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Die geostrategische Bedeutung Afrikas für die Volksrepublik China

von Martin Hohnhold - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[Auszug.]
»{...} Der vergessene Kontinent rückt aus wirtschaftlichen Interessen abermals in den Vordergrund der chinesischen Politik. Das durch die USA und die Sowjetunion nach dem Ende des Kalten Krieges hinterlassene Machtvakuum auf dem Kontinent, wollte China als aufstrebende Macht allmählich füllen. Dies hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen war Afrika der letzte Kontinent, auf dem die westlichen Staaten noch nicht komplett Fuß gefasst hatten und sich der Volksrepublik somit die Chance bot, eine größere Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Der zweite Beweggrund ist der Rohstoffhunger des Wirtschaftsgiganten.

Um ein kontinuierliches Wachstum zu gewährleisten ist man zum Beispiel seit 1993 auf Ölimporte angewiesen (Gu 2005: 13). Der Gesamtbedarf an Rohöl betrug in China 2003 rund 252 Millionen Tonnen. Dies entsprach einem Wachstum von 10,5% gegenüber dem Vorjahr. Dagegen schafft die heimische Ölförderung nur eine Wachstumsrate von 1,5%. Dass man sich

somit nach neuen Bezugsquellen umschauen musste, erschien logisch. Knapp 40% des Verbrauchten Öls muss China importieren (Gu 2006: 66), wobei im Jahre 2004 knapp 25% der Erdölimporte aus Afrika stammten (Ulrich/Berié 2006: 173).

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika, welche sich vorrangig auf Westafrika konzentrieren, versucht China vom gesamten Kontinent Öl zu kaufen (Gu 2005: 12). Ob sich China und die USA in der Region Westafrikas in den künftigen Jahren in die Quere kommen, bleibt abzuwarten. Der Ausgang eines möglichen Wettstreites um Erdöl aus dieser Region, könnte zu ungeahnten Auseinandersetzungen zwischen den zwei Großmächten führen.

Die wichtigsten afrikanischen Lieferstaaten sind Angola und der Sudan, wobei 2006 Angola sogar den wichtigsten chinesischen Erdöllieferanten Saudi Arabien hinter sich gelassen hat und nun führender Handelspartner Chinas im Rohstoffbereich Erdöl ist (Grill 2006: 1). Das China diese Tür geöffnet wurde, verdanken sie dem Umstand, dass die Weltbank und der Internationaler Währungsfond Angola, nach dem Ende des Bürgerkrieges, einen Kredit zum Wiederaufbau des Landes auf Grund der gravierenden Korruption verweigerten (Scheen 2006). Peking nutzte diese Chance und sprang kurzerhand ein. Als dieser nahezu ungebundene Kredit gewährt wurde, erhielt das Reich der Mitte prompt den Zuschlag für ein Offshore – Ölfeld im Atlantik und konnte damit die harte Konkurrenz ausschalten (Grill 2006: 3). Im Sudan konnten das chinesische Erdölunternehmen CNPC relativ ungehindert eine Vormachtstellung auf dem dortigen Erdölmarkt aufbauen, nachdem die Sanktionen westlicher Staaten den eigenen Unternehmen den Ausbau der eigenen Position verhinderten. Durch das Veto Chinas im Sicherheitsrat 2004 erreichte man zusätzlich eine Festigung des Status quo im Sudan (Tull 2005:26). Die Ölinteressen Chinas gerieten somit nicht in Gefahr.

Im Jahr 1998 wurde, auf der Grundlage eines Strategieplanes des Verteidigungsministeriums, die Sicherung von Energieträgern in die nationale Sicherheitsstrategie aufgenommen (Tull 2005: 26). Somit kam es zur Vernetzung der Außen-, Sicherheits-und Wirtschaftspolitik, was sich besonders in der Energiepolitik der Volksrepublik wiederspiegelt. Die Frage der Energiesicherung spielt einen, wenn nicht sogar den, bedeutensten Punkt hinsichtlich der Stabilität des Landes. Nur durch eine abgesicherte Energiepolitik kann größtenteils ein stetiges Wirtschaftswachstum innerhalb der Volksrepublik gewährleistet werden. Das Wirtschaftswachstum kann als eine wichtige Voraussetzung gesehen werden, um somit wiederum von inneren Problemen und Spannungen ablenken zu können. Die Energiesicherung stellt den Kitt dar, welcher das System der Volksrepublik zusammenhält. Nur somit ist ein solch hoher Stellenwert der Wirtschaft in der chinesischen Außenpolitik zu erklären.

Afrika stellt, auf Grund seines hohen Anteils an den Ölimporten, ein strategisch wichtigen Eckpfeiler in der chinesischen Energiesicherungspolitik dar. Würde zum Beispiel dieser Eckpfeiler über einen längeren Zeitraum wegbrechen wäre der Erdölbedarf nicht mehr abgesichert. Daraus könnte sich eine ins Stocken geratende Wirtschaft mit allem möglichen Folgen für das System ergeben. Um dem Risiko der Energiesicherung entgegenzuwirken, versucht China seine Erdölbezugsquellen zu diversifizieren, wobei langfristiges Ziel ist, aus den vier Regionen, dem Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien, dem asiatisch – ozeanischen Raum sowie Afrika Erdöl zu beziehen (Gu 2006: 66 – 67). Je mehr sich China von einer Abhängigkeit von wenigen Erdöllieferanten durch seine Diversifizierungsstrategie lösen kann, desto mehr könnte die afrikanische Bedeutung in der chinesischen Politik schwinden. Auf der anderen Seite ist jedoch der afrikanische Kontinent für China, auf Grund der Abwesenheit westlicher Mächte, wirtschaftlich zu interessant um vernachlässigt zu werden.

