Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 67) Schluß
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Am Ende unserer Untersuchung wollen wir, ohne eine systematische Darstellung aller ihrer Ergebnisse anzustreben, einige Über- legungen über die objektive Logik der Genesis der marxistischen Philosophie anstellen.
Die Lehren, die zu den theoretischen Quellen des Marxismus geworden sind, bilden die letzte und höchste Stufe der fortschrittlichen Entwicklungslinie des bürgerlichen Denkens in Europa.
Seit Beginn des gesellschaftlichen und politischen Wirkens von Marx und Engels verwandelt sich die Ideologie der westeuropäischen Bourgeoisie aus einer historisch notwendigen Entwicklungsform in eine Fessel des gesellschaftlichen Denkens.
Nicht nur die Philosophie Hegels, sondern auch die englische klassische politische Ökonomie und der kritisch-utopische Sozialismus durchleben in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine tiefe Krise. Die von diesen Lehren aufgeworfenen Fragen bleiben ohne Antwort, weil ihre unmittelbaren Fortsetzer auf dem Standpunkt der bürgerlichen (oder kleinbürgerlichen) Theorie stehen bleiben.
Mehr noch, sie erweisen sich bereits als unfähig, das erreichte theoretische Niveau auch nur zu halten. Diese Tatsache, die durchaus nicht evident ist, da die Schüler in einigen speziellen Fragen über ihre Lehrer hinausgingen, erkennen Marx und Engels schon in ihrer frühen Schaffensperiode. Für die Fortentwicklung ihrer Ansichten war das von allergrößter Bedeutung.
Zunächst mussten Marx und Engels ihr Verhältnis zu den Junghegelianern, den kleinbürgerlichen Sozialisten und den Vulgärökonomen bestimmen. Sie schließen sich der junghegelianischen Bewegung an und ziehen aus der Hegelschen Philosophie atheistische und revolutionär-demokratische Schlussfolgerungen. Indem sie die subjektivistische Gegenüberstellung von Sein und Selbstbewusstsein überwinden, grenzen sie sich vom Junghegelianismus und von der Philosophie Hegels ab.
Den anthropologischen Materialismus Feuerbachs verstehen sie anfangs nicht als Negation, sondern als Fortsetzung der Hegelschen Philosophie. Diese für Junghegelianer charakteristische Auffassung wird später, nachdem sie sich von diesen abgegrenzt hatten, durch eine materialistische Einschätzung der Philosophie Feuerbachs abgelöst. Als Feuerbachs Verdienst sehen Marx und Engels nun nicht nur die Kritik des spekulativen Philosophierens und die atheistische Analyse des Ursprungs der Religion an, sondern auch die materialistische Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Denken.
Dank dieser Einstellung zur Philosophie Feuerbachs wird es möglich, sich nicht nur ihre rationalen Ideen anzueignen, sondern auch ihre Begrenztheit zu überwinden. Marx’ und Engels’ Verhältnis zu Hegel und Feuerbach ändert sich also in dem Maße, wie sie vom Junghegelianismus abrücken. Marx und Engels haben sozusagen den wahren Hegel und den wahren Feuerbach entdeckt, und das wurde zur notwendigen Voraussetzung für die Entdeckung und Aneignung aller rationalen Momente dieser Lehren.
Anders gestaltete sich ihr Verhältnis zum kleinbürgerlichen Sozialismus. Utopische Sozialisten sind sie niemals gewesen, wenn sie auch mit einigen Vertretern dieser Richtung zusammenarbeiteten. Das bedeutet natürlich nicht, dass Marx und Engels den wissenschaftlichen Kommunismus mit einem Schlage geschaffen hätten. Das bedeutet auch nicht, dass in ihren Anschauungen um die Mitte der vierziger Jahre [19. Jh.] keinerlei Elemente des utopischen Sozialismus vorhanden gewesen wären. Entscheidend ist hier, dass Marx und Engels vom revolutionären Demokratismus und nicht vom utopischen Sozialismus zum wissenschaftlichen Kommunismus gelangt sind und dass der Prozess der Herausbildung ihrer kommunistischen Ansichten im wesentlichen mit der Herausbildung der materialistischen Geschichtsauffassung zusammenfällt.
