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Die Rolle der Pekinger Führer in Asien

von Rudolf Müller, Dietmar Klein (DDR 1975) - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Maoistische Expansionspolitik in Asien

»Asien ist der volkreichste Kontinent, über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt auf diesem Erdteil. So alt wie die Geschichte Asiens ist auch die Sehnsucht der zumeist jahrhunderte- lang unterdrückten Völker in Asien nach Fried- en, Freiheit und menschenwürdigem Leben – kurz, nach gesellschaftlichem Fortschritt.

Für Millionen Menschen erfüllte sich erst in den letzten Jahrzehnten der Traum von der vollen Schüssel Reis – für viele haben sich diese Erwartungen jedoch bis in die Gegen- wart hinein noch nicht erfüllt.

Jahrhunderte des Kampfes gegen Fremdherrschaft, Unfreiheit und Ausbeutung haben die Völker Asiens gelehrt, die Taktik und Strategie der Imperialisten und Neokolonialisten wachsam zu durchschauen. Die Bemühungen der Völker Asiens haben vor allem ihren Niederschlag in der bekannten Konferenz gefunden, die 1947 auf Initiative des indischen Premier- und Außenministers, Jawaharlal Nehru, einberufen wurde, ferner in der Deklaration unter dem Namen „Pancha Shila“, in der 1954 die fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz formuliert wurden, sowie in der historischen Bandung-Konferenz im Jahre 1955.

Die drei Jahrzehnte, die seit Beendigung des zweiten Weltkrieges vergangen sind, waren im Leben Asiens von stürmischen Ereignissen erfüllt. Ein Vergleich der politischen Karte Asiens von 1945 und von 1975 bringt dafür exakte Beweise.

Für die Entwicklung der Geschichte des Friedens auf dem ganzen Erdball ist es nicht gleichgültig, ob sich die Beziehungen zwischen den über dreißig asiati- schen Staaten auf der Grundlage des gegenseitigen Verstehens, der Freund- schaft und Zusammenarbeit gestalten oder ob dort auch weiterhin gefährliche Krisenherde bestehen, die die Atmosphäre und die Nachbarschaftsbeziehungen vergiften und das Leben der Völker bedrohen. [- 1975 -]

Imperialisten schüren Spannungen

Allein im letzten Viertel dieses Jahrhunderts [- 1975 ] mussten im asiatischen Raum 47 lokale Kriege und größere bewaffnete Konflikte registriert werden, und Asien steht ge- messen an der Zahl militärischer Konflikte im Verlaufe der Geschichte hinter Europa nicht zurück, wenn man das so sagen kann. Nach einem Bericht der indischen Wochenzeitung „New Age“ vom 30. August 1972 betonte Indira Gandhi auf einer antiimperialisti- schen Kundgebung, „dass in den letzten 27 Jahren keine Woche ohne bewaffne- te Zusammenstöße in irgendeinem Teil des asiatischen Kontinents vergangen ist. Anfangs wurden die meisten dadurch verursacht, wenn auch nicht alle, dass der Imperialismus nicht auf seine Herrschaft verzichten wollte, später jedoch, weil er zu neuen Formen der Einmischung griff.“

Da die imperialistischen Mächte ihre Positionen um jeden Preis zu erhalten versuchten beziehungsweise verlorene wiedererlangen wollten, zimmerten sie in diesem Gebiet der Erde solche aggressiven militärisch-politischen Blöcke und Gruppierungen zusammen, wie die SEATO – die in Auflösung begriffen ist [- 1975] –, die CENTO, den ANZUS- und nicht zuletzt den ASPAC-Pakt, und schufen 119 Militärstützpunkte auf dem Territorium asiatischer Staaten. 300 Tausend amerikanische Militärangehörige [- 1975 -] verrichten noch immer „ihren Dienst“ auf Militärstützpunkten in sieben Staaten, die in unmittelbarer Nähe Chinas liegen.

Die Maoisten fühlen sich aber durch diese halbrunde Einkreisung der VR China seitens des US-Imperialismus gar nicht bedroht, vielmehr behaupten sie, dass die „Gefahr aus dem Norden“ komme.

Es soll hier daran erinnert werden, dass die VR China in den ersten Jahren ihres Bestehens sich aktiv für die Politik der friedlichen Koexistenz im asiatischen Raum ausgesprochen hat, zum Beispiel im Falle der „Pancha Shila“. Dazu gehören solche Prinzipien wie: gegenseitige Achtung der territorialen Integrität und Souveränität; Nichtangriff; Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten; Gleichheit und gegenseitiger Vorteil; friedliche Koexistenz.

