Die Politisierung des Bürgers, 4.Teil: Theorie der Gefühle
von Franz Witsch
"Die Politisierung des Bürgers, 4.Teil: Theorie der Gefühle" ist ab heute im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 9783732244614 erhältlich. Bei www.buecher.de erhalten Sie es versandkost- enfrei.
Der Link dazu lautet:
www.buecher.de/shop/buecher/die-politisierung-des-buergers-4-teil-theorie-der-gefuehle/witsch-franz/products_products/detail/prod_id/39155516/
Der Klappentext zum 4.Teil:
"Nachdem es im dritten Teil um die emotional-moralischen Modalitäten der Zerstörung sozialer Strukturen sowie um die psychosozialen Bedingungen einer Rekonstruktion der moralischen Verantwortung des Subjekts ging, ist der vierte Teil bemüht zu zeigen, dass und auf welche Weise Gefühle eine tragende Rolle im Hinblick auf eine sozialverträgliche Ausbildung sozialer wie ökonomischer Strukturen spielen und zwar genau dann, wenn
- es dem Subjekt gelingt, Gefühle als Ressourcen der Verständigung zu begreifen,
- die Externalisierung des Gefühls nicht nachhaltig scheitert: der externe Objektbezug des Gefühls gewahrt bleibt,
- negative Gefühle nicht ausgegrenzt werden aus Verständigungsbemühungen und
- bezugnehmend auf den zweiten Teil: die Mehrwertfähigkeit des Subjekts nicht mehr als das entscheidende Kriterium seiner sozialen Existenz gilt."
Das hört sich alles nicht so einfach an. Ein lieber Freund sagte mir gestern, er verstehe nicht, warum ich so schwer verständlich schreibe, wo man doch davon ausgehen müs- se, dass ich die Bürger erreichen wolle, um zu politisieren.
Das Problem ist, dass die überwiegende Mehrheit der Bürger schichtübergreifend, vom Grundschüler bis zum Universitätsprofessor, politisch und sozial derart auf den Hund gekommen sind, dass sich nichts, aber auch gar nichts "von selbst versteht". Man muss sehr tief ansetzen, um diese deprimierende Verfassung unserer Gesellschaft als einen der Analyse zugänglichen sozialen wie ökonomischen Sachverhalt aufzubereiten.
Das fängt damit an, dass die wenigsten Bürger in der Lage sind, einen einfachen Satz, der einen sozialen Sachverhalt referenziert, hinreichend zu interpretieren, das heißt zuweilen der Analyse überhaupt für würdig zu erachten. Sie wissen gar nicht, was das ist: 'Analyse'.
"Analyse" bedeute kurz gefasst: Ich interpretiere Sätze, die einen sozialen Sachverhalt repräsentieren, nur dann hinreichend, wenn ich in der Lage bin, mein Innenleben und dasjenige des Autors der Sätze in die Analyse einzubeziehen, so wie das z.B. Peter Brückner in seinem Buch "Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945" beispielhaft versucht hatte.
Jenes Buch von Peter Brückner ist mir von Klaus-Jürgen Bruder (aus Berlin) ans Herz gelegt worden. Er hat auch ein Vorwort zum 4. Teil von "Die Politisierung des Bürgers" geschrieben. Für seine Anregungen bin ich ihm sehr dankbar. Zur Zeit beschäftige ich mich mit einem frühen Werk von ihm. Sein Titel: "Psychologie ohne Bewusstsein. Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie."
Schon in den einleitenden Vorbemerkungen deutet Bruder an, dass und auf welche Weise die Sozialwissenschaften auf den Hund gekommen sind. Das ist auch meine Meinung: der sozialwissenchaftliche Diskurs ist bis heute vom Behaviorismus mehr inspiriert als uns allen lieb sein kann; wir ahnen kaum, wie sehr.
Das ist über weite Strecken Thema des 4. Teils "Die Politisierung des Bürgers". Dort versuche ich u.a. zu zeigen, dass Texte von Habermas und mehr noch von Detel behavioristische Elemente aufweisen, von denen ihre Autoren nicht unbedingt etwas wissen müssen, vielleicht auch nicht wissen wollen, dass dem so ist. Den Behaviorismus kann man spüren, wenn man in ihre Sätze hineinhorcht: wenn man sich bemüht, ihre "versteckten" Botschaften zu entschlüsseln, also Hermeneutik betreibt, das Thema von Detels doch sehr beeindruckendem Hauptwerk "Geist und Verstehen".
Analyse bedeutet also ferner, versteckte Botschaften von Sätzen auch denen, die sie absondern, zugänglich zu machen, also das Innenleben der Autoren von Sätzen wie das Innenleben des Interpreten von Sätzen einzubeziehen. Und dies setzt wiederum voraus, in der Lage zu sein, Gefühle als Ressourcen menschlicher Verständigung aufzufassen: Gefühle auf eine Weise zu verhandeln, dass soziale Strukturen neu belebt oder ganz neu ausgebildet werden können. Daher der Untertitel von "Die Politisierung des Bürgers"; er lautet: "Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen". Die Fähigkeit dazu dünnt in unserer Gesellschaft allerdings immer mehr aus.
Die wenigsten Bürger ahnen, dass schon sehr einfache Sätze der Interpretation (Einbe- ziehung des Innenlebens) bedürfen. Sie denken, es gibt soziale Sachverhalte, die sich in Sätzen beschreiben lassen, die jene Sachverhalte eindeutig, so und nicht anders, identifizieren, so dass das Innenleben, das eben nicht, wie der reinrassige Behaviorist denkt, vorhersehbar tickt oder funktioniert (Sätze absondert), keine Rolle spielen muss.
Nehmen wir z.B. einen sehr einfachen Satz von Marx, der sich mit Feuerbach beschäf- tigt. Er lautet sinngemäß: "Die Philosophen haben die Welt immer nur interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern."
Nach meinem Verständnis nimmt der Satz etwas vorweg, das seinem Autor noch gar nicht so klar sein konnte, weil es die Psychoanalyse noch gar nicht gab, das ich aber dennoch als "analytisch", das Innenleben einbeziehend, bezeichnen möchte: Menschen interpretieren die soziale Praxis (Welt); das heißt, sie entwickeln Vorstellungen über die soziale Praxis, allerdings konfliktscheu (mit Angst besetzt): ohne Neigung, diese ihre Vorstellungen an jener sozialen Praxis zu überprüfen.
Um es mit Marx weniger psychoanalytisch gefärbt zu sagen: sie erwarten, dass die soziale Praxis zum Gedanken (zur Interpretation) drängt (so in der Art: im Anfang war das Wort), anstatt dass der Gedanke zur sozialen Praxis drängt. Im wesentlichen weil sie, nunmehr "analytischer" gesprochen (negative Gefühle oder Ängste verdrängend, abspaltend), denken, ihre Vorstellungen würden die soziale Praxis so abbilden, wie sie ist oder wie sie sein sollte (so und nicht anders) - ein Thema, das sich durch alle 4 Teile von "Die Politisierung des Bürgers" zieht.
Herzliche Grüße
Franz Witsch