwendige Arbeitszeit darstellt", ausdrückt. Und dies waren nach unserem Beispiel ebenfalls 2 ½ Produkte. Und Marx gibt uns den Lehrsatz mit:
"Wie die Produktion von Mehrwert der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so misst nicht die absolute Größe des Produkts, sondern die relative Größe des Mehrprodukts den Höhegrad des Reichtums."(243) Erinnern wir uns an die erste Lektion und wie dort Reichtum "erscheint"!
"Die Summe der notwendigen Arbeit und der Mehrarbeit", so schließt Marx dieses Kapitel und leitet zum nächsten über, "der Zeitabschnitte, worin der Arbeiter den Ersatzwert seiner Arbeitskraft und den Mehrwert produziert, bildet die absolute Größe seiner Arbeitszeit – den Arbeitstag"(244).
Lektion 08: Der Arbeitstag
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 245 - 320
Wir haben gelernt, welche Bedeutung die Arbeit für die Konstitution der gesellschaftlichen Beziehungen und den kategorialen Rahmen bei Marx im "Kapital" hat und wir haben verfolgt, wie nach dem Kauf der Ware Arbeitskraft sich die Protagonisten aus der Sphäre des gleichen Tausches in die Ebene der Produktion begaben. Der eine bedrückt, der andere froh des Kommenden. (vgl. 191)
Die Arbeitskraft, die so als Ware zu "ihrem Werte gekauft und verkauft wird"(245), wird nun vom Kapitalisten eine bestimmte Zeit pro Tag im Arbeits- und Verwertungsprozess des Kapitals angewandt. "Der Arbeitstag ist", betont aber Marx, "keine konstante", naturnotwendige, "sondern eine variable Größe. Einer seiner Teile ist zwar bestimmt durch die zur beständigen Reproduktion des Arbeiters selbst erheischte Arbeitszeit" (in unserem Beispiel aus Lektion 05 sechs Stunden), "aber seine Gesamtgröße wechselt mit der Länge oder Dauer der (unbezahlten) Mehrarbeit" für den Kapitalisten, in unserem Beispiel ebenfalls sechs Stunden. Die Rate des Mehrwerts wie der Mehrarbeit ist so Mehrarbeitszeit : Notwendige Arbeitszeit oder 100 Prozent.
Es kann, auf Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise, die notwendige Arbeitszeit nicht mit der Gesamtarbeitszeit zusammenfallen, denn ohne die Potenz zur Mehrarbeit würde der Kapitalist die Ware Arbeitskraft nicht kaufen und seine Verwertung des Kapitals wäre nicht möglich. Also kann "der Arbeitstag sich nie auf dies Minimum verkürzen". Andererseits "besitzt der Arbeitstag eine Maximalschranke", eine natürliche sofort einsehbare Grenze von 24 Stunden. Wichtiger noch, betont Marx, braucht der Arbeiter neben dem Schlaf und Erholung "Zeit zur Befriedigung geistiger und sozialer Bedürfnisse, deren Umfang und Zahl durch den allgemeinen Kulturzustand bestimmt sind. Die Variation des Arbeitstages bewegt sich daher innerhalb physischer und sozialer Schranken."(246)
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Nun beruft sich der Kapitalist als Käufer der Ware Arbeitskraft "auf das Gesetz des Warenaustausches" und "sucht den größtmöglichen Nutzen aus dem Gebrauchswert seiner Ware herauszuschlagen"(247), der Arbeiter als Verkäufer hat ein überlebensnotwendiges Interesse, die Arbeitszeit und damit die kostenlose Mehrarbeitszeit zu beschränken. "Es findet hier also eine Antimonie statt, Recht (steht) wider Recht, beide gleichmäßig durch die Gesetze des Warenaustauschs besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt." "In der Geschichte der kapitalistischen Produktion" tobt ein immerwährender Kampf um die Länge des Normalarbeitstages und zwar "ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse." Erst die Ergebnisse des Klassenkampfes begrenzen den "Heißhunger nach Mehrarbeit"(249).
Marx verweist nun darauf, dass jede Ausbeuterordnung durch die Aneignung von Mehrarbeit gekennzeichnet ist. "Sobald aber Völker, deren Produktion sich noch in den niedrigen (!) Formen der Sklavenarbeit, Fronarbeit usw. bewegt, hineingezogen werden in einen durch die kapitalistische Produktionsweise beherrschten Weltmarkt (!) ... wird den barbarischen Greuel der Sklaverei, Leibeigenschaft usw. der zivilisierte (!) Greuel der Überarbeit aufgepropft."(250)
Und diese Abpressung der "Überarbeit", die maßlose Verlängerung des Arbeitstages wie die Arbeit von Kindern und Frauen unter den entsetzlichen Bedingungen zu den Zeiten von Marx im 19. Jahrhundert können wir in diesem Kapitel detailliert nachlesen und heute immer noch an den peripheren Rändern der "Globalisierung" beobachten.
Und wir können auch lernen, dass bereits damals die Beschränkung des Arbeitstages gesellschaftlich sich durchzusetzen begann. "Gesetze zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aussaugung der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Arbeitstages von Staats wegen". Die "blinde Raubgier" der Kapitalisten nach maßloser Ausdehnung der Arbeit über soziale und physische Grenzen hinaus, Kennzeichen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer historischen Durchsetzungsphase (vgl. S.280), muss selbst "von Seiten eines Staates, den Kapitalist und Landlord beherrschen"(253), begegnet werden. Und bis heute gibt es, neben dem Tarifrecht als Ausdruck des Klassenkampfes zwischen "Gesamtkapitalist" und "Gesamtarbeiter"(249), dieses staatliche Arbeitszeitrecht. Es gilt der Marxsche Merksatz bis heute:
"Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird."(285)
Warum ist der Kapitalist gegen jede Moral und Verstand so maßlos in seiner Gier? Marx stellt klar: "Im großen und ganzen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen (!) des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend."(286) Der gnadenlose Konkurrenzkampf der Kapitalisten untereinander zwingt sie, soviel Mehrarbeit abzupressen wie nur irgendwie möglich.
Die Regulierung der Arbeitszeit ist nun "Ergebnis langwieriger Klassenkämpfe"(299). Resultat der Klassenkämpfe ist die Verrechtlichung der ökonomischen Beziehungen und deren Berechenbarkeit. Gestern, heute, und in der Zukunft!
Warum letztendlich die Beschränkung der Arbeitszeit möglich war, hängt auch daran, dass eine mögliche individuelle Verlängerung der Arbeitszeit gar nicht im Interesse der Klasse der Kapitalisten liegt. Vielmehr gilt: "gleiche Exploitation (Ausbeutung) der Arbeitskraft ist das erste Menschenrecht des Kapitals."(309) Dies bedingt die Konkurrenz um gleiche Ausbeutungsbedingungen.
Doch freiwillig würden die Kapitalisten nie auf einen allgemein gültigen Arbeitstag von 12 oder 16 Stunden verzichten. Aber auch nicht der einzelne Arbeiter in seiner Notsituation! Marx endet darum dieses Kapitel mit der Aufforderung zum Klassenkampf:
Zu ihrem eigenen "Schutz" ... müssen die Arbeiter ihre Köpfe zusammenrotten und als Klasse ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen. An die Stelle des prunkvollen Katalogs der unveräußerlichen Menschenrechte tritt die bescheidne Magna Charta eines gesetzlich beschränkten Arbeitstages".(320) Und so ist von damals bis heute zentral die Forderung nach einem "Normalarbeitstag" von acht Stunden (vgl. die Geschichte des 1.Mai) und die staatliche Kontrolle und Normierung der Arbeitsbedingungen.
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Lektion 09: Rate und Masse des Mehrwerts
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 321 - 330
Wir sind nun mit dem 9.Kapitel beim Abschluss des III. Abschnitts des „Kapitals“ angekommen und Marx fasst zusammen und vertieft nun unsere Erkenntnisse über die „Produktion des absoluten Mehrwerts“. „Der Wert der (Ware) Arbeitskraft, ... der zur Reproduktion oder Erhaltung der Arbeitskraft notwendige Teil des Arbeitstags“(321), wird weiter als konstant angenommen und nur die „Überarbeit“(250), die Mehrarbeit über dieses notwendige Maß hinaus, ist Gegenstand der Analyse. Wir haben den Produktionsprozess kennen gelernt, in dem das „personifizierte Kapital, der Kapitalist,“ in einem „Zwangsverhältnis“ über die Lohnarbeit herrscht und „an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme“ (328) übertrifft. Als Verwertungsprozess des Kapitals sind es „die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden“. Jeder Stillstand oder die Nichtnutzung der Produktionsmittel wird zum „Verlust für den Kapitalisten“. Die „charakteristische Verkehrung, ja Verrückung des Verhältnisses von toter und lebendiger Arbeit“ verwandelt „die gegenständlichen Faktoren des Produktionsprozesses ... in Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrarbeit.“(329)
Wenden wir uns den Gesetzen der Mehrarbeit oder des Mehrwerts zu. Das erste Gesetz lautet wie folgt: „Die Masse des produzierten Mehrwerts ist gleich der Größe des vorgeschoßnen variablen Kapitals multipliziert mit der Rate des Mehrwerts“(321f), wobei diese in unserem Beispiel 100 Prozent beträgt, „oder ist bestimmt durch das zusammengesetzte Verhältnis zwischen der Anzahl der vom demselben Kapitalisten gleichzeitig exploitierten Arbeitskräfte (k) und dem Exploitationsgrad der einzelnen Arbeitskraft.“(322) Die Masse des Mehrwerts (M) beträgt also, gehen wir von 100 angewandten Arbeitskräften und je 10 Geldeinheiten abgepressten Werts je Arbeitskraft aus, 1.000 Geldeinheiten und ist damit, bei einer Mehrwertrate von 100 Prozent, gleich groß dem Wert V der angewandten 100 Arbeitskräften. Will der Kapitalist den Anteil des variablen Kapitals vermindern, kann er den Exploitationsgrad der Arbeitskraft erhöhen oder muss anders ausgedrückt, da der Wert der Arbeitskraft konstant gesetzt ist, den Arbeitstag verlängern.
