Die Politisierung des Bürgers, 4. Teil: Theorie der Gefühle
von Franz Witsch
Ein Vorwort von Klaus-Jürgen Bruder*
Die Politisierung des Bürgers (DPB) ist die gründliche Dokumentation der Zerstörung der Bedingungen der Politisierung und der Notwendigkeit ihrer Wiedergewinnung, die die Marxsche Theorie an ihre Grenzen und zugleich weiterführt. Sie geht davon aus, dass der von Marx herausgearbeitete Zwang zur Mehrwertproduktion die Gesellschaft nach wie vor nicht nur beherrscht, sondern mittlerweile ihre Strukturen schon dem Augenschein nach zerstört; so dass mit ihm alle Versuche, den Kapitalismus menschlicher zu machen, als Investition in ihr Scheitern eingeordnet werden können. Gleichzeitig sind damit aber noch nicht jene menschlichen Verhältnisse wie von selbst erreicht, die bei Marx die bewusste und entschiedene Abschaffung der Mehrwertproduktion durch die Menschen selbst zur Voraussetzung haben. Diese steht immer noch aus.
Das Dilemma besteht darin, dass die Versuche, den Kapitalismus, also den Zwang zur Mehrwertproduktion zu erhalten, zugleich jene – subjektiv-moralischen – Voraussetzungen seiner Überwindung zerstören. So gesehen stellt sich die Frage, wie die Mehrwertproduktion an ihr Ende kommen kann: aus ihrer eigenen Logik heraus ohne revolutionäre Nachhilfe? Für Witsch ist offensichtlich, dass alle Versuche, den Kapitalismus zu retten, in den Worten von Habermas: zu zivilisieren (S.217f), sinnlos sind, ja nur noch zerstörerische Auswirkungen haben. Hinzu kommt, dass die überwiegende Mehrheit der Bürger dem Abbau des Sozialstaats tatenlos zusieht; zu befürchten ist, dass sie bis hin zu seiner vollständigen Vernichtung zusehen – heute auf europäischer Ebene.
Die These vom Ende des Zwangs zur Mehrwertproduktion aus der Logik der Entwicklung der Mehrwertproduktion selbst zu beurteilen, liegt allerdings außerhalb des Feldes der Psychologie und der dort gegebenen Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung. Der Psychologe kann nur Vermutungen über die Wirkung dieser These anstellen: sie könnte eher dazu führen, dass man die Skrupellosigkeit der Mächtigen und Herrschenden aus den Augen verliert und damit die Notwendigkeit des Kampfes gegen diese, als dass sich die Unmöglichkeit der Rettungsversuche erweist. Um das zu vermeiden, plädiert Witsch für eine Trennung von Ökonomie und Moral (WIF-SUL): die Moral u.a. mit den Methoden der Psychoanalyse und Psychologie unabhängig von technisch-ökonomischen Imperativen zu analysieren.
In diesem Zusammenhang erscheint mir eine Unterscheidung, die Franz Witsch macht, durchaus auch als eine für die Psychologie und damit für eine durch die Kritik der Psychologie fundierte Gesellschaftsanalyse wichtige hervorzuheben: die zwischen “Subjekt”, “Gesellschaft” und “sozialer Struktur”. Ich halte diese Unterscheidung für die Entscheidende in der Analyse der Vermittlung zwischen Macht und den der Macht Unterworfenen. Auf der Nichtbeachtung dieser Unterscheidung beruhen die – psychologischen – Wirkungen der Macht wie der Verdeckung dieser Macht. Wie ist das zu verstehen?
Zunächst können wir davon ausgehen, dass gesellschaftliche Macht, die Macht der Mächtigen, der Herrschenden letztlich auf ihren Möglichkeiten beruht, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der weniger Mächtigen so zu gestalten, dass diese tun, was jene wollen. Die Mittel, die sie dabei benützen, sind vielfältig. Immer aber müssen sie, wie Foucault festgestellt hatte, diese anderen als Subjekt respektieren. Witsch sieht ein wesentliches, ganz generelles Mittel darin, dass Mächtige das, was sie wollen, in Leerbegriffen, wie er sagt (DP3-2.5.2), – ich würde von Allgemeinbegriffen sprechen – beschreiben, so dass sie nicht sagen müssen, was sie für jedes beliebige Subjekt wollen (DP2-3.3.2.2). Damit behaupten sie, wir seien nicht der Macht Unterworfene, sondern selbstbestimmte Subjekte, wir führten unseren eigenen Willen aus und nicht den der Herrschenden. Darin besteht der harte Kern der Ideologie des selbstbestimmten Subjekts, ob des Neoliberalismus oder des alten Liberalismus, spielt dabei keine Rolle. Es ist überdies ein behauptetes Respektieren, das in allererster Linie dargestellt wird und zwar in den dafür eingerichteten Medien, die sich auch so nennen. Sie sind tatsächlich das Medium, das die Macht als Verbindung zu den ihr Unterworfenen einrichtet.
