Die Selbst-Befreiung der Indigenen Boliviens und die sozialistische Revolution Lateinamerikas
unter Berücksichtigung kubanischer Literatur
von Gerd Elvers
Aufgrund der USA-Drohungen und aufgrund interner Schwierigkeiten muss man sich ernsthafte Sorgen um die Weiterexistenz des sozialistischen Venezuela machen. Schon proklamieren einige Schreiberlinge das „Ende des Sozialismus des XXI. Jahrhunderts in Lateinamerika“. Im Folgenden wird anhand Bolivien dargestellt, wie stark sich schon der Sozialismus in Lateinamerika verankert hat. Dazu sorgt Boliviens Präsident Evo Morales und die indigene Bewegung, die eine feste Verbindung mit den sozialistischen Zielen eingegangen ist.
Zu Morales Vize wurde Alvaro García Linera gewählt. Obwohl er aus einer „weißen“ Familie des Mittelstandes stammt, ist er ein fundierter Kenner der indigenen Gemeinschaften seines Staates. Er blickt auf ein für Lateinamerika zwar buntes aber nicht ungewöhnliches Leben zurück, als unorthodoxer, marxistischer Intellektueller, als Guerillero des Túpac Katari, mit fünf Jahren Gefängniserfahrungen, als Kenner der modernen westlichen Philosophie und Soziologie, der Bourdieu, Foucault, Giddens, Touraine und Gilly als seine Lehrmeister ansieht und endlich als zweiter Mann seines Staates.
Seine hier vorgelegten 12 Artikel unter dem kubanischen Editorial der „Casa de las Americas“ mit dem Titel: „Das plebejische Potential“ werfen einen fundierten Blick auf das „indigene Phänomen“. Nach einem 500jährigen weitgehend passiven Erdulden ihrer Erniedrigungen und Niederlagen steigen die indigenen Plebejer zum politischen Akteur auf - unter sozialistischem Vorzeichen (1). Dabei kommt natürlich García Lineras Heimat Bolivien der Schwerpunkt der Analyse zu. Aber auch aus einem generellen Grund liefert Bolivien interessantes Anschauungsmaterial für Fragestellungen der Moderne: Welche Bewegungskräfte stehen hinter dem Untergang des Proletariats der Minenarbeiter als soziale und politische Kraft und dem nachfolgenden Aufstieg der indigenen Gemeinschaften, was im Widerspruch zu den linearen schematischen Entwicklungsstufen des orthodoxen Marxismus steht?
Disperse Verteilung der indigenen Gemeinschaften durch koloniale Vernichtungspolitik
Schon bei einem oberflächlichen Blick auf die geographische Verteilung der Millionen Indigener in Amerika fallen erhebliche Unterschiede auf, für die die vorkapitalistische und nachkolumbianische Geschichte weitgehend verantwortlich ist. Die ethnische Karte der Karibik ist weiß und schwarz aber nicht „rot“. In der Karibik sind die Indigenen durch die Kolonialherren in den ersten Jahrzehnten nach Kolumbus ausgerottet worden. Der Versuch heute, auf einigen Inseln das Überleben der Ureinwohner nachweisen zu können, muss als vergeblicher Versuch gewertet werden, die Geschichte des grauenvollen Genozids zu korrigieren. Alleinige Zeugnisse einer untergegangenen Bevölkerung sind neben den überkommenen Orts- und Flussnahmen archäologische Ausgrabungen, an denen ich für einige Jahre in Kuba beteiligt war.
Der totalen Vernichtung der Indigenen durch die Kolonisten kam entgegen, dass die Antillen, die sich bogenförmig von Venezuela bis Kuba spannen, aus Inseln bestehen, die klare Begrenzungen durch das Meer aufweisen, so dass sich die holländischen, französischen und spanischen Kolonialisten schnell einen Überblick über das Terrain der Versklavung machen konnten. Schon der Ausfall einer einzigen Ernte durch den Abzug der versklavten Männer von ihren Äckern für die Arbeiten im erzwungenen Dienst der Kolonialherren konnte zum Hungertod vieler alleingelassenen Frauen und Kinder führen. Der Völkermord wurde vervollständigt, wenn mehrere Ernten hintereinander ausfielen, verbunden mit Krankheiten, die auf Unterernährung zurückgeführt werden können.
In Nordamerika, Chile und Argentinien fielen die Jäger und Sammler den „weißen“ Bauern und Viehzüchtern zum Opfer. Abstrahierend könnte man diesen Clash als Konfrontation der Menschheitsepoche der Jäger mit der weiterentwickelten Epoche der Rinderzüchter und Bauernkultur verstehen, wenn es sich nicht um Menschen gehandelt hat, die abgeschlachtet wurden. Das Ergebnis war, dass die Überlebenden der weitgehend anonym gebliebenen Massaker in Cowboy-Filmen als szenische und zynische Kulisse vermarktet wurden, nachdem sie auf Reservate mit dem Verlust ihrer Kultur zurück gedrängt wurden, wie das Vieh in umzäunten Corrals, und heute ihr Leben mit Glücksspielhallen und Vergabe von Schürfrechten fristen.
Zäher widerstanden die indigenen Gemeinschaften in Mittel- und Südamerika der Eroberung ihres Landes durch die Holländer, Engländer, Spanier und Portugiesen. Die „Köpfung“ der Eliten der bäuerlichen Hochkulturen in Mexiko, Bolivien, Peru, Ecuador ließen zwar politisch entrechtete Bauern zurück, aber getragen durch ihre Subsistenzwirtschaft behielten sie die Chance zu überleben. Zur Hilfe kam ihnen dabei die beginnende Krise der spanischen und portugiesischen Kolonialländer, die an ihrem Gold- und Silberreichtum quasi erstickten, weil sie mit dem Gold die Weiterentwicklung zu modernen Produzenten im eigenen Land vergaßen, die Landwirtschaft verkommen ließen und die Flotten verrotteten, so dass sie von den Kolonisten aus Frankreich, England und Holland überflügelt wurden.
Den indigenen Gemeinschaften zu Gute kam auch die Unwirtlichkeit einiger Regionen wie die hohen Anden in Bolivien und Peru, sowie der riesige Dschungel in Brasilien, Kolumbien und Ecuador. Eine Sonderrolle spielt die Maya-Hochkultur in Mittelamerika, die aus bisher noch nicht geklärten Ursachen knapp vor der Ankunft der Europäer zu Grunde ging, so dass ihre Städte und Tempel vom Dschungel wieder überwuchert wurden. Ähnlich wie in Südamerika überlebten 10 Millionen Mayas als „kopflose“ Bauern in fünf Staaten Mittelamerikas und 44 Maya-Sprachen (2). Das hier nur grob zu skizzierende Ergebnis ist eine dichtere Besiedlung durch indigene Gemeinschaften als in anderen Regionen. In Peru, Bolivien und Ecuador stellen sie die Mehrheit der Bevölkerung.
Kovalevski und Marx: Der Boden entschied über die Überlebenschancen der Indigenen
Es zählt zu den großen wissenschaftlichen Leistungen von Marx, dass er für die heutigen Intellektuellen Lateinamerikas – wie in der Person von García Linera - die schlüssige Interpretation für das Schicksal ihrer Völker in der vorkapitalistischen Zeit und bis heute gibt. García Linera weist auf die „Ehtnologischen Schriften Kovalevski“ in den „Grundrissen“ von Marx hin (3), die bis heute nur auszugsweise in Russisch, Deutsch und Spanisch publiziert worden sind. Maxim Kovalevski war ein russischer Historiker, der 1879 an Marx mit seinen Ausarbeitungen über die in Russland eminent wichtige Bodenfrage herantrat, aus denen Marx seine eigenen Überlegungen zog und sie auf die Kolonien Lateinamerikas und Indien übertrug.
Marx verweist auf die geistige Legitimation der Besitznahme durch die Kolonialisten
Marx war nicht der erste, der auf die monopolistische Beanspruchung des amerikanischen Bodens durch die Europäer auf Kosten der Indigenen hinwies. Er war aber der erste, der auf die entscheidende Rolle der „geistigen Legitimation der Besitznahme durch die Kolonisten“ hinwies. Erst durch die Zerstörung der Rechts-Ansprüche der Indigenen auf „ihrem“ Boden wurde die faktische Besitznahme legitimiert, nicht nur gegenüber den Opfern sondern auch für die Täter, denen dadurch jegliches Unrechtsbewusstsein über ihre Expropriation bis heute abhanden gekommen ist. Dabei war es unerheblich, ob es sich um die Claims der Siedler in den Jagdgründen der Prärieindianer in Nordamerika und Argentinien handelte oder um die Wegnahme des Bauernlandes.
Dass so wenig Dokumentarisches aus der präkolumbianischen Zeit überliefert wurde, ist nicht nur auf das Banausentum ungebildeter Konquistadoren zurück zu führen, die als bankrotte Kleinadlige die dürre Steppe ihrer spanischen Heimat La Mancha und Extremadura verlassen hatten (wie die Überlieferung von nur 4 Aztekenkalendern auf Pergament es nahe liegt), oder die - gierig nach Gold - wertvolle Kunstwerke einschmolzen, sondern es war ein bewusster Akt, den Indigenen ihre Vergangenheit zu rauben. Über die Form des „geistigen Terrors“ sollten sie gefügig gemacht werden, um ihnen jegliche Idee von Revolte auszutreiben und um ihnen durch die Auslöschung ihrer Identität eine selbstbestimmte Zukunft zu nehmen. Die erst vor einigen Jahren entdeckten unterirdischen Überreste des aztekischen Haupttempels Tenochtitlán (und seiner Vorgänger) unter dem zentralen Zócalo-Platz der mexikanischen Hauptstadt künden von dieser gezielten Zerstörung der indigenen Identität.
Kirchen als Nutznießer des Landraubes und Mitträger des Kolonialismus
Diese Zerstörung hatte auch für die katholische Kirche ihren Wert, musste sie sich doch nicht mehr für ihre Besitznahme vor den Alteigentümern rechtfertigen. Der ernsthaftere Teil der katholischen Theologie schlug sich mit einem selbstproduzierten Problem herum. Unzweifelhaft hatte Gott den „Ureinwohnern“ vor Kolumbus Amerika überantwortet und ihnen das Land als „Lehen“ vergeben. Die Kolonisten und Sklaven konnten diese Gnade Gottes nicht vorweisen. Der einfachste Weg, aus dem Dilemma zu kommen, war, den Ureinwohnern ihre Menschlichkeit zu nehmen, also ihnen das Menschsein abzusprechen. Das Tiersein konnte aber kein ernsthafter Theologe vertreten, wenn diese „Wesen“ – mit Intelligenz und Sprachfähigkeit ausgestattet - vom Heiden- zum Christentum übertraten. So verfielen die Kirchen auf die naheliegende Idee, das Missionarische mit der Kolonisation zu verbinden, um die in Europa übliche Einheit von Macht und Kirche auch in Amerika her zu stellen.
Eine neue Chance für den Sozialismus durch die geistig-politische Selbst-Befreiung der Indigenen
García Linera sieht in den Indigenen wichtige Mitträger der Bewegung des „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerika“(4). Nicht in dem Sinn, dass die sozialistischen Ideen die indigene Gemeinschaften erst aus ihrem postkolonialen Gefängnis befreien müssen, sondern dass die Indigenen in ihrem Prozess der Selbstbefreiung vom neokolonialen Joch in Staaten wie Bolivien, Ecuador und in Zukunft in Peru und anderen Ländern einen selbstbestimmten Weg gehen, zusätzlich beseelt und befruchtet vom Sozialismus. Die sozialistische Idee hat sich weder mit dem kolonialen und neokolonialen Erbe belastet, wie die Kirche, noch trug sie wie der frühe Liberalismus und spätere Neoliberalismus die ideologische Last des Kolonialismus, noch war er wie der staatsbourgeoise Konservatismus dafür verantwortlich, die Indigenen weitgehend unbeachtet in die Ecke ihres bourgeoisen Nationalismus gestellt zu haben. Was an dieser Stelle wichtig ist: Es geht nicht darum, dass die Indignität sich in eine neue Ideen-Abhängigkeit zu Europa begibt, und sei es die Idee des Sozialismus. Vielmehr geht die sozialistische Idee mit ihrem Gemeinschaftsgedanken aus der Pariser Commune eine gemeinsame Ehe mit den indigenen Gemeinschaften ein. Auf staatlicher Ebene wird diese Einheit durch das Multi-Kulturelle besiegelt, das sich jedem Nationalismus in den Weg stellt. Diese traditionelle Krankheit lateinamerikanischer Staaten war oft gegen die indigene Gemeinschaft gerichtet.
