Eine humanistische Kritik des Kapitalismus
von Andreas Siemoneit
Motivation
Die Welt der Wirtschaft dreht sich immer schneller, und die Ratlosigkeit in der aktuellen Debatte um das Wachstum wird immer größer. Je nach Zählweise bedrohen mehrere massive Krisen unseren Wohlstand, sogar unsere Existenz.
Ein Ausweg erscheint angesichts des „allzu Menschlichen” nicht zu existieren. Der Mensch – dazu verdammt, sich in den Untergang zu treiben? Andererseits ist die Erfahrung von Vernunft, Kooperation, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe ebenso nicht von der Hand zu weisen. Welche Antriebe steuern unsere wirtschaftlichen Energien? Kann man Prinzipien erkennen?
Die Marktwirtschaft kennt ein sehr einfaches Prinzip, um die Energie des Einzelnen zu wecken, nämlich den Eigennutz. Wo ist das einfache Prinzip des Menschen, um die Energie des Einzelnen zu wecken, Vernunft zu entwickeln? Kann man aus unseren bisherigen Erfahrungen von Demokratie und Marktwirtschaft, die unbestreitbar ihre Erfolge haben, noch etwas anderes ableiten als das, was wir schon kennen?
Wie sind wir hier gelandet? („Theorie des Wachstums“)
Durch mehrere „Technische Revolutionen” vermochte der Mensch seine natürlichen Grenzen der Muskelkraft und der Denkkraft zu überwinden und an Maschinen zu übertragen. Kunststoffe ermöglichen eine Überwindung der Beschränkungen von traditionellen Materialien. Dadurch wurde im Laufe der Zeit zwar eine gewaltige Steigerung des materiellen Lebensstandards erreicht, aber auch ein ebenso gewaltiges Ressourcen-und Müllproblem geschaffen.
Wir besitzen ein kapitalistisches Wirtschaftssystem und ein demokratisches Gesellschaftssystem.
Seit mehreren hundert Jahren ist der Anstieg der Bevölkerung und damit die Verfügung über Arbeitskräfte eine wesentliche Voraussetzung dafür gewesen, dass die Wirtschaft überhaupt so rasant wachsen konnte. Eine wesentliche ideologische Rolle dabei spielt die Katholische Kirche mit ihrem Dogma „Seid fruchtbar und mehret Euch”.
Unser Geldsystem besitzt eine eingebaute Wachstumsdynamik aufgrund der unbegrenzten Kreditvergabe durch die Banken (Geldschöpfung). Ein Anwachsen der Geldmenge erfolgt durch Gewinn und ist gleichzeitig ein Anwachsen der Leistungsverpflichtung dieser und kommender Generationen.
Der Mensch besitzt ein hohes persönliches Potential, das sich je nach Umfeld in verschiedene Richtungen entwickeln kann. Im Alltag lässt er sich durch Moral und gesellschaftlich akzeptierte Bilder leiten. Für ein Gleichgewicht von persönlichen und gemeinschaftlichen Interessen benötigt er jedoch unterstützende Strukturen wie Gesetze und Institutionen. Über seinen Sozialstatus versichert sich der Mensch der Akzeptanz durch die Gemeinschaft und kann dadurch seine Existenzangst mindern. Konsum und wirtschaftlicher Erfolg sind ein wesentlicher, aber auch immer wieder zu erneuernder Teil dieses Sozialstatus. Es findet eine extreme Bevorzugung des materiellen Lebensstandards gegenüber einem immateriellen Lebensstandard statt, weil letzterer viel schwieriger in Sozialstatus umzusetzen ist. Die permanente Forderung nach Erneuerung des Sozialstatus führt zu einem Statuswettbewerb. Die Marktwirtschaft verbindet dabei geschickt das individuelle Wachstum des Einzelnen mit dem Wachstum der Wirtschaft.
Wirtschaftliches Handeln wird durch ein ganzes Bündel an erleichternden Maßnahmen geradezu grotesk durch die Gesellschaft gefördert. Über unbegrenzten Gewinn, Haftungsbeschränkung, Machtkonzentration durch Beteiligung, Subventionen, niedrige Ressourcenpreise, Patente und die Aufweichung von Grundrechten wird dafür gesorgt, dass keine Gelegenheit ausgelassen wird und es zu einem galoppierenden wirtschaftlichen Wettbewerb kommt. Millionenfach wird aktiv nach Produktlücken gesucht, die man noch füllen könnte. Dafür wendet die Gesellschaft nicht nur erhebliche finanzielle Mittel auf, sondern geht auch erhebliche Risiken ein. Das Bild des Leistungsträgers ist dabei übertrieben positiv besetzt und fördert dessen Eitelkeit.