Dies Verlängerung des Arbeitstages hat, wie wir bereits wissen, seine „unüberspringbare Schranke“ durch die Dauer eines Tages und „bildet eine absolute Schranke für den Ersatz von vermindertem variablen Kapital durch gesteigerte Rate des Mehrwerts oder von verringerter exploitierten Arbeiteranzahl durch erhöhten Exploitationsgrad der Arbeitskraft.“(323) Dieses zweite Gesetz bildet die Basis für den Widerspuch im Kapitalverhältnis, einerseits das variable Kapital möglichst zu minimieren und andererseits eine „möglichst große Masse von Mehrwert zu produzieren.“
Ein drittes Gesetz ergibt sich aus der Bestimmung der Masse des Mehrwerts durch die beiden Faktoren „Rate des Mehrwerts und Größe des vorgeschoßnen variablen Kapitals.“ „Bei gegebner Rate des Mehrwerts und gegebnem Wert der Arbeitskraft verhalten sich also die Massen des produzierten Mehrwerts direkt wie die Größen der vorgeschoßnen variablen Kapitale.“(324) Je mehr Lohnarbeit angewandt wird, desto größer die abgepresste Mehrarbeit und somit der Mehrwert.
Ein „gewisser Höhegrad der kapitalistischen Produktion“ muss erreicht sein, damit der Kapitalist nur mehr als „personifiziertes Kapital funktioniert“(326), „wo die für die Produktion vorgeschoßne Minimalsumme weit über dem mittelaltrigen Maximum (z.B. im Handwerk) steht.“ Die „bloß quantitative Veränderung“ der Lohnarbeit muss „auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen.“(327)
Der Kapitalist wird erst zum Kapitalist, die Produktionsweise erst dann kapitalistisch, wenn der einzelne Kapitalist wie die gesamte Kapitalistenklasse über das Kommando einer hinreichenden Arbeiteranzahl verfügen! Dieses Minimum an angewandter Arbeitskraft wechselt auf den verschiedenen Entwicklungsstufen der Produktion und ist bei gegebener Stufe in den verschiedenen Produktionssphären mit ihren jeweiligen technischen Bedingungen unterschiedlich.(vgl.327/28)
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Lektion 10: Der relative Mehrwert
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 331 – 340
Von zwei Grundannahmen ist Karl Marx in seiner Untersuchung des Kapitals bisher ausgegangen: Alle Waren, auch die Ware Arbeitskraft, werden zu ihrem gesellschaftlich bestimmten Wert gehandelt und der „Teil des Arbeitstags, der bloß ein Äquivalent für den vom Kapital gezahlten Wert der Arbeitskraft produziert, galt bisher als konstante Größe“, da die „Produktionsbedingungen“ durch eine bestimmte „ökonomische Entwicklungsstufe der Gesellschaft“ (331) vorgegeben waren. Nun steht die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft selbst zur Disposition und es muss bei gegebener Länge des Gesamtarbeitstages „die Verlängerung der Mehrarbeit aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit entspringen“. Dies erfordert unabdingbar „eine Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit“ und eine „Revolution in den Produktionsbedingungen“, da, wenn die Ware Arbeitskraft zu ihrem vollen Wert verkauft wird, dieser Wert nur sinken kann, wenn die in diesen Wert eingehenden Lebensmittel in weitesten Sinne an Wert verlieren, also gesamtgesellschaftlich effektiver produziert werden.
Die Marxsche Definition lautet: „Unter Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit verstehn wir ... eine Veränderung im Arbeitsprozess, wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleinres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt, ein größres Quantum Gebrauchswert zu produzieren.“ (333)
Nur durch die revolutionäre Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit, durch die Veränderung der „technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses“, durch Umwälzung der Produktionsweise selbst, kann der Wert der Ware Arbeitskraft gesenkt und der „zur Produktion dieses Werts notwendige Teil des Arbeitstags“(334) verkürzt werden. Dabei ist dieses „allgemeine Resultat“ des Wirkens des Kapitalisten durchaus verschieden vom „unmittelbaren Zweck“(335). Der Kapitalist revolutiert die Produktionsweise, um mehr Profit zu erzielen, nicht um die Lebensmittel seiner Arbeiter zu verbilligen. Es gilt auch hier: „Die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion (erscheinen) ... als Zwangsgesetze der Konkurrenz“(335).
Schauen wir zur Erläuterung unser Beispiel an:
An einem Arbeitstag von 12 Stunden hat ein Arbeiter, der 10 Geldeinheiten kostet, 10 Stück Ware zum Wert von 40 produziert, dazu war ein konstantes Kapital von 20 notwendig. Der Mehrwert war also 10 Geldeinheiten hoch. Nun produziert unter veränderten Bedingungen selbiger Arbeiter in unterstellt selber Zeit 20 Wareneinheiten, wozu 40 konstantes Kapital notwendig sind. Der Preis der Arbeit bliebe gleich und der Kapitalist kann nun den Preis der Ware je nach Marktbedingung setzen: Entweder unverändert bei vier lassen, wodurch ihm ein „Extramehrwert“ von bis zu 30 Geldeinheiten zuflösse oder, was wahrscheinlicher ist, den Preis der Ware senken, um mehr davon verkaufen zu können, zum Beispiel auf 3,5 Geldeinheiten. Er würde so einen Wert von 70 erlösen und seinen Mehrwert immer noch auf 20 verdoppeln.
Nach Marx „existiert für jeden einzelnen Kapitalisten das Motiv, die Ware durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit zu verwohlfeilern“(336), also zu verbilligen, um realistisch seinen Absatz vergrößern zu können. Die Anwendung von „Arbeit von ausnahmsweiser Produktivkraft“ wirkt als „potenzierte Arbeit“ und „schafft in gleichen Zeiträumen höhere Werte als die gesellschaftliche Durchschnittsarbeit“. Mit der Zeit, „sobald die neue Produktionsweise sich verallgemeinert“, „verschwindet jener Extramehrwert ... und damit die Differenz zwischen dem individuellen Wert der wohlfeiler produzierten Waren und ihrem gesellschaftlichen Wert“(337). Dasselbe Gesetz, welches den Kapitalisten zwingt, seine Ware unter ihren bisherigen gesellschaftlichen Wert zu verkaufen, „treibt seine Mitbewerber als Zwangsgesetz der Konkurrenz zur Einführung der neuen Produktionsweise.“(337f) Als Ergebnis des Prozesses verbilligen sich mit der Zeit auch die Lebensmittel und damit der Wert der Ware Arbeitskraft. Statt, wie in unserem Beispiel in sechs Stunden, können sie z.B. durch die Arbeit von 5 Stunden produziert werden. Die Mehrarbeit könnte so von sechs auf sieben Stunden bei konstantem Arbeitstag steigen. Der relative Mehrwert steigt mit steigender Produktivkraft und fällt umgekehrt.(siehe 338) Es ist so „beständige Tendenz des Kapitals, die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, um die Ware und durch die Verwohlfeilerung der Ware den Arbeiter selbst zu verwohlfeilern.“(338)
Diese „Ökonomie der Arbeit durch Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit“ bezweckt nun durchaus nicht, was offensichtlich möglich wäre, die gesamtgesellschaftliche „Verkürzung des Arbeitstages. Sie bezweckt nur Verkürzung der für Produktion eines bestimmten Warenquantums notwendigen Arbeitszeit.“(339) Innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktion bezweckt die Produktivkraftsteigerung der relativen Mehrwertproduktion nur, den Teil des Arbeitstages, den der Arbeiter
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für sich arbeitet, zu verkürzen, und den Teil des Arbeitstages zu verlängern, den er für den Kapitalisten „umsonst“ schuftet. (siehe 340) Marx fasst definitorisch zusammen:
„Durch Verlängerung des Arbeitstags produzierten Mehrwert nenne ich absoluten Mehrwert; den Mehrwert dagegen, der aus Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entsprechender Verändrung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt – relativen Mehrwert.“(334)
Lektion 11: Kooperation der Arbeitskraft
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 341 – 355
Wie nun aber die Produktivkraft der Arbeitskraft entwickeln? „Den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion“ „bildet historisch und begrifflich“ „das Wirken einer größeren Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in demselben Raum zur Produktion derselben Warensorte“(341). Zunächst ist es unter dem Gesichtspunkt der Wertproduktion gleichgültig, ob ein Arbeiter oder viele unter dem Kommando eines Kapitalisten schuften. Aber wir wissen bereits, dass nur die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitskraft wertbildend ist. Ist es nun eher zufällig, ob die ein oder zwei Gesellen eines Handwerkers dieser Durchschnittsarbeit entsprechen, so bildet sich die „gesellschaftliche Durchschnittsqualität“(342) empirisch von selbst, wenn in der kapitalistischen Produktion z.B. fünf oder mehr Arbeiter gleichzeitig tätig sind.
Marx stellt fest: „Das Gesetz der Verwertung überhaupt realisiert sich also für den einzelnen Produzenten erst vollständig, sobald er als Kapitalist produziert, viele Arbeiter gleichzeitig anwendet, also von vornherein gesellschaftliche Durchschnittsarbeit in Bewegung setzt.“ Selbst wenn sich an der Tätigkeit des einzelnen Arbeiters noch nichts ändert, die Zusammenfassung vieler Arbeitskräfte bewirkt eine „Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses.“(343) Als Beispiel der „Ökonomie der Produktionsmittel“ führt Marx das Fabrikgebäude für zwanzig Arbeitskräfte an, das kostengünstiger zu entrichten ist als zehn Arbeitsstätten für je zwei Arbeiter. In der „Kooperation“ der Arbeit, die sich planmäßig neben- und miteinander entfaltet (344), liegt eine Kraft, die Marx den Vergleich zum Militär ziehen lässt, wo die geballte „Angriffskraft“ einer Schwadron die Möglichkeiten ihrer einzelnen Mitglieder weit übersteigt. (siehe 345)
Lassen wir Marx selbst diese Potenzen der Kooperation zusammenfassen:
„Verglichen mit einer gleich großen Summe vereinzelter individueller Arbeitstage, produziert der kombinierte Arbeitstag größre Massen von Gebrauchswert und vermindert daher die zur Produktion eines bestimmten Nutzeffekts nötige Arbeitszeit.“ Denn: „Ob er im gegebnen Fall diese gesteigerte Produktivkraft erhält, weil er die mechanische Kraftpotenz der Arbeit erhöht(a) oder ihre räumliche Wirkungssphäre ausdehnt(b) oder das räumliche Produktionsfeld im Verhältnis zur Stufenleiter der Produktion verengt(c) oder im kritischen Moment viel Arbeit in wenig Zeit flüssig macht(d) oder den Wetteifer der einzelnen erregt und ihre Lebensgeister spannt(e) oder den gleichartigen Verrichtungen vieler den Stempel der Kontinuität und Vielseitigkeit aufdrückt(f), oder verschiedne Operationen gleichzeitig verrichtet(g) oder die Produktionsmittel durch ihren gemeinschaftlichen Gebrauch ökonomisiert(h) oder der individuellen Arbeit den Charakter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit verleiht(i), unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des kombinierten Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft“(348f), die der Kooperation entspringt.