Entrümpelung des Mythos des Inka-Staates als urkommunistisch oder halb-sozialistisch
Bevor der Sozialismus eine solche Ehe mit der indigenen Gemeinschaft eingeht, muss erst die sozialistische Idee von einigen Irrtümern entrümpelt werden, die die II. Internationale unter Stalin und die orthodox-kommunistische Richtung des linearen Schematismus hinterlassen haben. Als Beispiel für diese „technisch-etatistischen Verdrehungen“ (5) führt García Linera die Charakterisierung des Inka-Staates als ur-kommunistisch an. Die Anwendung von Begriffen wie ur-kommunistisch oder semi-sozialistisch auf staatsähnliche Gebilde sind nur berechtigt, wenn in ihnen der Samen zu einem entwickelten Sozialismus für die Zukunft gelegt ist, eine absurde Idee für einen bürokratischen Anden-Staat, in dem der Arbeiter dem Diktat eines elitären Adels unterworfen war, und wo die unterjochten Indigenen-Völker zu Tribut-Leistungen gezwungen waren. In diese labile Zwangsgemeinschaft konnte die lächerlich kleine Truppe des Konquistadoren Pizzaro mit seinen 30 Pferden hineinstoßen, um mit dem auf einer riesigen Fläche ausgebreiteten Inkastaat kurzen Prozess zu machen. Ähnliches trifft auch auf den Untergang des Azteken-Staates zu. Für Marx war daher der Inka-Staat eine neue Form der indigenen Gemeinschaft (comunidad), in der nicht der Kern einer sozialistischen Zukunft steckte. García Linera steht in seinen Arbeiten nicht nur vor der Aufgabe, sich mit den geistig-politischen Vergewaltigungen an der Indígena durch den Kolonialismus auseinandersetzen, sondern er hat – pathetisch gesagt - den eigenen sozialistischen Tempel vom ideologischen Gesindel zu reinigen.
García Linera sieht die Gründe für diese Fehlentwicklungen in den angeblich historischen Etappen der Weltgeschichte, die die II. Internationale und Stalins Text „Über den dialektischen und historischen Materialismus“ in mechanischer, also fataler Weise kanonisiert hatten. In den fünf schematischen Entwicklungsstufen der Menschheit: primitive Gesellschaft, Sklaventum, Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus wird ein Automatismus vom Kapitalismus zum Sozialismus unterstellt. Dass es auch umgekehrt geht, hat die Sowjetunion um den Preis ihres Unterganges selber erfahren müssen. Auch die sogenannte „primitive“ Gesellschaft als „primitiv“ zu benennen, hat einen rassistischen Beigeschmack. Wie wir seit den anthropologischen Untersuchungen von Margaret Mead aus den 30iger Jahren wissen, kann ein Südsee-Clan eine wesentlich reichere – sprich komplexere - familiäre Struktur aufweisen als die „moderne Schrumpf-Familie“, die sich den Mietwucherpreisen einer Zweizimmer-Wohnung in München anpassen muss.
Die völkische Arroganz des Westens
Vor einigen Monaten hat sich das Münchener „Völkerkundemuseum“ in das „Museum der fünf Kontinente“ umbenannt, um sich von dem Geruch des kolonialen Paternalismus zu reinigen, der dem Museum aus einer Zeit anhaftete, als wohlhabende „Entdecker“ aus Europa wie eine bayerische Prinzessin „exotische“ Exponate der „Wilden“ sammelten, die heute in der Kunstwelt höchste Wertschätzung genießen. “Primitive“ Gesellschaften wie die Germanen konnten die „entwickelte“ römische Sklavengesellschaft zum Einsturz bringen. Die Germanen haben zwar mit Sklaven gehandelt, sie sich aber für den eigenen Stamm nicht strukturbestimmend gemacht. Vor allem können sich in diesen fünf Stufen des Vulgärmarxismus die indigenen Gemeinschaften nicht selber wiederfinden.
Ungeordnete Namensgebungen der indigenen Gemeinschaften als Neokolonialismus
Am kolonialen Namen des „Völkerkunde“-Museums kann man ermessen, wie ideologiemächtig scheinbar harmlos daher kommende Begriffe sein können. Der deutsche „Indianer“ ist der „Indio“ des Lateinamerikaners. Beide bedienen sich der sprachlichen Inkorrektheit in hohem Maße, halten beide doch an der Fiktion von Kolumbus fest, das Land Indien entdeckt zu haben und pfropfen den Menschen Namen auf, die diese sich selber nie gegeben haben. Um eine schwer verdauliche Speise in ironischer Weise schmackhafter zu machen, greifen wir zu einem Bild, das den Buffalo-Bill-Shows auf den deutschen Jahrmärkten der wilhelminischen Zeit nahe kommt:
Bei allem Wohlwollen gegenüber bedrohten Völkern ist dem deutschen Indianer nicht mehr zu helfen. Diese „Rothaut“ trägt schwer am deutschen Gemüt, ob in West oder Ost. Besonders die alten Brüder und Schwestern – ebenfalls eine untergegangene Spezie wie der „letzte Mohikaner“ - sollen – folgt man nostalgischen Spuren aus dem MDR-Fernsehen - nach den Tagesmühen in der „Schwarzen Pumpe“ ihren „Blauen“ ausgezogen und in Kuhhaut-Leggins geschlüpft sein, um nach der Auftragung der Kriegsbemalung und dem Aufsetzen eines Kopfschmucks aus Krähenfedern ihre Stammesangehörigkeit zum Volk der Dakota-indianer zu dokumentieren – die sie zu „S-i-ou-x“ -aus dem französisch gesprochenen „Siu“ eindeutschten, während die Squaw ihr Wigwam gepflegt hat, die Enge einer Plattenbauwohnung mit der eines Tipis eintauschend. Die Häuptlingsversammlung Po li buro soll das gebilligt haben, ging es doch um die Darstellung von durch den Yankee-Imperialismus bedrohte Völker, nicht bedenkend, dass vielleicht die DDR-Indianer subversiven Verrat übten, indem sie ihre sozialistische Alltagsrealität mit der krassesten aller alternativen Welten eintauschten: der Vision der ungezügelten Freiheit, der Büffelsteaks, der Jagd, kurzum mit dem Traum von der weiten Welt, die durch keinen Zaun von Regeln, Geboten und Verboten umstellt war und gegenüber der kommunistischen Utopie den Vorteil besaß, auf der Welt ansatzweise schon realisiert worden zu sein.
García Linera nennt die indigene Gemeinschaften Lateinamerikas: das in Aktion befindliche Neue
Es war klar: Ein neuer unbelasteter, treffender Begriff wie indigen, Indigener, musste her. Aber auch hier macht die deutsche Sprache bei der Übersetzung des Spanischen: „Indígeno“ Schwierigkeiten. Das Langenscheidt Wörterbuch bietet gleich zwei Möglichkeiten: Eingeborener und Einheimischer. Bei beiden wären wir wieder bei belasteten Begriffen, die den Geruch des Kolonialen in sich tragen und – bedeutsamer noch – aus der Sicht des später Gekommenen stammen: Der Eingeborene als Erstgeborener. Der später kommende Kolonist benennt so den ersten Menschen, der vor ihm längst heimisch gewordenen ist, den er aber aus seiner Heimat drängt. Auch hier findet mit Worten ein politischer Unterdrückungsprozess statt: Der später Gekommene drückt wie der Sklavenhalter seinem Sklaven aus Afrika seine Definition dem Erstgekommenen auf und überlässt diesem nicht die Freiheit, sich selbst zu benennen. Das ist paternalistischer Kolonialismus pur. Der naturrechtliche Anspruch, dass jeder „Erstgekommene“ einen eigenen Namen trägt, wird vergewaltigt, überprägt, wenn nicht ausgelöscht. García Linera bezeichnet den Terminus „Indigener“ daher als „provisorisch“ . Für ihn muss der Terminus selber in sich schon ein Programm beinhalten, in welche Richtung sich das Benannte bewegt.
Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu. Unter Indígenas als „Eingeborene“ können auch die Altvölker in Australien und Neuseeland verstanden werden, die einem ähnlichen Kolonialisierungsprozess unterworfen waren und sind wie in Amerika. García Linera wendet des Weiteren ein, dass im Spanisch-Amerikanischen die indígena auf die ländlichen Bewohner bezogen wird, während in seinem Verständnis auch der Städter, vor allem der periphere Städter darunter fällt, wenn er aus dem Land in die Stadt gezogen ist. Die Verstädterung ist in der Realität Boliviens angekommen. Nach García Linera ist das Programm das Gemeinschaftliche (comunidad), aus dem die Rebellion und das aktive Zusammenleben in Stadt und Land kommt, um sich gegen die Kräfte zu behaupten, die das „Indigene“ für 500 Jahre in passive Ohnmacht halten wollten. Es geht also um das Gemeinschaftliche (comunidad), das individuell-familiär ist oder aus Gruppen der Gemeinden oder der Gewerkschaften besteht.
Andererseits ist García Linera Realist genug, um die inzwischen sprachlich eingetretenen Gegebenheiten anzuerkennen, wie dies in der Untertitlung seiner gesammelten Schriften: „Kollektive Aktion und indigene Einheiten“ (identidades indígenas) belegt wird. Daraus geht hervor, dass das in der emanzipierten politischen Aktion befindliche Neue als „indigene Gemeinschaften“ zu benennen ist, weil die „Gemeinschaften“ mit ihren ethnischen Wurzeln die Quelle der Bewegung sind. Wir erhalten somit auch die sprachliche Verbindung der comunidad mit dem sozialistischen Programm als eine gemeinsame Aktion wie sie sich in der Pariser Kommune ausdrückt. Inzwischen hat auch die UNO das Wort indigen in ihren offiziellen Sprachgebrauch aufgenommen. So gibt es die im Jahr 2014 bestätigte Erklärung: „Zwei Jahrzehnte Internationale der indigenen Völker der Welt“. Ein weiterer Bezug ist die Erklärung der Generalversammlung der UNO über die Rechte der indigenen Völker von 2007, der bezeichnender Weise die alten „weißen“ Kolonialstaaten USA, Kanada, Australien und New-Zeeland erst später beitreten wollen, wenn überhaupt. Und endlich ist die kontinentale Erklärung der indigen Völker und Nationalitäten des Abbya Yala zu erwähnen (7).
Die neue politische Macht der indigenen Völker
Da im Gefolge von García Linera wir die sozialen Wurzeln der neuen Kraft in Lateinamerika darstellen wollen und auf die politische Ebene erst am Ende dieser Ausführungen näher eingehen werden, wenn wir den Kampf um Bolivien von Che Guevara und Evo Morales vergleichen, wollen wir uns hier vorerst nur in einem kurz gehaltenen Modell die neue politische Dimension der „erwachten“ indigenen Gemeinschaften darstellen, die die ethnische Mehrheit in ihrem Staat bilden. Dies betrifft Peru, Bolivien, Ecuador. Die indigenen Ethnien in Bolivien und Ecuador halten sich in ihrem Wahlverhalten an ihre indigenen Wurzeln. Sie besäßen die Möglichkeit, ihre absolute Mehrheit auch rigoros politisch auszunutzen und die bisherige gesellschaftliche Situation auf den Kopf zu stellen, mit der Parole: Jetzt sind wir mal am Zuge! Eine völlig neue Situation der Emanzipation und politischer Freiheit, vor der sich die Völker seit 500 Jahren nicht mehr gestellt sehen.