Von nicht minderer Bedeutung war auch die Konferenz von Bandung im Jahre 1955, die bereits wesentliche Elemente der Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit in Asien beinhaltete und an der sich unter anderem Burma, Ceylon (Sri Lanka), Indien, Indonesien und Pakistan aktiv beteiligten.

Heute [1975] ist davon bei der chinesischen Führung aber nichts mehr übriggeblieben. Neben den Machenschaften der imperialistischen Kräfte und ihrer Handlanger in dieser Region der Welt ist vor allem die Haltung Pekings ein großes Hindernis auf dem Wege zur kollektiven Sicherheit in Asien.

Seit der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Genosse L. I. Breshnew, auf der Internationalen Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien 1969 in Moskau diesen Weg vorschlug, verstärkte Peking merklich seine Hetz- und Verleumdungskampagne gegen die Sowjetunion. Die chinesische Führung behauptet wider besseren Wissens, die UdSSR wolle als „nichtasiatische Macht“ mit diesem Vorschlag „die Schwelle Asiens überschreiten“, China isolieren, China einkreisen, sich einmischen und nur egoistische Ziele und Vorteile verfolgen.

Was ist die Wahrheit, weshalb hat gerade die Sowjetunion diesen Vorschlag unterbreitet? Erstens sind die Prinzipien, die die UdSSR vorschlägt, um das Gebäude der kollektiven Sicherheit in Asien zu errichten, die beste Widerlegung derartiger Erfindungen. Zweitens „übersehen“ die Wortführer die auf jedem Atlas feststellbare Tatsache, dass sich die UdSSR über ein Drittel (16,8 Millionen Quadratkilometer) [- 1975 -] des asiatischen Festlandes erstreckt beziehungsweise zwei Drittel des gesamten Territoriums der UdSSR in Asien liegen und nicht wenige größere und kleinere Nationen und Nationalitäten Asiens zur Völkerfamilie der Sowjetunion gehören. China dagegen nimmt nur ein knappes Fünftel des asiatischen Territoriums ein. Drittens befindet sich die UdSSR mit diesem Vorschlag in voller Übereinstimmung mit der Mehrheit der Völker Asiens [- 1975 -] und vieler Regierungen, die diesen Gedanken im Interesse der eigenen friedlichen Entwicklung aufrichtigen Herzens begrüßen.

Dieser Vorschlag wurde von den Regierungen solcher Länder wie der MVR, Indiens, Iraks, Afghanistans, Irans, Japans, Thailands, der KVDR, Nepals, der DRV und der RSV, Pakistans, Indonesiens und Bangladesh’ für wichtig und zeitgemäß erachtet. Die von der UdSSR vorgeschlagenen Prinzipien wurden im Mai 1973 in Dacca von der Internationalen Konferenz für Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in Asien gegen den Willen Pekings von 26 teilnehmenden Ländern gebilligt. Erwähnt sei noch, dass der Weltkongress der Friedenskräfte 1973 in Moskau das Vorhaben ebenfalls eindeutig unterstützte und in diesem Zusammenhang unterstrich, dass dieser Vorschlag voll und ganz mit der Charta, mit den Zielen und Prinzipien der UNO übereinstimmt.

Maoistische Expansionspolitik in Asien

Die Gebiete Süd- und Südostasiens haben in der Politik Chinas schon immer einen besonderen Platz eingenommen. Bereits die chinesischen Kaiser und später die Guomindang sahen diese Gebiete als Hauptzonen ihres Einflussbereiches, als wichtiges Objekt chinesischen Expansionsbestrebens an.

Auch Mao Tse-tung erklärte wiederholt, dass die Länder des Fernen Ostens, Süd- und Südostasiens ein Gebiet darstellen, in dem China im Verlaufe vieler Jahrhunderte ein führende Stellung innehatte. Diese wurden von Westeuropa und von Japan im 19. Jahrhundert „abgelöst“. Wie die „Prawda“ 1974 in einem Artikel feststellte, zählte Mao Tse-tung 1939 die „verlorenen Territorien“ wie folgt auf: „Japan eroberte Korea und die Inseln Taiwan, Riukiu, Penghu und Port Arthur. England eroberte Burma, Bhutan, Nepal und Hongkong. Frankreich eroberte Vietnam und Guangzhouwan, und sogar so ein kleiner Staat wie Portugal eroberte unser Macao“.