Nun erst wird das „Kommando“ des Kapitals und des Kapitalisten zu einer „wirklichen Produktionsbedingung“ und „die Funktion der Leitung“ des kombinierten Produktionsprozesses erhält „spezifische Charaktermale.“(350) Nicht nur wächst der Widerstand der Arbeiter mit ihrer geballten Masse und muss klein gehalten werden. Es gilt eben auch, die „Ausbeutung“ des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses zu organisieren(siehe 350). Die Kooperation der Lohnarbeiter wird durch das Kapital hergestellt und so tritt ihnen „der Zusammenhang ihrer Arbeiten ... daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft.“ Diese Leitung ist „der Form nach despotisch“ und wird, je größer die angewandte Arbeit und das eingesetzte Kapital, einer „besondren Sorte von Lohnarbeitern“(351) überantwortet. Nur die „Oberaufsicht“ behält der Kapitalist persönlich. Der Merksatz lautet: „Der Kapitalist ist nicht Kapitalist, weil er industrieller Leiter ist, sondern er wird industrieller Befehlshaber, weil er Kapitalist ist.“(352)
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Und es gilt: „Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist ... Produktivkraft des Kapitals“(353) und kostet dem Kapital nichts. Und die Vorzüge kombinierter Arbeit durch die gleichzeitige Anwendung vieler Arbeitskräfte, die Entfaltung gesellschaftlicher Produktivkraft, hat eine lange, ruhmreiche und blutige Geschichte. Vor der kapitalistischen Produktionsweise wurde kombinierte Arbeitskraft in großem Maßstab durch „unmittelbare Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse, zumeist ... der Sklaverei“ angewendet, die kapitalistische Form der Kooperation setzt dagegen den „freien Lohnarbeiter“ und die Überwindung der vereinzelten Arbeit des Mittelalters voraus. Die Kooperation wird so zu einer „spezifischen Form des kapitalistischen Produktionsprozesses“ und der Arbeitsprozess erfährt „durch seine Subsumtion(=Unterordnung) unter das Kapital“ drastische Veränderungen, revolutioniert diesen. Die „kapitalistische Produktionsweise (wird so) „einerseits historische Notwendigkeit für die Verwandlung des Arbeitsprozesses in einen gesellschaftlichen Prozess ..., so andrerseits (ist) diese gesellschaftliche Form des Arbeitsprozesses eine vom Kapital angewandte Methode, um (den Lohnarbeiter) durch Steigerung seiner Produktivkraft profitabler auszubeuten.“(354) Dieser „naturwüchsige“ Prozess „bildet aber keine feste charakteristische Form einer besondren Entwicklungsepoche der kapitalistischen Produktionsweise“, sondern die Kooperation „bleibt die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise, obgleich ihre einfache Gestalt selbst als besondre Form neben ihren weiterentwickelten Formen (die wir ihm nächsten Kapitel kennenlernen werden) erscheint.“(355)
Lektion 12: Arbeitsteilung in der Manufaktur
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 356 - 390
Die Kooperation, die auf Teilung der Arbeit beruht, „schafft sich ihre klassische Gestalt in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die ... von Mitte des 16.Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des achtzehnten währt.“(356) Im Unterschied zur einfachen Kooperation, in Lektion 11 behandelt, drückt die arbeitsteilige Manufaktur einer ganzen Zeitperiode ihren Stempel auf und bleibt darüber hinaus eine bleibende Form der Organisation der Warenproduktion bis zum heutigen Tag. Zwei unterschiedliche Formen der Herausbildung der Manufaktur aus dem Handwerk des Mittelalters analysiert Marx. „Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke“ in einem Produktionsprozess durch einen Kapitalisten aus, „andererseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus“, Ergebnis ist immer die „Verunselbständigung“ und „Vereinseitigung“ der lebendigen Arbeit und „ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.“ Marx betont, dass der „handwerksmäßige“ Charakter der Arbeit in der Manufaktur erhalten bleibt und einen wissenschaftlichen Charakter der Produktion ausschließt. (358)
Die Manufaktur „produziert in der Tat die Virtuosität des Detailarbeiters“ und kombiniert diese zu einem Gesamtarbeiter. „Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird ... mehr in weniger Zeit produziert und die Produktivität der Arbeit gesteigert.“(359) Dies geschieht primär durch eine „Spezialisierung“(361) der Arbeitsinstrumente und führt zu einer steigenden „Intensität der Arbeit“ in der Manufaktur.
Heute ist uns selbstverständlich, dass eine Spezialisierung in einem arbeitsteiligen Produktionsprozess einer beliebigen Ware den Output erhöht. Auch die Betonung von Marx, dass die Manufaktur zu „einer Hierarchie der Arbeitskräfte, der eine Stufenleiter der Arbeitslöhne entspricht“(370), führt, ist uns vertraut. Die Herausbildung einer „Klasse sogenannter ungeschickter Arbeiter“, die kein spezifisches Handwerk mehr erlernen müssen, und deren produktive Anwendung im arbeitsteiligen Produktionsprozess kennzeichnet bis heute die Arbeitswelt (zumindest in weiten Teilen der Welt).
Marx geht im Fortgang seiner Darlegung auf das „Verhältnis zwischen der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit und der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit, welche die allgemeine Grundlage aller Warenproduktion bildet“(371), ein. Die „naturwüchsige Teilung der Arbeit“(372) nach Alter, Geschlecht, Stämmen, nach Stadt und Land(siehe 373) und der Austausch von Produkten zwischen verschiedenen Gemeinwesen führte zur langsamen Herausbildung der Warenproduktion und „eine schon bis zu gewissem Entwicklungsgrad gereifte Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft“ ist die Basis der Herausbildung der Manufaktur, die umgekehrt die gesellschaftliche Teilung der Arbeit höher entwickelt und beschleunigt. „Mit der Differenzierung der Arbeitsinstrumente differenzieren sich mehr und mehr die Gewerbe, welche diese Instrumente produzieren.“(374) Und nicht zuletzt erfährt die Manufakturperiode des Kapitalismus und
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mit ihr die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft durch „die Erweiterung des Weltmarkts und durch das Kolonialsystem“(375) einen Entwicklungsschub. Während nun, dies ein Wesensunterschied, die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft die Warenproduktion ausdehnt und die Zahl der Warenproduzenten vervielfacht, reduziert die Teilung der Arbeit durch die Manufaktur die selbständigen warenproduzierenden Handwerker. „Erst das gemeinsame Produkt der Teilarbeiter (der Manufaktur) verwandelt sich in Ware.“(376) Und mag die Arbeitsteilung innerhalb der Manufaktur unter dem Kommando des allmächtigen Kapitalisten noch so planmäßig und rational sein, die zunehmende gesellschaftliche Arbeitsteilung führt zu einer „stummen, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit.“ „Die Anarchie der gesellschaftlichen und die Despotie der manufakturmäßigen Arbeitsteilung“, so Marx, bedingen „einander in der Gesellschaft der kapitalistischen Produktionsweise“(377).
Das Kommando eines Kapitalisten über eine größere Arbeiteranzahl bildet den gemeinsamen Ausgangspunkt für die Kooperation wie für die Manufaktur, wobei hier „das Wachstum der angewandten Arbeiterzahl zur technischen Notwendigkeit“(380) wird. Die aus der Kombination der Arbeiten in der Manufaktur erwachsende Produktivkraftsteigerung „erscheint“ auch hier „als Produktivkraft des Kapitals.“(381) Was die Teilarbeiter an universellen Fähigkeiten durch die Spezialisierung in der Manufaktur verlieren, konzentriert sich auf Seiten des Kapitals. „Es ist ein Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit, ihnen die geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherrschende Macht gegenüberzustellen.“(382) Marx spricht von der „Verstümmelung“ (siehe 382) der lebendigen Arbeit, von der „geistigen und körperlichen Verkrüpplung“(384) durch die Teilung der Arbeit unter der Regie der Kapitalisten. Die Manufakturperiode des Kapitals „produziert neue Bedingungen der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit. Wenn sie daher einerseits als historischer Fortschritt(!) und notwendiges Entwicklungsmoment(!) im ökonomischen Bildungsprozess der Gesellschaft erscheint, so andrerseits als ein Mittel zivilisierter und raffinierter Exploitation (=Ausbeutung)(!).“(386)
Lektion 13: Maschinerie, Fabrik und große Industrie
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 391 - 530
Im umfangreichsten Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ schließt Marx die Behandlung der Methoden der relativen Mehrwertproduktion ab. Die Anwendung der „Maschinerie“ in der Fabrik soll „gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit ... (die) Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, zu verlängern. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.“(391) (vgl. Lektion 10)
Nun sind die Ausführungen von Marx zu den maschinellen Arbeitsmittel, zur Fabrik und zur großen Industrie historisch, aber durchaus, denkt man an die nachholende industrielle Entwicklung in der Dritten und Vierten Welt, nicht unbedingt weltfremd und überholt. Somit sind seine Ausführungen zur „Werkzeugmaschine“, von der „die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert ausgeht“, zwar Geschichte, aber bilden „noch jeden Tag von neuem den Ausgangspunkt, sooft Handwerksbetrieb oder Manufakturbetrieb in Maschinenbetrieb übergeht.“ (393) In der Manufaktur sieht Marx „die unmittelbare technische Grundlage der großen Industrie“, die ihre „Grundlage selbst umwälzt und sich“ in der Gestalt der industriellen Fabrik „eine seiner eignen Produktionsweise entsprechende neue Basis“(403) schafft. Und diese „Revolution in der Produktionsweise der Industrie und Agrikultur“ erforderte „aber auch eine Revolution in den allgemeinen Bedingungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, d.h. den Kommunikations- und Transportmitteln.“(404f) Die erste Industrielle Revolution schuf sich mit der industriellen Produktion der Werkzeugmaschinen selbst „ihre adäquate technische Unterlage und stellte sich auf ihre eignen Füße.“(405) Die Maschinerie ersetzt umfassend „Menschenkraft durch Naturkräfte und erfahrungsmäßige Routine(wie in der Manufaktur) durch bewußte Anwendung der Naturwissenschaft“. Die Maschinerie in der Fabrik „funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird (in der Fabrik) jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels (der Maschinerie) selbst diktierte technische Notwendigkeit. “Mag die Fabrik des 19. Jahrhunderts ein sehr menschenfeindlicher Ort gewesen sein, Marx betont aber, dass sie die Voraussetzung für eine höhere
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Gesellschaftsordnung durch den vergesellschafteten Charakter der in ihr tätigen Arbeit schafft!