Die Aufgabe, Funktion der Medien ist es, etwas zu behaupten, darzustellen, – und damit Wirklichkeit werden zu lassen, indem es wirklich erscheint, behauptet wird. Diese Wirklichkeit, die die Medien schaffen, ist nicht die Wirklichkeit, wie sie ist, sondern, wie sie uns gezeigt wird, wie wir sie wahrnehmen sollen, für Wahr nehmen: die Figur des Simulacrums (Baudrillard) bzw. der performativen Rede, der Performanz durch Behaupten, es sei so, wie behauptet, indem es behauptet wird (Austin, Searle).
Es gibt aber die andere Wirklichkeit noch: wir spüren ihre Konsequenzen, die Wirkungen ihrer Macht, sie wird uns durch die Darstellung der Medien nur versteckt. Bourdieu hat deshalb für die Arbeit der Medien die Formel Verstecken durch Zeigen geprägt.
Wir aber reagieren auf das, was man uns zeigt, machen uns unsere Gedanken – wenn wir sie nicht direkt den Behauptungen der Medien entnehmen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass man uns nicht alles zeigt, bzw. gar das Entscheidende vorenthält, wir haben nichts anderes als das, was man uns bietet, an dem wir uns orientieren, worauf wir reagieren können.
Wenn die Macht die Subjekte als Subjekte ansprechen muss, dann können wir im Sprechen auch das entscheidende Medium der Psychoanalyse erkennen: deren zentrale Stellung ist in diesem Sprechen begründet: Freud hatte bereits Psychoanalyse dadurch definiert, dass zwei miteinander reden. In diesem Reden zwischen Zweien haben wir die Grundstruktur der Beziehung zwischen (zwei) Subjekten. Sie ist durch das Sprechen vermittelt. Eine Beziehung zwischen Zweien könnte auch durch etwas anderes vermittelt sein, durch eine gemeinsame oder arbeitsteilig organisierte Tätigkeit, durch Spiel, Zärtlichkeit, Sexualität. Immer aber ist das Reden, das Sprechen die privilegierte, weil alle anderen Formen sozusagen deutende Vermittlung.
Diese Grundstruktur ist das, was Witsch soziale Struktur nennt und zwar in Abgrenzung zum Begriff der Gesellschaft, die für ihn primär ein Allgemeininteresse in Gestalt von Grundrechten repräsentiert: das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit begründet, das das Recht auf keine Armut und keinen Arbeitszwang einschließt, die jedes beliebige Subjekt unmittelbar einklagbar in Anspruch nehmen können muss, wenn man es denn als gesellschaftliches Wesen begreifen will, und wenn dem Begriff Gesellschaft überhaupt eine Bedeutung in Abgrenzung zum Begriff soziale Struktur zukommen soll.(WIF-SUL)
Die begriffliche Nicht-Unterscheidung zwischen sozialer Struktur, in der Subjekte unmittelbar miteinander verkehren, und Gesellschaft ist das Mittel der Medien, der Herrschaftsvermittlung. Wir sehen diese Nicht-Unterscheidung tagtäglich in gefühlsgeladenen Inszenierungen, in den Medien, wenn politische Entscheidungen, politische Strategien erklärt und zurückgeführt werden auf Beziehungen zwischen Politikern, Personen, auf ihre Fähigkeiten, Stärken und Schwächen, um diese mit den Gefühlen: Hoffnungen und Ängsten der Unterworfenen zu verbinden. Das gelingt, weil das Subjekt den gesellschaftlichen Kontext primär nicht über Grundrechte (die allen Menschen zukommen, und zwar unabhängig wie und was wir ihnen gegenüber fühlen), sondern im fürsorglichen und integren Politiker (Staat) repräsentiert sieht – ein fatales Fühlen, das in den gesellschaftlichen Kontext hineinprojiziert wird, so dass sich dieser auf Gefühle reduziert, bzw. sich im Gefühl aufgelöst sieht. (DP3,138-146,165f) An dieser Stelle zeigt sich die Illusion von einem selbstbestimmten Leben. Die dem zugrundeliegenden Erklärungen verdecken die tatsächlichen Bedingungen und Gründe der Entscheidungen und Prozesse, die Gesetze der Macht und des Marktes, des Kapitalismus, der Mehrwertproduktion, bzw. des Zwanges zu dieser.
