Die Partei wurde liquidiert, und von den Kommunisten und dem Proletariat nahm man keine Notiz
von Enver Hoxha - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
»Die Analyse der Tatsachen führte unsere Partei zu einigen allgemeinen und beson- deren Schlussfolgerungen, die sie wachsam werden ließen, doch sie vermied eine Pole- mik mit der Kommunistischen Partei Chinas und mit den chinesischen Führern, nicht weil sie Angst davor hatte, mit ihnen zu polemisieren, sondern weil die Fakten, die ihr in bezug auf den falschen, antimarxistischen Weg dieser Partei und Mao Tse-tungs selbst vorlagen, nicht vollständig waren, noch keine endgültige Schlussfolgerung zuließen. Auf der anderen Seite stellte sich die Kommunistische Partei Chinas eine Zeitlang gegen den amerikanischen Imperialismus und die Reaktion.
Ebenso bezog sie gegen den sowjetischen Chruschtschowrevisionismus Stellung, unab- hängig davon, dass inzwischen klar ist, dass ihr Kampf gegen den Sowjetrevisionismus nicht von richtigen prinzipienfesten marxistisch-leninistischen Positionen diktiert war.
Außerdem hatten wir keinen vollständigen Einblick in das politische, ökonomische, kul- turelle, gesellschaftliche und sonstige innere Leben in China. Die Organisation der Partei und des Staates in China ist uns immer verschlossen geblieben.
Die Kommunistische Partei Chinas gab uns keine Möglichkeit, die Organisations- formen der chinesischen Partei und des chinesischen Staates zu studieren. Wir albanischen Kommunisten hatten nur eine ungefähre Vorstellung von der allgemeinen staatlichen Organisation Chinas und nicht mehr; sie räumten uns nicht die Möglich- keiten ein, uns mit der Erfahrung der Partei in China vertraut zu machen, zu sehen, wie sie vorging, wie sie organisiert war, welche Richtungen die Arbeit in verschiedenen Bereichen genommen hatte und wie diese Richtungen konkret aussahen.
Die chinesischen Führer gingen schlau vor. Viele Dokumente, die nötig gewesen wären, um die Tätigkeit der Partei und des Staates in China kennenzulernen, haben sie nicht publik gemacht. Sie hüteten und hüten sich sehr vor der Veröffent- lichung ihrer Dokumente. Auch die wenigen Dokumente, die veröffentlicht sind und zur Verfügung stehen, sind fragmentarisch. Und die vier Bände mit Maos Werken, die man offiziell nennen kann, enthalten nicht nur ausschließlich Materialien, die bis zum Jahr 1949 geschrieben wurden, sondern diese sind auch noch sorgfältig zurechtgemacht, so dass sie kein exaktes Bild der realen Situation in China geben.
Die politische und theoretische Darstellung der Probleme in der chinesischen Presse, von der Literatur, die total konfus war, ganz zu schweigen, hatte nur propagandistischen Charakter. Die Artikel strotzten von typisch chinesischen schablonenhaften, arithmetisch ausgedrückten Formeln, etwa ›die drei guten und die fünf schlechten Dinge‹, ›die vier Alten und die vier Neuen‹, ›die zwei Beachtungen und die fünf Selbstkontrollen‹, ›die drei Wahrheiten und die sieben Lügen‹ usw. usf. Die ›theoretische‹ Ausdeutung dieser arithmetischen Ziffern bereitete uns, die wir darin gewöhnt sind, der traditionellen marxistisch-leninistischen Theorie und Kultur gemäß zu denken, zu handeln und zu schreiben, Schwierigkeiten.
Die chinesischen Führer unterließen es, eine Delegation unserer Partei zu einem Besuch zwecks Studium ihrer Erfahrungen einzuladen. Und auch wenn irgendeine Delegation mit einem Anliegen unserer Partei hinfuhr, betrieb man ihr gegenüber eher Propaganda und führte sie dahin und dorthin zu Besuchen in Kommunen und Fabriken, als dass man ihr über die Arbeit der Partei Aufklärung gegeben oder Erfahrungen mitgeteilt hätte. Und wem gegenüber nahmen sie diese merkwürdige Haltung ein? Gegenüber uns, den Albanern, ihren Freunden, die wir sie in den schwierigsten Situationen verteidigt haben. All diese Handlungen waren uns unverständlich, aber auch ein Signal, das zeigte, dass die Kommunistische Partei Chinas uns kein klares Bild von ihrem Zustand geben wollte.
