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Expansionspolitik der Maoisten

von Rudolf Müller, Dietmar Klein (DDR 1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder

»Ende der fünfziger Jahre begann sich der Ex- pansionskurs in der Außenpolitik der VR China immer krasser abzuzeichnen. 1958/59 war gleichzeitig mit der Zuspitzung der innenpoliti- schen Situation eine Verschärfung der Bezieh- ungen der VR China zu den Ländern Süd- und Südostasiens festzustellen.

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begannen bewaffnete Zusammenstöße an der chinesisch-indischen Grenze. Die verlustreichen Auseinandersetzungen bei diesem Konflikt im Jahre 1962 lösten in der ganzen Welt Unruhe aus. Gleichzeitig schütteten die Maoisten Öl ins Feuer des indisch-pakistanischen Konflikts, der im Jahre 1966 durch die Vermittlung der UdSSR beigelegt werden konnte. Die Maoisten schmähten jedoch das Taschkenter Abkommen und taten in der Folgezeit alles, um Pakistan zu ermuntern, dessen Erfüllung zu hinter- treiben.

Peking betätigte sich auch als übler Stimmungsmacher bei den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen West- und Ostpakistan
, dem heutigen Bangla- desh, im Jahre 1971. Alle Welt weiß, auf welcher Seite die Maoisten in diesem Krieg standen und was sie alles versuchten, um die ohnehin äußerst kritische Lage noch mehr zu verschärfen.

Die Unterstützung der maoistischen Gruppen in Burma, Nepal, Thailand, Malay- sia, Indonesien, Kambodscha und auf den Philippinen legten ein anschauliches Zeugnis von der Einmischung Pekings in die inneren Angelegenheiten seiner asiatischen Nachbarn ab. Permanent heizt China vor allem den sogenannten Kaschmir- und Sikkim-Konflikt an.

Auf einer Pressekonferenz 1975 in Delhi wurde enthüllt, dass eine größere Gruppe chinesischer Agenten in den indischen Grenzstaat Mizoram eingeschleust worden war, um die dort operierenden, in Zerfall begriffenen aufständischen Organisationen zu stärken, anzuleiten und mit weiteren Waffen zu versorgen. China versucht hier, ebenso wie in Nagaland, in Sikkim und in Kaschmir, die nationalen Minderheiten gegen die indische Zentralregierung aufzuwiegeln und für den Kampf der Separatisten zu gewinnen.

Wie die Zeitung „Indian Express“ im Juli 1975 berichtete, hat der Chefminister des Unionsstaates Nagaland die Verhaftung einer großen Gruppe in China ausgebildeter „Rebellen“ bekanntgegeben. Die bei ihnen vorgefundenen Dokumente zeugen von der Beteiligung der Maoisten an den Umtrieben gegen die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Indiens.

Und so sieht die Praxis aus: In den unwegsamen Tälern und Wäldern entlang der Quellflüsse des Irrawaddy in Nordburma herrscht ständig geheimnisvolle Geschäftigkeit. Seit Jahrhunderten schleppen Opiumhändler ihren „Stoff“ über die Stromschnellen dieses Flusses auf die südostasiatischen und indischen Absatzmärkte – Konkurrenz für Hongkong, Macao und Singapur. Seit einigen Jahren werden diese Schleichpfade jedoch von Gestalten passiert, deren Traglasten noch brisanter sind als Rauschgift: Angehörige des kriegerischen Naga-Stammes, ausgerüstet mit Maschinengewehren und „Mao-Bibeln“.

Die 660 000 Nagas, zur tibeto-burmesischen Sprachgruppe gehörend, bevölkern ein sich über 500 Kilometer erstreckendes, hochaufragendes Berggebiet von 16 000 Quadratkilometern an der Grenze zwischen Indien und Burma.

Aufgrund der geographischen Abgeschiedenheit und der großen kulturellen und Sprachunterschiede nahm das Naga-Volk zwar 1944 am Kampf gegen die japanischen Eindringlinge, aber so gut wie gar nicht am indischen Befreiungskampf gegen die englischen Kolonialherren teil. Daraus leiteten einige Nationalisten des Unionsstaates Nagaland die Schlussfolgerung ab, sich von Indien loszusagen. Solche Vertreter sucht Peking, um die eigene Politik durchsetzen zu können. Seit etwa 1965 werden in der chinesischen Provinz Yunnan junge Nagas im Bandenkrieg ausgebildet und mit den „Ideen Mao Tse-tungs“ ausgerüstet. Wie die Hongkonger „Far Eastern Economic Review“ berichtet wurden allein 1973 500 mit chinesischen Waffen ausgerüstete Terroristen nach Nordostindien eingeschleust. Von den Absichten der Maoisten zeugt auch ein Artikel in der chinesischen „Renmin Ribao“ vom 31. Januar 1972, in dem die unverhüllte Drohung enthalten ist, Indien durch die Bildung der Staaten „Naga, Muzo und Sikkim“ aufzuspalten.

