Die Papstkirche als Ausbeuter
von Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Kaiser, Fürsten und Herren suchten von dem wirtschaftlichen Aufschwung soviel als möglich zu profitieren, beuteten Bürger und Bauern aus und setzten die so gewonnenen Mittel für die Durchsetzung ihrer eigennützigen Ziele ein. Das gleiche tat – zum Teil in Konkurrenz mit den weltlichen Herren – einer der größten Ausbeuter: die Papstkirche.
Die römisch-katholische Kirche hatte sich während des Mittelalters zu einer politisch und ökonomisch bedeutenden Macht in Europa entwickelt. Als der größte aller Feudalherren besass sie riesigen Grundbesitz, auf dem sie die Bauern häufig noch stärker als die weltlichen Feudalherren ausbeutete. -
Ihre Lehren waren für das gesamte Denken verbindlich und alleingültig; wer anders dachte, als es die Kirche gestattete, wurde als Ketzer verfolgt. Die Kirche beherrschte das ganze Leben der Menschen, da Gott in der damaligen Vorstellungswelt den zentralen Platz einnahm. -
„Sie umgab die Feudalverfassung mit dem Heiligenschein göttlicher Weihe.“ Gestützt auf seine Position als Stellvertreter Christi auf Erden und eine hierarchisch abgestufte Organisation der Kirche betrieb der Papst weltliche Machtpolitik. Friedrich Engels bezeichnete die Papstkirche als das „große internationale Zentrum des Feudalsystems“ [1]
Mit dem Fortschritt der Warenwirtschaft war auch die Kirche von einer unersättlichen Geldgier erfasst worden. Besonders in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts, als während des sogenannten Schismas zwei Päpste existierten, wurde in Avignon ein ganzes System finanzieller Forderungen ausgeklügelt, das den enorm gestiegenen Geldbedarf der Kurie decken sollte. Freigewordene kirchliche Ämter und Pfründen wurden künftig an die Meistbietenden verkauft, der Klerus zu verschiedenartigen Steuern und Abgaben verpflichtet, die dieser wiederum auf Bürger und Bauern abwälzte.
Bereits damals setzten innerhalb und außerhalb der Kirche Reformbemühungen ein. Besondere Hoffnungen wurden an die beginnende Konzilsbewegung geknüpft. Doch die Konzillien vermochten zwar die Kirchenspaltung zu beenden, nicht aber grundlegende Reformen durchzusetzen. Bis ins ausgehende 15. Jahrhundert wuchsen die Widersprüche zwischen den kirchlichen Missständen und Ausbeutungspraktiken einerseits und den Erfordernissen der gesellschaftlichen Entwicklung andererseits noch ungemein an.
Inzwischen war es den erstarkten westeuropäischen Monarchien gelungen, sich dem Zugriff der Papstkirche weitgehend zu entziehen. Unter Ausnutzung antipäpstlicher Stimmungen aus der Zeit der großen Konzilien hatte bereits 1438 der französische König auf einem Nationalkonzil die „Gallikanischen Freiheiten“ verkündet, die die Abhängigkeit des französischen Episkopats von Rom stark lockerten. Schließlich gelang es 1516, den Papst zu einem Konkordat zu zwingen, in dem er einen wesentlichen Teil der vorher einseitig verkündeten Maßnahmen bestätigte. Die Kirche wurde zu einem Machtinstrument des Königs.
In England hatte sich bereits im 14. Jahrhundert die Abhängigkeit der Kirche von Rom gelockert. Dem Papst wurde das Recht auf Stellenbesetzung sowie die Gerichts- und Finanzhoheit fast völlig entzogen; der Staat verfügte über die Verteilung der Pfründen, über das Kirchengut und das Einkommen des Klerus; die geistliche Gerichtsbarkeit war auf ein Mindestmaß reduziert.
Noch stärker war das staatliche Kirchenregiment bei den „katholischen Königen“ in Spanien ausgebildet. Hier durften nach Abschluss des Konkordats von 1482 Bistümer nur auf Vorschlag der Krone besetzt, päpstliche Bullen seit 1493 nur noch mit Genehmigung des Königs bekanntgemacht werden. Die bereits 1478 in Kastilien eingeführte Inquisition wurde unter dem ersten spanischen Großinquisitor, dem berüchtigten Thomas de Torquemada, zu einem Instrument des Königs.
Die nationale Entwicklung war auch gegenüber dem Papsttum, der zweiten universalen Gewalt des Feudalismus neben dem Kaisertum, im Vordringen. In dieser Situation konzentrierte sich die Papstkirche zunehmend auf die deutschen Städte und Territorien, wo sie im 15. Jahrhundert wegen des Fehlens einer echten Zentralgewalt und der partikularen Zersplitterung eine ungleich stärkere Position behielt als in Westeuropa.
Aus deutschen Gebieten presste sie enorme Summen. Gebühren für Ämterverleihungen wie die Palliengelder der Erzbischöfe, die Servitien für die Bestätigung von Bischöfen und Äbten konnten bei häufigen Wechsel die Verschuldung ganzer Bistümer zur Folge haben. Kommenden für die Erneuerung von Pfründen, Annaten – die Einkünfte des ersten halben Jahres aus neuverliehenen Pfründen –, die Hinterlassenschaft von Bischöfen und die Einkünfte aus nicht besetzten Stellen – alles das und manches andere floss nach Rom. -
Entbindungen von kirchenrechtlichen Vorschriften wurden nach festgelegten Taxen bezahlt; Pilgerfahrten zur Sündenvergebung konnten durch Geld abgelöst werden. Das letztere führte schließlich zum Ablasshandel, durch den Vergebung der Sünden mit Geld erkauft werden konnte, und der besonders seit 1500 in Schwung kam. Verschiedene Steuern, zu deren Einführung offiziell ein Antrag einer fürstlichen oder städtischen Obrigkeit an die Kurie erfolgen musste, wurden häufig vom Papst direkt ausgeschrieben, wie die sogenannten Türkensteuern.
Bei ihren Geldgeschäften machte sich die Kurie das frühkapitalistische Finanzwesen zunutze. Entgegen ihren eigenen kanonischen Zinsverboten betrieb sie umfangreiche Geschäfte mit den großen Handelshäusern und Banken der oberitalienischen Kommunen. Im Reich machte sie die Augsburger Fugger zu ihrer Agentur für die Übermittlung der Gelder nach Rom.«
Anmerkung
1 Friedrich Engels: Einleitung [zur englischen Ausgabe (1892) der „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“]. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 22, S. 299.
Quelle: Illustrierte Geschichte der deutschen frühbürgerlichen Revolution. Dietz Verlag Berlin 1974. Autorenkollektiv: Adolf Laube, Max Steinmetz, Günter Vogler (Leiter). Bildredaktion in Zusammenarbeit mit den Autoren: Renate Weber. Lektoren: Renate Polit, Renate Weber, unter Mitarbeit von Christel Schlotterbeck. Gesamtgestaltung: Eberhard Felz, Wolfgang Janisch, Harry Temme. Gesamtherstellung: Druckerei Fortschritt Erfurt. Vgl.: Das Heranreifen der deutschen frühbürgerlichen Revolution. Wachsende Gegensätze in Staat und Kirche. Die Papstkirche als Ausbeuter.