Die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft findet ihre Entsprechung im Privaten als Steigerung des Lebensstandards, vor allem durch solche Produkte, die die private Produktivität steigern.
Das Ergebnis: Der Kapitalismus schwächt systematisch Vernunft und Maßhalten, statt dessen verstärkt er Unvernunft und Wettbewerb, mit dem Ziel eines unverantwortlichen Wirtschaftswachstums. Die Anreize, der Botschaft des freien Marktes zu folgen, sind so überwältigend, dass nur wenige widerstehen können.
Die Fokussierung des Blicks auf spektakuläre Einzelfälle („Gier”) und eine „unheilige Allianz von Kapital und Staat” blendet aus, dass dieser Wettbewerb breit in der Bevölkerung angelegt ist. Über eine immer weitere Entfesselung der Produktivkräfte (Neoliberalismus) wird versucht, das System dynamisch stabil zu halten, mit dem Ergebnis, dass das Scheitern immer wahrscheinlicher wird.
Warum geht es so nicht weiter?
Der gesamtgesellschaftliche Nutzen der Steigerung der Arbeitsproduktivität ist seit langem negativ, und ihre Folgen bedrohen das soziale Leben des Menschen. Produktivitätsfortschritte werden aufgefressen durch Systemeffekte und gesellschaftliche Verluste. Die gesamte Idee der Förderung des Unternehmergeistes beruht auf der Externalisierung interner Kosten, der Übernahme von Risiken durch die Gemeinschaft und auf der Verfügbarkeit einer geradezu luxuriösen, öffentlich finanzierten Infrastruktur.
Staatliche Institutionen, die in ihrer Finanzierungsstruktur auf Vollbeschäftigung angewiesen sind, heizen das Wachstum aufgrund verschiedener Abhängigkeiten weiter an. Teilweise sind sie sogar selbst einem grenzenlosen Wachstum unterworfen, wie beispielsweise das Gesundheitssystem.
Kate Pickett und Richard Wilkinson weisen in einer Studie nach, dass Einkommensungleichheit in einer Gesellschaft praktisch alle sozialen Probleme verschärft und das Leben für die unteren wie die oberen Schichten gleichermaßen unerfreulicher macht.
Den derzeit größten Beitrag zur Produktivitätssteigerung leisten Computer, Internet und mobile Kommunikation. Sie läuten ständig neue Runden in der Beschleunigung ein. Die diesen Techniken innewohnenden Konflikte sind teilweise prinzipiell nicht lösbar, sie sind alle praktisch kaum lösbar.
Die beiden wichtigsten Botschaften in Bezug auf das Wirtschaftsleben, die Botschaft der freien Marktwirtschaft und die Botschaft der Mäßigung, verfolgen gegensätzliche Ziele.
Das Problem ist: Die Botschaft der freien Marktwirtschaft ist viel lauter als die der Mäßigung. Und wir verhelfen der Botschaft der freien Marktwirtschaft über viele übergeordnete Prinzipien Geltung, der Botschaft der Mäßigung jedoch vorwiegend über nachgelagerte Gesetze und Verordnungen. Das führt zu einem geradezu grotesken Ungleichgewicht im Wirtschaftsleben zugunsten des hemmungslosen Konsums und zulasten der Nachhaltigkeit. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer „Paare von widersprüchlichen Botschaften”.
Die politische Energie richtet sich auf Scheinlösungen, die die gröbsten Exzesse zu mildern oder zu beseitigen suchen, um den materiellen Wohlstand halten zu können, ohne am Kern des Problems anzusetzen. Sie gehören letztlich alle in die Rubrik des „Rosinenpickens”. Die verführerischste Scheinlösung wird derzeit als 'Green New Deal' diskutiert, einer technokratischen, im Kern undemokratischen und weiterhin auf Wachstum basierenden „ökologischen Effizienzrevolution”. Das „Cradle-to-cradle”-Konzept von Michael Braungart wird ebenfalls nicht geeignet sein, den erreichten materiellen Wohlstand zu halten, zeigt aber deutlich die notwendige Veränderung der Denkstrukturen auf.