Schon in den ersten Jahren nach der Gründung der VR China, als diese eine Außenpolitik durchführte, die im allgemeinen auf den Prinzipien der friedlichen Koexistenz fußte, verzichtete die Regierung der VR China im Grunde genommen nicht auf territoriale Ansprüche gegenüber ihren Nachbarn. Tatsache ist, dass die expansionistische Großmachtpolitik der chinesischen Führer neben der imperialistischen Blockpolitik heutzutage eines der Haupthindernisse für die allgemeine Verbesserung des politischen Klimas in Asien darstellt. Die Analyse der Süd- und Südostasienpolitik der Maoisten spricht dafür Bände.

Das Bestreben, fremde Gebiete an sich zu reißen, die geringschätzige Behandlung anderer Völker als „Barbaren“, die Missachtung ihrer Sitten, Bräuche und Kultur, die Lobpreisung allein alles Chinesischen – genau das kennzeichnete die Politik der feudalen Herrscher Chinas in der Vergangenheit. Sie betrachteten ihren Staat als den Mittelpunkt der ihnen bekannten Welt und bezeichneten ihn dementsprechend als „Reich der Mitte“. Diese außenpolitische Doktrin war somit von den Ideen einer Vormachtstellung durchdrungen und Ausdruck eines von Generation zu Generation übertragenen überheblichen Großmachtchauvinismus.

In chinesischen Lehrbüchern und anderen Abhandlungen der fünfziger und sechziger Jahre spiegelt sich die Weltanschauung feudaler Herrscher und Ideologen der Guomindang wider. Viele Nachbarstaaten, wie Korea, die MVR, Gebiete des sowjetischen Fernen Ostens und Teile der sozialistischen Sowjetrepubliken Mittelasiens, zum Beispiel Kasachstan, werden in diesen Büchern ohne Hemmungen als „Gebiete Chinas“ bezeichnet. Territoriale Gebietsansprüche werden also an die Sowjetunion, an die Mongolische Volksrepublik, an Indien, Japan, Vietnam und Thailand erhoben. Malaysia und Singapur wurden als selbständige, souveräne Staaten bisher [1975] von den Maoisten völlig negiert.

In der „Guangming Ribao“ erschien ein Artikel mit der Überschrift: „Der Strom der Geschichte ist unaufhaltsam“. In diesem Artikel schrieb sich der Autor, ein gewisser Wang Sheng, dermaßen in Rage, dass er die Gelüste und expansionistischen Pläne der Maoisten fast ausplauderte. Als Fazit kam heraus: Die chinesische Führung habe Gebietsansprüche in alle vier Himmelsrichtungen, die sofort verwirklicht werden müssten. -

Das neue Riesenreich, von dem die Maoisten träumten, soll sich demnach weit über die gegenwärtigen Grenzen der VR China hinaus erstrecken. Wang Sheng, offensichtlich im Auftrage Maos und seiner Anhänger, bleibt keineswegs allgemein, sondern wird ganz konkret: „440 Tausend Quadratkilometer chinesischen Territoriums östlich und südlich vom Balchasch-See müssen wieder eingegliedert werden.“ Das ist also das Bett, in das die Maoisten ihren „Strom der Geschichte“ lenken wollen.

In anderen Publikationen ist sogar von Gebietsansprüchen der Pekinger Führer bis zu 1,5 Millionen Quadratkilometer sowjetischen Territoriums die Rede. Wie man sieht, die Maoisten sind hinsichtlich ihrer expansionistischen Ziele nicht gerade kleinlich und auf dem besten Wege, ihre despotischen Feudalherren noch zu übertreffen.

So bezeichneten die Maoisten in ihrem „Weltatlas“ die UdSSR nur als ein europäisches Land. Dabei übersehen sie völlig, wie sehr sie sich bei der dann folgenden Aufstellung jener Staaten, die an die Sowjetunion grenzen blamieren. Dort ist nämlich zu lesen, dass von zwölf Ländern, mit denen die Sowjetunion Grenzen zu Lande hat, allein sechs asiatische Staaten sind. Mit einem davon, nämlich mit der VR China selbst, hat die UdSSR [während ihrer historischen Existenz] zum Beispiel eine Grenze, die sich über 7300 Kilometer erstreckt.«
[Fortsetzung folgt.]

Quelle: Rudolf Müller, Dietmar Klein: Nacht über China. Dietz Verlag Berlin 1976. Vgl.: Die Außenpolitik der Maoisten. Die Rolle der Pekinger Führer in Asien. Imperialisten schüren Spannungen. Maoistische Expansionspolitik in Asien.