Die Zeit der Abrechnung für fünfhundert Jahren Kolonialismus?
Diese Rigorosität würde auch der UNO in ihrer bisherigen „betulichen“ indigenen Politik ein neues Gesicht geben. Dann wären die UNO-Deklarationen nicht nur auf bevorzugte Themen von Minderheiten, wie Menschenrechte, Umweltschutz, Schutz der Kultur begrenzt, die deklamatorisch in vorsichtigen Worten an die bisher Herrschenden außerhalb der Indigenen gerichtet sind, doch bitteschön Verständnis für die „indigenen Interessen“ aufzubringen. Diese Proklamationen im angeblich indigenen Interessen geben vor, gegen die politische und kulturelle Eingrenzung von Minderheiten ausgerichtet zu sein und übersehen geflissentlich deren Kern-Interessen in der Ökonomie. Provokativ formuliert, müssten in den Ländern, wo die Indigenen die Mehrheit stellen, die anderen Minderheiten wie die „weißen“ um Minderheiten- und Artenschutz bitten. Aber gerade das „vom Kopf auf den Fuß stellen“, passiert bisher nicht. Was keine Selbstverständlichkeit ist: In all diesen Ländern fahren die Indigenen nicht gegen die Täter und Erben der kolonialen Verbrechen ein Rachefeldzug für das Unheil, das ihnen angetan worden sind.
Alle Staaten legen aber großen Wert auf die folgenden Werte, wie sie in der Verfassung Ecuadors von 2007 festgelegt sind: demokratisch, souverän, unabhängig, unitarisch, interkulturell, plurinational und laizistisch. Mit interkulturell sind die verschiedenen vererbten kulturellen Unterschiede gemeint, vor allem durch die Hervorhebung der bisher vernachlässigten indigenen Werte wie Sprachen und Religionen und ihre Gleichstellung vor den Ämtern wie in Bolivien. Laizistisch in diesem Kontext erscheint widersprüchlich, gemeint ist aber, dass das lang Versäumte nachgeholt wird, gegenüber der Dominanz der katholischen Kirche die Rechte der indigenen Religionen zu verbessern, die oft eine Symbiose mit den schwarzafrikanischen eingegangen sind.
Demokratisch, souverän, unitarisch, interkulturell, plurinational
Plurinational ist die Anerkennung verschiedener Nationen innerhalb eines Staates. Daraus entwickeln die indigenen Nationen (ethnischen Einheiten) das Recht, dass die eigene Sprache, vererbte Sitten, die eigene Geschichte und kulturelle Leistungen geachtet und vom Staat gepflegt werden. Angesichts der bunten Struktur der indigenen Staaten sind die unitarischen Symbole zu achten, die die staatliche Einheit garantieren (Fahnen, nationale Embleme, Geschichte der indigenen Emanzipation, usw). Daraus entwickeln sich die (staatsrechtliche) Souveränität und die Unabhängigkeit (z. B. in der inneren Unabhängigkeit des Staates gegen Multis). Das demokratische Prinzip der gleichen politischen Gewichtung der Stimmabgabe wiederum garantiert den Indigenen die parlamentarische Macht und sichert sie gegen Putschisten – und ihre USA-Unterstützern - weitgehend ab. Zudem eröffnet eine friedvolle Politik nach innen auch den indigenen Kräften in Staaten, wo sie Minderheiten sind – wie in Kolumbien, Nicaragua, El Salvador - Spielräume für Bündnisse mit anderen revolutionären Kräften. Unter dem Eindruck der Pressionen der USA auf Venezuela hat man sich im März 2015 auf die Deklaration besonnen, die Karibik und Südamerika zur „Zone des Friedens“ zu erklären.
Die Politik ist also auch in den Staaten mit eindeutigen Mehrheiten auf Koalitionen mit anderen – nichtindigenen - Kräften ausgerichtet. Die Ausbalanzierung der inneren Konflikte aus ethnischen Unterschieden ist vor den schlimmen Erfahrungen in der Vergangenheit zu sehen. Die mehr oder weniger politisch gleich ausgerichtete Politik: antikapitalistisch, sozialistisch, demokratisch und friedlich – la paz - ist kein Slogan sondern entspricht der Sehnsucht der Völker, – hindert sie aber nicht daran, unterschiedliche Parolen zu Staatsdoktrinen zu machen. In Bolivien ist dies Abya Yala und Indigene Comunidad, folgt man dem Präsidenten und Vizepräsidenten, in Ecuador die Revolución Ciudadana, die Revolution der Staatsbürger des Präsidenten Rafael Correa, wobei dem ciudano, dem Bürger, wohl eine Sinndeutung wie dem citoyen der Französischen Revolution zu kommt.
Scheitern des proletarischen Weges als Vorläufer des indigenen Erfolgs
Dieser Artikel soll dem Prozess der politischen Mündigkeit der indigenen Gemeinschaften in Bolivien gewidmet werden, der selbstorganisierte Weg der indigenen Gemeinschaft aus dem „Verborgenen“ zur öffentlichen Macht. Diesem erfolgreichen Weg vorgespannt ist das Scheitern des bolivianischen Proletariats der Minenarbeiter nach 70 Jahren des Kampfes um ihre Rechte und soziale Ansprüche, die überwiegend dem nichtindigenen, also Spanisch-sprechenden Teil Boliviens entstammen. Ergibt sich der Erfolg des Einen aus der Niederlage des Anderen, indem der politische Raum für die Indigenen frei wird? Limera ist vorsichtig mit einer Bewertung. Auf jeden Fall ist es ein Lehrbeispiel, wie eine privilegierte Arbeitergruppe die über die Exporte von Mineralien mit dem Weltmarkt verbunden war, es nicht verstand, in einem überwiegend sich selbst versorgenden Agrarland die Mehrheit der indigenen Bauern „mit sich zu nehmen“. Weitgehend isoliert, konnten sie den Schlägen des Neoliberalismus nicht standhalten. Ein Vergleich mit dem vergeblichen Kampf der englischen Minenarbeiter gegen den Thatcherismus bietet sich an.
Was das bolivianische Minensystem auszeichnete, war die Mischung von privaten und staatlichen Unternehmen, wobei der Staat als größter Eigner der bestimmende Faktor war. Trotz aller Kritik spricht García Linera bewundernd von dem Heroismus der Arbeiterklasse, von einem kühnen Kollektiv von Revolutionären, die in ihrem Mut gegen den Kapitalismus beispielgebend war für die nachfolgende Auflehnung der indigenen comunidades, auch wenn diese einen anderen Weg einschlugen. Das zentrale Problem des obersten Arbeitgebers, des Präsidenten Victor Paz Estenssoro war, dass die Produktion zu teuer für den Absatz auf dem Weltmarkt wurde. Die Relation zwischen der Produktivität einerseits und den durch zähe Verhandlungen abgerungenen Löhnen in Zeiten der Hochkonjunktur stimmte nicht mehr in der ökonomischen Krise. In den 80iger Jahren herrschte eine weltweite Krise des Kapitalismus im Rahmen des Kondratieff-Zyklus, der die Abnahme der materia prima erschwerte (8). Nachdem eine Senkung der Löhne am Widerstand der Mineros gescheitert war, schloss Estenssoro 1986 kurzerhand die Fabriken mit dem Argument, der Staat könne für die Verluste aus den Minen nicht mehr aufkommen.
Weltweite Demontage der Arbeiterorganisationen
Mit der Schließung der Fabriken war der stolzen Arbeiterschaft und ihren Familien mit einem Schlag die Existenzgrundlage genommen, und die soziale Bases fast der gesamten Klasse der Arbeiter vernichtet worden. Es zeigte sich, dass das Mittel des staatlichen Eigentums, der auf ältere Verstaatlichungsaktionen beruhte, vor Krisen nicht besser schützen konnte als privates Eigentum, wenn der im neoliberalen Denken eingesperrte Präsident einen direkten Durchgriff auf „seine“ Unternehmen besaß. Die Demontage von Arbeiterorganisationen vollzog sich weltweit, in den USA unter Reagan, in England unter Thatcher, in Frankreich und Italien bei den ehemals kommunistisch ausgerichteten Gewerkschaften. In Deutschland sank zwar kontinuierlich die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten, aber nicht in dem Ausmaß, weil der industrielle Sektor sich vor seinem Abbau schützen konnte, wie an anderer Stelle dokumentiert.
Die sanftmütige Gegenwehr der Mineros in einem langen Marsch ohne unmittelbaren Erfolg
Vor diesen Ereignissen waren die Mineros In Erkenntnis ihrer Isolation zu einem langen Marsch über 12 Jahre mit ihren Familien aufgebrochen, um in dem Land für ihre Interessen zu werben. Der Versuch einer Konfliktlösung weitgehend ohne Waffen hinterließ Eindruck bei den Indigenen, auch wenn, wie García Linera feststellt, einige Waffen den Mineros von dem zugleich in Bolivien operierenden Guerrilla-Heer „Túpak Katari“ zur Verfügung gestellt wurde, ohne davon Gebrauch zu machen. García Linera diente in diesem Guerrilla-Heer, was ihm einige Jahre Gefängnis einbrachte. Dieser „sanfte“ Weg, wie García Linera schreibt, brach nach langen Jahren zusammen als Resultat des Unterganges der Arbeiterklasse in Bolivien. War er deshalb nutzlos? García Linera verneint dies. Die Indigenen an den Straßen zeigten sich beeindruckt von dem fühlbar nahen Widerstand der Familien, die an ihnen vorbei zogen, und der Marsch grub sich, wie García Linera pathetisch schreibt, „in das säkulare kollektive Gedächtnis ein, wie man auf plebejischer Weise den Staat herausfordern konnte, und eine fordernde Stimme über den sozialen Körper in Bewegung explizit produzierte, was die Macht der Massen manifestierte“ (9).
Die fünf Stufen der Entwicklung Boliviens
Bevor wir auf die heutige vorläufigen Endstufe der bolivianischen Entwicklung eingehen, wollen wir einen kurzen Überblick über die Entwicklungsstufen in Bezug zur indigenen Entwicklung geben: Auf die spanische Kolonialzeit und die republikanische Zeit, deren Beginn vor 200 Jahren die meisten Staaten als Beginn ihrer staatlichen Freiheit feierten, die aber keine Freiheit für die meisten Menschen brachte, sondern ein Patronatsystem ländlichen Zuschnitts, folgte der Früh-Kapitalismus in der Form des Nationalismus eines privilegierten Stadtbürgertums, das sich zum modernen neoliberalen Kapitalismus weiter entwickelte. In dieser 4. Stufe befinden sich heute die meisten lateinamerikanischen Staaten wie Chile, Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Peru. Dem neoliberalen Wirtschafts-Kapitalismus ist ein mehr oder minder „sozialdemokratischer Staats-Interventionismus“ beigegeben. Den Eintritt zum „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerikas“ haben Bolivien, Ecuador, Venezuela, Nicaragua und einige Antilleninseln begonnen - im kubanischen Erbe. In den ersten zwei Staaten wird der Paradigmenwechsel von den indigenen Ethnien angeschoben. Peru wäre der nächste – indigene - „Kandidat“. Das Problem ist Venezuela.
