Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 65)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Das „Manifest der Kommunistischen Partei“
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Dieses geniale Werk von Marx und Engels nimmt in der Geschichte des Marxismus einen besonderen Platz ein. Auf verhältnismäßig knappen Raum werden mit klassischer Klarheit, äußerst prägnant und voll revolutionärer Leidenschaft, doch zugleich streng wissenschaftlich, die Grundlagen des Marxismus dargelegt. Die offene, kämpferische Parteilichkeit in engster Verbindung mit einer profunden dialektisch-materialistischen Analyse des sozialistischen Prozesses, die umfassende materialistische Analyse schwierigster sozialer Probleme, die organische Einheit der Theorie mit der revolutionären Praxis, mit den Erfahrungen des proletarischen Befreiungskampfes – all diese Merkmale des „Manifests der Kommunistischen Partei“ lassen das Wesen jener Revolution auf dem Gebiet der Philosophie, der Soziologie und der politischen Ökonomie erkennen, die Marx und Engels vollbracht haben. „Mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft“, hebt Lenin hervor, „ist in diesem Werk die neue Weltanschauung umrissen: der konsequente, auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus, die Dialektik als die umfassendste und tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie des Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen Gesellschaft.“ [1]
Der Marxismus hat, wie Lenin sagt, den Leitfaden gegeben, der es gestattet, in dem scheinbaren Chaos und Labyrinth des gesellschaftlichen Lebens die Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Dieser Leitfaden ist die Theorie des Klassenkampfes. Die Grundlagen dieser bereits in der „Heiligen Familie“, in der „Deutschen Ideologie“ und in anderen Werken der vorausgegangenen Periode ausgearbeiteten Theorie erhalten im „Manifest der Kommunistischen Partei“ ihre klassische Darstellung. Hier weisen Marx und Engels nach, dass der Kampf zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie keine Ausnahmeerscheinung in der Weltgeschichte ist. Seit der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Bildung gegensätzlicher Klassen ist der Kampf zwischen ihnen die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung.
Einige Zeitgenossen von Marx und Engels gaben zwar den Klassenkampf in der antiken und der feudalen Gesellschaft zu, behaupteten aber, im Kapitalismus bestehe kein Anlass zum Klassenkampf, weil es keine Ständeschranken, keine Privilegien usw. gebe. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ widerlegt dieses bürgerliche Dogma durch den Nachweis, dass die kapitalistische Gesellschaft in noch stärkerem Grade als die früheren Gesellschaftsformationen zur Polarisierung der Klassen in der Gesellschaft führt. Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft ergibt sich aus dem Mechanismus der kapitalistischen Produktion selbst.
Marx und Engels entwickeln und konkretisieren die von ihnen schon früher erarbeiteten Begriffe der gesellschaftlichen Klasse und der Klassenstruktur der Gesellschaft. Jede historisch bestimmte Gesellschaftsform setzt eine ganz spezifische, nur ihr eigene Teilung in Hauptklassen und andere Schichten voraus. Jede Klasse wiederum bildet sich aus verschiedenen sozialen Gruppen, zwischen denen Widersprüche bestehen. Auch der Klassenantagonismus äußert sich in mannigfacher Gestalt. Er ist bald offen, bald verdeckt, und seine Entwicklung und Verschärfung führen zu sozialen Revolutionen, die mit der Niederlage einer der kämpfenden Klassen oder mit dem Untergang beider enden können.