Die Charaktere der handelnden Personen sind eher Ausdruck der und Antwort auf die Erfordernisse, innerhalb der kapitalistischen Produktion und Verfasstheit der Lebenszusammenhänge zu handeln, so wie, mit Marx gesprochen, “die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.”(Das Kapital. MEW Bd. 23, S. 100).
Die psychologischen Erklärungen dagegen erfüllen allerdings ihren ganz anderen Zweck: sie stellen die als Charaktermasken fungierenden Personen, Politiker, Unternehmer usw. auf unsere Stufe der Erfahrung: der Vergleich der Kanzlerin mit der Mutti oder mit einem strengen oder schwachen, verständnisvollen oder begriffsstutzigen Vater, oder anderen Verwandten ist sprichwörtlich. Wir können (und sollen) darin die Sorgen und Nöte der Familienmitglieder verstehen und damit auch die Härten, die uns treffen, erdulden. Unser Fühlen in die Figuren projizieren, die den gesellschaftlichen Kontext repräsentieren; das schließt die begriffliche Identität von sozialer Struktur und Gesellschaft ein, so dass wir das, was von Oben kommt, hinnehmen, u.a. Folter an einem Kindesentführer oder Terroristen – eben ganz besondere Härten aufgrund ganz besonders böser Taten.
Auf dieser Ebene heißt etwas verstehen tatsächlich es hinnehmen (wenn auch nicht akzeptieren), nichts dagegen unternehmen – und sei es, weil man nichts dagegen unternehmen kann – ohne einen Preis dafür zu zahlen, den man nicht zahlen will. Darin gründet die Psychologisierung der Herrschaftsverhältnisse als entscheidendes Mittel, mit dem die Loyalität der Beherrschten hergestellt wird – weit über die ökonomische Zufriedenstellung der Bevölkerung hinaus, so weit, dass sie ihre Unterdrückung selber wollen. Um es mit Anti-Ödipus zu sagen: sie gehen dafür auf die Straße. Darin liegt zugleich die Bedeutung, die dieser Psychologisierung zugrunde liegende Verleugnung der Differenz zwischen sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen heraus gearbeitet zu haben. Diese Differenz bedarf umgekehrt einer Berücksichtigung gesellschaftlicher Verhältnisse in der Psychologie (und Psychotherapie).
Die Diskussion darüber begleitet die Geschichte der Psychoanalyse. Die überwiegende Mehrzahl der Psychoanalytiker sperrt sich dagegen, die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Psychoanalyse zur Kenntnis zu nehmen, überhaupt zu sagen, was man für alle Menschen einer Gesellschaft, auch für Straftäter, will: einklagbare Grundrechte, um überhaupt erst ein Verhältnis des Subjekts zur gesellschaftlichen Realität zu ermöglichen. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse werden als äußere Realität von der inneren als dem eigentlichen Gegenstand der Psychoanalyse abgetrennt.
Wenn aber Psychoanalyse das Sprechen zwischen Zweien ist, dessen Ziel es ist, das Unbewusste ins Sprechen zu bringen (das “volle” Sprechen: Lacan), so kann dieses nur dadurch erreicht werden, indem das (“leere”) Sprechen von allen Fesseln der – gesellschaftlichen – Rücksichtnahmen befreit wird: d.i.: das Unbewusste aus den Fesseln des Diskurses der Macht zu befreien.
Vor fast 40 Jahren hatte Paul Parin diese Forderung wieder erhoben, die gesellschaftliche Realität nicht aus der Psychoanalyse auszuschließen, sondern sie explizit in die psychoanalytische Therapie einzubeziehen, indem Ergebnisse der Gesellschaftstheorie und Kritik in die Deutungsarbeit eingebracht werden: “Gesellschaftskritik im Deutungsprozeß” (Parin 1975). Der Analysand sollte dadurch in die Lage versetzt werden, seine Problematik nicht nur als Resultat seiner individuellen und insofern zufälligen Biographie zu deuten, sondern sie zugleich als Ergebnis einer von bestimmten Machtstrukturen gekennzeichneten Gesellschaft zu verstehen. Dadurch würde sich die Analyse selbst vertiefen.