Selbstverständlich haben Marx und Engels die klassische bürgerliche politische Ökonomie niemals im Geiste der Epigonen dieser Lehren aufgefasst. Anfangs waren sie jedoch auch noch weit davon entfernt, die Klassiker der bürgerlichen Ökonomie von den Vulgärökonomen zu unterscheiden. Sie sehen beide als Theoretiker der „Bereicherungswissenschaft“ an. Erst später, namentlich im „Elend der Philosophie“, beginnen sie, die wissenschaftlichen Positionen Ricardos von den unwissenschaftlichen Konzeptionen seiner Epigonen abzugrenzen. Ausschlaggebend für diese Wende war die marxistische Auffassung vom Wertgesetz und von der ökonomischen Grundlage der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital.
Marx und Engels ist es vor allem deshalb gelungen, die klassische deutsche Philosophie, den französischen utopischen Sozialismus und die klassische englische politische Ökonomie kritisch-revolutionär zu verarbeiten, weil sie diese bedeutenden Lehren von den Doktrinen ihrer durchaus nicht bedeutenden Epigonen unterschieden. Die theoretischen Grundlagen dieser Unterscheidung wurden im Prozess der Genesis des Marxismus ausgearbeitet. Aber schon in den Jahren 1841 und 1842 war Marx’ und Engels’ Einstellung zu den theoretischen Auffassungen des bürgerlichen Liberalismus durch ihre revolutionär-demokratische Position bestimmt: Sie betrachten die Verteidigung der Interessen der „politisch und sozial besitzlosen Menge“ [1] als die wichtigste Aufgabe der sozialen Theorie.
Man darf jedoch keinesfalls die Entwicklung der theoretischen Ansichten von Marx und Engels und ihre soziale und politische Orientierung als Gegensätze hinstellen, wie es bürgerliche und revisionistische Marxismus-Kritiker gewöhnlich tun. Diese behaupten, Marx und Engels hätten ihren Übergang zum Kommunismus theoretisch erst post factum begründet. M. Rodinson schreibt zum Beispiel, es bestehe eine maximale Abhängigkeit der Marxschen Philosophie von seiner Ideologie. Seine philosophischen Auffassungen habe Marx in einer Zeit formuliert, als er noch nicht begonnen hatte, seine reifen Werke zu schaffen. [2]
Die Art und Weise, wie Rodinson die philosophischen Anschauungen von Marx charakterisiert, lässt im dunkeln, dass sich Marxens Ansichten im Verlaufe der Herausbildung des Marxismus wesentlich verändert haben. Was dagegen die Arbeiten des reifen Marxismus anbelangt, so entwickelt Marx in ihnen seine philosophische Lehre weiter. Es ist daher unsinnig, zu behaupten, Marx habe seine philosophischen Anschauungen zu einem bestimmten Zeitpunkt dargelegt und sei dann nie wieder auf sie zurückgekommen.
Unhaltbar ist diese Behauptung nicht nur deshalb, weil Marxens philosophische Ansichten als unveränderlich, durch die ideologische Position vorgegeben betrachtet. Nebenbei bemerkt, verändert sich auch diese ideologische Position während der Genesis des Marxismus. Es ist unhaltbar, Philosophie und Ideologie einander gegenüberzustellen, weil damit die ideologische Funktion der Philosophie und demzufolge auch die Tatsache, dass es keine von der Ideologie unabhängige Philosophie gibt, ignoriert wird.