Heute wird von bürgerlicher Seite gerne behauptet, die im „Kommunistischen Manifest“ dargelegte Theorie des Klassenkampfes sei inzwischen veraltet. Ihrer Ansicht nach besteht die Gesellschaft nicht aus Klassen, sondern aus zahlreichen Schichten (den „strata“), in denen die Individuen nach den verschiedensten Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung, individuellen Neigungen usw. gruppiert werden. Ein und dieselbe Person gehört gleichzeitig mehreren Strata an und wechselt ständig die Strata. Die Theorie der „sozialen Stratifikation“ und der „sozialen Mobilität, die die bürgerlichen Soziologen der marxistischen Lehre vom Klassenkampf gegenüberstellen, ignoriert das wichtigste Kriterium der sozialen Lage der Werktätigen, nämlich ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Während also die bürgerlichen Ideologen gegen Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Vorhandensein gegensätzlicher Klassen zugaben, gleichzeitig aber noch zu beweisen suchten, dass dieser Gegensatz sich allmählich verringere, reduzieren die Ideologen der heutigen Bourgeoisie den Gegensatz zwischen den Klassen auf angeblich im Schwinden begriffene Unterschiede. Indessen besteht das überragende Verdienst der Autoren des „Kommunistischen Manifestes“, wie Lenin betont, nicht nur darin, dass sie die Klassenstruktur der Gesellschaft sowie die Rolle des Klassenkampfes in der Weltgeschichte und besonders in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation wissenschaftlich analysiert haben. Marx und Engels, die die Entwicklung des Kampfes zwischen den Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft verfolgten, gelangten zu der genialen Schlussfolgerung, dass das gesetzmäßige Ergebnis dieses unversöhnlichen Kampfes die Diktatur des Proletariats ist. Dieser überaus wichtige Grundsatz des Marxismus wird durch den gesamten Inhalt des „Manifestes“ theoretisch begründet.
Die Produktionsverhältnisse einer jeden Gesellschaftsformation sind immer auch Klassenverhältnisse. In der Klassenstruktur der Gesellschaft kommt ihre ökonomische Struktur, ihre ökonomische Basis zum Ausdruck, die den politischen, juristischen und ideologischen Überbau der Gesellschaft bestimmt. -
Der Konflikt zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen ist zugleich ein Konflikt zwischen den ausbeutenden (herrschenden) und den ausgebeuteten (unterdrückten) Klassen der jeweiligen Gesellschaftsformation. -
Gelöst wird dieser antagonistische Widerspruch in einer sozialen Revolution. Die soziale Revolution der Bourgeoisie führt zur Diktatur der Bourgeoisie, die soziale Revolution des Proletariats führt zur Diktatur der Arbeiterklasse.
Karl Marx und Friedrich Engels schaffen Klarheit über den eigentlichen Inhalt sozialer Revolutionen und verschiedener Staatstypen. Sie gelangen zu dem Ergebnis, dass die Ausbeuterklassen nur durch die Diktatur der unterdrückten, ausgebeuteten Klasse liquidiert werden können. Dass diese revolutionäre Klasse nur das Proletariat sein kann, wird durch die wissenschaftliche Untersuchung der Entwicklung des Kapitalismus bewiesen. Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine revolutionäre Rolle gespielt. Sie hat alle patriarchalischen Verhältnisse zerstört und die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Diese ganze Zerstörungskraft, die den feudalen „Sozialisten“ als ungeheuerliche Barbarei erschien und den Kleinbürger mit Entsetzen erfüllte, war historisch notwendig und fortschrittlich, weil nur so der Kapitalismus den für die früheren Produktionsweisen charakteristischen Konservatismus ausrotten konnte.
Die Bourgeoisie hat gewaltigere Produktivkräfte geschaffen als alle früheren Generationen zusammen. „Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann.“ [2] Nachdem die Bourgeoisie jedoch die feudalen Produktionsverhältnisse gesprengt und eine neue, fortschrittlichere Produktionsweise geschaffen hat, die einen mächtigen Aufschwung der Produktivkräfte garantiert, gleicht sie dem Zauberer, der mit den von ihm heraufbeschworenen unterirdischen Gewalten nicht mehr fertig wird. Die ständige Revolutionierung des Produktionsprozesses, die sich aus dem Wesen der Großindustrie selbst ergibt, gerät unvermeidlich in Konflikt mit dem Bestreben der Bourgeoisie, die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse und ihre eigene politische Herrschaft aufrechtzuerhalten. Die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte fällt das Todesurteil über den Kapitalismus, wie er seinerzeit den Feudalismus zum Untergang verurteilt hat.