Zurück zum Text! Marx betont zum wiederholten Maße, „daß die aus Kooperation und Teilung der Arbeit entspringenden Produktivkräfte dem Kapital nichts kosten. Sie sind Naturkräfte(!) der gesellschaftlichen Arbeit.“(407) „Erst in der großen Industrie“ aber, so Marx, lernt der Mensch, „das Produkt seiner vergangnen, bereits vergegenständlichten Arbeit auf großem Maßstab gleich einer Naturkraft umsonst wirken zu lassen.“ (409) Und „die große Industrie (steigert) durch Einverleibung ungeheurer Naturkräfte und der Naturwissenschaft in den Produktionsprozess die Produktivität der Arbeit außerordentlich“. Dabei gilt, dass die riesigen gesellschaftlichen Werte, die für die Anschaffung und Anwendung der „Maschinerie“ benötigt werden, „gleich jedem andren Bestandteil des konstanten Kapitals ...keinen Wert“ schaffen, sondern dieser im Arbeits- und Verwertungsprozess lediglich in der Höhe der Abnutzung und des Verschleißes durch die lebendige Arbeit übertragen wird. Dabei „ findet also große Differenz statt zwischen dem Wert der Maschine und dem periodisch von ihr auf das Produkt übertragnen Wertteil.“(408) Es gilt somit der Merksatz für die Maschinerie: „Je weniger Wert abgebend, desto produktiver ist sie und desto mehr nähert sich ihr Dienst dem der Naturkräfte.“(411) Anders ausgedrückt: „Die Produktivität der Maschine mißt sich an dem Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt.“(412) Und, Marx betont dies wiederholt, „den Ausgangspunkt der großen Industrie bildet .. die Revolution des Arbeitsmittels“.(416)
Marx schildert nun die spezifischen Züge(siehe 416 – 440) der ersten Phase der industriellen Revolution, hemmunslose Ausbeutung der Arbeitskraft durch maßlose Verlängerung des Arbeitstages und der Ausbeutung von (ungelernter) Frauen- und Kinderarbeit, die uns heute in den westlichen Gesellschaft überholt und überwunden erscheint, wenn wir die realen Verhältnisse an der Peripherie des kapitalistischen Systems negieren, wo z.B. Kinderarbeit im großen Maßstab weiterhin Realität ist.
In der großen Industrie wird der „Fortschritt, der ein ungeheuer wachsendes Produkt in stets kürzrer Zeit zu liefern erlaubt“ begleitet von dem Zwang, „die Arbeitskraft stets intensiver auszubeuten.“(441) Marx drastisch: „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.“(445) Zwei Sichtweisen stehen gegenüber: Einerseits „erscheint der kombinierte Gesamtarbeiter (der Fabrik) oder gesellschaftliche Arbeitskörper als übergreifendes Subjekt und der mechanische Automat als Objekt“, andrerseits wird „der Automat selbst das Subjekt ...“ Ersteres gilt für eine bewusste Gesellschaft, die zweite Auffassung über die Fabrik „charakterisiert ihre kapitalistische Anwendung“(442). Und dagegen, gegen „das Arbeitsmittel selbst, (gegen) die materielle Existenzweise des Kapitals“, dies kennzeichnet eine ganze Epoche, „revoltiert“(451) die Lohnarbeit. Dies, die sog. Maschinenstürmerei, ist nun in der Tat Geschichte!
Wenn die Maschinerie je effektiver ist, je mehr Arbeitskraft sie ersetzt, so ist mit Marx zu fragen, was mit diesen „verdrängten Arbeitern“(461) geschieht. „Die von der Maschinerie verdrängten Arbeiter werden aus der Werkstatt hinaus auf den Arbeitsmarkt geworfen“, ein Vorgang, der uns heute nur zu bekannt und alltäglich ist, „und vermehren dort die Zahl der schon für kapitalistische Ausbeutung disponiblen Arbeitskräfte.“ Arbeitslosigkeit wird zur „furchtbarsten Geißel“(464) der Arbeiterklasse. Gleichfalls, „nächstes Resultat der Maschinerie“ ist die Steigerung des Mehrprodukts und des Mehrwerts und damit die Vergrößerung der „Kapitalistenklasse samt Anhang“.“Ein größrer Teil des gesellschaftlichen Produkts verwandelt sich in Surplusprodukt... In andren Worten: Die Luxusproduktion (und der damit beschäftigte Teil der Arbeiterklasse) wächst.“(468) Heute dürfte diese Erscheinung in den am weitesten fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften auch am weitesten fortgeschritten und von Bedeutung sein!
Marx fährt fort: „Endlich erlaubt die außerordentlich erhöhte Produktivität in den Sphären der großen Industrie... einen stets größren Teil der Arbeiterklasse unproduktiv zu verwenden und so namentlich die alten Haussklaven unter dem Namen der „dienenden Klasse“... zu reproduzieren.“(469) Heute übernimmt der unspezifisch als Dienstleistungssektor bezeichnete Teil der Volkswirtschaft trefflich diese Funktion!
Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte Umwandlung und Verdrängung von Handwerk und Manufaktur durch die maschinengestützte Fabrik und ihre verheerenden Folgen für die Lohnarbeit liefert Marx viel Material zur Kritik der sich ausbildenden kapitalistischen Produktionsweise. Er kommt zum auch heute noch anzutreffenden Ergebnis: „Die durch den Maschinenbetrieb erst systematisch ausgebildete Ökonomisierung der Produktionsmittel, von vornherein zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion, kehrt jetzt diese ihre
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antagonistische und menschenmörderische Seite um so mehr heraus, je weniger in einem Industriezweig die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit und die technische Grundlage kombinierter Arbeitsprozesse entwickelt sind.“(486) Die „naturwüchsig vorgehende industrielle Revolution“(498) mit ihrer erbarmunglosen Ausbeutung von Kinder- und Frauenarbeit und die maßlose Ausdehnung des Arbeitstages riefen nach gesellschaftlicher Regulierung der Beziehung von Lohnarbeit und Kapital. Mit der Fabrikgesetzgebung in England wurden erstmals Schritte der Arbeitsschutzgesetzgebung beschritten. Sie stellt die „erste bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses“(504) dar. „Die Gewalt der Tatsachen“ führte zur Erkenntnis, „daß die große Industrie ... die alten Familienverhältnisse selbst auflöst. Das Recht der Kinder mußte proklamiert werden.“(513) So wird „die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung“ zum unvermeidlichen „physischen und geistigen Schutzmittel der Arbeiterklasse“.(525) Diese „zerstört alle altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals ... versteckt und ersetzt sie durch seine direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Die „Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft“(526) werden im Klassenkampf erkennbar!
Und bei aller Kritik hält Marx auch fest: „ Die große Industrie zerriß den Schleier, der den Menschen ihren eignen gesellschaftlichen Produktionsprozeß versteckte und die verschiednen naturwüchsig besonderten Produktionszweige gegeneinander und sogar dem in jedem Zweig Eingeweihten zu Rätseln machte. ... Die buntscheckigen, scheinbar zusammenhangslosen und verknöcherten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses lösten sich auf in bewußt planmäßige und je nach dem bezweckten Nutzeffekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft.“(510) Die große Industrie „revolutioniert ... beständig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern.“(511)
In der Landwirtschaft „wirkt die große Industrie am revolutionärsten“ und vernichtet dort den „gewohnheitsfaulsten und irrationellsten“ patriarchalischen Familienbetrieb. Die große Industrie „schafft ... die materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese“(528) von Landwirtschaft und gewerblicher Wirtschaft.
Dennoch bleibt das Marxsche Urteil und seine Kritik der Wirkungen der Fabrik und der großen Industrie vernichtend:
„Die kapitalistische Produktion entwickelt ... die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“(529f)
Lektion 14: „Produktive Arbeit“
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 531 - 541
Im 14. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ knüpft Marx an die „zunächst abstrakt betrachtete“(531) Arbeit und den Arbeitsprozess des 5. Kapitels des „Kapitals“ an und diskutiert nun die „reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“(533) im Arbeits- und Verwertungsprozesses. Er definiert zunächst, wie sich durch den „kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses“ sich der Begriff der produktiven Arbeit „erweitert“. „Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ(!) des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehn.“(531) Ist bei entwickelten Produktionsverhältnissen so der organische Gesamtarbeiter im kapitalistischen Produktionsprozess am wirken, so, fährt Marx fort, „verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit“ im Kapitalverhältnis. Es gilt der Merksatz:
„Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.“ „Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher ... ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandnes Produktionsverhältnis (ein), welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt.“(532) Um das Beispiel von Marx aufzugreifen, ist ein Lehrer als Bediensteter des Staates unproduktiv, derselbe „Schulmeister“ aber produktiv, wenn er bei einer an Verwertung orientierten Privatschule tätig ist und durch seine Arbeit Mehrwert geschaffen wird.