Das sozialistische lateinamerikanische Experiment scheitert nicht an Venezuela
Um den Fehler der II. Internationale zu vermeiden und quasi linearen historischen Automatismen zu folgen, müssen wir auch das mögliche Scheitern des sozialistischen Experiments im Fall von Venezuela ins Auge fassen. Dieses Scheitern ist mit der Spaltung der revolutionären Bewegung seit dem 4. Mai 2015 zwischen dem Präsidenten Maduro und der internen Oppositionellen gegen den autoritären Regierungsstil von Maduro per „Ermächtigungsgesetze“ innerhalb der Bewegung kurz vor den Wahlen akut geworden. Seitdem der amerikanische Präsident Mitte März 2015 Venezuela bedrängt als angeblichen Bedroher seiner eigenen nationalen Sicherheit, haben sich die linken lateinamerikanischen Staaten auf dem Gipfeltreffen aller amerikanischer Staaten am 16. April in Panama solidarisch hinter Venezuela gestellt. Kuba hat in kurzer Zeit 3,5 Millionen Unterschriften gegen den Imperialismus der USA gegen Venezuela gesammelt. Diese internationale Solidarität kann aber die innerparteilichen Zerwürfnisse und vor allem die ökonomische Krise durch eine Mega-Inflation, Verfall der Währung Venezuela gegenüber dem Dollar, Versorgungsschwierigkeiten durch Waren- und Währungsspekulation und dem Fall des Ölpreises in Venezuela nicht kompensieren. Neben anderen Ländern muss Kuba auf die Hälfte der Lieferungen preisgünstigen Öls von Venezuela verzichten. Ein Drittel des gesamten Außenhandels Kubas entfällt auf Venezuela. Um so dringlicher ist für Kuba die Normalisierung mit den USA trotz aller Solidaritätsbeurkundungen mit Venezuela.
In unserem Fall Bolivien ist die 4. Entwicklungsstufe einer kurzen näheren Betrachtung wert, aus der sich der Sozialismus als weitere Stufe entwickelt. Diese war und ist – bei vielen anderen Staaten – vom neoliberalen Kapitalismus in den Städten geprägt, vom Nationalismus des städtischen Staatsbürgers und von der Monetarisierung (Geld- Bankensystem) und der Kapitalisierung bestimmt, privat und staatlich, wie wir bei der Minenwirtschaft gesehen haben. Dieser „moderne“ Kapitalismus ist auf den Osten des Landes konzentriert, wo „weiße“ Ethnien und Spanisch sprechende Mestizen überwiegen. Im Westen und Norden herrschen die indigenen Ethnien vor, die insgesamt die Mehrheit in Bolivien ausmachen. Man kann aber von keinem starren Verteilungssystem ausgehen, weil die Gesellschaft in Bewegung geraten ist. Teile der ländlichen Bevölkerung ziehen an die Ränder der Städte, um als „Ich-AGs“ (trabajo con cuenta propia, Wirtschaften auf eigene Rechnung) oder in anderen prekären Arbeitsverhältnissen um das alltägliche Überleben zu kämpfen.
Krise des Selbstverständnisses des nationalistischen Staatsbürgertums
Schon in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg gab es innerhalb des städtischen Staatsbürgertums eine „Krise ihres Selbstverständnisses“. Einerseits entstand nach García Linera ein „Staatssozialismus“ (10), in einer „Idolisierung“ des unitären Staates inmitten multikultureller Nationen, auf den sich Caudillos wie Banzer beriefen, andererseits verletzte der Neoliberalismus im Allgemeinen und der Imperialismus der USA und seiner Konzerne im Speziellen den nationalen Stolz der lateinamerikanischen Staatsführer und ihrer Bürger. Wichtiger war noch, dass der Neoliberalismus auf einfache und vitale Lebensfragen keine Antwort geben konnte: Wer gibt den Dürstenden Wasser? Wer den Hungernden Brot? Wer versorgte die Armen mit Arbeit? Wer gibt den Landvertriebenen Äcker? Da dieses Elend Indigene wie spanisch sprechende Mestizen gleicherweise betraf, musste in dieser 4. Stufe auf der obersten Ebene – das ist der Staat - Antworten in neuen sozialen Bündnisbewegungen geben. Ein Resultat war die erste Revolution Boliviens 1952, die – noch von dem liberalen Staatsbürgertum getragen - den Indigenen zum ersten Mal die Chance zum Wählen gab und die Öffnung zum Bildungswesen.
Confradía de místis, comités de vigilancia cantonales, kuracas, pasanaku und katari
sind Begriffe in der spanischen und Quetchuo-Sprache, mit deren Fesseln in der zweiten und dritten historischen Stufe die indigene Bewegungen der comunidades eingeengt wurden und von denen sie sich durch ihr eigenes geistig-politisches Programm des „Katari“ (indianismo katarismo) befreiten, die bis in die 4. Stufe die indigene Emanzipation voran trug. Wir treten ein in eine lang verborgene Welt der indigenen Selbstbehauptung, verborgen vor den Augen der Herrschenden, die sich nicht um die örtlichen und regionalen Belange der verschiedenen ethnischen Gruppen kümmerten, so lange die Finanzierung ihrer eigenen Hegemonie über das Tributsystem der Eintreibung von Geld, der Ernten und des Viehs nicht gefährdet erschien. (Es ist allerdings bedauerlich, dass in der kubanischen Ausgabe bei der Klärung von Einzelheiten auf die bolivianische Ausgabe von 2009 verwiesen wird: (11).
Die indigene Selbstverwaltung wurde nicht nur durch das staatliche Herrschafts-System beschränkt. Die Indigenen mussten sich zugleich von dem traditionellen „kantonalen Überwachungssystem “ (schweizerischen Kategorie der regionalen Ebene) der Mestizen in der zweiten und dritten Stufe befreien. Sie mussten die Autorität der höchsten Amtsträger der Regionen hinterfragen und sich von der sogenannten confradía de místis, der Bruderschaft der Mestizen sowie von den zwischen Familien abgeschlossenen zeitlich beschränkten Kreditfesseln befreien. An deren Stelle setzte die Katari-Idee die selbstverwaltete Gemeinschaft auf den verschiedenen Ebenen der Politik und Kultur, der Akademien, der Organisation von Festen (was in der indigenen Kultur seit alters her eine große Rolle spielt), bis zu den bewaffneten Organen (selbstverwaltete Polizei). Eine besonders formende Kraft waren und sind die Gewerkschaften.
Bekanntlich läutete der heutige Präsident Evo Morales die bisher letzte Stufe des politischen Weges als Gewerkschaftsführer der Kokaanbauer ein. Der Kokaanbau ist unter den argwöhnischen Augen der USA als Heil- und traditionelles Konsummittel legalisiert, wenn garantiert ist, dass der Absatz nicht in den dunklen Kanälen des internationalen Drogenhandels verschwindet. Die Idee der selbstverwalteten Gemeinschaft geht solche unorthodoxen Wege wie eine Art „Kindergewerkschaft“, nachdem vor ein paar Monaten das bolivianische Parlament die legale Kinderarbeit auf 14 Jahre herunter gesetzt hat, mit einem gewaltigen internationalem Echo. Familien sind oft von den Einkommen ihrer Kinder abhängig; unkontrollierte, illegale Kinderarbeit ist die Regel. Die befristete Legalisierung von Kinderarbeit soll wirksame Kontrollen schaffen, die die Kinderarbeit vor Missbrauch schützt, z. B. durch die Kontrolle durch örtliche Kindergemeinschaften selber.
Die Katari-Idee als Bewegungskraft zur Selbstbefreiung
Die vorerst letzte Entwicklungsstufe Boliviens ist die Katari-Idee. Über die Verwirklichung der örtlichen und regionalen Selbstverwaltung soll eine ethische Kultur der ciudanía, die Schaffung des „Staatsbürgers“ sein, ähnlich dem Beispiel von Ecuador. Mit der Schaffung einer verantwortungsbewussten Staatsethik soll dem Klientel-Unwesen der Parteien als Verteilungsstelle von staatlichen Honoraren an die jeweiligen Parteigänger, seien es lukrative Posten oder Geldzuwendungen, ein Ende gemacht werden. Schon heute lässt sich aber eins erkennen: An der Aufspaltung der Interessen, die Bolivien in einen West- und Ostteil trennt, wird sich so schnell kaum etwas ändern:
Die Staatskunst Boliviens: Von der Balance zwischen dem progressiven und konservativen Block zur nachhaltigen Machtverschiebung
An den lange unentschiedenen Machtverhältnissen zwischen dem „progressiven Block“ (Gramsci) der bäuerlichen Quechuo-Sprechenden nördlich von Potosí sowie der Aimaras auf dem Altoplano einerseits sowie dem „konservativen Block“ der Kapitalisten in den Ebenen andererseits könnte sich politisch und ökonomisch dann etwas zu Gunsten der Progressiven ändern, wenn die Mehrheit der spanisch sprechenden Mestizen ein dauerhaftes politisches Bündnis im Parlament mit den Indigenen einging und eingeht, ohne der Kapitalseite heute in der Zeit des Machtgleichgewichts das Gefühl zu geben, morgen ökonomisch in die Enge getrieben zu werden. Dieser Prozess des Übergangs von der politischen Vorherrschaft zur ökonomischen hat inzwischen begonnen – ein delikater Prozess. Hier geht es um politisch überformte ökonomische Interessenwidersprüche im Wachstum und der Verteilung des Volkseinkommens. Ethische Grundsätze laufen bei machtmäßigen Verteilungsfragen in die Leere. Sie bedeuten, dass die bisher zu kurz gekommenen Armen mehr erhalten, was der kapitalistische Teil – die Staatsethik der ciudanía hin oder her – nur dann akzeptiert, wenn er selbst auf seine Kosten kommt. In einer insgesamt wachsenden Wirtschaft ist dieses möglich.
Was Bolivien besser macht als Venezuela
Fühlt das Kapital sich in die Enge getrieben wie heute in Venezuela, wird es mit Kapitalflucht und ökonomischen Chaos antworten. Mit der ökonomischen Macht, die die Ober- und Mittelschichten trotz der verstaatlichten Ölindustrie immer noch besitzt, erpressen sie die Politik. Das sozialistische Venezuela ist ein warnendes Beispiel, wie ein Staat – mit Hilfe der USA – in die Krise stürzen kann. Es bedarf die ganze Führungskunst von Morales, vom bisherigen Balanceakt zwischen den Blöcken zur Hegemonie der Progressiven zu kommen. Momentan ist er auf einem guten Weg, weil der selbsterarbeitete Aufschwung ökonomisch beide Seiten befrieden kann bei existierender politischer Hegemonie der progressiven Indigenen und Mestizen, im Gegensatz zu Venezuela, das es unter den 20 Jahren Regierungszeit unter Chávez nicht verstand, sich durch eine selbsttragende Industrie von der Ölabhängigkeit zu lösen. Der linke Ökonom Victor Alvarez, Angehöriger der bolivarianischen Revolutionsbewegung wie der heutige Präsident Maduro, kritisiert das von Chávez eingeführte System als ein „neo-rentier-model of socialism“, wie im Internet und in der New York Times vom 15. Mai 2015 nachzulesen ist. Die Öleinnahmen flossen in konsumtive Wohlfahrtsprogramme für die Armen, die wie müßige Frührentner leben unter Vernachlässigung des Aufbaus einer sozialistischen Industrie mit dem entsprechenden Angebot an Arbeitsplätzen, was mit der Einübung von Fleiß, Disziplin, Eigenverantwortung verbunden wäre.
Von der soziologischen Empirie zur philosophischen Abstraktheit der Wahrheitserkenntnis
García Linera befleißigt sich der anthropologisch-soziologischen Methodik (Bourdieu), um der sensationellen Wende vom Verborgenen zur öffentlichen politischen Macht (Revolution!) bei indigenen Selbstorganisationen auf die Spur zu kommen. Soziologie ist eine empirische statistisch-wissenschaftliche Fleißaufgabe, wobei viele verschiedene soziale Faktoren so zusammen zu knüpfen sind, dass funktionale Aussagen möglich werden. Der französische Philosoph Foucault andererseits huldigt den Grad einer philosophischen Abstraktheit in der Beschreibung der Macht - kondensiert aus gesellschaftlichen Strukturen - dass einem im Nachvollziehen seiner Gedankenspiralen, die sich der Methodik der Komplexitäten bedienen, schwindlig werden kann. Als Meister der Komplexität verschiedener Disziplinen als Bausteine seiner Modelle zieht er auch die „archäologische Denkweise“ hinzu, was mich besonders berührt. Wie wäre es also, zur Deutung der erstaunlichen Emanzipation der Indigenen, die Philosophie hinzu zu ziehen – genauer die philosophisch-dialektische Methodik von Hegel - zur Verknüpfung der Fakten mit dem intellektuelles Abstraktum, das den Grad des Absoluten wie bei Foucault erreicht, um soziale Gesetzmäßigkeiten als Umbruch aus einem tiefen Tal der Unterdrückung zur Wiedergewinnung von Souveränität und politischer Selbstbestimmung zu gewinnen, die nicht allein auf Indigene hinweisen?