Der Kapitalismus beseitigt die lokale und nationale Abgeschlossenheit, entwickelt allseitige Verbindungen zwischen den Völkern und beschleunigt das Tempo des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Konzentration und Zentralisation der Produktion und des Eigentums vereinigen die Bevölkerung jedes kapitalistischen Landes in einer Nation mit einer Regierung. Diesen Prozess entspricht die Konsolidierung der Klassen im nationalen Maßstab und die Verschärfung des Klassenkampfes. Die kapitalistische Akkumulation vermehrt das Proletariat und schafft die materiellen Voraussetzungen für seine Organisation als Klasse. „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des [differenziert technisch-wissenschaftlich-sozial-kulturellen] Proletariats sind gleich unvermeidlich.“ [3]
Der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie beginnt mit der Entstehung dieser Klasse. Die Zusammenstöße zwischen einzelnen Arbeitern und den Unternehmern weiten sich allmählich zum Klassenkampf aus. „Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf.“ [4] -
Der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie ist also letzten Endes ein Kampf um die Macht, um die sozialistische Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht ein Kampf um eine Verbesserung der Bedingungen, unter denen die Arbeiterklasse ausgebeutet wird.
Unter dem Einfluss des sich immer mehr verschärfenden Klassenkampfes, der nicht nur auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet, sondern auch in der Ideologie ausgetragen wird, beginnt der Auflösungsprozess innerhalb der herrschenden Klasse, so das schließlich „ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt“. [5] -
Der Sozialismus kann aber nur im Ergebnis eines langwierigen Kampfes des Proletariats gegen die Kapitalistenklasse erreicht werden, der schließlich „in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie“ die Herrschaft des Proletariats begründet. [6]
Marx und Engels verwenden hier, wie auch sonst im „Kommunistischen Manifest“, nicht den Terminus „Diktatur des Proletariats“. Marx hat diesen Terminus zum erstenmal 1850 in seiner Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850" gebraucht. Der wesentliche Inhalt des Begriffs ist jedoch schon im „Kommunistischen Manifest“ klar formuliert. Im Hinblick auf die Hauptaufgaben der sozialistischen Revolution stellen Marx und Engels fest, dass „der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren“. [7] -
Lenin erläutert die Bedeutung dieser Sätze folgendermaßen: „Hier haben wir die Formulierung einer der bedeutsamsten und wichtigsten Ideen des Marxismus in der Frage des Staates, nämlich der Idee der ,Diktatur des Proletariats’.“ [8]
In den vorigen Kapiteln haben wir bereits gezeigt, wie Marx und Engels zur Idee von der historischen Mission des Proletariats gekommen sind. In den Jahren 1844 bis 1846 glaubten sie jedoch noch nicht, dass das Proletariat seine historische Mission nur auf dem Wege der Errichtung der Diktatur des Proletariats verwirklichen kann. Als Aufgabe des Proletariats betrachteten sie damals im wesentlichen lediglich den Sturz der kapitalistischen Ordnung. Durch ihre Teilnahme an den Kämpfen der französischen, englischen und deutschen Arbeiter gegen die Bourgeoisie und durch das Studium der geschichtlichen Erfahrungen der proletarischen Befreiungsbewegung gelangten sie zu dem Ergebnis, dass die Diktatur des Proletariats notwendig ist. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ betrachtet die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat als die wichtigste Vorbedingung für das Erreichen seines Endziels – die Errichtung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. [9] «
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Anmerkungen
1 W. I. Lenin: Karl Marx. In: Werke, Bd. 21, S. 36.
2 Karl Marx/ Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 465.
3 Ebenda, S. 474.
4 Ebenda, S. 471.
5 Ebenda.
6 Ebenda, S. 473.
7 Ebenda, S. 481.
8 W. I. Lenin: Staat und Revolution. In: Werke, Bd. 25, S. 414.
9 Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 482.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Vgl.: 5. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“