Voraussetzung der produktiven Arbeit, dies betont Marx noch einmal, ist ein „gewisser Produktivitätsgrad
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der Arbeit“, „überschüssige Zeit“(534), die der Arbeiter über die Produktion seines unmittelbaren Lebens hinaus für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann. Dies ist nicht Folge einer „Gabe der Natur, sondern einer Geschichte, die Tausende von Jahrhunderten umfaßt.“
Diese natürlichen Voraussetzungen des Lebens- wie Arbeitsprozesses diskutiert nun Marx. „Je geringer die Zahl der absolut zu befriedigenden Naturbedürfnisse und je größer die natürliche Bodenfruchtbarkeit und Gunst des Klimas, desto geringer die zur Erhaltung und Reproduktion des Produzenten notwendige Arbeitszeit. Desto größer kann also der Überschuss seiner Arbeit für andere“(535) sein. Es waren die fruchtbaren Flussniederungen des Altertums, in denen erstmals viel frei verfügbare Arbeitskraft vorhanden war, um die kolossalen Bauwerke der Antike zu schaffen. Aber daraus folgt keineswegs, „daß der fruchtbarste Boden der geeignetste zum Wachstum der kapitalistischen Produktionsweise“ gewesen wäre. „Eine zu verschwenderische Natur“ hält den Menschen „an ihrer Hand wie ein Kind am Gängelband. Sie macht seine eigne Entwicklung nicht zu einer Naturnotwendigkeit(!). Nicht das tropische Klima mit seiner überwuchernden Vegetation, sondern die gemäßigte Zone ist das Mutterland des Kapitals.“(536)
Lektion 15: „Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert“
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S.542 - 552
Marx fasst im 15. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ noch einmal seine Untersuchung zum Wert der Arbeitskraft und die Bestimmungen zum Mehrwert zusammen. „Der Wert der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Wert der gewohnheitsmäßig notwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters.“ Diese Menge Lebensmittel wird für eine bestimmte Zeitepoche als konstant unterstellt, hingegen ist der Wert dieser Lebensmittel variabel. Ferner gilt auch hier die Annahme, „daß die Waren zu ihrem Wert verkauft werden“ und „daß der Preis der Arbeitskraft wohl gelegentlich über ihren Wert steigt, aber nie unter ihn sinkt.“ Dann gilt, „daß die relativen Größen von Preis der Arbeitskraft und von Mehrwert durch drei Umstände bedingt sind:
1.die Länge des Arbeitstags oder die extensive Größe der Arbeit;
2.die normale Intensität der Arbeit oder ihre intensive Größe...;
3.die Produktivkraft der Arbeit“. (542)
Als erstes wird nun die Produktivkraft variabel, Länge des Arbeitstages und Intensität der Arbeit konstant gesetzt. Drei Gesetze folgern sich daraus: „Erstens: Der Arbeitstag ... stellt sich stets in demselben Wertprodukt dar, wie auch die Produktivität der Arbeit, mit ihr die Produktenmasse und daher der Preis der einzelnen Ware wechsle.“ „Zweitens: Wert der Arbeitskraft und Mehrwert wechseln in umgekehrter Richtung zueinander.“(543) „Drittens: Zu- oder Abnahme des Mehrwerts ist stets Folge und nie Grund der entsprechenden Ab- und Zunahme des Werts der Arbeitskraft.“(544)
Wird hingegen die Intensität der Arbeit als variabel angenommen, so gilt: „Wachsende Intensität der Arbeit unterstellt vermehrte Ausgabe von Arbeit in demselben Zeitraum. Der intensivere Arbeitstag verkörpert sich daher in mehr Produkten als der minder intensive von gleicher Stundenzahl.“(547) Das Wertprodukt steigt mit der Intensität der Arbeit. Verallgemeinert sich die Intensität der Arbeit zu einem neuen gesellschaftlichen Durchschnitt, so wirkt sie nicht mehr wertsteigernd. Aber: „Indes blieben selbst dann die durchschnittlichen Intensitätsgrade der Arbeit bei verschiedenen Nationen verschieden und modifizierten daher die Anwendung des Wertgesetzes auf unterschiedne Nationalarbeitstage. Der intensivere Arbeitstag der einen Nation stellt sich in höherem Geldausdruck dar als der minder intensive“(!)(548).
Setzen wir nun die Länge des Arbeitstages als variable Größe, so lässt eine Verkürzung des Arbeitstages den Wert der Arbeit unberührt, senkt aber die Mehrarbeit und damit den geschaffenen Mehrwert.(siehe 548) Wird der Arbeitstag hingen verlängert, „bleibt der Preis der Arbeitskraft unverändert, so wächst mit der absoluten die relative Größe des Mehrwerts.“(549)
Nun können auch zwei oder gar alle drei Faktoren variabel gesetzt werden. Extremfälle wären eine abnehmende Produktivkraft der Arbeit bei gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstages oder umgekehrt die „zunehmende Intensität und Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstags“(551), welche die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise seit den Tagen von Marx bis heute kennzeichnet. Es gilt der Merksatz: „Je mehr die Produktivität der Arbeit wächst, um so mehr kann der
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Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensität der Arbeit wachsen. Gesellschaftlich betrachtet, wächst die Produktivität der Arbeit auch mit ihrer Ökonomie. Diese schließt nicht nur die Ökonomisierung der Produktionsmittel ein, sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit.“(552) Während einerseits die kapitalistische Produktionsweise die rationellste Produktionsform in jeder Branche bedingt, führt andererseits hingegen „ihr anarchisches System der Konkurrenz“ zur „maßlosesten Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte“(ebda.).
Marx umreißt die Zukunft jenseits der kapitalistischen Produktionsweise:
„Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist... Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstages ist ... die Allgemeinheit der Arbeit.“ Im Kapitalismus dagegen wird die freie Zeit der einen, ausbeuterischen Klasse erreicht durch die „Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.“(552)
Lektion 16: Formeln für die Rate des Mehrwerts
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S.553 - 556
Marx stellt zum Abschluss seiner Untersuchung über den absoluten und relativen Mehrwert im 16. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ seine Formeln zu der Rate des Mehrwerts dar.
I. Mehrwert/variables Kapital = Mehrwert/Wert der Arbeitskraft = Mehrarbeit/notwendige Arbeit
oder mit den Zahlen unseres Beispiels:
10/10 = 10/10 = 6/6(Stunden) = 100 Prozent
II. Mehrarbeit/Arbeitstag = Mehrwert/Produktenwert = Mehrprodukt/Gesamtprodukt
oder nach unserem Beispiel:
6/12Std. = 10/20 = 10/20 (der konstante Teil des Produktenwerts wird ausgeklammert) (siehe 553)
Kann nach der zweiten Formel die Mehrarbeit und damit die Ausbeutungsrate höchsten gegen 100 Prozent gehen, so kann nach I. die Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit ins Verhältnis gesetzt mehr als 100 Prozent betragen, z.B. nach einer drastischen Steigerung der Produktivkraft und des relativen Mehrwerts 10/2Stunden oder 500 Prozent.
In einer dritten Formel gibt Marx in einem „populären Ausdruck“(556) die Rate des Mehrwerts so an:
III. Mehrwert/Wert der Arbeitskraft = Mehrarbeit/notwendige Arbeit =unbezahlte Arbeit/bezahlte Arbeit
Da „in der Periode der Mehrarbeit ... die Nutznießung der Arbeitskraft Wert für den Kapitalisten (bildet), ohne ihm einen Wertersatz zu kosten“, kann „in diesem Sinn die Mehrarbeit unbezahlte Arbeit heißen.“ (ebda.)
Marx bekräftigt zum Abschluss dieses Untersuchungsabschnittes:
„Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit ... Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere (siehe Dritten Band des „Kapitals“), ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit.“ Und es gilt der Merksatz:
„Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.“ (ebda.)
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Lektion 17 - 20: Der Arbeitslohn
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, Sechster Abschnitt, S.557 - 588
Es geht Marx nun um die Verdrehungen, die bei der Verwandlung des Werts bzw. des Preises der Arbeitskraft in Arbeitslohn entstehen. „Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft“, so hebt Marx an, „erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit“(557), man spricht vom „Wert der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck“, den Arbeitslohn, den „notwendigen oder natürlichen Preis“(ebda.) der Arbeit. Und wiederum, wie im 1. Kapitel des „Kapitals“, benutzt Marx wieder die Rede vom „Erscheinen“, die das Wesen einer Sache an der „Oberfläche“ mystifiziert. Wenn der Wert der Ware Arbeitskraft sich misst an der Verausgabung gesellschaftlicher Arbeit, so würde sich der Wert eines Arbeitstages von 12 Stunden bestimmen durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltenen 12 Arbeitsstunden, was für Marx „eine abgeschmackte Tautologie ist.“ (ebda.) Würde der Wert der Arbeit vom Kapitalisten bezahlt, gäbe es das Kapitalverhältnis nicht (siehe 558). Marx betont: Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist ... nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. ... Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören ... Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“(559) In der Rede vom Wert der Arbeit „ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa Wert der Erde.“ (ebda.) Eine solche Auffassung ist aber nicht als willkürlich zu verstehen, sondern notwendiger Ausdruck der „Produktionsverhältnisse selbst.“(ebda.)