Besonders zersetzend wirkt seit Jahren die chinesische Einmischung gegenüber Burma, obwohl China mit der Regierung Burmas 1960 einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt unterzeichnet hat. Das ist maoistische Manier, denn nach ihrer Auffassung „kann man auf jedes Papier beliebig schöne Schriftzeichen malen“.

Unter dem Deckmantel demagogischer Erklärungen über die „Freundschaft mit Burma“ stifteten die chinesischen Führer die Organisation „Weiße Flagge“, die sich zu der maoistischen Doktrin „die Macht kommt aus den Gewehrläufen“ bekennt, zu subversiver Tätigkeit an.

Bevor die Regierung U Ne Win durchgriff und die Aufständischen im Norden Burmas zur burmesisch-chinesischen Grenze zurückdrängte, hatten die Angehörigen der „Weißen Flagge“ täglich die Bevölkerung terrorisiert und Überfälle auf Regierungsämter, Genossenschaften und Schulen durchgeführt.

Die Maoisten brachten es fertig, sogar Soldaten und Offiziere der regulären chinesischen Armee über die Grenze nach Burma zu schicken mit dem Ziel, ein „befreites Gebiet“ für die Festigung der Positionen der Maoisten zu schaffen. Man rechnet damit, dass sich noch etwa 9000 chinesische Militärangehörige [- 1975 -] auf burmesischem Territorium befinden. Auch die bei den „Aufständischen“ gefundenen Waffen und Dokumente ließen keinen Zweifel daran, welcher von den Nachbarn Burmas hinter diesen Banditen steht und woher sie ihre Maschinenpistolen und Revolver bekommen. Chinesische Waffen wurden auch in den im Norden Indiens gelegenen Unionsstaat Uttar Pradesch geliefert.

Die Kommunistische Partei Burmas wurde 1968 durch Peking zur Durchführung einer „Kulturrevolution“ gedrängt. Einige abenteuerliche, extremistische und völlig auf Mao Tse-tung eingeschworene Führer dieser Partei begannen tatsächlich eine „Kulturrevolution“ in den eigenen Reihen, was zu blutigen Auseinandersetzungen mit Mao-Gegnern führte und mit der gegenseitigen physischen Liquidierung ihrer Führer endete. Das „Ergebnis“ bestand darin, dass der Führung der KP Burmas in diesen wenigen Monaten ein größerer Schaden zugefügt wurde, als während zwanzig Jahren Partisanenkrieg.

Das gleiche Schicksal ereilte auch die Kommunistische Partei der Philippinen, die durch die Machenschaften der maoistischen Gruppe, des Renegaten Sison, an den Rand des Abgrunds gedrängt wurde. Die CIA und Maoisten bildeten ein einträchtiges Gespann, und die Machtkämpfe innerhalb der Partei wurden auf dem Rücken der philippinischen Arbeiter und Bauern ausgetragen. Das Volk erlitt in seinem Kampf gegen die einheimische und ausländische Reaktion eine Niederlage nach der anderen. So sehen die „Ergebnisse“ der von Peking gelenkten „großen Volkskriege“ in Wirklichkeit aus.

Auch in Nepal stiften die Maoisten ständige Unruhe, nicht zuletzt aus strategischen Erwägungen heraus. Das geschieht ungeachtet der im Dezember 1973 von Tschou En-lai gegebenen Versicherung: „China wird den gerechten Kampf des Volkes und der Regierung von Nepal gegen jede ausländische Einmischung unterstützen.“

Zur gleichen Zeit, da diese fadenscheinigen und verlogenen Worte erklangen, wurden unaufhörlich über unwegsame Bergpfade Waffen, Munition und Hetzliteratur für die maoistischen Anhänger in Nepal eingeschleust. Auch die chinesische Botschaft in Katmandu vertreibt in flagranter Verletzung der Gesetze Nepals tonnenweise Hetzmaterial. Wie man sieht, spielen die Maoisten auf mehreren Klavieren zugleich. Sie bringen es sogar fertig, die Unterstützung der Regierung des Staates Nepal erfolgreich mit den Waffenlieferungen an die den gewaltsamen Sturz der Regierung Nepals anstrebende linksextremistische „Gruppe Pushpalala“ zu verbinden. Die Maoisten gründeten in Nepal ein „Koordinierungszentrum“ für die Anleitung der subversiven Gruppierungen, die auf dem Territorium Nepals, Indiens und Bangladesh’ tätig sind.