Jede Philosophie spricht unweigerlich bestimmte soziale Interessen und Bedürfnisse aus, was zwar nicht ihren ganzen Inhalt ausmacht, sie aber selbstverständlich wesentlich charakterisiert. Der Beweis dieses Grundsatzes, der von größter prinzipieller Bedeutung ist, bildet einen Teil jener revolutionären Umwälzung, die Marx und Engels auf dem Gebiet der Philosophie vollzogen haben. Folglich muss die Frage anders lauten. Mit welcher ideologischen Orientierung sind die philosophischen Anschauungen von Marx und Engels geschichtlich verknüpft? Den Versuch einer Antwort auf diese Frage finden wir übrigens bei Rodinson. Er schreibt: „Marx geht, wie wir schon sagten, von einer ideologischen Entscheidung aus, die ihren Ursprung in einer bestimmten Tradition, der Tradition des 18. Jahrhunderts, hat, Die Werte, für die er sich entscheidet, sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen.“ [3] Was passt nun Herrn Rodinson nicht an dieser Entscheidung für die Ideale der französischen Revolution, von denen schon die utopischen Sozialisten festgestellt hatten, dass sie sich im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft nicht verwirklichen lassen? Die Überzeugung von der „Möglichkeit einer radikalen Verbesserung der Gesellschaft“ [4] teilt er nicht.
Er verwirft die sozialistische Alternative zur bürgerlichen Konzeption von der allmählichen Verbesserung des Menschen durch Bildung, sittliche Erziehung, technischen Fortschritt usw. [5] Der Kern der Anklage, die Rodinson gegen Marx erhebt, besteht gar nicht darin, dass Marx in seiner Philosophie einer bestimmten ideologischen Orientierung folgt. Er legt Marx zur Last, dass er sich nicht an bürgerlich-liberalen Haltungen orientiert. Es ist sehr bezeichnend, dass die revolutionäre sozialistische Umwälzung der Gesellschaft so dargestellt wird, als ob sie eine „Besserung“ des Menschen durch Bildung, sittliche Erziehung und technischen Fortschritt ausschlösse. So tritt Rodinson der sozialistischen Ideologie mit den Ansprüchen der bürgerlichen Ideologie gegenüber und gibt dieses Vorgehen als rein wissenschaftliche, ideologiefreie Betrachtung des Marxismus aus.
Ein anderes Beispiel. Maximilian Rubel schreibt: „Marx ist durch ethische Berufung zur proletarischen Bewegung gekommen. Er ist nicht ,wissenschaftlich’ zum Sozialismus gelangt, indem er über einen größeren Zeitraum die materiellen und historischen Bedingungen und Möglichkeiten der sozialistischen Revolution erforscht und durchleuchtet hat.“ [6] Ungeachtet dessen, dass hier die sittlichen Beweggründe von Marxens theoretischer und praktischer Tätigkeit besonders hervorgehoben werden, entstellt diese Behauptung offensichtlich das Wesen des Marxismus. Der Marxismus fällte angeblich zuerst das Todesurteil über den Kapitalismus und hat es erst danach zu begründen versucht. Rubel bestreitet die Wissenschaftlichkeit des Marxismus, indem er darauf hinweist, dass Marx und Engels, noch ehe sie die Unvermeidlichkeit des Sozialismus ökonomisch bewiesen hatten, gegen die kapitalistische Ordnung aufgetreten sind. In Wirklichkeit war das jedoch nicht so einfach, wie es sich Rubel und seine Gesinnungsfreunde vorstellen.