Noch einmal: Nicht das Ergebnis eines Arbeitstages bezahlt der Kapitalist dem Arbeiter in Form des Arbeitslohnes, sondern die Produktionskosten der Lebensmittel, um die Arbeitskraft des Arbeiters zu erhalten. Und es war die Besonderheit der Ware Arbeitskraft, dass sie bei Anwendung mehr Wert schafft als zu ihrer Erhaltung notwendig ist. Der „Wert der Arbeit“ muss stets kleiner sein als das durch Arbeit geschaffene Wertprodukt. Dies ist das ganze Geheimnis der kapitalistischen Produktionsweise. (vgl. 560f) Der „Wert der Arbeit (ist) nur ein irrationeller Ausdruck für den Wert der Arbeitskraft“, „die in der Persönlichkeit des Arbeiters existiert“. Arbeit ist deren „Funktion“, „ebenso verschieden wie eine Maschine von ihren Operationen.“(561)
In der Form des Arbeitslohnes ist „jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit“ erloschen und unkenntlich gemacht. „Auf dieser Erscheinungsform“, betont Marx, „die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.“(562)
Der Arbeiter glaubt, er bekommt seinen Lohn für eine bestimmte Arbeitsleistung, und der Kapitalist hat die Vorstellung, wenn er den Preis der Arbeitskraft drückt, wie bei jedem anderen Geschäft den Geschäftspartner prellt, unter Wert kauft und über Wert verkauft, so entsteht sein Profit. „Er kommt daher nicht zur Einsicht, daß, wenn so ein Ding wie Wert der Arbeit wirklich existiere, und er diesen Wert wirklich zahlte, kein Kapital existieren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde.“(564)
Beim Arbeitslohn unterscheidet und untersucht Marx nun „zwei herrschende Grundformen“(565). Der Zeitlohn misst sich einfach als „Tageswert der Arbeitskraft/Arbeitstag von gegebner Stundenzahl“(571), in unserem Beispiel 10 Geldeinheiten bei einem zwölfstündigen Arbeitstag. Der Zeitlohn ist nach dem allseits verwendeten Stundenlohn aufgelöst. Weder Kapitalist noch Arbeiter kommt in den Sinn, dass nur sechs der zwölf Arbeitsstunden bezahlt werden, „daß auch der normale Preis der Arbeit ein bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit einschließt und ebendiese unbezahlte Arbeit die normale Quelle (des) Gewinns ist.“(572) Beim Stücklohn wird die Verkehrung noch durchschlagender und der Preis der Arbeit scheint „durch die Leistungsfähigkeit“(574) des Arbeiters unmittelbar selbst bestimmbar. Ein Ergebnis: „Den Stücklohn“ für eine bestimmte Arbeit gegeben, „ist es natürlich das persönliche Interesse des Arbeiters, seine Arbeitskraft möglichst intensiv anzuspannen, was dem Kapitalisten eine Erhöhung des Normalgrads der Intensität (der durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitskraft) erleichtert.“(577) Der Arbeiter selbst gewinnt ein Interesse an der Erhöhung der Ausbeutungsrate wie auch des Arbeitstages über bisher gültiges Maß hinaus. Der „Stücklohn (ist somit) die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohns“.(580)
Auf dem Weltmarkt, der großen Bühne der kapitalistischen Produktionsweise, stehen sich die verschiedenen
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Nationalökonomien mit ihren jeweils verschiedenen durchschnittlichen nationalen Arbeitslöhnen gegenüber. Beim Vergleich dieser nationalen Arbeitslöhne „muß der Zeitlohn wieder in Stücklohn übersetzt werden, da nur der letztere ein Gradmesser sowohl für die Produktivität als die intensive Größe der Arbeit“(583) ist. Wir wissen bereits, dass in jedem Land eine gewisse mittlere Intensität der Arbeit sich herausbildet. Ist mehr als dieser Durchschnitt von Nöten, um ein Produkt herzustellen „und daher nicht als Arbeit von normaler Qualität zählt“, so ist diese Arbeit nicht wertbildend. Und umgekehrt wird ein über den nationalen Durchschnitt sich erhebender Intensitätsgrad zum Maß des Werts. „Anders auf dem Weltmarkt... Die mittlere Intensität der Arbeit wechselt von Land zu Land; sie ist hier größer, dort kleiner. Diese nationalen Durchschnitte bilden also eine Stufenleiter, deren Maßeinheit die Durchschnittseinheit der universellen Arbeit ist.“ Es gilt auf dem Weltmarkt: Die „intensivere nationale Arbeit (produziert) in gleicher Zeit mehr Wert, der sich in mehr Geld ausdrückt.“(584) Ferner gilt, dass „die produktivere nationale Arbeit ebenfalls als intensivere zählt, sooft die produktivere Nation nicht durch die Konkurrenz gezwungen wird, den Verkaufspreis ihrer Ware auf ihren Wert zu senken.“(ebda.) Je mehr ein Land entwickelt ist, desto höher Produktivität und Intensität und die daraus folgende Möglichkeit, mehr Wert auf dem Weltmarkt zu realisieren. Und für den Arbeitslohn gilt, er wird in der entwickelten Nation in Geld ausgedrückt höher sein als in der Nation mit weniger entwickelter kapitalistischen Produktionsweise. (vgl. 584)
Lektion 21a: Der Akkumulationsprozess des Kapitals
Karl Marx, Das Kapital, Einleitung Siebenter Abschnitt, S.589 - 590
Marx gibt nun, bevor er im letzten Abschnitt des „Kapitals“ detailliert den Akkumulationsprozess des Kapitals darlegt, eine knappe Einführung in den bisher erreichten Untersuchungsgegenstand und den Grad der Abstraktionsmethode. „Die Verwandlung einer Geldsumme in Produktionsmittel und Arbeitskraft“, beginnt er und nimmt dabei Bezug auf bereits analysiertes, „ist die erste Bewegung, die das Wertquanta durchmacht, das als Kapital fungieren soll.“ Diese Bewegung „geht vor auf dem Markt, in der Sphäre“ der ach so gleichen und freien „Zirkulation. Die zweite Phase der Bewegung, der Produktionsprozeß, ist abgeschlossen, sobald die Produktionsmittel verwandelt sind in Ware, deren Wert den Wert ihrer Bestandteile (nämlich c+v) übertrifft, also das ursprünglich vorgeschossene Kapital plus eines Mehrwerts (m) enthält.“(589)
Und mit diesen Waren betritt der Kapitalist wiederum den Markt, die Zirkulationssphäre, um im Verkauf ihren Wert in Geld zu realisieren, wiederum davon Produktionsmittel und Lohnarbeit zu kaufen und erneut den Produktionsprozess zu starten. Dieser immerwährende Kreislauf „bildet die Zirkulation des Kapitals“ (ebda.), die Gegenstand des Zweiten Buches des Kapitals ist.
„Die erste Bedingung der Akkumulation“ ist so der gelungene Verkauf der neu produzierten Waren und der Rückverwandlung des eingenommenen Geldes wieder in Kapital. „Der Kapitalist, der den Mehrwert produziert, d.h. unbezahlte Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waren fixiert, ist zwar der erste Eigner, aber keineswegs der letzte Eigentümer dieses Mehrwerts. ... Der Mehrwert spaltet sich“ im Kreislauf des Kapitals „in verschiedene Teile. Seine Bruchstücke fallen verschiednen Kategorien von Personen zu und erhalten verschiedne, gegeneinander selbständige Formen, wie Profit (beim eigentlichen industriellen Kapitalisten), Zins (beim Bankkapital), Handelsgewinn beim Kaufmann), Grundrente (beim Bodeneigentümer) usw. Diese verwandelten Formen des Mehrwerts“(589) sind aber erst Gegenstand des Dritten Buches des Kapitals und hier wird von ihnen abstrahiert.
Hier gilt Marx „der kapitalistische Produzent als Eigentümer des ganzen Mehrwerts oder ... als Repräsentant aller seiner Teilnehmer an der Beute.“ Marx betont: „Wir betrachten also zunächst die Akkumulation abstrakt, d.h. als bloßes Moment des unmittelbaren Produktionsprozesses.“ (590)
Denn der „Bruch des Mehrwerts in verschiedne Stücke ändert nichts an seiner Natur noch an den notwendigen Bedingungen, worin er zum Element der Akkumulation wird.“ Denn der industrielle Kapitalist eignet sich immer zuerst den Mehrwert an, bevor er Teile davon an Dritte abtritt. Es gilt: „Was also bei unsrer Darstellung der Akkumulation unterstellt wird, ist bei ihrem wirklichen Vorgang unterstellt.“ Dies ist umso mehr nötig, da andererseits „die Zerspaltung des Mehrwerts und die vermittelnde Bewegung der Zirkulation die einfache Grundform des Akkumulationsprozesses“ verdunkelt. Auch es heißt zur Methode der Behandlung der Akkumulation: „Seine reine Analyse (!) erheischt daher vorläufiges (!) Wegsehn von allen Phänomenen, welche das innere (!) Spiel seines Mechanismus verstecken.“ (ebda.)
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Lektion 21b: Einfache Reproduktion des Kapitals und der Gesellschaft
Karl Marx, Das Kapital, S.591 – 604
Jedwede Gesellschaft ist zu ihrer Existenz und zum Überleben gezwungen, kontinuierlich zu produzieren, um konsumieren zu können und um einen Teil der Produkte für den neuen Produktionsprozess bereit zu stellen. „In einem stetigen Zusammenhang und dem beständigen Fluß seiner Erneuerung betrachtet, ist jeder gesellschaftliche Produktionsprozeß daher zugleich Reproduktionsprozess.“ Diese simple Wahrheit wird in der kapitalistischen Form, wo „die Reproduktion nur als ein Mittel (wirkt), den vorgeschoßnen Wert als Kapital zu reproduzieren“, zum „sich (selbst) verwertenden Wert.“(591) Der im Produktionsprozess anfallende Mehrwert „erhält die Form einer aus dem Kapital entspringenden Revenue“ (=Einkommen)(592), wenngleich er in der einfachen Reproduktion, daher dieser Name, von der Kapitalistenklasse vollständig verkonsumiert und nicht zur Produktionserweiterung eingesetzt wird. Soweit zum Grad der Abstraktion in diesem Kapitel des „Kapitals“.