Die soziologische Faktensammlung hat zwar den Vorteil, die vorliegenden geschichtlichen Bausteine aufzusammeln, so dass man über deren Ineinanderwirken – nachträglich betrachtet – das historische Ereignis rekonstruieren kann, aber für die Zukunft wäre wenig an Vorhersage gewonnen, denn fiele nur ein Baustein aus dem Puzzle, um Zukünftiges einzukalkulieren, bräche das gesamte Konstrukt als Singularität zusammen. Es wäre wie das Nachspielen einer Partie beim Schach, wo vom Ende her gesehen jeder Zug zum Ergebnis führt, wo aber die Veränderung eines Zuges im Spiel das endgültige Ergebnis wieder offen macht. Zögen wir hingegen eine philosophische Theorie zum soziologisch Konkreten hinzu, so dass eine Stufe der Abstraktheit gewonnen wäre, wo Reproduzierbares zur Vorhersage der Zukunft plausibler werden würde, wäre der Gewinn für den Erkenntnisweg beachtlich. Er würde das Zerbrechen von linearen Bezügen bedeuten, dass Negatives nur Negatives gebiert. Es ist der Urgedanke der Revolution, dass wie 1917 in Russland und 1918 in Deutschland aus dem Elend – und nur aus dem Elend – Neues entsteht, aber hier im Fall Bolivien mit einem größeren Versprechen auf einen Fortschritt.
Dialektischen Schritte zur Enthüllung der Entwicklung der Indigenen Boliviens
Eine solche Abstraktion könnte folgende dialektische Schritte haben: Erstens: Durch eine totale kulturell-soziale Exklusion werden die indigenen Ethnien in eine Inklusion eingesperrt, die sie zu absoluten Autonomen macht, aber nicht zu Autisten. Diese Autonomie bewirkt zugleich Isolation. Die autonome Isolation schafft einerseits scheinbar negative Ohnmachten andererseits Gemeinschaften, die von außen ungestört produktiv sein können (Systemtheorie Niklas Luhmann). Aus ihnen entwickeln sich im zweiten Schritt soziale Dynamiken, um aus der Isolation auszubrechen, was nicht ins Chaos führt, sonder drittens zur politischen Macht und Selbstbefreiung. Ein ungewöhnliches Weltereignis, das Hoffnung erweckt.
La Paz an Stelle von Auschwitz: Positive Dialektik von Hegel an Stelle der negativen Adornos
Ein ungewöhnliches Weltereignis, denn nach Adorno legt der dritte dialektische Schritt eine negative Wirkung nahe. Als Beleg für die negative Dialektik nach Adorno ist Auschwitz zu nehmen. Aus der Politisierung Hitlers und seiner Machtergreifung, die in der Weimarer Demokratie nur möglich war, weil sein Rassenwahn bei den Massen auf fruchtbaren Boden fiel, kann nichts Positives kommen sondern eine weitere Steigerung des Negativen bis zum Holocaust, das von der Mehrheit der Deutschen geduldet wurde. Nach Adorno lehrt die Geschichte, dass aus der Verneinung der Verneinung nicht die Bejahung kommt, wie Hegel meint. Die Selbstbefreiung der Indigenen lehrt etwa anderes. Hier wirkt das doppelt Negative in seiner dialektischen Symbiose positiv, wie im ursprünglichen Denken von Hegel angelegt. In La Paz, Potosí, Cochabamba an Stelle von Auschwitz ist eine große Hoffnung für die zukünftige Menschheitsentwicklung angelegt, gleichsam eine jüdische Heilserwartung, nicht als „Erlösung“ des Individuums aus der Gnade Gottes heraus, sondern als eine selbsterarbeitete Befreiung einer Gruppe, eines Volkes aus dem Elend, angelegt in den Bausteinen der geschichtlichen Entwicklung. Dass es auch anders gehen kann, erweist sich in Haiti.
Schauen wir uns die Sache noch etwa näher an: Die negative Exklusion der Indigenen ist zuerst absolut negativ. Das politisch-kulturelle Monopol der Patrone hält die Indigenen in dem Zustand des Analphabetentums. Die Indigenen können mit ihren muttersprachlichen Idiomen nicht die Staatssprache verstehen, die die Staatsmacht für ihre soziale Kommunikation benutzt, und sie von der Verwaltung, vom Zugang zu den öffentlichen Ämtern, von der Bildung, dem allgemeinen Menschheitswissen und dem politischen Geschehen ausschließen. Die Armut belässt ihnen die wenigen Produktionsmittel, die sie zu einer minimalen Subsistenz-Erhaltung einer agrarischen Existenz brauchen. Ein rascher materieller Fortschritt ist nicht ersichtlich. Die Zeugnisse ihrer eigenen vorkolumbianischen Vergangenheit sind weitgehend zerstört, der Zutritt zur eigenen Geschichte blockiert. Die Patrone nehmen ihnen die indigenen Eigen-Namen und pfropfen ihnen „den Indio“ auf. Sie leben in einer totalen Inklusion, stärker als die schwarzen Sklaven, die durch ihre Arbeit auf den großen Agrareinheiten mit dem Weltmarkt verbunden waren.
Aber. In ihrer Inklusion sind sie das Gegenteil von Sklaven. Da die Patrone die „Indios“ für sich und die Außenwelt unsichtbar gemacht haben, und nur von einigen „Völkerkundlern“ oder Archäologen, wie dem Deutschen Müller-Beck in den fünfziger Jahren aufgesucht werden, nehmen die Patrone sie mit Ausnahme der tributären Ableistung nicht wahr und lassen sie in ihren Gemeinschaften weitgehend alleine. Diese soziale Exklusion ändert sich auch nicht grundsätzlich in der kapitalistischen Zeit der vierten Stufe, da die Durchdringung der Gesellschaft durch den Kapitalismus sich vorerst auf die Mineros und die im Osten konzentrierten Spanisch sprechenden Mestizen beschränkte. Allein auf sich gestellt, können die Indigenen des Nordens und Westens ihre Traditionen ausleben, in der Form, wie sie vor allem nachkolumbianisch überliefert sind. Sie tauschen, wie García Linera schreibt, agrarische Erfahrungen untereinander aus und entwickeln langsam aber stetig ihre autonome Landwirtschaft. Der Kokaanbau wirft Überschüsse ab, die vermarktet werden. Produktion und Vermarktung erfordern Gewerkschaften, die den Zusammenhalt über die ethnischen Grenzen stärken. Viele wandern in die Ränder der großen Städte ab und bringen deren Wissen in die alte Heimat zurück.
Von der Verletzung des demokratischen Prinzips zur Revolte
Was ist aber das Entscheidende? Es ist das Bewusstsein, dass die Indigenen, unabhängig von ihren speziellen Idiomen und Kulturen, ein gemeinsames Schicksal haben: aus- und zugleich eingeschlossen zu sein, obwohl sie die Mehrheit stellen. Die Mehrheit zu sein und trotzdem ausgeschlossen zu sein, verletzt in krasser Weise das demokratische Prinzip, das seit 1952 auch das Staatsprinzip ist. Sie werden – angeleitet durch Gewerkschaftsführer wie Morales - sich ihrer Außergewöhnlichkeit bewusst und wollen ihr Eingeschlossensein nicht mehr hinnehmen. Sie tragen in sich ein starkes, über lange Zeit gewachsenes Gefühl. Sie lehnen sich auf. Sie blockieren in Sitzstreiks die Straßen der Städte. Sie sind aufgewacht und handeln. Das heißt: sie sind politisiert - in eigener Sache.
Indigene rebellieren, Hartz IV Empfänger nicht
Diese Rebellion ist ungewöhnlich. Viele soziale Gruppen in vielen Ländern, auch in Europa, schlafen vor sich hin. Sie wissen zwar um ihre Diskriminierung, die meisten in der Mitte und im Norden kommen aber nicht zur Rebellion, obwohl sie könnten. Dieser Unentschlossenheit hält die spanische Jugend ihr: „Podemos“! Wir können, entgegen. Aber auch in Bolivien waren die Revolten keine Selbstverständlichkeit. Ein politisierender Faktor musste in Bolivien hinzu kommen: Die von liberalen Elementen getragene Bewegung (Movimiento Nacionalista Revolucionario) und die von García Linera als „erste Revolution“ bezeichnete von 1952, die das Wahlrecht zur Realität machte und somit den Indigenen in der Mobilisierung über „die Schule der Gewerkschaften“ (Rosa Luxemburg) die innere Bereitschaft verschaffte, zum Wahllokal zu gehen, ihre Stimme abzugeben und sich den Zugang zur Politik über die Aufstellung von indigenen Wahllisten zu erarbeiten. Die allgemeinen Schulen öffneten ihnen eine Möglichkeit zur „Welteinsicht“. Ihr bis dahin auf die engere Heimat begrenzter „Horizont“ weitete sich, ihre alte Vorstellung von „Mutter Erde“ konkretisierte sich, es ist, als stiegen sie auf die höchsten Spitzen der Anden, dort wo sie die Erdkrümmung wahrnehmen können, und wo ihre Ahnen in den eisigen Höhen von 6 000 Metern 1000 Jahre zuvor ihre Verstorbenen in kostbaren Teppichen, zu Mumien zusammen geschnürt, den Göttern anboten.
Mystifizierung der indigenen Vergangenheit ohne folkloristische Banalitäten
Mit der Erringung der politischen Macht durch die Indigenen im Bündnis mit den Spanisch sprechenden Mestizen und einigen weißen Intellektuellen wie García Linera hat sich der bisher auf bürgerlicher Ebene mono-organisierte Staat zwar nicht in multikulturellen Nationen aufgelöst, aber eine Pluralität verschiedener Gruppen in sich aufgenommen, wie wohl kein anderer Staat weltweit. Andererseits ist die innere Einheit der bisher verschiedenen Indigenen durch die neue Staatsdoktrin Katari gewachsen, aber noch nicht abgeschlossen. Die noch bestehende Fragilität bringt die politisch orientierten Kulturträger zu einer religiösen Mystifizierung einer allen Indigenen gemeinsamen Kultur, die als naturnah und friedlich glorifiziert wird, wobei die grausamen Zeremonien auf den Azteken-, Tolteken- und Olmekentempeln und die Unterjochung anderer Nationen ausgeblendet werden. Aber anders als die Glorifizierung des Germanischen durch das III. Reich dient diese Mystifizierung nicht zur Ausscheidung der anderen „Rassen“, also zur Aufhetzung zum Rassenhass, sondern im Gegensatz dazu, das friedvolle Miteinander zu verstärken. Eine „folkloristische Banalisierung“ nach Art der CSU ist nicht zu befürchten, die ihre, als ihr Eigentum betrachteten „vier Stämme“ zu einer bajuwarischen Nation aufbläst, die ständig den Spagatschritt zwischen Lederhose und Laptop propagiert, aber nicht ausführt, da Siemens über das Tegernseer Bauerntheater obsiegt, was aber die CSU nicht daran hindert, ihren amerikanischen Freunden das Ausspionieren von Siemens zu erlauben.
Bioethik, Produktion von Armut, Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie
Im sozialistischen Ecuador kommt den Indigenen der größte Anteil aller Staaten zu. Seit einiger Zeit scheint der „weiße“ Präsident Correa eine Politik gegen die Indigenen zu fahren, wie die Auseinandersetzungen um ölhöffigen Boden im Amazonas zwischen internationalen Konzernen und Indigenen es befürchten lassen. Der Hilferuf von äquatorialen Indigenen auf der Umweltkonferenz von Lima 2014 an die internationale Gemeinschaft geben einen Hinweis auf die Konflikte mit der Regierung, die die Ökonomie vor den Belangen der Indigenen zu stellen scheint (12).