Die Werke des reifen Marxismus sind keineswegs die Begründung jener in einem gewissen Grade moralisierenden Kapitalismuskritik, die wir in einigen Frühwerken von Marx und Engels antreffen. [7] Diese Art von Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft haben Marx und Engels bereits in der „Deutschen Ideologie“ endgültig überwunden. In der folgenden Periode, in der sie an eine äußerst gewissenhafte Analyse der ökonomischen Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise gingen, haben sie [Karl Marx und Friedrich Engels] die wissenschaftliche Begründung der Unvermeidlichkeit einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft weiter vertieft. -
Wie Lenin betont, hielt es Marx im Unterschied zu den utopischen Sozialisten für völlig unzureichend, den Kapitalismus nur zu kritisieren und zu verurteilen. Er „erklärte ihn wissenschaftlich, indem er diese moderne, in den verschiedenen europäischen und nichteuropäischen Staaten unterschiedlich gestaltete Gesellschaftsordnung auf eine allgemeine Grundlage zurückführte – auf die kapitalistische Gesellschaftsformation, deren Funktions- und Entwicklungsgesetze er einer objektiven Analyse unterwarf (er zeigte, dass die Ausbeutung in dieser Ordnung notwendig ist)“. [8] -
Verständlicherweise treten einige für den utopischen Sozialismus typische Mängel mehr oder minder auch in denjenigen Frühwerken von Marx und Engels zutage, wo die Ablehnung des Kapitalismus weniger auf einer ökonomischen als auf einer anthropologischen und ethischen Argumentation beruht, wo sie vor allem auf den Widerspruch zwischen der Natur des Menschen und dem kapitalistischen System hinweisen. Folglich dürfen die Arbeiten des reifen Marxismus nicht nur als Fortsetzung der Frühschriften von Marx und Engels gewertet werden, sondern auch als Absage an einen bestimmten für sie charakteristischen Komplex von Ideen.
Ebenso wie einige andere Marx-Kritiker unterstellt Rubel, Marx und Engels seien voreingenommen gewesen, seien von einer vorgefassten Einstellung ausgegangen, die angeblich sowohl die Richtung als auch die Endergebnisse ihrer Forschungen bestimmt habe. Er hat ganz und gar übersehen, dass der Ausgangspunkt der Entstehungsgeschichte des Marxismus, das heißt der humanistische Protest gegen die Versklavung und Unterdrückung des Menschen, das wichtigste Ergebnis der Entwicklung des progressiven Denkens der vormarxschen Epoche ist. [9] Nicht zufällig hat Marx in seinem Abituraufsatz, also noch vor dem eigentlichen Beginn der Herausbildung der dialektisch-materialistischen Weltanschauung, die Berufung des Menschen darin erblickt, „die Menschheit und sich zu veredeln“. Aber schon im Jahre 1841 erlaubte ihm sein revolutionär-demokratischer Standpunkt, das humanistische Credo der fortschrittlichen Philosophie neu zu formulieren. Dieses Credo lautet: Krieg nicht nur den himmlischen, sondern auch den irdischen Göttern, Vernichtung jener antidemokratischen sozialen Zustände, aus denen das materielle und geistige Elend erwächst.
Als sich Marx und Engels Ende der dreißiger Jahre [im 19. Jh.] der junghegelianischen Bewegung anschließen, sehen sie in der Philosophie die Theorie der vernünftigen Umgestaltung der Gesellschaft. Sie halten die Philosophie für unvereinbar mit der Religion, wie die Vernunft, deren authentischer Ausdruck die Philosophie sein sollte, die Negation der Unvernunft ist. Damals erschien ihnen der Idealismus als wirkliche Antithese zur religiösen Phantastik.