Marx betrachtet nun in diesem Kapitel vorrangig die Reproduktion der Arbeitskraft, die bekanntlich erst nach erfolgter Arbeitsleistung bezahlt wird. Im Produktionsprozess hat die Arbeitskraft, der Arbeiter, die Waren bereits produziert, das variable Kapital, „bevor es ihm in Form des Arbeitslohns zurückfließt“. „Der Kapitalist zahlt ihm den Warenwert allerdings in Geld. Dies Geld ist aber nur die verwandelte Form des Arbeitsprodukts.“(592) Betrachtet man nun statt dem einzelnen Vorgang Kapitalisten– und Arbeiterklasse, verschwindet die Illusion, „welche die Geldform erzeugt. ... Die Kapitalistenklasse gibt der Arbeiterklasse beständig in Geldform Anweisungen auf einen Teil des von der letzteren produzierten und von der ersteren angeeigneten Produkts. Diese Anweisungen“, den Arbeitslohn, „gibt der Arbeiter der Kapitalistenklasse ebenso beständig zurück“, indem er die von ihm selbst produzierten Lebensmittel dem Kapitalisten abzukaufen gezwungen ist. Marx stellt wieder einmal klar: „Die Warenform des Produkts und die Geldform der Ware verkleiden die Transaktion.“(593)
Im Laufe des Prozesses fließt aber auch der Kapitalistenklasse kontinuierlich Mehrwert zu und ersetzt im Laufe der Zeit „jedes (einst vorgeschoßne) Kapital notwendig in akkumuliertes Kapital oder kapitalisierten Mehrwert.“ Früher oder später ist jedes Kapital, ob in Geldform oder in dinglichen Produkten, nichts andres als „unbezahlte fremde Arbeit.“
Im Prozess der einfachen Reproduktion bereits wird die Scheidung zwischen Lohnarbeit und Kapital „stets aufs neue produziert und verewigt als eignes Resultat der kapitalistischen Produktion.“(595) „Der Arbeiter selbst produziert daher beständig den objektiven Reichtum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht, und der Kapitalist produziert ebenso beständig die Arbeitskraft als subjektive, von ihren eignen Vergegenständlichungs- und Verwirklichungsmitteln getrennte, abstrakte, in der bloßen Leiblichkeit des Arbeiters existierende Reichtumsquelle, kurz den Arbeiter als Lohnarbeiter. Diese beständige Reproduktion oder Verewigung des Arbeiters ist die unerläßliche Bedingung der kapitalistischen Produktion.“(596)
Nun ist der Konsum des Arbeiters von „doppelter Art.“ In der „individuellen Konsumtion“ gehört der Arbeiter scheinbar sich selbst und fristet durch den weitgefassten Verzehr von Lebensmittel sein Leben, in der „produktiven Konsumtion“ konsumiert er durch seine Arbeit Produktionsmittel „und verwandelt sie in Produkte von höherem Wert“(ebda). „Das Resultat der einen ist das Leben des Kapitalisten, das der andern das Leben des Arbeiters selbst.“ „Innerhalb der Grenzen des absolut Notwendigen ist daher die individuelle Konsumtion der Arbeiterklasse Rückverwandlung der vom Kapital gegen Arbeitskraft veräußerten Lebensmittel in vom Kapital neu exploitierbare (ausbeutbare) Arbeitskraft. Sie ist Produktion und Reproduktion des dem Kapitalisten unentbehrlichsten Produktionsmittels, des Arbeiters selbst.“ (597) Es gilt der Merksatz: „Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals.“(597f) Wird so einerseits „unproduktiv“ das „bedürftige Individuum“ reproduziert, so gleichzeitig andererseits ganz „produktiv“ die für Staat und Kapital „den fremden Reichtum produzierende Kraft“. (siehe 598) „Vom gesellschaftlichen Standpunkt (aus betrachtet) ist also die Arbeiterklasse, auch außerhalb(!) des unmittelbaren Arbeitsprozesses, ebenso Zubehör des Kapitals als das tote Arbeitsinstrument.“(598)
Marx fasst zusammen:
„Der kapitalistische Produktionsprozess reproduziert also durch seinen eignen Vorgang die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen. Er reproduziert und verewigt damit die
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Exploitationsbedingungen des Arbeiters. Er zwingt beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, und befähigt beständig den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichern. ... In der Tat gehört der Arbeiter dem Kapital, bevor er sich dem Kapitalisten verkauft. Seine ökonomische Hörigkeit“(603) ist das stabile Fundament des Kapitalverhältnisses.(vgl.604)
Lektion 22: Verwandlung von Mehrwert in Kapital
Karl Marx, Das Kapital, S.605 - 639
Marx beginnt dieses Kapitel gleich mit einem Merksatz. „Früher hatten wir zu betrachten, wie der Mehrwert aus dem Kapital, jetzt wie das Kapital aus dem Mehrwert entspringt.“ Es gilt: „Anwendung von Mehrwert als Kapital oder Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital heißt Akkumulation des Kapitals.“(605)
Diese wundersame Vermehrung des Kapitals hängt davon ab, dass das erzeugte Mehrprodukt auf dem Markt in Geld verwandelt werden kann, denn „der Mehrwert ... existiert von vornherein als Wert eines bestimmten Teil des Buttoprodukts. Wird dieses verkauft, in Geld verwandelt, so gewinnt der Kapitalwert seine ursprüngliche Form wieder, aber der Mehrwert verwandelt seine ursprüngliche Daseinsweise.“ Nach dieser Operation in der Zirkulationssphäre kann der Kapitalist „die Verfertigung seines Artikels von neuem beginnen, und zwar diesmal auf erweiterter Stufenleiter.“ Warum kann er dies? Weil das Mehrprodukt wie der gesamte geschaffene Wert die Kapitalbestandteile, die für die Produktion nötig sind, enthalten. Marx betont: „Welcher Gebrauch also von dem jährlichen Gesamtprodukt gemacht werden kann, das hängt ab von seiner eignen Zusammensetzung“. „Um zu akkumulieren, muß man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber, ohne Wunder zu tun“(606), muss das Mehrprodukt in Form von Produktionsmitteln oder Lebensmittel für die Arbeiter vorliegen. Marx betont: „Mit einem Wort: der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält.“ Marx fährt fort: „Konkret betrachtet, löst sich die Akkumulation auf in Reproduktion des Kapitals auf progressiver Stufenleiter.“(607) Mehr Maschinen z.B. und mehr angewandte Arbeitskraft im Produktionsprozess kennzeichnen diesen dynamischen Prozess.
Mit dieser Erweiterung der Produktion, dessen Quelle die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit der lohnabhängigen Klasse ist, und dies ist Marx wichtig, herauszuarbeiten, „schlägt offenbar das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, innere, unvermeidliche Dialektik (!) in sein direktes Gegenteil um. Der Austausch von Äquivalenten ... hat sich so gedreht, daß nur zum Schein (!) ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muss.“(609) Gelingt es so, „Kapital durch Kapital (zu) erzeugen“(608), so wird der ach so demokratische und gleiche Austauschprozess zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter zu einem „Schein, bloße Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystifiziert.“ „Der Inhalt ist, daß der Kapitalist einen Teil der bereits vergegenständlichten fremden Arbeit, die er sich unaufhörlich ohne Äquivalent aneignet, stets wieder gegen größeres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt.“(609) War einst das Eigentumsrecht begründet durch eigene Arbeit, so erscheint Eigentum „jetzt auf Seite des Kapitalisten als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit oder ihr Produkt“ sich anzueignen und wird „auf Seite des Arbeiters (zur) Unmöglichkeit, sich sein eignes Produkt anzueignen. Die Scheidung zwischen Eigentum und Arbeit wird zur notwendigen Konsequenz eines Gesetzes, das scheinbar von ihrer Identität ausging.“(610) Und dies entspringt nicht aus einer „Verletzung, sondern im Gegenteil aus der Anwendung dieser Gesetze“(ebda.) des Tausches auf dem Arbeitsmarkt. Durch die Akkumulation des Kapitals „kann die Aneignungsweise eine totale Umwälzung erfahren, ohne das, der Warenproduktion gemäße, Eigentumsrecht“(613) umzustossen. Es entsteht mit dem Fortdauer dieser Produktionsweise eine Gesellschaft, „wo der gesellschaftliche Reichtum in stets steigendem Maß das Eigentum derer wird, die in der Lage sind, sich stets aufs neue die unbezahlte Arbeit andrer anzueignen.“
Marx betont eindringlich: „Dies Resultat wird unvermeidlich, sobald die Arbeitskraft durch den Arbeiter selbst als Ware frei verkauft wird. Aber auch erst von da an verallgemeinert sich die Warenproduktion und wird sie typische Produktionsform... Erst da, wo die Lohnarbeit ihre Basis, zwingt die Warenproduktion sich der gesamten Gesellschaft auf; aber auch erst da entfaltet sie alle ihre verborgnen Potenzen.“ Die Eigentumsgesetze der Warenproduktion werden zu Gesetzen „der kapitalistischen Aneignung.“(613) Noch einmal: Im Laufe des kontinuierlichen Produktionsprozesses verwandelt sich bereits bei einfacher
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Reproduktion mit der Zeit das gesamte vorgeschossene Kapital in akkumuliertes Kapital und dies gilt umso mehr bei der erweiterten Reproduktion, bei der bei sich stetig ausdehnender Produktion immer mehr unbezahlte Arbeit angewandt werden kann und binnen kurz oder lang das gesamte Kapital aus unbezahlter Arbeit entspringt.
So ist für die bürgerliche Ökonomie „die Akkumulation des Kapitals (die) erste Bürgerpflicht“(614) und „Warenakkumulation im schatzbildnerischen Sinn reine Narrheit.“(615) Nun wird hier mit der Praxis unterstellt, dass ein Teil des Mehrprodukts vom Kapitalisten konsumiert und nur ein (großer) Teil akkumuliert wird. „Wer aber diese Teilung vornimmt, das ist der Eigentümer des Mehrwerts, der Kapitalist. Sie ist also sein Willensakt.“ Aber „nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und ... historisches Existenzrecht“. „Nur soweit steckt seine eigne transitorische
Notwendigkeit in der transitorischen Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. .. Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können ... Nur als Personifikation des Kapitals ist der Kapitalist respektabel.“ Er ist dabei nur ein „Triebrad“ eines „gesellschaftlichen Mechanismus“, wo die fortwährende Steigerung des industriell angewandten Kapitals eine durch die Konkurrenz aufgezwungene Notwendigkeit darstellt, denn diese „herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend (bei Strafe des Untergangs, KW) auszudehnen, um es zu erhalten (!), und ausdehnen kann es nur vermittelst progressiver Akkumulation.“(618)
Als Ergebnis des Prozesses gilt: „Die Akkumulation ist Eroberung der Welt des gesellschaftlichen Reichtums. Sie dehnt mit der Masse des exploitierten Menschenmaterials zugleich die direkte und indirekte Herrschaft des Kapitalisten aus.“(619) Marx nennt das allgemeine Resultat des Akkumulationsprozesses: „Indem das Kapital sich die beiden Urbildner des Reichtums, Arbeitskraft und Erde(!), einverleibt, erwirbt es eine Expansionskraft(!), die ihm erlaubt, die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen jenseits der scheinbar durch seine eigne Größe gesteckten Grenzen(!)“.(630f) Es erscheint „die beständige Aneignung der Mehrarbeit durch den Kapitalisten als beständige Selbstverwertung(!) des Kapitals. Alle Kräfte der Arbeit projektieren sich als Kräfte des Kapitals, wie alle Wertformen des Ware als Formen des Geldes(!).“(634)
Marx fasst zusammen: „Das stets wachsende Gewicht der im lebendigen Arbeitsprozess unter der Form von Produktionsmitteln mitwirkenden vergangnen Arbeit wird also ihrer dem Arbeiter selbst, dessen vergangne und unbezahlte Arbeit sie ist, entfremdeten Gestalt zugeschrieben, ihrer (akkumulierten) Kapitalgestalt.“(635)
Lektion 23: Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation
Karl Marx, Das Kapital, S.640 - 740
Marx bietet uns in diesem Kapitel reichlich historisches Material zur Lage der arbeitenden Klasse im England des 19.Jahrhunderts, genauer gesagt welchen Einfluß „das Wachstum des Kapitals auf das Geschick der Arbeiterklasse ausübt.“(640) Er kommt zum Ergebnis: „Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. ... Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. ... Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“(673f)
Mit der Entwicklung der Akkumulation entwickelt sich, nach Marx, tendenziell die Massenarbeitslosigkeit und eine wachsende Schicht von Ausgegrenzten und Marginalisierten. Dies belegt er mit der Entwicklung in England zu seiner Zeit. Als allgemein gültiges Gesetz der Akkumulation müßte dies auch für heute gelten. Und in unserer globalisierten Welt finden sich genug Argumente für die nach wie vor Wirksamkeit dieses allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation. Inwiefern dieses barbarische Gesetz heute in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften modifiziert oder gar durch die Politik aufgehoben wird, sei der
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Diskussion überantwortet.
