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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 64)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Organisation des „Bundes der Kommunisten“. Friedrich Engels’ „Grundsätze des Kommunismus“

Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ ist das geniale Werk von Marx und Engels, in dem die Grundsätze des Marxismus ihre klassische Darstellung finden. Es vollendet den Prozess der Herausbildung des Marxismus.

Die Entstehung des Manifests steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Organisation des „Bundes der Kommunisten“, das heißt mit einer neuen Etappe in der politischen Tätigkeit der Begründer des Marxismus, in der sie die Führung der von ihnen organisierten proletarischen Partei übernehmen.

Rjasanow versuchte in seinen Arbeiten zur Geschichte des Marxismus, Engels’ Erinnerungen über die Gründung des „Bundes der Kommunisten“ in Zweifel zu ziehen. Seiner Ansicht nach hat der „Bund der Gerechten“ gleich nach der Niederlage vom Mai 1839 als zentrale Organisation aufgehört zu existieren. Spätestens ab 1840 sei von seiner Tätigkeit als organisatorischem Zentrum nichts mehr zu spüren gewesen. Übrigblieben lediglich einzelne Zirkel, die von früheren Mitgliedern des „Bundes der Gerechten“ aufgebaut worden waren. [1] Überzeugende Belege für seine Version kann Rjasanow nicht beibringen. Statt dessen weist er darauf hin, dass Engels’ Artikel „Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten“ „nahezu vierzig Jahre nach den von ihm beschriebenen Ereignissen“ entstanden ist. „bei einem so großen zeitlichen Abstand kann es durchaus passieren, dass etwas vergessen wird, besonders wenn man unter völlig anderen Bedingungen und in einer gänzlich anderen Stimmung schreibt.“ [2] Demnach hätten es Marx und Engels nicht mit einer Geheimgesellschaft mit mehreren hundert Mitgliedern, sondern nur mit ihren Überresten zu tun gehabt, die 1847 den „Bund der Kommunisten“ gründeten. Neuere marxistische Untersuchungen und eine umfassende Publikation von Dokumenten, die sich auf die Geschichte des „Bundes der Kommunisten“ beziehen, widerlegen Rjasanows Version vollständig. [3] Inzwischen veröffentlichte Archivmaterialien erlauben auch jene Vorstellung von der Entstehung des „Bundes der Kommunisten“ zu widerlegen, der wir häufig in den Arbeiten westeuropäischer Sozialdemokraten begegnen. Diese Vorstellung beschränkt sich im wesentlichen darauf, eine allgemein bekannte Tatsache festzustellen, nämlich dass Joseph Moll, einer der Organisatoren des „Bundes der Gerechten“, im Frühjahr 1847 Marx in Brüssel und Engels in Paris besucht und ihnen vorgeschlagen hat, den Bund auf kommunistischer Grundlage zu reorganisieren. [4] Diese Ansicht unterscheidet sich kaum von der Version Rjasanows. Wenn hier auch die Existenz des „Bundes der Gerechten“ zugegeben wird, so erfährt man doch nichts über die gewaltige Arbeit, die die Begründer des Marxismus geleistet haben, um den Bund in eine kommunistische Organisation umzuwandeln. Heraus kommt, dass Marx und Engels entweder bis 1847 von der Existenz des Bundes nichts gewusst haben, oder sie hätten zwar von ihm gewusst, haben aber nichts unternommen und abgewartet, bis seine Mitglieder sich zum wissenschaftlichen Kommunismus bekennen würden. Indessen, die Fakten beweisen etwas anderes. Erstens wurde nach der Zerschlagung der blanquistischen Organisationen im Jahre 1839 der „Bund der Gerechten“ in London wieder aufgebaut. Hierauf folgte die Wiederherstellung der Gemeinden des Bundes in Paris, in der Schweiz und in Deutschland. Zweitens wussten Marx und Engels in den Jahren 1843 und 1844 von der Existenz des Bundes. Wir haben bereits Engels’ Mitteilung erwähnt, dass er 1843 in London Heinrich Bauer, Karl Schapper und Joseph Moll, die Führer des „Bundes der Gerechten“, kennenlernte. Später schrieb Engels hierüber: „... 1843 hatte mir Schapper den Eintritt angetragen, den ich damals selbstredend ablehnte. Wir blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwährender Korrespondenz, sondern in noch engerm Verkehr mit Dr. Ewerbeck, dem jetzigen Leiter der Pariser Gemeinde.“ [5]

Wir verweisen ferner auf die Erinnerung von Professor Hildebrand, einem Gegner des Marxismus, der im Frühjahr 1846 an einer Versammlung des „Bundes der Gerechten“ teilnahm. Dieser erwähnt, nebenbei gesagt, unter den geistigen Führern des Bundes Marx und Engels.