Diese Besorgnis hat ihre wissenschaftliche Grundlage in der „ökologischen Anthropologie“, oder Bioethik (13). Die ökologische Anthropologie und erst recht die Bioethik (14) stellt eine naturgegebene Verbindung zwischen den im bedrohten Urwald lebenden Indigenen und ihrem natürlichen Ambiente her: Der native Ureinwohner wird als unauflösbarer Teil der Natur verstanden. Mit dem Abholzen des Urwaldes stirbt auch er und vice versa. Es besteht eine unauflösbare Symbiose des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur, zwischen Leben und Natur. Der Indigene wird zum geborenen Sachwalter des Klimaschutzes. Dies betrifft in erster Linie die auf der Stufe der Jäger und Sammler stehenden Indigenen an der Front der Naturzerstörung im brasilianischen, kolumbianischen und äquatorialen Amazonas und in Teilen von Mittelamerika wie Nicaragua.
Correas Vermittlungsangebot an den reichen Westen, für die Freihaltung der von Ölbohrungen bedrohten Urwaldböden am oberen Amazonas zu bezahlen, wurde zwar akzeptiert, die Einzahlungen in einen Reservatfonds betrugen aber nur zehn Prozent der versprochenen Summe, so dass das Projekt scheiterte. Solche und andere Vorschläge werden nur dann eine Chance erhalten, wenn die Umwelt-Kosten in die betrieblichen und staatlichen Kostenkalkulationen einbezogen werden (15). Bisher steht der Kapitalismus für die Gewährung solche Zusatzkosten nicht bereit, und die Bioethik ist noch nicht Bestandteil des allgemeinen Bewusstseins.
Permanente Produktion der Armut unter der Glocke der Ökologisten
Die ökologische Anthropologie widerspricht der marxistischen Vorstellung vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Ökologie ordnet den Menschen als Teil der Natur ein. Der Eingriff des Menschen in die Natur läuft letztlich auf deren Ausbeutung hinaus. Er schadet ihr bis zu dem Punkt der „Vernichtung der Natur und somit der Menschheit“. Friedrich Engels hingegen sieht in der Metabolik, dem unvermeidbaren stofflichen Austauschs zwischen Mensch und Natur, einen komplexen Vorgang, der beiden dienen muss (16). Die ökologische Anthropologie steht unter dem Vorbehalt der „Produktion von Armut“ und permanenter sozialer Ungleichheit unter der „Glocke der Ökologisten“ (17). Das Leben im Dschungel ist gleichbedeutend mit Armut, Krankheit, hohe Kindersterblichkeit und Gewalt, es sei denn, es werden Programme der Konversion entwickelt, wie im indigenen Lebensraum Schulen, Krankenstationen und ökologisch ausgerichtete Arbeitsplätze entwickelt werden.
Das Nationen-Modell von Pierre Bourdieu zur weiteren Klärung der Transformation Boliviens
Bisher haben wir den revolutionären Motor auf den unteren Ebenen der Gemeinschaften der ländlichen Gruppen – dörflich und regional - und städtischen Rändern sowie der Gewerkschaften näher betrachtet. García Linera sieht in der höheren Ebene der indigenen Nationen im staatlichen Gebilde ein weiteres Aktionszentrum, indem er dem theoretischen Gebäude über die Bildung von Nationen (building of nations) des Franzosen Pierre Bourdieu folgt (18). In der Erfassung der Nation bietet es sich an, den scheinbar einfachen Definitionen der verschiedenen ethnischen Gruppen mit ihren spezifischen Sprachen und Kulturen zu folgen. Bourdieu belässt es aber nicht mit oberflächlichen Deskriptionen, sondern sucht das Dahinterstehende, auch unabhängig von Ethnien. Des Weiteren böte sich an, die „Nation“ als eine bloße „Durchlaufstation“ von gebündelten Gemeinschaften zum Staat zu betrachten. Dem Staat als Hort des Kapitalismus würde dann die Funktion der Homogenisierung der verschiedenen nationalen Gruppen zufallen, wie dies die USA als „Melting pot“ lange Zeit für die europäischen Immigranten mit ihrem unterschiedlichen nationalen Erbe waren. Diese Perspektive entspricht nicht der sozialen Realität der Nationen (und des Staates) als Hort des trennenden Nationalismus im heutigen Lateinamerika, die dem Traum von Bolívar vor 200 Jahren entgegen steht: einem föderativen Staatenbund von Spanisch-Amerika.
Für Bourdieu sind die Nationen, mit ihren spezifischen Idiomen und Besitz an Territorien, politische Artefakte, die das Gefühl der hartnäckigen Dauer eines bestimmten Typus von historischer Einheit vermitteln, das Sicherheit verspricht vor den Avataren der Zukunft mit familiärer Bindung , eine Nation, die man nie sehen kann, die aber den Typus der Intimität und der geschichtlichen Nähe besitzt (19). Die Nation formiert nationale Identitäten, diskursive Konstruktionen und die Führer (Chávez), die die Fähigkeit gewinnen, Wünsche, Erwartungen und Solidaritäten zu artikulieren, als symbolische Schemata von Zuständen (Aggregate) und von autonomer politischer Aktion, die den Boden, kulturelle Kompetenzen und politische Fragen betreffen. Dieses alles wird in symbolischen Fronten (in der Form proprietärer Stigmas und Emblemen) und in einem imaginären Kollektiv formuliert, getrennt von der Visualisierung und Politisierung der realen Fronten der noch existierenden kolonialen Segregation, bezogen auf die soziale Indigenität der Aimara und anderen Nationen.
In den Worten von Bourdieu: „Die Nationen mit ihren sozialen Fronten, mit ihren Kulturen und Territorien bestehen schon vorhergehend in den Köpfen der Menschen, und diese Vorstellungen über die Nationen haben die Kraft, sich in materielle Strukturen und Institutionen zu materialisieren… Die Kämpfe über die ethnische oder regionale Identität stellen einen speziellen Fall der Klassenkämpfe dar, Kämpfe um das Machtmonopol, das den Glauben kreiert, das Erkennen erweckt und das Wiedererkennen erschafft. Es stellt die legitime Definition über die Aufteilung der sozialen Welt dar und darüber hinaus Erschaffung oder Auflösung der Gruppen. Auf diese Weise wird eine Vision über die soziale Welt geschaffen und über das Prinzip der Aufteilung, die, wenn sie sich auf den Zusammenhalt einer Gruppe bezieht, den Sinn und das Verständnis über den Sinn, und insbesondere über die Identität und die Einheit, die die Wirklichkeit effizient macht über die Identität und die Einheit der Gruppe“ (19).
Die Komplexität dieser Sätze von Bourdieu ergeben sich aus der angestrebten Abstraktheit, ein Modell der Nation mit einer allgemeinen Aussagekraft zu gewinnen, das auf die Nationenbildung in der ganzen Welt angewendet werden kann, ob in Asien, Europa oder auf das vor- und nachkolumbianische Amerika. Ab dem Erreichen einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung ist das Entstehen nationaler Gebilde quasi unumgänglich, mehr noch, die reale Entstehung füllt einen ideellen Rahmen aus, der schon vorher gegeben ist. Zugleich stellt Bourdieu dar, dass der „Klassenkampf“ nicht nur auf das antagonistische Schema: Arbeit – Kapital anzuwenden ist, sondern tiefergehend auf den Monopolanspruch der Nation über den Glauben, das Verständnis über die soziale Welt und über die Interpretation der eigenen Geschichte, also über einen Teil der „Wahrheit“, aus der die Macht des Staates entspringt.
Zwei Anwärter für die Stufe der revolutionären Gemeinschaft: Peru und die Armen Europas
Haben wir die Aggregationsstufe der philosophischen Abstraktion erreicht, um das theoretische Modell der Nationen und des aus ihnen hervorgehenden Staates und der sozialistischen Machtergreifung auf andere konkrete soziale Fälle anzuwenden und blicken wir uns um, wer Anwärter für den Weg zur Entwicklungsstufe eines sozialistischen Staates sein könnte, bieten sich Peru und „die Armen“ in Mitteleuropa als nächste Kandidaten an. Die Unterschiede zwischen den beiden könnten nicht größer sein, und doch ist das Modell weit genug geschneidert, so dass beide überraschend Gemeinsames aufweisen, um unter dem Mantel der Theorie Platz zu haben: die Indigenen Perus und die Armen des reichen Mitteleuropas als Beispiel einer sich politisierenden Gemeinschaft auf der Vorstufe zur Machtergreifung des Staates und zum Sozialismus.
Gesetz Pulpín – Sieg der Proteste in Peru ohne indigene Beteiligung
Peru weist viele Ähnlichkeiten mit Bolivien auf. Die heute verschlafene Provinzstadt Cusco war die Hauptstadt des Inkastaates, die Indigenen sind die Mehrheit und weisen vielen Gemeinsamkeiten mit den nachbarschaftlichen und „brüderlichen“ bolivianischen Indigenen auf. Vor allem existiert in einem neoliberal ausgerichteten Staat eine bunte, revolutionäre Bewegung, die sich in jüngster Zeit gegen das „Gesetz Pulpín“ (Ley Pulpín) erfolgreich wehrte, wie die Gewerkschaftszeitung Kubas vom 2. März 2015 meldete (20). “Das Gesetz 30288 zur Beschäftigung Jugendlicher” sollte unter dem neoliberalen Diktat mehr “Flexibilität” bei der Beschäftigung Jugendlicher bringen. Es war verfassungswidrig und sah weniger Vergütung, weniger Familienunterstützung, Abbau der Lebensversicherung und anderer Vergünstigungen, Nichtbezahlung der Arbeitspausen und Begrenzung des Urlaubs auf 15 Tage vor. Vom 18. Dezember 2014 bis zu seiner Kumulation am 26. Januar 2015 dauerten die Proteste in den größeren Städten, bis der Präsident Ollanta Humala das Gesetz zurückzog, weil es zunehmend die Unterstützung im Parlament verlor. Unter der Führung der Generalkonföderation der Arbeiter von Peru (CGTP) nahmen an den Protesten die Zentralen anderer Gewerkschaften, studentische Repräsentanten verschiedener Universitäten, jugendliche Kulturkollektive, Akademiker, Stadteil-Bewohner, unabhängige Jugendliche sowie die progressiven Politiker und die peruanische Linke teil.
Die politische Kultur Perus nimmt zunehmend die Indigenen mit bei ihren Problemen
Nicht aufgeführt werden als Teilnehmer der Proteste indigene Gruppen. Sie nahmen nicht teil, weil sie das Thema: Schutz der im städtischen Umkreis arbeitenden Jugendlichen nicht betraf. Aus drei Gründen: Erstens sind die meisten ihrer Jugendlichen auf dem Land davon nicht betroffen. Zweitens haben die indigenen Jugendlichen an den Stadträndern mit ihren prekären Arbeitsverhältnissen selten den Genuss einer durch Gesetz wie auch immer geschützten Arbeit. Drittens weisen sie nicht wie in diesem Fall ein allgemein gehaltenes solidarisches Bewusstsein mit den Städtern auf. Ein wenig später nach dem Ende der städtischen Proteste begann die ländliche Bevölkerung, darunter viele Indigene und „ihre“ Gewerkschaften, mit ihrem Protest gegen die Agrarpolitik der Regierung. Daraus ist erkenntlich, dass ein Teil der Gewerkschaftsverbände „indigenisiert“ ist, wenn auch nicht im ausreichenden Maße, um die Machtfrage zu stellen. Für die Linken bietet sich im Fall Peru an, die Defizite einer selbstorganisierten Indigenität mit dem Vorbild Bolivien zu vergleichen, um die Schwachstellen aufzulisten und abzuschaffen.