Wir können in diesem 23. Kapitel uns mit wichtigen Marxschen Begriffen vertraut machen. Die organische Zusammensetzung des Kapitals (640) bezeichnet die Wechselwirkung zwischen wertmäßiger und technischer Zusammensetzung des Kapitals, das Verhältnis von toter zu lebendiger Arbeit. Je größer die Produktivkraft der Arbeit, je mehr Arbeits- und Produktionsmittel durch die lebendige Arbeit konsumiert wird, desto kleiner wird relativ der Anteil des Werts der Arbeitskraft und steigt der des konstanten Kapitalwerts. War in unserem Beispiel c=20 und v=10, so mag im Verlauf sich c auf 80 und v auf 20 erhöhen. Im absoluten Wachsen des Kapitals von 30 auf 100 erhöht sich trotz Verdoppelung von v auf 20 das Verhältnis von c:v auf 4:1. Nun mag sich hinter dem v sowohl eine Vergrößerung der Arbeiteranzahl als auch eine individuelle Steigerung des Werts der Arbeitskraft verbergen. Die „goldene Kette“(646), mit der die Lohnarbeit ans Kapital gefesselt ist, bleibt davon unberührt. Marx drastisch über die Akkumulation: „Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.“(649)
Nun entwickeln sich im Fortgang der Akkumulation die individuellen Kapitale trotz aller Tendenz zur Nivellierung durch die Zwangsgesetze der Konkurrenz unterschiedlich, manche wachsen schneller, neue Kapitalisten betreten die Bühne, andere verschwinden. Es gilt aber: „Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Konzentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee.“(653) „Die wachsende Konzentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten“(653f) ist trotz Gegentendenzen ein dominierendes Merkmal der kapitalistischen Entwicklung.
Es verschwinden aber auch Kapitalisten vom Markt, andere schließen sich zusammen. Es erfolgt „Konzentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropiation von Kapitalist durch Kapitalist, Verwandlung vieler kleineren in weniger größere Kapitale.“ Die Zentralisation“(654) des Kapitals beschleunigt sich durch die Entwicklung von „Konkurrenz und Kredit, die beiden mächtigsten Hebel der Zentralisation.“(655) Gerade heute im Zeitalter der Fusionen und Übernahmen von Firmen gewinnt die Zentralisation als eine der Haupttendenzen der Kapitalakkumulation an Bedeutung.
Nun wenden wir uns wieder der Seite der Lohnarbeit zu. Im allgemeinen Gesetz der Akkumulation haben wir gelernt, dass beständig eine „für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung“(658) geschaffen wird. Diese „Surplusarbeiterpopulation“ wird zur „Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee“.(661) Ganz modern: „Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten“(665). „Die Bewegung der Gesetze der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit“, die Bewegung des Arbeitslohnes, „vollendet die Despotie des Kapitals.“(669)
Und die Realität zeigt es: „Der tiefste Niederschlag der relativen Übervölkerung endlich behaust die Sphäre des Pauperismus, ... kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat“(673). „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“(675)
Die kapitalistische Akkumulation zeigt seinen „antagonistischen Charakter“(ebda.). Andrerseits vergrößern sich die Unterschiede in der Bezahlung der Lohnarbeit und, im Vorgriff zu Lenin, entsteht eine „Aristokratie“ des „bestbezahlten Teils der Arbeiterklasse“(697). Vom Lumpenproletariat bis hin zur Arbeiteraristokratie differenziert sich so die Klasse der auf Lohnarbeit angewiesenen im Prozess der Akkumulation des Kapitals aus!
Lektion 24: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation
Karl Marx, Das Kapital, S.741 - 791
Einen, für viele den Höhepunkt des „Kapitals“ stellt das 24. Kapitel dar, indem Marx uns nicht nur an einem geschichtlichen Diskurs über die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise teilnehmen lässt, sondern auch
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die historischen Grenzen dieser Produktionsweise umreißt. Wer kann, sollte dieses Kapitel unbedingt im Original lesen; jede Zusammenfassung verkrüppelt diesen großartigen Text. Die folgenden Zeilen sind also unter Vorbehalt entstanden und zu lesen.
Was für die christliche Theologie der Sündenfall im Paradies, ist für die politische Theorie zu Marxens Zeiten die sogenannte ursprüngliche Akkumulation(siehe 741). Was mußte geschehen, dass die einen „Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut.“(741) Kapitalist und Lohnarbeiter fallen schließlich nicht vom Himmel. Wodurch sind sie gesellschaftlich entstanden? Am Beispiel Englands bringt uns Marx diese Geschichte nahe. „Zweierlei sehr verschiedne Sorten von Warenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln ...; andrerseits freie Arbeiter... Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß weder sie selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln gehören..., noch auch die Produktionsmittel ihnen gehören, ... sie davon vielmehr frei, los und ledig sind.“ „Der Prozeß, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also nichts andres sein als der Scheidungsprozess des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen ... Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel.“ Dies zeigt uns Marx wie gesagt am Beispiel Englands und in dieser „wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“(742) Aber, wie wir wissen, nicht nur im historischen England, sondern, modifiziert zwar, immer da, wo die kapitalistische Produktionsweise sich durchsetzt. Es geht um die Enteignung der herkömmlichen Besitzer, der kleinen Bauern, Handwerker und Händler. „Und die Geschichte dieser ihrer Expropriation ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer.“(743) „Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden.“(744) Und dieser Übergang ist alles andere als selbst bestimmt und freiwillig. „So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk (am Beispiel England) durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert.“ Erst im „Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt ... der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt“ durch die „Staatsgewalt“(765) steht fundamental am Anfang des Prozesses (und bleibt immer latent drohend im Fortgang der kapitalistischen Produktionsweise). Die barbarische Geschichte des Kapitalismus beginnt in der Neuzeit mit der „Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute“. Dies ist „die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ Es ist „die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft“, die „den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig“ befördert und „Übergänge“(779) abkürzt. Marx stellt kategorisch und allgemeingültig fest: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“ (779) „Wenn das Geld ... mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.“(788)
Und dies gilt nach Marx eben für jede gesellschaftliche Form der Organisation der Produktion des Lebens der Gesellschaft. „Auf einem gewissen Höhegrad (der gesellschaftlichen Entwicklung) bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt. ... Sie muß vernichtet werden, sie wird vernichtet.“(789) Die Expropriation der unmittelbaren Produzenten umreißt die „Vorgeschichte des Kapitals.“ Im Fortgang der Entwicklung, der Konzentration und Zentralisation des Kapitals, gilt: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“(790) Es „wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise“(790f). „... die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation.“ War die erste Negation die Enteignung der unmittelbaren Produzenten, so ist die „Negation der Negation“ die „Expropriation weniger Usurpatoren
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durch die Volksmasse.“(791) Dann beginnt eine neue Geschichte!
Lektion 25: Die moderne Kolonisationstheorie
Karl Marx, Das Kapital, S.792 - 802
Mit dem 24.Kapitel kam der erste Band des „Kapitals“ zu einem Höhe- und Endpunkt. Doch Marx entlässt uns noch nicht in die Praxis nach anstrengender Lektüre, sondern schiebt noch ein kleines Kapitel zur Auseinandersetzung mit der „Kolonisationstheorie“ nach. Es geht noch einmal um die Verwechslung der zwei großen Sorten Privatkapital durch die Apologeten des Kapitals, „wovon das eine auf eigner Arbeit des Produzenten beruht, das andre auf der Ausbeutung fremder Arbeit.“ „Im Westen von Europa ... ist der Prozeß der ursprünglichen Akkumulation mehr oder minder vollbracht“ und damit der Untergang der selbständigen Produzenten. „Anders in den Kolonien. Das kapitalistische Regiment stößt dort überall auf das Hindernis des Produzenten, welcher als Besitzer seiner eignen Arbeitsbedingungen sich selbst durch seine Arbeit bereichert statt den Kapitalisten.“(792) Der Siedlungskolonialismus mit der Landnahme durch die vielen Einwanderer aus dem alten Europa bildet ein Hindernis, so beklagt ein gewisser Wakefield, den wir heute nicht mehr kennen müssen, für die Durchsetzung und Ausbreitung des Kapitalverhältnisses, das ja die massenhafte Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters voraussetzt. Denn, dies betont Marx immer wieder, „dass das Kapital nicht eine Sache ist, sondern ein durch Sachen vermitteltes Verhältnis zwischen Personen.“(793) Noch einmal: „die Expropriation der Volksmasse von Grund und Boden bildet die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Das Wesen einer freien Kolonie besteht umgekehrt darin, dass die Masse des Bodens noch Volkseigentum ist und jeder Ansiedler daher einen Teil davon in sein Privateigentum und individuelles Produktionsmittel verwandeln kann“(795). Also findet eine der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals gegenläufige Bewegung durch die Anfänge des Siedlungskolonialismus von den USA bis Australien statt. „Wie nun“ aber, fragt Marx mit Wakefield, „den antikapitalistischen Krebsschaden der Kolonien heilen?“(799) Dadurch, dass man die Auswanderung massiv fördert und die freie Landnahme gesetzlich einschränkt. Durch die Förderung der „raschesten Zentralisation des Kapitals ... (geht dort, in der Neuen Welt) die kapitalistische Produktion mit Riesenschritten voran“.(801) Und es gilt auch für die Neue Welt: „kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise, also auch kapitalistisches Privateigentum, bedingen die Vernichtung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums“(802).
Damit ist unser Kapitalkurs über den ersten Band des „Kapitals“ an sein Ende gekommen. Statt eines Fazits möchten wir die meistzitierteste Stelle aus dem erste Band als Schlusspunkt setzen, obgleich dieses Zitat nicht von Marx selber stammt, sondern von ihm zur Untermauerung seiner Analysen angeführt wird. Aus der Zeitung „Quarterly Reviewer“ zitiert Marx einen T.J.Dunning, der schreibt:
„Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit ..., wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. ... Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“(788, Anm.250)