Skip to main content Skip to page footer

EINE REISE MIT ADAM SMITH

von U. Gellermann

Die unsichtbare Hand unterwegs in Frank- reich

Wenn gerade in diesen Tagen ein Freihandels- abkommen zwischen den USA und der Europäi- schen Union verabschiedet wird, kann ein Buch über einen Verfechter des Freihandels nur nütz- lich sein.

Reinhard Blomert macht seine Leser in "Adam Smiths Reise nach Frankreich" in unterhaltsamer und gebildeter Weise mit einem bedeu- tenden Lebensabschnitt des Philosophen und Ökonomen vertraut:

Mit eben jenen etwa zwei Jahren, in denen Smith als Begleiter und Mentor eines schot- tischen Herzogs durch Frankreich reiste und dort den wesentlichen Teil seines Kernwer- kes "Wohlstand der Nationen" schrieb. Blomert legt viel Wert darauf, dass Smith nicht auf den Freihändler und Marktfetischisten reduziert wird.

Und tatsächlich hat sich Smith durchaus auch dann für Zölle eingesetzt, wenn er ethi- sche Gründe dafür sah. Ob ihm die aktuelle hartnäckige Weigerung der Franzosen, ihre Kultur dem amerikanischen Kulturimperialismus zu opfern und der brutalen Konkurrenz globalen Marktes auszusetzen, zugesagt hätte ist unbekannt.

Aber da ihm zum Beispiel die Landesverteidigung bedeutend genug erschien, um Zoll- schranken zu errichten, wäre ihm vielleicht auch der französische Film und sein Kampf gegen die amerikanischen Blockbuster als ein Fall für jene Zölle erschienen, die heute Kinoquotierung und Filmförderung heißen.
Es ist eine Bildungsreise, auf die sich Smith gemeinsam mit seinem jungen Herzog be- gibt. Und es ist auch eine Reise durch die reiche Bildung von Reinhard Blomert, an der er den Leser teilhaben lässt.

Wie sollte man sonst darauf kommen, dass die Heftigkeit mit der Smith den Freihandel vertritt auch daher rührt, weil ihm die hohen Zölle seinen geschätzten Rotwein verteu- erten: "Wir verlassen uns völlig darauf, dass wir bei freiem Außenhandel auch ohne jeden staatlichen Eingriff stets den Wein bekommen, den wir haben möchten" zitiert Blomert Adam Smith und gibt so einen schönen Einblick in die subjektive Seite der von heutigen Marktradikalen heftig gepredigten Marktfreiheit: Nichts gegen die Trinkge- wohnheiten des schottischen Ökonomen, viel gegen all jene, die öffentlich Wasser predigen und unheimliche Mengen privater Profite in sich rein schütten.

Smith, auch darauf verweist Blomert, erkannte immerhin, dass die private Aneignung von Grund und Boden und die daraus folgende Akkumulation von Kapital zum Lohn- drücken führte: "Wir haben keine Parlamentsbeschlüsse gegen Vereinigungen, die das Ziel verfolgen, den Lohn zu senken, wohl aber zahlreiche gegen Zusammenschlüsse, die ihn erhöhen wollen." Wie aktuell liest sich das angesichts des wuchernden Lobby- ismus.

Die Reise durch Frankreich beginnt in Toulouse und Blomert sieht für seine Leser sofort einen Tagesausflug bei den Katharern vor, jener christlichen Sekte, die im Langeudoc ihr Zentrum hatte. Der Zusammenhang des Ausflugs zu Smiths ökonomischen Theorien ist nicht klar zu erkennen, außer man wolle in der frühen Form von Gemeineigentum Verbin- dungslinien erkennen. Smith jedenfalls glaubt im Languedoc, einer wichtigen Weinge- gend, zu erkennen, dass der billige Alkohol in den südliche Regionen Frankreichs dazu führe, das die dort Lebenden weniger tränken und nüchtern wären, eben weil die Alko- holika leicht verfügbar seien.

Erneut ein Plädoyer für den freien Handel das aus dem Trinken begründet wird. Nächst dem Besuch der Marseiller Porzelan-Manufaktur, von Blomert mit einem Exkurs auf die Entmonopolisierung der europäischen Porzellanherstellung begleitet, mündet die Reise in einen längeren Halt in Genf, bei einem Besuch Voltaires. Auch wenn die Verbindungen von Voltaire und Smith nicht besonders dicht erscheinen, widmet der Autor dem großen Aufklärer rund fünfzig Seiten. Das wird Prinzip und Vorteil von Blomerts Buch bleiben: Nicht an der Biographie von Smith zu kleben, sondern die geistige Atmosphäre jener Zeit zu beschreiben, von Quellen zu reden, aus denen Smith getrunken hat.

Die Pariser Salons sind die nächste große Station für Adam Smith, und Blomert zeigt sie uns als kulturelle Zentren der Aufklärung: Man begegnet Mitarbeitern der "Enzyklopä- die", besucht die Tafel des Materialisten Helvetius und lernt den "Dialog über den Ge- treidepreis" kennen, eines jener Bücher über die Ökonomie, die zu Smiths Schriften ihren Beitrag geleistet haben. Nicht einmal den Aufritt von Mozart in Paris lassen Smith und Blomert aus, um sich dann aber dem Ökonomen und Hausarzt der Madame Pompa- dour zuzuwenden, von dem Blomert annimmt, dass Smith dessen zentrale Positionen für sein Werk übernommen habe. Dazu gehört eben auch jene "unsichtbare Hand des Mark- tes", die sich zwar in Smiths Hauptwerk wörtlich findet, auf den man ihn aber nicht re- duzieren darf.

So erleben und erlesen wir in einem sorgsam gestalteten Buch - das gegen alle Mode noch die Druckherstellerin erwähnt und die Type, in der es gesetzt wurde - eine be- schauliche Wanderung durch die Kulturlandschaft der Aufklärung und fragen, wegen der Dichte des Reiseberichtes, ob Blomert all diese Gegenden nur virtuell bereist oder die Orte selbst aufgesucht hat. Wenn ja, ist er zu beneiden.

Verlag: Die Andere Bibliothek
Blomert, Reinhard
'Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie'
Buchkünstlerin: Sabine Golde;
Limitierte Ausgabe; zweifarbig gedruckt auf geglättetem, holzfreiem Designpapier; farbiges Vor- und Nachsatzpapier; gebunden in feiner bedruckter Wabenstruktur; geprägtes Etikett, Fadenheftung und Lesebändchen. Originalausgaben - Bandnummer: 335 - Seitenanzahl: 309
ISBN: 9783847703358
34,00 EUR - sofort lieferbar - Preis im Abo: 31.50 EUR

www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Adam-Smiths-Reise-nach-Frankreich-oder-die-Entstehung-der-Nationaloekonomie::414.html

www.rationalgalerie.de/archiv/index_2_421.html