Die herrschenden Formen der sozialen Organisation galten ihnen, da diese das materielle und geistige Elend sanktionierten, als unvernünftig. Darum stellten Marx und Engels die Frage nach dem Ursprung dieser Unvernunft, die ihnen im Widerspruch zur vernünftigen Natur des Menschen zu stehen schien. Die Junghegelianer führten die Ursachen der sozialen Missstände auf die Herrschaft der Religion zurück. Marx und Engels dagegen gelangten zu der Einsicht, dass die Ableitung jeglicher gesellschaftlicher Missstände aus der Herrschaft eines verkehrten Bewusstseins nichts erklärt. Muss man nicht vielmehr die Religion, wie auch jedes andere verkehrte Bewusstsein, als Produkt einer verkehrten sozialen Realität ansehen? Damit wird die Frage auf einer ganz neuen Stufe gestellt. Nunmehr wird gefragt, ob die Ursachen für verkehrtes Bewusstsein nicht außerhalb des Bewusstseins und von ihm unanhängig zu suchen sind. Hegels Philosophie stellt eine solche Frage nicht. Feuerbachs Materialismus begründet, dass es notwendig ist, die religiöse Entfremdung des Individuums, die er als Grundform der menschlichen Sklaverei bezeichnet, zu überwinden. -
Marx und Engels, die die Grundlage der Entfremdung in den ökonomischen Verhältnissen (entfremdete Arbeit) entdecken, beweisen, dass es notwendig ist, diese Verhältnisse der vernünftigen Natur des Menschen anzupassen. Die vernünftige Natur des Menschen wird anfangs anthropologisch aufgefasst, im weiteren jedoch bereits als das „Ensemble“ historisch veränderlicher gesellschaftlicher Verhältnisse bestimmt. Diese neue Betrachtungsweise der Natur des Menschen, des „menschlichen Wesens“, bedeutet einen entscheidenden Bruch mit der philosophischen Anthropologie. Es geht jetzt nicht mehr darum, die ökonomischen Verhältnisse mit der menschlichen Natur in Übereinstimmung zu bringen. Die von Marx begründete Aufgabe der „menschlichen Emanzipation“ erweist sich als identisch mit der Beseitigung der Privateigentümergesellschaft und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf der Basis gesellschaftlichen Eigentums.
Die Philosophie ist von jeher dafür eingetreten, den Menschen und die Gesellschaft zu humanisieren, wobei sie sich allerdings zumeist nur darauf beschränkte, die sittliche Vervollkommnung des Menschen zu propagieren. Sie stand – wie sie meinte – über dem gesellschaftlichen Leben, das sie als eine der Philosophie (und somit auch der Vernunft) fremde Realität betrachtete. Marx wendet sich gegen diese Illusion, die davon zeugt, dass die Philosophie ebenso wie die Religion entfremdetes Bewusstsein ist. Die Philosophie ist folglich nicht dann vernünftig, wenn sie sich im Bewusstsein des philosophierenden Individuums über die Leiden und Kämpfe der Menschen erhebt.
Zur wirklichen Vernunft wird sie erst dann, wenn sie sich am wirklichen Kampf um eine vernünftige Umgestaltung der Gesellschaft beteiligt. Was ist aber unter einer solchen Umgestaltung zu verstehen? Welcher gesellschaftlichen Kraft muss sich die Philosophie zuwenden, da sie, wie das Bewusstsein überhaupt, nicht selbst die materiellen Lebensbedingungen der Menschen verändern und die von ihr geschaffenen humanistischen Ideale verwirklichen kann? Die Antwort auf diese Fragen finden Marx und Engels durch die kritische Analyse der englischen politischen Ökonomie und des französischen utopischen Sozialismus. Die Kritik der politischen Ökonomie mündet in die positive Untersuchung der kapitalistischen Wirklichkeit. Damit wird die Antwort auf die Frage vorweggenommen, worin die bestehenden sozialen Missstände ihre Grundlage haben und was revolutionär beseitigt werden muss.
Der utopische Sozialismus hat als erster die Frage nach einer neuen Gesellschaftsordnung, die den Grundübeln des Kapitalismus ein Ende bereitet, aufgeworfen. Die Bedeutung dieser Initiative für eine prinzipielle Neubewertung von Sinn und Zweck der Philosophie ist offensichtlich.