Noch mehr aber ließ die Kulturrevolution unsere Partei aufhorchen, die bei uns einige große Fragezeichen entstehen ließ. Während der Kulturrevolution, die Mao Tse-tung auslöste, fielen an der Tätigkeit der Kommunistischen Partei Chinas und des chinesischen Staates seltsame politische, ideologische und organisatorische Ideen und Handlungen auf, die nicht auf den Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin basierten. Als unsere Partei die früheren zweifelhaften Handlungen wie auch jene einschätzte, die während der Kulturrevolution zu konstatieren waren, besonders aber, als sie die Ereignisse nach dieser Revolution bis heute einschätzte, den Aufstieg und Niedergang der einen oder der anderen Gruppe in der Führung – heute der Gruppe von Lin Piao, morgen der von Deng Hsiao-ping oder eines Hua Kuo-feng usw. – von denen jede ihre eigene, den anderen entgegengesetzte Plattform hatte, veranlasste all dies unsere Partei dazu, sich weiter in die Ansichten und Handlungen Mao Tse-tungs und der Kommunistischen Partei Chinas zu vertiefen und die ›Maotsetungideen‹ genauer kennenzulernen. -
Es schien uns keine revolutionäre Haltung zu sein, als wir sahen, dass die Kulturrevolution nicht von der Partei geführt wurde, sondern ein chaotischer Ausbruch auf einen von Mao Tse-tung erlassenen Aufruf hin war. Maos Autorität in China brachte Millionen unorganisierte Jugendliche, Studenten und Schüler auf die Beine, die nach Peking marschierten, zu den Parteikomitees und den Komitees der Staatsmacht, die sie auflösten. Es hieß damals, diese Jugendlichen verträten in China die ›proletarische Ideologie‹ und würden der Partei und den Proletariern den ›wahren‹ Weg lehren!
Eine solche Revolution, die ausgeprägten politischen Charakter trug, wurde Kulturrevolution genannt. Für unsere Partei war die Bezeichnung nicht exakt, weil in China in Wirklichkeit einepolitische und nicht kulturelle Bewegung ausgebrochen war. Das Wichtigste aber war die Tatsache, dass diese ›große proletarische Revolution‹ weder von der Partei noch vom Proletariat geführt wurde. Diese schwierige Situation hatte ihre Quellen in den alten antimarxistischen Vorstellungen Mao Tse-tungs in puncto Unterschätzung der führenden Rolle des Proletariats und Überschätzung der Jugend in der Revolution. Mao hatte geschrieben: ›Welche Rolle hat die chinesische Jugend seit der Zeit der ‘4. Mai-Bewegung’ zu spielen begonnen? Sie hat begonnen, in gewissem Sinne die Rolle der Vorhut zu spielen. Das erkennen alle in unserem Land an, mit Ausnahme der ultrareaktionären Menschen. Was heißt das, die Rolle der Vorhut zu spielen? Das heißt, die Rolle des Führers zu spielen ...‹ (Mao Tes-tung, Ausgewählte Werke, Bd. 3, alb. Ausgabe, S. 19.)
So ließ man die Arbeiterklasse außer acht, und es gab viele Fälle, in denen sie gegen die Rotgardisten war, sogar auch Zusammenstöße mit ihnen hatte. Unsere Genossen, die sich damals in China aufhielten, sahen mit eigenen Augen die Arbeiter der Fabriken gegen die Jugendlichen kämpfen. Die Partei wurde aufgelöst. Sie wurde liquidiert, und von den Kommunisten und dem Proletariat nahm man keine Notiz. Dies war eine sehr schwierige Lage.
Unsere Partei unterstützte die Kulturrevolution, weil die Siege der Revolution in China in Gefahr waren. Mao Tse-tung selbst sagte uns, die Partei und der Staat dort seien von der Renegatengruppe Liu Schao-tschis und Deng Hsiao-pinge usurpiert worden und die Siege der chinesischen Revolution seien in Gefahr. Unter diesen Bedingungen unterstützte unsere Partei die Kulturrevolution, unabhängig davon, wer die Verantwortung dafür trug, dass die Geschichte so weit gediehen war. Unsere Partei verteidigte das chinesische Brudervolk, die Sache der Revolution und des Sozialismus in China und nicht den Fraktionskampf der antimarxistischen Gruppen, die aufeinanderprallten und sich Auseinandersetzungen lieferten, sogar bewaffnet, um die Macht zu übernehmen. «
Quelle: Enver Hoxha: Imperialismus und Revolution. Verlag „8. Nëntori“, Tirana 1979. Vgl.: Die „Maotsetungideen“ – eine antimarxistische Theorie.