Inzwischen – Parins Vorschläge sind ohne Nachfolge geblieben – haben wir ein neues Stadium erreicht: nun kommt diese äußere Realität, vor der die Psychoanalyse so gerne ihren Blick abwendet, über sie und entzieht ihr auch noch die bisherigen Bedingungen ihrer Arbeit. Nun geht es nicht mehr – wie noch bei Parin – um die Vollständigkeit bzw. Unvollständigkeit der Analyse, sondern um ihre Arbeitsbedingungen selbst. Es geht nicht mehr nur darum, die gesellschaftliche Realität in der psychotherapeutischen Praxis (im Deutungsprozess) sichtbar werden zu lassen, sondern inzwischen müsste der Analytiker die Bedingungen und Voraussetzungen dieser Praxis selbst verteidigen, also: aus den Grenzen (sic!) seines Settings heraustreten, in die Öffentlichkeit, vor deren grellem Licht ihn bisher die Abstinenz vermeintlich geschützt hatte.
In einem viel beachteten Beitrag “Verstehen nach Schemata und Vorgaben? Die ethischen Grenzen einer Industrialisierung der Psychotherapie” (Psychotherapeutenjournal 2/2011,132-138) stellte Giovanni Maio fest: die gegenwärtige Psychotherapie sei wie viele andere Bereiche unserer Gesellschaft auch dem Diktat der Ökonomie so weit unterworfen, dass darunter ihre ureigene Identität verloren zu gehen droht, nämlich ihre Identität als verstehende Sorge um einen leidenden Menschen. Unter dem Druck der Ökonomisierung gehe der Begegnungscharakter der Psychotherapie verloren, das Singuläre und Unverwechselbare der Begegnung werde ausgeblendet. An die Stelle der Vertrauensbeziehung trete eine Vertragsbeziehung, eine sachliche statt einer persönlichen Beziehung. Der Patient [iS eines Not leidenden Hilfesuchenden] ist stattdessen Konsument geworden, ein anspruchsvoller Verbraucher von Gesundheitsleistungen, ein Kunde. Mit der Ökonomie komme durch die Hintertür die Vorstellung der wissenschaftlichen Machbarkeit hinein, die in den Kategorien der Naturwissenschaft den Menschen als Maschine sehe. Hier spreche man von evidenzbasierter Wissenschaft, von verobjektivierbarer Wirksamkeit, mit der jede Krankheit und Krise steuerbar, planbar, behebbar ist, wenn man das richtige Mittel anwendet (S.135). Daher werde nach einem Schema gesucht, nach einem standardisierten Verfahren, weil sich innerhalb vorgegebener Schemata besser abrechnen lässt, aber nicht nur deshalb, sondern weil die Schemata versprechen, dass man Psychotherapie auch effizienter, schneller, ergiebiger machen kann. Das aber gehe an dem Kern der Psychotherapie vorbei, und dieser Kern sei ja die Beziehung, die Zuwendung, das authentische Verstehen: darin liege das Heilsame der Psychotherapie, und dies könne nicht reduziert werden auf evidenzbasierte Verfahren, auf messbare Parameter (S.136). Die Auswirkungen der Ökonomisierung seien deswegen besonders prekär, weil sie nicht nur den äußeren Rahmen psychotherapeutischer Arbeit diktieren, sondern weil sie zu einem allmählichen inneren Bewusstseinswandel führen, der sich schleichend und kaum merklich vollzieht.
Nun rächt es sich, dass die Psychoanalyse die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zur Kenntnis genommen hat, dass sie die sozialen Probleme nicht in den Blick genommen hat. Eigentlich ist es doch so: die Psychoanalyse hat über Generationen hinweg die Realität vernachlässigt, als äußere Realität aus ihrem Horizont ausgeschlossen. Und jetzt überfällt diese sie hinterrücks. Darauf ist die Psychoanalyse nicht vorbereitet.
Geht es also darum, die Gesellschaftstheorie in die Psychoanalyse hineinzutragen? Machen die Psychoanalytiker das nicht immer schon? Oder geht es nicht vielmehr darum, sich das bewusst zu machen und in die Analyse einzubringen.
Gesellschaftstheorie trägt der Tatsache Rechnung, dass wir gesellschaftliche Wesen sind. Gesellschaftstheorie ist also notwendiger Teil der Selbstreflexion, Selbstvergewisserung, Selbstbestimmung. Sie aus der Psychoanalyse auszuschließen widerspricht dem Anspruch der Psychoanalyse nach Selbstreflexion als Bewusstmachung.