Als Marx und Engels, ausgehend von der Lehre Hegels in der Interpretation seiner linken Nachfolger, zu begründen begannen, dass die Philosophie in eine Theorie des Befreiungskampfes umgewandelt werden müsse, waren sie noch weit entfernt von jenen Fragen, die die englische klassische politische Ökonomie und der utopische Sozialismus gestellt hatten. Diesen Lehren wandten sie sich nur soweit zu, als es die Verteidigung der ökonomischen Interessen der „politisch und sozial besitzlosen Menge“ erforderte. Hier lenkt folglich die parteiliche Haltung von Marx und Engels ihre theoretischen Interessen in eine bestimmte Richtung (bestimmt sie aber natürlich nicht vorher), bestärkt sie dabei, die große humanistische Aufgabe nicht mehr vom abstrakt philosophischen, sondern vom konkret sozialen Standpunkt aus zu stellen. Das aber bedeutet eine Negation der Philosophie im herkömmlichen Sinne und ihre Umwandlung in die weltanschauliche Grundlage der Befreiungsbewegung der Werktätigen.
Somit hat gerade der soziale, politische Standort von Marx und Engels die entscheidende Rolle bei der historischen Orientierung gespielt, die die Besonderheiten der Entstehungsgeschichte des Marxismus bestimmte. Dank ihrer revolutionär-demokratischen und später proletarischen sozialen Orientierung enthüllten Marx und Engels den bürgerlichen Inhalt nicht nur der englischen klassischen politischen Ökonomie, sondern auch der klassischen deutschen Philosophie, die erklärte, der soziale Fortschritt sei die Verwirklichung von Vernunft, Freiheit und Humanität. Dabei ist Marx’ und Engels’ soziale Orientierung freilich nicht nur eine praktisch-politische, sondern auch eine theoretische. Kraft der objektiven Logik der Entwicklung ihrer theoretischen Anschauungen entdecken Marx und Engels die welthistorische Mission der Arbeiterklasse.
Zur Erforschung der Genesis der Philosophie des Marxismus gehört auch (natürlich unter einem spezifischen Gesichtspunkt) die Betrachtung des Entstehungsprozesses der marxistischen politischen Ökonomie und des wissenschaftlichen Kommunismus. Die Annahme, theoretische Quelle der marxistischen Philosophie sei allein die deutsche klassische Philosophie (bzw. die vorangegangenen philosophischen Lehren) und theoretische Quelle des wissenschaftlichen Kommunismus der französische utopische Sozialismus gewesen usw., vereinfacht die Zusammenhänge sehr. Der Marxismus ist eine einheitliche, in sich geschlossene Lehre, deren Bestandteile miteinander übereinstimmen, einander wechselseitig begründen und gewissermaßen ineinander übergehen.
Die Tatsachen bezeugen, dass die Philosophie des Marxismus nicht nur nicht die kritische Aneignung der Erkenntnisse der klassischen deutschen Philosophie und durch die dabei erarbeiteten neuen philosophischen Thesen geschaffen wurde. Die Herausbildung des historischen Materialismus und seiner Grundbegriffe – Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Produktionsweise und ökonomische Gesellschaftsformation – wäre ohne ökonomische Untersuchungen, die unmittelbar verbunden waren mit der Kritik der bürgerlichen ökonomischen Theorien, nicht möglich gewesen.
Die Kritik der bürgerlichen Ökonomie setzte ihrerseits die Erkenntnis der historischen Vergänglichkeit der kapitalistischen Produktionsweise und der Unausbleiblichkeit des Sozialismus voraus. Auch die kritische Analyse des utopischen Sozialismus, die Hervorhebung der in ihm enthaltenen rationalen Gedanken war ein notwendiges Element im Entstehungsprozess der marxistischen Philosophie, die ja nicht nur eine dialektisch-materialistische, sondern auch eine kommunistische Weltanschauung ist. Dies alles beweist, dass nicht nur Philosophen zu den Vorläufern des dialektischen und historischen Materialismus zählen.
Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft wurde dank zweier großer Entdeckungen möglich: der materialistischen Geschichtsauffassung und der Mehrwerttheorie, das heißt dank den philosophischen und den ökonomischen Forschungen von Karl Marx und Friedrich Engels. Die Begründer des Marxismus hatten sich bereits in den vierziger Jahren [im 19. Jh.] mit der ökonomischen Begründung des Sozialismus beschäftigt, wenngleich die Hauptarbeit von Marx später in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ und im „Kapital“ geleistet wurde.