Afrika spielt für die Volksrepublik aber auch noch aus politischer Sicht eine geostrategische Rolle. Ziel der Politik Chinas ist es, durch die diplomatische Unterstützung der afrikanischen Staaten eine multipolare Weltordnung herzustellen, in der China der Hegemonie der USA entgegentreten kann. Zusätzlich möchte man die eigene regionale Hegemonialstellung aufbauen und aufrechterhalten, sowie Taiwan politisch isolieren. Eine Nichtanerkennung der von China beanspruchten Insel stellt zu mindest die einzige Bedingung da, welche Staaten erfüllen müssen, um eine Kooperation mit China eingehen zu können. Gerade diese Kooperation stellt auch eine Besonderheit im heutigen intentionalen System dar. Die nicht konditionierten Hilfen basieren auf dem Grundsatz vom Festhalten an staatlicher Souveränität und Nichteinmischung in innerstaatliche Angelegenheiten (Gu 2005: 17). Diese unkonditionierte Hilfe stellt somit eine Alternative für afrikanische Staaten da, falls westliche Finanzinstitute Kredite verwehren oder den afrikanischen Regierungen die, an die Vergabe von Krediten geknüpften, Bedingungen nicht gefallen. Dies hat zu Folge, dass die afrikanischen Staaten die Chinesen oft mit offenen Armen empfangen, da durch diese neue Geldquelle den Regierungen weitere Handlungsspielräume eröffnete werden. Besonders vom Western gemiedenen Regierungen, wie das Regime Mugabe, wird dadurch ein neuer Strohhalm hingereicht, um die eigene Machtposition weiterhin zu halten.

Auch auf internationalen Foren nutzt China seine Machtstellung aus um zum einen seine Position auf dem Kontinent zu festigen und zum anderen um seine außenpolitischen Ziele zu erreichen. So sicherte sich die Volksrepublik im Juli 2005 durch ein Veto im Sicherheitsrat im Falle Simbabwe den Zugang zu weiteren Bodenschätzen. Bezüglich der Reform des Sicherheitsrates, welche durch die Vierergruppe G 4, bestehend aus Deutschland, Indien, Japan und Brasilien, im Jahr 2005 vorangetriebenen wurde, konnten dieses Staaten in der Generalversammlung nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit zusammenbringen. Das die über 50 Stimmen der afrikanischen Teilnehmer ein ungeheueres Gewicht in einer Abstimmung bedeutet hätten, ist zweifellos. Die Reform an sich, hätte für China eine bedeutende Schwächung seiner Position innerhalb des Gremiums eingebracht. Gerade die damit verbundene Aufwertung der Länder Indiens und Japans in ihrer Rolle als weitere Regionalmächte der asiatischen Region hätte für China beachtliche Verluste in seiner regionalen Hegemonialstellung bedeutet. Zudem hat die Volksrepublik sicherlich ihre besondere Stellung in Afrika für ein, aus ihrer Sicht positives, Scheitern der Reform genutzt.

Eine Zweispaltung bei der Betrachtung der chinesischen Politik in Afrika ist durchaus nachvollziehbar. Auf der einen Seite ist erkennbar, dass China sich seine Unterstützung durch Geschenke, Wirtschaftshilfen oder ein gewünschtes Abstimmungsverhalten auf internationalen Foren erkauft. Auf der anderen Seite kann man argumentieren, dass China sich seine Unterstützung durch sein positives Wirken, vor allem im Bereich der Entwicklungshilfe oder der Entschuldung der Staaten, verdient beziehungsweise erarbeitet hat. Jedoch bleibt festzuhalten, dass China die ihm sich zur Verfügung stehenden Mittel, zum Beispiel den Handel, ausnutzt. Das man sich nebenbei anderer Werkzeuge, wie zum Beispiel größerer Geschenke oder günstiger Kredite, bedient um die Beziehungen aufzubauen oder zu verbessern, ist nicht illegitim und wird in der westlichen Welt nicht weniger betrieben.

Die geostrategische Bedeutung Afrikas ist insgesamt gesehen für die Volksrepublik China wesentlich bedeutender als andere Weltregionen. Gerade die Tatsache, dass man gegenüber den westlichen Staaten ein Vorsprung hat oder auch der, noch nicht einmal ansatzweise gesättigte, Absatzmarkt für chinesische Billigwaren steigert die Attraktivität und die geostrategische Bedeutung Afrikas für China nahezu endlos. Ob jedoch die Vorgehensweise Chinas zu kritisieren bleibt, ist ein weiterer interessanter Aspekt. China hat sich seine Zusammenarbeit erarbeitet, da der Wirtschaftsaspekt für China im Vordergrund steht. Das dabei nichtdemokratische Regime gestützt werden, man durch die nichtkonditionierte Hilfe westliche Vorhaben indirekt sabotiert oder ähnliches ist ein ganz anderer Punkt. Die Ereignisse haben in vielerlei Hinsicht verdeutlicht, dass China voraussichtlich auch in Zukunft zuallererst gemäß wirtschafts- und machtpolitisch Interessen entscheiden wird. {...}« (Vgl.)

Quelle: Martin Hohnhold: Die geostrategische Bedeutung Afrikas für die Volksrepublik China
neia-ev.org
neia-ev.org/downloads/Die%20geostrategische%20Bedeutung%20Afrikas%20f%FCr%20die%20Volksrepublik%20China.pdf