Stand der Diskussion
Wir haben Angst vor dem „Weiter so”, und wir haben Angst vor dem „Ganz anders machen”. Deshalb versuchen wir, „etwas anders weiter so” zu machen. Die gesellschaftliche Diskussion ist dabei sehr methodenlastig, weil die zugrundeliegenden Prinzipien nicht grundlegend hinterfragt werden sollen.
Die Frage „Wie wollen wir leben?” ist wichtig, klärt aber nicht unser Gesellschaftsmodell. Sie ist im Kern autoritär, weil sie die Individualität verschiedener Lebensentwürfte nicht respektiert.
Die Frage muss eher lauten: „Welche einfachen Prinzipien schreiben wir ins Grundgesetz?” In einer freiheitlichen Gesellschaft soll jeder selbst entscheiden können, wie er oder sie ein bestimmtes Ziel erreicht. Das Ziel wird vereinbart, der Weg ist frei, solange die Gesetze beachtet werden.
Die Parteien können keine innovativen Vorschläge anbieten, weil sie ihre Arbeit selbst zu sehr nach marktwirtschaftlichen Prinzipien organisiert haben und teilweise an einem „parteispezifischen Charakter” kranken.
Ziele eines Umbaus
Das Einzige, worauf wir uns verlassen können, sind die Gesetze der Logik und der Naturwissenschaften. Alles andere ist ungewiss, insbesondere die menschliche Vernunft. Nur ein einfaches Wirtschaftsmodell wird Zukunft haben, welches den psychologischen Eigenschaften des Menschen mehr Rechnung trägt. Es soll nicht mehr den materiellen Wohlstand zum Ziel haben, sondern den Fortschritt des Menschen, die volle Entfaltung seines schöpferischen Potentials, das derzeit einseitig auf Markt und Wettbewerb ausgerichtet ist. Es geht um das Menschenbild des Humanismus und eine liberale Grundhaltung. Der Mensch muss Gelegenheit haben, seine inneren Konflikte zu lösen und seine Maßlosigkeit zu begrenzen, innerhalb dieser Grenzen aber seine Persönlichkeit frei entfalten können.
Die Ziele lauten dabei im Einzelnen: Ungleichheit begrenzen, Naturverbrauch begrenzen, Kooperation, LowTech und Regionalität, Arbeit für alle, Eigentumsreform, Primat der Nachfrage statt des Angebots, Sozialsysteme als Risikoversicherungen statt Vollkasko, Bevölkerungswachstum begrenzen.
Humanistische Marktwirtschaft
Der Liberalismus tritt für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft ein, findet aber bisher keine überzeugenden Antworten auf die zunehmende Zahl von Verlierern, den Zerfall des sozialen Systems und die Überlastung des Staates. Wie wir gesehen haben, sind Maßlosigkeit und fehlende Grenzen der wesentliche Aspekt der Wachstumsdiskussion. Ein liberales Gesellschaftsmodell lässt sich mit Grenzen ohne weiteres vereinbaren, wenn diese Grenzen nicht willkürlich sind. Das Grundgesetz besitzt bereits heute ein Menschenbild, welches Gemeinschaftsbezogenheit und Gemeinschaftsgebundenheit des Einzelnen beinhaltet.
Auch die „Fehlbarkeit und Verführbarkeit” von Menschen finden Berücksichtigung. Der Grundsatz von der persönlichen Entfaltung im Grundgesetz muss ein ebenbürtiges Gegengewicht in der Festsetzung von Grenzen bekommen – im Grundgesetz.
Marktwirtschaft ist die Umsetzung des liberalen Prinzips der Freiheit des Einzelnen im Bereich des Wirtschaftslebens. Der Staat (also die Gemeinschaft) hat sich rauszuhalten aus dem Leben des Einzelnen, wo immer das möglich ist. Wir sollten nicht die Ziele mit den Wegen dorthin verwechseln. Aus gutem Grund überlassen wir dies den sogenannten Kräften des Marktes, was man besser nennen würde: Den Wünschen der Menschen. Der Begriff des Marktes ist durch einen falsch verstandenen Wirtschaftsliberalismus verhunzt worden. Man kann ihn als humanistische Marktwirtschaft rehabilitieren, indem man ihn auf eine Vernunft-Diät setzt. Einige möglichst hoch angesiedelte Prinzipien sollen den Gesamtrahmen vorgeben, ansonsten herrscht persönliche Freiheit im Rahmen der geltenden Gesetze, insbesondere auch Freiheit für Lebensentwürfe mit einem unterschiedlichen Stellenwert von Arbeit und Konsum.
Demokratie und Marktwirtschaft sind das Gleiche. Es sind die beiden Seiten der Medaille „Leben in Gemeinschaft”. Die eine Seite betrifft die „Allmende”, also die Öffentlichen Güter, die andere das Privateigentum. Verkürzt kann man sagen: Marktwirtschaft ist die Demokratie der Warenwelt. Somit hat Marktwirtschaft einen demokratischen Kern, und es wird deutlich, wie untrennbar Demokratie und Marktwirtschaft miteinander verbunden sind. Sie bilden „ein Demokratie-Paar auf zwei sich ergänzenden Märkten”.
Der entscheidende Punkt ist: Während in der Marktwirtschaft keine andere Organe als die Beteiligten benötigt werden, die für sich sprechen und handeln können, müssen wir in der Demokratie dem Staat, also der „juristischen Person Gemeinschaft”, Organe geben, um Handlungsfähigkeit zu erreichen. Wichtige Prinzipien dabei sind Machtbegrenzung und Begrenzung der Versuchung, das führt zur Gewaltenteilung, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Repräsentanten Menschen sind.
Die Gewaltenteilung ist der Versuch, es den menschlichen Repräsentanten zu erleichtern, die Konflikte zwischen Amt und persönlichen Interessen zu überwinden, insbesondere die Versuchung „absolute Macht” auszuschalten. Wir versuchen, den Repräsentanten die Vernunft zu ermöglichen.
Im Individuum fallen alle „Repräsentanten” in ein und derselben Person zusammen. Der Mensch ist im Markt sich selbst und seiner Vernunft oder Unvernunft ausgeliefert. Er hat in der Warenwelt die absolute Macht. Aber Geld ist keine reine Privatangelegenheit. Geld ist Leistungserwartung an die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist betroffen, die Grundrechte der Gemeinschaft sind in wichtigen Fragen nicht gewährleistet.
Wer Demokratie und Marktwirtschaft will, der muss also auch eine absolute Vermögensobergrenze als Machtbegrenzung akzeptieren. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer statt dessen die freie Marktwirtschaft will, der will letztlich die Diktatur des Marktes, so wie wir sie derzeit erleben. Mit der Höhe der absoluten Vermögensobergrenze bestimmen wir indirekt die Größe und damit auch die Vernunft oder Vermessenheit der möglichen unternehmerischen Visionen Einzelner in der Marktwirtschaft.
Aus dem Konzept „Leistung soll sich lohnen” lässt sich logisch ableiten, dass der Eigentumsbegriff neu definiert werden muss: Eigentum kann man nur erwerben an dem, was man geschaffen hat. Weder Grundstücke noch natürliche Ressourcen wurden je von Menschen geschaffen, sondern bestenfalls verändert, sie sind Gemeinschaftseigentum. Nur der Aufwand dieser Veränderung darf Basis eines leistungsbezogenen Entgeltes sein. Leistungslose Einkommen haben keine Berechtigung. Dies hat Konsequenzen insbesondere für Immobilien und natürliche Ressourcen.
Nachhaltigkeitspostulat: Aus der Verantwortung gegenüber uns selbst als Bewohner der Erde und nachfolgenden Generationen lässt sich logisch ableiten, dass unser Ressourcenverbrauch sich an einem Unendlichkeitsbegriff orientieren muss. 100 % Recycling oder 100 % Abbaubarkeit sind die Schlagwörter. Der Hersteller trägt die Produktverantwortung über die gesamte Produktlebensdauer.
Vermögensbegrenzung ist nicht das Ende von großen Investitionen, sondern es bedeutet nur: Je größer die Investition ist, desto mehr Leute muss man mit Anteilen mit ins Boot nehmen, und damit verbreitert man automatisch auch die gesellschaftliche Basis und Akzeptanz. Eigentum bekommt auf einmal einen ganz anderen Stellenwert, weil man viel eher bei einem quasigemeinschaftlichen Eigentum landet, einfach durch die Zahl der Beteiligten. Genossenschaften funktionieren weltweit erfolgreich nach diesem Prinzip.
Aus diesen Überlegungen folgt auch sofort: Eine Erbschaftsteuer gehört nicht in dieses System. Vererbte Güter stellen kein leistungsloses Einkommen dar, auch wenn das derzeit gerne so dargestellt wird. Zwar hat der Erbe die Leistung nicht erbracht, aber die Gemeinschaft auch nicht. Es gibt keinen Grund, warum die Gemeinschaft davon profitieren sollte. In einem System mit Vermögensobergrenze braucht man eine Erbschaftsteuer schlicht nicht.
Repräsentative Demokratie als Wunsch nach Vision
Die Idee der unternehmerischen Vision begründet demzufolge auch noch etwas ganz anderes: Die repräsentative Demokratie ist ebenfalls ein Ausdruck dieser Vorstellung. Sie ist nicht lediglich eine praktische Arbeitsteilung, sondern die Gemeinschaft möchte auf diese Weise Personen an die Spitze befördern und mit einem gewissen Maß an Gestaltungsmacht ausstatten, die eine Vision umsetzen, der wir vertrauen. Menschen, die idealerweise über Demut, Selbstvertrauen und Vernunft verfügen.
Der aktuelle Wunsch nach mehr direkter Demokratie spiegelt unser Misstrauen gegenüber einer repräsentativen Demokratie wider, in der die Vernunft der Eitelkeit und der Bereicherung gewichen ist. Wo ist denn heute der Wunsch nach direkter Demokratie am lautesten? Bei technischen Großprojekten und bei Privatisierungen öffentlicher Güter, wo sich wenige auf Kosten vieler bereichern, und damit sind wir sofort beim Kern der Sache. Die Einführung einer humanistischen Marktwirtschaft würde diese Probleme sofort lösen.
Dennoch muss die Politik auch das Problem der Bürgerbeteiligung lösen, welches über das „Parteiengezänk” nicht richtig funktioniert. Direkte Demokratie wird nicht der Weg sein. Es geht hier weniger um formale Beteiligung, sondern inhaltliche Diskussion, Rückkopplung und Bewusstseinswandel. Formale Wahlen gibt es weiterhin, aber diese dienen nicht der Informationsverbreitung und -beschaffung, sondern der politischen Legitimation. Derzeit ist die informelle Beteiligung unterrepräsentiert.
Humanismus als Ziel
Eine Gesellschaft, die sich den Wettbewerb zum Ziel setzt, ist krank. Es gibt eine Therapie, die dagegen hilft: Demut, Selbstvertrauen und Wissen sind wichtige Vorausetzungen für die Entwicklung von Vernunft. Vernunft kann uns auch helfen, mit den unvermeidlichen Themen Verfall und Tod leichter umzugehen. Der Verzicht auf Maßlosigkeit, das Reduzieren von Angst und Eitelkeit können eine Heilung der Gesellschaft bewirken.
Aus dem Nachhaltigkeitspostulat wird sich ziemlich sicher ein massiver technischer Rückschritt ergeben müssen. Die Frage ist, ob das tatsächlich schlimm ist.
Der Schlüsselbegriff lautet ganz banal „Zufriedenheit”. Wie viel brauchen wir, um zufrieden zu sein, damit sich der Mensch zur Fülle seiner Möglichkeiten, zur Ganzheit und zur Einheit mit der Natur entwickeln kann? Welche Errungenschaften könnte man in eine einfachere Zukunft mitnehmen? Man muss ja nicht alle alten Fehler wiederholen, es geht nicht um eine Kopie der „guten, alten Zeit”.
Das ist insbesondere eine Forderung an unser Bild von Erziehung, Bildung und Ausbildung – ein ganzes Leben lang, in ständiger Rückkopplung mit unserem Umfeld (Supervision). Wenn Zufriedenheit sich im Kopf abspielt, dann sollten wir diesem die sorgfältigste Pflege angedeihen lassen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Ausbildung sollte völlig neu gedacht werden.
Letztlich muss das einem demokratischen Prozess vorbehalten bleiben – und den persönlichen Entscheidungen des Individuums. Aber das Individuum braucht einen möglichst einfachen und verständlichen „Rahmen der Vernunft”, der durch eine völlig freie Marktwirtschaft bisher nicht geliefert wurde.
Zusammenfassung der Webseite www.futur-III.de Version 3.1 vom 22.01.2012
http://www.futur-iii.de
http://www.futur-iii.de/b0_umschlag/download/f.html
Andreas Siemoneit ist Physiker und Wirtschafts-Ingenieur. Er lebt in Berlin und arbeitet dort als Wirtschafts-Informatiker.