Aber auch eine „wissenschaftliche“ Herangehensweise von „weisen Weißen“ würde wenig bringen, wenn sich nicht aus der peruanischen Indigenität selber der Impuls zu einer sich politisierenden Gemeinschaft entwickelt. Am Beispiel des Präsidenten Fujimori als „falschen Indio“ lässt sich ermessen, wie weit die peruanischen Indigenen bewusstseinsmäßig vom bolivianischen Beispiel entfernt sind. Dieser politischer Falschspieler machte sich bei vielen indigenen Wählern damit beliebt, seine japanische Abstammung als „indigen“ zu verkaufen und sich – obwohl zur reichen Klasse gehörend – sich als einer der ihren aufzuspielen, um bei den wenig Aufgeklärten sich die Stimmen zu holen. Vielen war nicht klar, dass ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren auf dem Landweg über die Bering-See ihr jungfräuliches Land eroberten, während seine Vorfahren vor zwei Generationen mit dem Dampfer über den Ozean schipperten. „Wes Geistes Kind“ dieser Kriminelle ist, konnte die staunende Weltöffentlichkeit wahrnehmen, als der Präsident, mit einer Pistole in der Hand, tagelang auf dem Dach eines von der Guerilla Tupac Amaru eroberten Hauses herum turnte, um seine Armee zu dirigieren.
Die politische Erweckung der plebejischen Armen Mitteleuropas
Es geht hier nicht um die Erweckung der Opfer des Neoliberalismus, vor allem Jugendlichen, in den südeuropäischen Ländern wie Griechenland und Spanien, die über die Sozialisierung der linken Bewegung über neu entstandenen Parteien wie Syriza und Podemos ihren politischen Hebel gefunden haben, die neoliberalen ökonomisch und moralisch abgewirtschafteten Herrscher von der Macht zu verdrängen. Wie in Lateinamerika, wenn auch mit einer anderen Kultur, mit einer anderen Geschichte und einem höheren Wirtschaftspotential, hat die Verelendung zu dem unüberhörbaren Aufschrei der Indignados, der Empörten dazu geführt, auf die Vernichtung ihrer Zukunft durch Arbeitslosigkeit mit einer bedingungslosen Kampfansage zu reagieren. Es geht hier darum auszuloten, wie die Armen in den reichen Ländern Mitteleuropas über eine politische Bewegung sich selbst befreien können, ohne dass wir eine verheerende Depression unterstellen.
Die fehlende antikapitalistische Solidargemeinschaft der Armen
Was leicht erscheint, ist – gemessen an der Ex- und Inklusion Lateinamerikas – schwerer zu verwirklichen. Das Absurde besteht darin, dass die Exklusion vom reich gedeckten Tisch der reichen Länder noch nicht radikal genug geraten ist, um den Armen die Illusion eines Wiederaufstiegs aus der plebejischen Paria in den unteren Mittelstand und damit den Glauben an die Potenz des Neoliberalismus auszutreiben (Wir beziehen uns hier auf die Theorie des Mittelstandes in: www.revolution-heute.de.). Anders als die Indigenen haben die aus dem Mittelstand abgestürzten Langzeitarbeitslosen, die prekär Beschäftigten, die Hartz IV und Mindestlohn-Empfänger und die neu Hinzukommenden ihre Hoffnung auf bessere Zeiten noch nicht abgelegt – vielleicht mit Ausnahme der Langzeitarbeitslosen. Diese Hoffnung halten sie für berechtigt, weil es doch um sie herum genug positive Beispiele von Vollbeschäftigung gibt, mit der man ein ausreichendes Auskommen finanzieren kann.
Sie müssen nur aus ihren Wohnungen auf die Straße treten, um in den relativen Wohlstand um sich einzutauchen: die gefüllten Regale von Aldi-Süd, die schicken Boutiquen in den Zentren, die Versprechungen der Werbung. Sie sind in den Zustand des Eingeschlossenseins noch nicht so weit eingetaucht, um einen Prozess der autonomen Selbstbefreiung beginnen zu können. Zu viel an neoliberalen Versprechungen, Ablenkungen, Konsumideologie, Selbstillusionierung stürzen auf sie ein, als dass sie sich auf das Wesentliche konzentrieren, das Heil nicht im individuellen Konkurrenzstreben sondern im solidarischen Handeln aus einer Gemeinschaft heraus zu suchen. Diesen Grad der Gemeinschaft als Kraftzentrum wie bei den Indigenen haben sie noch nicht erreicht. Die armen Bauern des Altoplano, der Schuhputzer an den Stadträndern von Potosí haben ein höheres politisches Bewusstsein als die viel besser Ausgebildeten der reichen Mitte Europas. Das einzig Politische ist ihr scheinbar Unpolitisches, das sich in der Nichtbeteiligung an Wahlen wie jüngst in Bremen niederschlägt. Ihre Wahlabstinenz könnte ein unüberhörbares lautes Signal ihrer Exklusion sein, wenn sie es nicht mit der tauben Politikerkaste zu tun hätten.
Der wachsende Kreis der Armen im kapitalistischen Produktionsprozess generiert Revolten
Die Taubheit der Politikerkaste hat auch ihr Gutes. Denn was die Individuen brauchen, ist die Formierung einer solidarischen Gemeinschaft der Armen als Selbstorganisation aus sich, ohne karitative Hilfen von außen, die zerstörerisch sind und vom Wesentlichen ablenken. Was die Betroffenen brauchen, ist die Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Gemeinschaft. Auch ohne eine fundamentale ökonomische Krise verfällt ein immer größerer Teil in der Gesellschaft der relativen Armut, weil auf die kapitalorientierten Reichen ein immer größerer Teil des Volkseinkommens entfällt, gemäß der Gesetzmäßigkeit des kapitalistischen Überlebens, wie Thomas Piketty belegt (21). In Deutschland ist dies ein Drittel der Bevölkerung und der zweitgrößte Block neben den Noch-Beschäftigten. Und er wächst. Die Leitlinie ihres Programms ergibt sich aus der Verursachung ihres Elends: dem Kapitalismus. Ihr Programm ist antikapitalistisch, ihr Startschuss wäre wie in Bolivien die Aufstellung von Wählerlisten der Armen.
Der Armenblock und seine emanzipatorische Abgrenzung nach Bourdieu
Erneut greifen wir auf das Schichtenmodell von Bourdieu zurück, das uns schon bei der Behandlung des Komplexes Nation und Indigene seinen Dienst geleistet hat. Bis zur vierten, der kapitalistisch-nationalistischen Entwicklungsstufe von Bolivien, hatten sich unter der verächtlichen Nichtbeachtung der Herrschenden wie unter einem „Schirm des Neokolonialismus“ die alten Kulturen, Lebensformen, Sprachen erhalten, so dass bis heute eine „krasse Andersartigkeit“ schon in den äußeren Erscheinungsformen auf dem ersten Blick für die „anderen“ erkennbar ist: in der Physiognomie, der Sprache, den Ponchos in ihren krassen Farben, den Hüten, die Art wie die Frauen ihre in Tüchern gewickelten Babys auf dem Rücken tragen, usw. Diese Wiedererkennung einer einstmals „geschlagenen Kultur“, erzeugte und erzeugt bis heute bei vielen „anderen“ reflexionsartig eine rassistische Ablehnung und nicht nur einen kulturellen sondern zivilisatorischen Hochmut. Diese arroganten Kreise werden noch einige Zeit brauchen, bis sie endgültig begriffen haben, wer Herr im Hause ist. Es ist grade diese krasse Exklusion, die die Betroffenen zur Revolution und zur Macht führte.
Der neue/alte Block der Armen in den reichen Ländern, der aus Arbeitslosen, Leiharbeitern, Zeitarbeitern und Arbeitern mit Werksverträgen besteht, unterliegt dieser Form der Stigmatisierung nicht. Wenn sie auf die Straße treten, werden sie von den Massen wohlhabenderer Kaufwütigen geschluckt. Diese scheinbare Identität der Armen mit den Oberschichten gefällt diesen nicht. Und es ist die Leistung von Bourdieu dargestellt zu haben, mit welcher Raffinesse die oberen Klassen die Ausgrenzung suchen, in Frankreich wie in Deutschland (22). Er erwähnt den „guten Geschmack“ (bon gout) der kultivierten Oberen in ihrer Exklusivität, im Essen, in der Mode, in der Kunstbetrachtung, im Theaterbesuch. Dazu kommt das exquisite Denken (belle pensée) und das gute Sprechen (beau parler), das politisch korrekt und allgemeingültig die gute Konversation pflegt, die Publizistik und Literatur bewertet sowie das Handeln der herrschenden Parteien kommentiert. Das Motto der FDP auf ihrem letzten Parteitag: „German Mut“ soll dem Ziel des „guten Sprechens“ entsprechen, das dem elitären Abgrenzen zu anderen dient und zugleich die Elitären in der Gesellschaft bedienen soll. Und es sind die Mieten und Bodenpreise in den Ballungszentren, die für ein getrenntes Wohnen sorgen, die einen in Bogenhausen, die anderen Am Hart, dem nördlichen Stadtteil von München.
Der Prozess der Produktion der Armut
Es liegt in diesem Unterscheiden, dass die Bewusstwerdung der Armen erst dann beginnt, wenn die Klassen über ihnen den Unterscheidungsprozess mit der Schließung des Inklusionskreises vollendet haben, und wir einen Konflikt zwischen den sozialen Gruppen beobachten können: scheinbar paradox, weil substantiell und zugleich symbolisch. Dazu zählt das Ausselektieren in der Schule und die Bildung, was die „Produktion der Armut“ fördert.
Eine aus dem Kapitalismus wachsende Gruppe mit einem antikapitalistischen Programm besitzt ein mächtiges politisches Potenzial. Momentan ist diese Gruppe statisch, nur statistisch erfassbar, unpolitisch, ohne Bewusstsein ihrer selbst. Aber sie hat eine Dynamik in sich: ihre wachsende Größe gefährdet das System. Die sozialen Spannungen nehmen zu und damit das allgemeine Problembewusstsein der Bevölkerung, insbesondere der Armen. Aus ihrer Statik kommt sie in Bewegung. Sie wird zu einer antikapitalistischen Bewegung in der Zivilgesellschaft in die Richtung links oder rechts. Die politischen Parteien werben um sie. Bisher buhlten die Parteien nur um einzelne Mitglieder der Armengruppe. Es bilden sich Sprecher aus der Bewegung mit unterschiedlicher Parteienorientierung. Der Kampf um die antikapitalistische Ausrichtung beginnt und die Frage, ob die Bewegung sich zu einer neuen Partei kristallisiert. An diesem Punkt wollen wir die Skizze um mögliche Konsequenzen vorerst beenden. Eine Frage sei an uns Linken in Mitteleuropa gerichtet: Was für Antworten ziehen wir aus all diesem?
Che Guevara und Evo Morales: Unterschiedliche Ansätze im Machtkampf um Bolivien
In den 370 Seiten der Aufsatzsammlung von García Linera über den Befreiungskampf Boliviens mit Hunderten von Zitaten findet sich kein einziger Bezug zu Che Guevaras Schriften oder Gedanken noch zu seinem letzten Kampf, dafür um so mehr über den heutigen Präsidenten Evo Morales. Nur in dem Vorwort zu der kubanischen Ausgabe von Carlos Aizugaray Treto findet sich ein Zitat von Che: „Die soziale Revolution ist kein Handstreich, um die bourgeoisen Familien auszulöschen, noch weniger ein administratives Mittel, in dem ein Chef ein Dekret zur Einführung des Sozialismus diktiert; es ist eine praktische, historische Bewegung von langer Dauer, in der vieles dabei ist zu verbrennen und zu erodieren, einschließlich die Dinge, die vor dem politischen Einsturz der Bourgeoisie bestehen: die Kraftbeziehungen in der Ökonomie, in der Kultur und der Technik, die das Kapital stützen“ (23).