Die historisch-materialistische Begründung des Sozialismus wurde im wesentlichen in den Jahren 1844 bis 1847 gegeben. Marx und Engels schufen in dieser Zeit die Lehre vom Wechselverhältnis zwischen dem gesellschaftlichen Bewusstsein und dem gesellschaftlichen Sein, von den ökonomischen Gesellschaftsformationen, von der Produktionsweise, den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sowie von der ökonomischen Basis und ihrem Überbau. Es liegt auf der Hand, dass mit dem historischen Materialismus eine der Grundvoraussetzungen für die Entwicklung der marxistischen politischen Ökonomie geschaffen wurde. Um die politische Ökonomie des Marxismus zu entwickeln, war es vor allem notwendig, aus der Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse die Produktionsverhältnisse als die grundlegenden, alle anderen Verhältnisse bestimmenden herauszuheben.
Es wäre falsch, die philosophische, die historisch-materialistische und die ökonomische Begründung des wissenschaftlichen Kommunismus nebeneinanderzustellen. Sie sind alle drei untrennbar miteinander verbunden. Auch braucht hier nicht eingehend bewiesen zu werden, dass Marx und Engels mit dem historischen Materialismus zugleich die materialistische Dialektik ausgearbeitet haben, da ja der historische Materialismus die gesellschaftliche Entwicklung dialektisch-materialistisch erklärt. -
Schon in ihren ersten Schriften beschäftigten sich Marx und Engels mit dem Verhältnis zwischen Geistigem und Materiellem, zwischen Sein und Sollen, zwischen Ideellem und Realem, zwischen Theorie und Praxis, Sinnlichem und Rationalem, Freiheit und Notwendigkeit, einzelnem und Allgemeinem, Abstraktem und Konkretem, zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft, Persönlichkeit und Gesellschaft usw. -
Bei der Erforschung dieser dialektischen Gegensätze entsteht durch die theoretische Verallgemeinerung historischer und ökonomischer Fakten der dialektische und historische Materialismus als eine einheitliche, in sich geschlossene philosophische Lehre. -
Die materialistische Dialektik wird in dieser Zeit namentlich durch die Verallgemeinerung der Erfahrungen der gesellschaftlichen Entwicklung ausgearbeitet. Dies berechtigt aber nicht zu der Behauptung, der historische Materialismus sei früher entstanden als der dialektische Materialismus. Die dialektisch-materialistische Naturauffassung und die dialektisch-materialistische Gesellschaftsauffassung sind nicht voneinander zu trennen.
Zusammenfassend muss man in bezug auf die Genesis der marxistischen Philosophie natürlich beachten, dass ihre wichtigsten Grundsätze in den späteren Werken von Marx und Engels, insbesondere im „Kapital“, im „Anti-Dühring“ und in der „Dialektik der Natur“, allseitig und systematisch weiterentwickelt werden. Es wäre daher falsch, in Marx’ und Engels’ frühen Arbeiten eine systematische Darstellung des dialektischen und historischen Materialismus zu suchen.
Schon um die Mitte der vierziger Jahre [19. Jh.] haben Marx und Engels ihre Theorie nicht als Dogma, sondern als eine Anleitung zum Handeln aufgefasst. Besonders eindrucksvoll kommt dieser Gedanke in dem bekannten, in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichten Brief von Marx an Ruge zum Ausdruck. Schon in der Entstehungszeit des Marxismus ist die philosophische Lehre von Marx und Engels eine lebendige und schöpferische Lehre, die ständig durch neue Erkenntnisse weiterentwickelt wird. Dieser Grundzug des dialektischen und historischen Materialismus, der ihn von anderen philosophischen Lehren prinzipiell unterscheidet, ist Ausdruck der Revolution, die Marx und Engels in der Philosophie vollzogen haben. «
Anmerkungen
1 Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz. In: MEW, Bd. 1, S. 115.