Nicht jede Gesellschaftstheorie fördert die Aufgabe, die Freud dem aufklärerischen Projekt der Psychoanalyse gestellt hat: Zu diesem Punkt gibt es eine klare Aussage von Freud: “Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche […] es nicht darüber hinaus gebracht hat, daß die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Mehrzahl, zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen gegenwärtigen Kulturen der Fall”, “weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.”(Freud 1927: “Die Zukunft einer Illusion”, S. 333).
Eine Gesellschaftstheorie, die diesen Zustand beschönigt, verteidigt oder verleugnet, kann nicht im Sinne des Erfinders der – mit aufklärerischem Auftrag in die Welt geschickten – Psychoanalyse gewesen sein. Freud nennt sie eine Illusion, und formuliert damit die Aufgabe der Psychoanalyse als die Befreiung von dieser Illusion: “Das Ende der Illusion”. Das Ende dieser Illusion wäre erreicht, wenn die Analyse an ihr Ende gekommen ist. Freud hat das Sprechen des Subjekts in der Analyse als den Weg zu diesem Ende gesehen. Der Analytiker: der Begleiter auf diesem Weg, seine Deutung: der Kommentar des Sprechens des Analysanden, wie Bedingung, Förderung, Erleichterung seiner Befreiung, Lockerung der Zwänge der Affirmation, Resignation, der Illusion. Echo der Deutung, die der Analysand seinem Sprechen selbst gegeben hat.
Der Analysand deutet immer und vor jeder Deutung des Analytikers (Laplanche). Seine Deutung begleitet, kommentiert sein Sprechen (und Handeln) bereits selbst. Für gewöhnlich ist diese Deutung des Analysanden in der Illusion befangen. Die Deutung des Analytikers kann eine andere sein, allein indem sie der Illusion den Spiegel vorhält, stärkt sie die Lockerung der Fessel der Illusion.
Was Freud Illusion nannte, hatte Marx der Ideologie zugerechnet. Damit war er einen (oder viele) Schritt(e) über Freud hinaus gegangen: Illusion ist Privatsache, eine persönliche Verrücktheit, wenn vielleicht auch vieler; Ideologie oder der Ideenhimmel, wie Marx auch sagte, ist das, was sich über dem Boden, dem Alltag einer Gesellschaft hält, ihr Spiegel, in dem sie sich sieht, sehen möchte, bzw. in dem die Mitglieder derjenigen Klasse, die über diese Gesellschaft herrschen, möchten, dass die übrigen Mitglieder der Gesellschaft die Gesellschaft sehen.
Diesen Schritt über Freud hinaus ist es, den Parin zu gehen vorschlägt, und der gleichzeitig die Schwierigkeit der Aufklärung und Selbstfreisetzung benennt: der Illusion den Spiegel vorhalten vermag nur, wer sich seiner Gesellschaftstheorie bewusst geworden ist und des Wissens, dass Selbstreflexion und Selbstfreisetzung ohne bewusste gemachte Gesellschaftstheorie nicht möglich ist: Theorie der gesellschaftlichen Emanzipation.
Es ist der Diskurs der Macht, der die Illusion ständig reproduziert; das Denken in seinen Fesseln hält. Die Deutung vermag die Befreiung des Denkens aus den Klauen des Diskurses der Macht zu erleichtern, indem sie als Echo des Sprechens des Analysanden zu dessen Selbstfreisetzung beiträgt, wenn sie aus einer Gesellschaftstheorie heraus formuliert wird, die die gesellschaftlichen Zwänge und Illusionen als solche und als zu überwindende benennt.
Ich habe viel davon bei Franz Witsch in anderer Sprache wieder gefunden. Ich habe seine Schriften gelesen – nicht nur: ich habe mit ihm einen Gedankenaustausch angefangen. Er kann Wertvolles und Wichtiges zu dieser Diskussion beitragen, – wenn ihn denn die Analytiker zur Kenntnis nehmen wollten.
Abkürzungen: Siehe Die Politisierung des Bürgers, 2.TeilBei buecher.de (Leseprobe)
www.buecher.de/shop/fachbuecher/die-politisierung-des-buergers-2-teil-mehrwert-und-moral/witsch-franz/products_products/detail/prod_id/36849708/
Quellen:
WIF-SUL: Franz Witsch, Sozialintegration und Lernen. Vortrag auf der Jahrestagung der NGfP (Neue Gesellschaft für Psychologie) in Berlin vom 7. bis 10. März 2013
www.film-und-politik.de/NGfP-SuL.pdf
DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: Zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009
DP2: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012
DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral, Norderstedt 2013
DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Vierter Teil: Theorie der Gefühle, voraussichtlich Juli/August 2013 im Buchhandel
*Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-J%C3%BCrgen_Bruder