El Che und Evo: Direkte Guerilla-Aktion im Gegensatz zum zivilen Politik-Ansatz
Treto will mit der Auswahl des Zitats von Che Guevara sagen, dass das relativ kurze Auftreten von El Che in Bolivien ein Teil der praktischen, historischen, revolutionären Bewegung von langer Dauer im Land Ist, und Che dort seinen Platz für immer eingenommen hat. Die Nichterwähnung seiner Rolle durch García Linera ist andererseits so zu verstehen, dass sich keine unmittelbare nahtlose Verknüpfung von dessen Aktionen auf den weiteren Verlauf der sozialen Bewegung in Bolivien belegen lässt. Das mag damit auch zusammen hängen, dass die direkte kurze Militär-Aktion des Guerilla-Kämpfers El Che eine anderes war, als der lange „zivile Weg“, den Morales mit seinen Mitstreitern ging, abgesehen vom „Guerillaheer Túpac Katari“, dem militärischen Arm der „Roten Offensive“ der indigenen Gemeinden (Ayllus) der zivilen Túpac Katari-Anhänger (24), dem aber nach García Linera nicht die entscheidende Rolle im Machtkampf zukam.
Ches Anklopfen an die Türen der Bauern
Beim Kampf um die Macht in Bolivien geht es um den Staat als das Machtzentrum in der Hauptstadt La Paz. Stellt man sich den Staat als die Spitze von Hierarchien vor, so beruht er auf den Gemeinschaften der örtlichen Ebene, den Dörfern, der regionalen Ebene, den Provinzen und den Nationen (indigenen Völker). Zu dieser Hierarchie gesellen sich die als horizontal zu verstehenden sozialen und politischen Bewegungen wie die Gewerkschaften, die Kapitalträger, die Parteien. Um die Spitze des Systems, die staatlichen Machtträger, zum Einsturz zu bringen, gehen beide – Che und Evo – von der untersten Ebene aus, den dörflichen Gemeinschaften. Während aber Evo in den Häusern der Gemeinschaften ein- und ausgeht, weil er eingeladen wird, muss El Che erst bei ihnen anklopfen, bevor sich eine Tür aufmacht oder nicht.
Ches Strategie ist es, in einer „columna“, einer Marschsäule von Guerilleros, im unwegsamen Gelände, fern jedes größeren Zentrums, wie auf dem monatelangen Marsch von der Sierra Maestra im Osten Kubas nach Santa Clara, die auf seinen Marsch anzutreffenden Dörfler zum Aufstand gegen die „Herrschenden“ anregen. Dabei will er Fourage aufnehmen, neue Kämpfer gewinnen und an Mannschaftsstärke wachsen. Nach Maos Beispiel überrennt er bolivianische Militär-Posten dort, wo man überlegen ist und erobert dabei die Waffen für die neu geworbenen Kämpfer. Sein zündelndes Beispiel soll andere oppositionelle Gruppen in Stadt und Land zu einem generellen Aufstand anregen. Wie er in seinem Tagebuch beschreibt, marschiert die columna auf ihrem Zug von Weiler zu Dörfern, klopft an die Türen der Bauern, nachdem das Terrain abgesichert ist und wirbt um ihr Anliegen.
Evo ist bei den Bauern zu Hause
Evo hingegen beginnt Jahrzehnte später als Indigener mit sozialistischen Überzeugungen seine politische Karriere als Gewerkschaftsführer der Kokabauern. Zu diesem Zeitpunkt hat er nicht den Plan im Auge, am Ende seines Weges im Präsidentenpalast zu gelangen. Aber – ob bewusstes Kalkül sei dahingestellt – er hat zwei Schlüsselstellungen gewonnen: den Posten eines Gewerkschaftsführers von Bauern, die ein Produkt herstellen, nicht irgendein Produkts wie die Kartoffel oder Yuca, sondern eine Ware, dessen Konsum zum „Kulturgut“ Boliviens zählt und zugleich international handelsfähig ist, wie Öl oder Weizen. Dabei muss er sich um die sozialen Belange seiner Mitglieder kümmern, er hat die Preise auszuhandeln, er hat über die ethnischen Grenzen hinaus Bodenkonflikte zu regeln. Auf ihn kam gleichsam automatisch die Funktion eines Führers zu, der aus der Notwendigkeit der Interessenvertretung der Bauern und Landarbeiter zum Führer einer sozialistischen Bewegung wurde. Ein Job, so gefährlich wie die eines Guerillaführers. Gewerkschafter zählen bis heute neben Journalisten zu den gefährlichsten Berufen Lateinamerikas, da sie auf den Pay-Lists von Killergruppen (sicarios) von Latifundienbesitzern stehen. Aber er ist nicht allein, um ihn stehen Zehntausende von Kollegen. Die Killer-Auftraggeber wissen zu genau: Wer sich mit ihm anlegt, riskiert sein eigenes Leben.
Zum lateinamerikanischen Verständnis von Subjekt und Objekt revolutionärer Aktionen
Bei El Che steht schnell fest: Sein revolutionäres Werben stößt auf taube Ohren. Die Mestizen sind nicht bereit, einem Weißen mit argentinischem Akzent zu folgen. Wie sollen sie sich auch für den Aufstand aus dem Augenblick heraus entscheiden, ohne die jahrzehntelange revolutionäre Sozialisation der Indigenen in ihren Gemeinschaften, 1000 Kilometer weiter westlich? Unter dem wachsenden Druck der bolivianischen Armee unter amerikanischer Führung kann sich die Marschsäule nicht lange an einem Ort aufhalten. Sie muss weiter, um sich der Schlinge zu entziehen, die die Armee immer enger um sie zieht. Befreite Territorien als Rückzugsgebiet können nicht geschaffen werden. Das Ende ist bekannt.
In der Ex-Post-Betrachtung mag Nichtverstehen noch die gemäßigte Form der Verwunderung über Che Guevaras Vorgehen in Bolivien sein. Wir müssen ihn aber verstehen. Aus der Ex-Ante-Sicht konnte El Che nicht wissen, wie die Bauern reagieren würden, wenn er an ihre Türen klopft. Aus der eurozentrischen Sicht mag sein Hazard-Unternehmen von vorneherein klar sein: Seine waghalsige direkte Aktion in Bolivien – ein untaugliches Experiment eines Internationalisten, weil das Objekt: die Spanisch-sprechende Mestizen, nicht in jener Zeit für revolutionäre Vorhaben zu haben waren. Deshalb war er den Sowjetbürokraten im Kreml mit ihren dicken Autos schon immer ein suspekter Abenteurer. Aber wie konnte er anders als durch das Klopfen an die Tür für Klarheit schaffen? Bekannt ist sein sinngemäßer Ausspruch: „Unmögliches beginnen wir sofort!“. Das objektive Ziel (Spanisch: „ojeto“ gleich Ziel), die Menschen in ihren Häusern, konnten ganz anders sein, als es nach außen sichtbar war. Das Ziel konnte aus seiner versteckten Reserve nur herausgelockt und seinen wahren Kern erst entblößt werden, wenn der Revolutionär sein ganzes existenzielles Sein, sein Herz und sein Leben, in die direkte Aktion hinein warf. Anders ist auch der Sturm von Fidel Castro auf die Moncada-Kaserne, mit der 1953 alles begann, nicht zu verstehen.
Evo: Strategie der Polarisation und der Zerrüttung des Gegners durch Kampagnen
Auch für Evo ist der letzte Griff zur Macht ein schwieriger Weg. García Linera beschreibt den Weg Morales vom Gewerkschaftsführer zum politischen Führer der Linken. Anfänglich bewegt er sich in einem unübersichtlichen Netz von sozialen Fragmenten in der städtisch-ländlichen Formation der Linken, von denen jeder sich als „Besitzer der letzten Wahrheit“ sieht mit seinen Vorschlägen, Diskursen, Führungsansprüchen und zum Teil antagonistischen Programmen, die es zu einem sozialistischen Block zu einen gilt. Die Methodik hierzu ist, die indigene Bewegung zu einer politischen zu organisieren. Einerseits werden Wahllisten erstellt, auf denen zunehmend revolutionäre Indigene kandidieren. Dazu hat Evo den Rückhalt der indigenen Gemeinschaften im ganzen Land. Sie sind gewillt, zu den Wahlurnen zu gehen, um ihre eigenen Leute zu wählen. Des Weiteren wird die Strategie der Polarisation gegen den neoliberalen Block der Machtbesitzer gefahren. Die Polarisation mit dem Gegner dient auch dazu, die eigenen Reihen zu schließen und das eigene Profil in Richtung Links zu schärfen. Im Vorfeld der Nationalwahlen werden Kampagnen gegen die Privatisierung gefahren, die die Interessen der Indigenen unmittelbar erfassen, wie der „Krieg um das Wasser und Gas“, um gerechte Landverteilung und eine bessere Verfassung. Um die Machtpositionen des konservativen Blocks zu zerrütten, bedient sich der soziale Block der Strategie, den anderen Block „aus dem Gleichgewicht“ zu stoßen (25).
Die Fronten sind am Ende klar gegeben: Hier die politisierte indigene Bewegung in Stadt und Land mit Teilnehmern der anderen ethnischen und sozialen Gruppen wie die Mineralarbeiter, die Vertreter der Interessen der lokalen Märkte, die Handwerker, Kleinbauern, die Familien und die städtischen Kleinunternehmer, dort die kapitalistischen Vertreter der Exportmärkte, der ausländischen Investitionen, der Unterwerfung des Staates unter privaten Interessen und der „Wiederhersteller der alten Ordnung“. Das Ergebnis ist auch hier bekannt.
Schlussbemerkung:
Erst bei der Erringung der staatlichen Macht wird klar, welchen ungeheuren Einsatz der Massen es bedurfte, welche Klugheit der Führung, welche Geschlossenheit, Disziplin und revolutionärer Elan nötig waren, um die alte Macht dauerhaft aus dem Sattel zu stoßen. Evo wurde 2014 zum Präsidenten bis 2020 wieder gewählt.
Literatur
1. Alvaro García García Linera: La Potencia Plebeya, Acción colectiva y Identidades indígenas, Obreras y Populares en Bolivia, La Habana, 2011.
2. Julio Fumero: Guatemala: Exklusión indigéna, in: Abya Yala. Una visión indígena, La Habana, 2011, pp. 110
3. Alvaro García García Linera: Offensiva Roja, La Paz, 1988
4. Gerd Elvers: Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerika, in:www.revolution-heute.de
5. García Linera: p. 9
6. Victor M. Carriba: ONU- Indígenas, in Abya Yala, pp. 34
7. Marx Ahora, La Habana, 2007, pp. 148
8. Robert Brenner: Turbulencias en la economía mundial, Santiago de Chile, 1999
9. García Linera: p. 144
10. García Linera: p. 166
11. Instituto Internacional de Integración de Convenio Andrés Bello, la Paz
Luhmann
12. Bericht der Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schröter auf der öffentlichen Sitzung der Links-Partei in Neuburg-Donau, Anfang 1015
13. Carlos Jesús Díaz, Bioética y politica, El mundo contemporáneo en crisis, La Habana, 2013, pp. 207
14. Gerd Elvers: Diskurs USA-Kuba über Bioethik und drohende Umweltprobleme für Florida und Kuba durch Ölprospektion, in: www.revolution-heute.de
15. WWF (World Wide Fund for Nature), Living Planet Report 2012, Gland, Schweiz, 2012
16. Friedrich Engels, Dialektik der Natur (unvollendet), Wikipedia
17. Mayra Espina, Justicia Climatica. Un enfoque alternativo para las políticas de equidad, in: Temas, La Habana, 2013, p. 68
18. Pierre Bourdieu; Qué signifa hablar, Economía de los intercambios lingüisticos, Madrid 1999
19. Bourdieu: p. 88
20. Trabajadores, Órgano de la Central de trabajadores de Cuba
21. Thomas Piketty, Das Kapital des 21. Jahrhunderts, München, 2014
22. Luis Martínez Andrade, El centro comercial como figuar paradigmática del discurso neocolonial, in: Pensar contra corriente VI, La Habana 2009
23. García Linera: p. X
24. García Linera: p. IX
25. GarcíaLinera: p. 320
Gerd Elvers