Maoisten bildeten auch den „harten Kern“ der „nationalen Befreiungsarmee“ der KP von Malaysia (MCP), die nach zwölfjährigem Rebellenkrieg bereits 1960 im wesentlichen zerschlagen worden war. Diese „Befreiungsarmee“, von dem Chinesen Qing Peng geführt und im Dschungel beiderseits der malaysisch-thailändischen Grenze operierend, schrumpfte von 26 000 Mitgliedern auf weniger als tausend zusammen.

Der in der südchinesischen Provinz Yunnan stationierte Propagandasender „Stimme der malaysischen Revolution“ ist trotz der neuen Beziehungen zwischen Peking und Kuala Lumpur nicht verstummt. [- 1975 -]

In ihrem Bestreben, die Führungsrolle in Asien zu erlangen, haben die Machthaber sowohl Chinas als auch Japans wiederholt die zwischenstaatlichen Spannungen verschärft. Darüber können auch nicht die von Tschou En-lai und dem damaligen japanischen Ministerpräsidenten, Tanake, am 29. September 1972 aus Anlass der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern verkündeten „tiefen Gefühle“ der Freundschaft hinwegtäuschen.

Aufschlussreich sind die Verhandlungen, die seit geraumer Zeit zwischen der Regierung der VR China und Japans über den Abschluss eines Friedens- und Freundschaftsvertrages im Gange sind. [- 1975] Viele Monate lang bemühten sich die chinesischen Verhandlungsführer, in den Vertragsentwurf eine Klausel hineinzubringen, die besagt, dass beide Vertragspartner sich den Hegemoniebestrebungen einer „gewissen dritten Macht“ in Asien widersetzen. Keine Frage, dass damit die UdSSR gemeint ist.

Springes „Welt“, der maoistischen Politik der Zwietracht wohlgesonnen und jede Hetze gegen die Entspannung nach Kräften unterstützend, schrieb am 5. Juni 1975 über diese Klausel, dass sie „vor allem aber antisowjetischen Charakter“ trägt. Und weiter: „Gerade auf eine Zuspitzung, die das Verhältnis zwischen Moskau und Tokio prüfen würde, wollen die Chinesen aber hinaus.“ Das ist deutlich.

Peking braucht Japan also als zeitweiligen Bundesgenossen, um, wie es in ausländischen Zeitungen formuliert wurde, eine „Neuverteilung der Einflusssphäre“ in Asien zugunsten Chinas zu erreichen.

Einen gewissen Erfolg konnten die chinesischen Führer anlässlich des in der ersten Maihälfte 1975 vorgenommenen Besuchs einer Delegation japanischer Sozialisten mit dem Vorsitzenden des Zentralexekutivkomitees der Sozialistischen Partei Japans, Narita, an der Spitze in Peking verbuchen.

Im Abschlussdokument, das der offiziellen Haltung der SP Japans widerspricht, hat Narita einer von Peking geforderten Klausel zugestimmt, die eindeutig gegen die Sowjetunion gerichtet ist.

Die rechtsgerichtete BRD-Zeitung „Frankfurter Allgemeine“ berichte am 14. Mai 1975 äußert befriedigt über den im Wechselbad von Druck und Überredung erfolgten Umfall Naritas unter der Schlagzeile „Japans Sozialisten gegen Moskau eingespannt“. -

Der japanischen Zeitung „Mainichi Daily News“ ging die ständige Unterordnung unter die Befehlsgewalt Pekings offensichtlich gegen den Strich und auf die Nerven, als sie schrieb: „Narita mag in Peking für seine Entscheidung Beifall finden, doch wir bezweifeln, dass sein Beschluss vom japanischen Volk begrüßt wird.“ -

Die chinesische Agentur Xinhua jedenfalls feierte die Unterschrift unter dieses antisowjetische Dokument, in dem die Ideen eines Systems der kollektiven Sicherheit in Asien auf das Übelste verleumdet wurden, als „großen Sieg der Ideen Mao Tse-tungs“.

Von chinesischer Seite gibt es auch noch andere höchst interessante Töne. -

In einem Gespräch mit dem japanischen Außenhandels- und Industrieminister, Nakasone, empfahl Tschou En-lai Japan, sein Kapital in den asiatischen Ländern anzulegen: „Lassen sie uns Südostasien helfen, China auf dem Gebiet der Landwirtschaft und Leichtindustrie und Japan auf dem Gebiet der Schwerindustrie ...“ -

Wahrlich, eine seltsame Arbeitsteilung mit einem imperialistischen Land! «
[Fortsetzung folgt.]

Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Unverfrorene Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder.