Die welthistorische Mission der Arbeiterklasse
von Otto Finger - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Zur materialistisch-philosophischen Begründung der welthistorischen Mission der Arbeiterklasse
»Ein Grundgedanke der Marxschen Theorie der entfremdeten Arbeit, der Gedanke, dass in der materiellen Produktionstätigkeit selbst die Wurzeln für die feindliche Gewalt gesellschaft-licher Verhältnisse gegen die arbeitenden Menschen liegen, wird hier konkretisiert zur Begründung der objektiven, gesetzmäßigen Notwendigkeit der materiellen Aktion, des wirklichen, materiellen Kampfes gegen diese Verhältnisse. -
Die „Heilige Familie“ gibt in einer für alle nachfolgende Entwicklung gültigen und durch die geschichtlichen Erfahrungen bestätigten Weise präzise den sozialökonomischen Kern der wahrhaft weltgeschichtlichen, den Verlauf und das Wesen der Weltgeschichte in noch nie dagewesener Gründlichkeit verändernden und bestimmenden Mission der Arbeiterklasse an. -
Dieser Kern liegt in der folgenden Aktion: Die Arbeiterklasse beseitigt das Privateigentum an den Produktionsmitteln und hebt damit sowohl seinen Feind, die Bourgeoisie auf, wie sich selbst – es hebt sich als besitzlose, ausgebeutete, geknechtete, verelendete Klasse der Lohnarbeiter [Frauen und Männer] auf. -
Darauf, dass diese Umwälzung nur den Charakter einer wirklichen Revolution, einer gewaltsamen Veränderung des Bestehenden haben kann, verweisen in der „Heiligen Familie“ solche Wendungen wie die folgenden: die Proletarier bilden innerhalb des dialektischen Gegensatzes von besitzender und arbeitender Klasse die „destruktive Partei“. Von dieser Partei gehe die „Aktion seiner Vernichtung“ aus. -
Und schließlich: „Wenn das Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft geworden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt“ [1/38] -
Das Proletariat als „destruktive“, d. i. die Sprengung der bürgerlichen Ordnung herbeiführenden Partei, sein politisches Handeln als Aktion der Vernichtung der bestehenden Ausbeuterverhältnisse begriffen, endend mit einem Sieg, der in eins fällt mit der Errichtung gänzlich neuer Verhältnisse, die ganz und gar und für immer hinaus sind über das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital als den dialektischen Polen der alten Gesellschaft – dies sind die wesentlichen revolutionären Bestimmungen der weltgeschichtlichen Rolle der Arbeiterklasse. -
Der Kapitalismus selbst erzeugt nicht bloß in der Masse der vom Kapital ausgebeuteten Proletarier die soziale Kraft dieser revolutionären Umwälzung, er beginnt auch bereits das Proletariat so zu organisieren und zu disziplinieren, dass es fähig wird, die Unmenschlichkeit seiner eigenen und aller bisherigen gesellschaftlichen Lebensbedingungen aufzuheben. -
Diese konkrete Dialektik der revolutionären Bewegung, die Wechselbeziehung von objektiven Bedingungen und subjektiven Faktoren, das Verhältnis von sozialökonomischem Gesetz der Revolution und ihrer wissenschaftlichen Ideologie, die Rolle der Organisiertheit, Bewusstheit und der Führungsaufgaben der proletarischen Partei – alle diese näheren Bestimmungen der Theorie der sozialistischen Revolution werden erst in den nachfolgenden Arbeiten entwickelt, bis sie schließlich im „Kommunistischen Manifest“ zu einem philosophisch, politisch-ökonomisch, wissenschaftlich-sozialistisch geschlossenen ganzen eines Programmes der proletarischen Revolution vereinigt sind. -

Die „Heilige Familie“ stößt aber bereits vor bis zur philosophischen Begründung der Gesetz-mäßigkeit dieser Revolution als einer Revolution der Arbeiterklasse und als einer Revolution im Lebensinteresse der Volksmassen.
Nicht revolutionärer Wunderglaube, nicht das utopische Wunschbild bestimmt den Geist der marxistischen Revolutionstheorie, sondern der konsequent-materialistische Standpunkt von der objektiven Gesetz-mäßigkeit auch der revolutionären Ent- wicklungssprünge in der menschlichen Gesellschaft:
„Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreien, so geschieht dies keineswegs ... weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil ... in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefasst sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich ... durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muss das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in dieser Situation zusammenfassen, aufzuheben. Es macht nicht vergebens die harte, aber stählerne Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist, und diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation weil in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“ [2/39]
Dieser Gedankengang enthält in der Tat den ersten Entwurf des weltanschaulichen Ganzen der Marxschen und Engelschen Revolutionstheorie als einer Einheit von Materialismus und Dialektik, von Philosophie und Ideologie, von sozialökonomischer Analyse und politisch-ideologischer Zielsetzung.
Die von uns herausgehobenen Leistungen des ersten Gemeinschaftswerkes von Karl Marx und Friedrich Engels verdeutlichen, was Lenin in seinem biographischen Abriss über Karl Marx als die Beseitigung zweier Hauptmängel früherer Geschichtstheorien gekennzeichnet hat. Und zwar als Ergebnis der Ausdehnung des Materialismus auf das Gebiet der gesellschaftlichen Erscheinungen. -
Die alten Geschichtstheorien hatten, wie Lenin betont, „... erstens im besten Falle nur die ideellen Motive des geschichtlichen Handels der Menschen zum Gegenstand der Betrachtung gemacht, ohne nachzuforschen, wodurch diese Motive hervorgerufen werden, ohne die objektive Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung des Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfassen ..., zweitens hatten die früheren Theorien gerade die Handlungen der Massen der Bevölkerung außer acht gelassen ...“ [3/40]
Im Prozess der Überwindung beider Hauptmängel der vormarxistischen Geschichts-theorien – die auch Grundmängel aller heutigen antimarxistischen Sozialtheorien sind – hat die „Heilige Familie“ Entscheidendes geleistet.«
Anmerkungen
1/38 Friedrich Engels und Karl Marx, Die heilige Familie, S. 37 f.
2/39 Ebenda, S. 38.
3/40 W. I. Lenin, Karl Marx, in: Werke, Bd. 21, Berlin 1960, S. 45.
Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 4.10. Zur materialistisch-philosophischen Begründung der welthistorischen Mission der Arbeiterklasse, in: 4. Kapitel: Materialismus und revolutionäres Klassenbewusstsein contra subjektiven Idealismus (zur aktuellen weltanschaulichen Bedeutung der „Heiligen Familie“).