2 Siehe M. Rodinson: Sociologie marxiste et ideologie marxiste. In: Marx and contemporary scientifie thought, UNESCO, Montana 1969, S. 69.
3 Ebenda, S. 74.
4 Ebenda.
5 Siehe ebenda.
6 M. Rubel: Karl Marx, essai de biographie intellectuelle, Paris 1957, S. 114.
7 Schon in der zweiten Etappe der Genesis des Marxismus, das heißt bei der Begründung seiner Ausgangsthesen, wird die moralisierende Kritik am Kapitalismus mehr und mehr überwunden. In der „Heiligen Familie“ sagen Marx und Engels über den englischen Satiriker Bernard de Mandeville: „Er beweist, dass die Laster in der heutigen Gesellschaft unentbehrlich und nützlich sind. Es war dies keine Apologie der heutigen Gesellschaft.“ (Friedrich Engels/ Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 138/139.) Diese materialistische Fragestellung ist ein direkter Hinweis auf die Ohnmacht einer moralisierenden Kritik des Kapitalismus.
8 W. I. Lenin: Was sind die „Volksfeinde“ und wie kämpfen sie gegen die [revolutionären] Sozialdemokraten? In: Werke, Bd. 1, S. 150.
9 Diesen Umstand hebt auch Erich Fromm hervor, der darauf hinweist, Marxens Philosophie wurzelte „in der humanistischen philosophischen Tradition des Westens, die von Spinoza über die französische und deutsche Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts bis zu Goethe und Hegel reicht, und deren innerstes Wesen die Sorge um den Menschen und um die Verwirklichung seiner Möglichkeiten ist“. (E. Fromm: Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt a. M. 1963, S. 5.) Doch Fromm, der die humanistische Tradition und deren wissenschaftliche Aufbereitung durch den Marxismus unter dem Aspekt der philosophischen Anthropologie angeht, leugnet damit den prinzipiellen Unterschied, der zwischen der marxistischen Philosophie und dem vorausgehenden philosophischen Humanismus besteht. „Wenn man“, so meint er, „die Zweideutigkeiten der Worte ,materialistisch’ und ,ökonomisch’ vermeiden will, so könnte die Geschichtsauffassung von Marx eine anthropologische Geschichtsinterpretation genannt werden ...“ (Ebenda, S. 23.) Indessen ist gerade die positive, dialektische Negation des philosophischen Anthropologismus eines der wichtigsten Elemente der marxistischen revolutionären Umwälzung der Philosophie.
Nachtrag
Die Kenntnis der Genesis des historischen und dialektischen Materialismus ist Voraussetzung für seine schöpferische Aneignung. Teodor Oisermans Werk leistet in dieser Hinsicht allen wertvolle Hilfe, die tiefer in das Wesen der marxistischen Philosophie eindringen wollen. Er zeigt, wie Marx und Engels durch aktive Teilnahme an den Klassenkämpfen ihrer Zeit und durch die konsequente Auseinandersetzung mit den theoretischen Abbildern dieser Kämpfe die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse entwickelt haben.
Seit dem Erscheinen der 1. Auflage der Monographie 1965 wurde eine Reihe bisher unbekannter Briefe, Artikel und Dokumente veröffentlicht. Unter anderem liegt eine ergänzte und präzisierte Fassung des 1. Kapitels der „Deutschen Ideologie“ vor, die für die Erforschung des Entstehungsprozesses der marxistischen Philosophie von unschätzbarem Wert ist. Auch wichtige theoretische Schlussfolgerungen der wissenschaftlichen Biographien von Marx und Engels werden in dieser (neuen) Auflage berücksichtigt. Dass Oiserman durchgängig die (neuesten) bürgerlichen und revisionistischen Interpretationen der marxistischen Philosophie und des Prozesses ihrer Herausbildung kritisch analysiert, unterstreicht den weit über seine philosophiehistorische Bedeutung hinausgehenden aktuellen Wert des Buches. (Redaktion)
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Schluss, S. 579-590.