Hildebrand hatte ein Referat Schappers über politische Tagesfragen angehört und gesteht: „... bei einzelnen Stellen standen mir dennoch die Haare zu Berge“, denn eine „starke kommunistische Färbung war natürlich überall sichtbar und das Proletariatsthema eigentlich der rote Faden, der sich durch den ganzen Vortrag hindurchzog“. [6] Demnach hat Hildebrand zu einem Zeitpunkt in dem „Bund der Gerechten“ verkehrt, als dieser, zweifellos unter dem Einfluss von Marx und Engels, sich bereits zum Kommunismus bekannte. Die Begründer des Marxismus haben selbst bemerkt, dass sie den Mitgliedern des Bundes immer wieder geholfen haben, die in dem Bund herrschenden kleinbürgerlichen utopischen Anschauungen zu überwinden und den Aufbau einer kommunistischen Partei der Arbeiterklasse in Angriff zu nehmen. [7]

Hildebrands Aussage über den Einfluss von Marx und Engels auf die Mitglieder des Bundes stammt vom April 1846. Wann aber haben Marx und Engels mit ihren Bemühungen begonnen, den „Bund der Gerechten“ in eine revolutionäre proletarische Partei umzuwandeln? Nach ihren eigenen Erinnerungen ist dies unmittelbar nach der Formulierung der Idee der historischen Mission des Proletariats in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ geschehen. Marx schrieb, dass er während seines Aufenthaltes in Paris 1843/1844 „persönlichen Verkehr mit den dortigen Leitern des ,Bundes’“ gepflegt habe. [8] Engels hat 1845 in der Pariser Gemeinde des „Bundes der Gerechten“ mitgearbeitet, worüber er, wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt wurde, dem „Kommunistischen Korrespondenz-Komitee“ berichtete. Ein hervorragendes Beispiel für den Einfluss, den Marx und Engels schon damals auf die Mitglieder des Bundes ausgeübt haben, ist das „Zirkular gegen Kriege“ [Personenname], das zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern des Bundes führte. Im Verlaufe dieser Diskussion solidarisierte sich ein Teil der Bundesmitglieder mit Marx und Engels. [9]

Karl Obermann weist anhand eines umfangreichen, vornehmlich aus Archiven stammenden Tatsachenmaterials nach, dass die Leitung des „Bundes der Gerechten“ sich bereits Ende 1846 unter dem Einfluss von Karl Marx und Friedrich Engels der Notwendigkeit bewusst wurde, den Doktrinarismus und das Sektierertum zu bekämpfen. Auf Vorschlag der Leitung des Bundes begannen die örtlichen Gemeinden mit einer Diskussion über die Stellung des Proletariats zur Großbourgeoisie und zum Kleinbürgertum, zu den verschiedenen religiösen Lehren und vor allem zu den sozialistischen und kommunistischen Theorien. [10] Im Verlaufe der Diskussion tritt der Einfluss der Ideen von Marx und Engels auf die Mitglieder des Bundes immer deutlicher zutage. Rückschauend schrieb Engels: „Gegenüber der Unhaltbarkeit der bisherigen theoretischen Vorstellungen, gegenüber den daraus sich herleitenden praktischen Abirrungen sah man in London mehr und mehr ein, dass Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten.“ [11] Das beweisen unter anderem die Briefe der Leiter des Bundes an Marx und Engels. In einem der Briefe stimmt die Bundesleitung der Kritik zu, die Marx und Engels an Weitling übten. Die Leiter des Bundes werfen Weitling unter anderem vor, er vertrage sich nur mit solchen Menschen, „welche blindlings seinen Befehlen gehorchen“. [12] Ferner werden in dem Brief Einzelheiten über die Arbeit des Bundes mitgeteilt. Die Organisation zählt 250 Mitglieder, die wöchentlich dreimal zusammenkommen. Sie diskutieren über Vorträge zur Tagespolitik, nehmen Paragraph für Paragraph Feuerbachs „Religion der Zukunft“ durch und erörtern Fragen, die von Mitgliedern gestellt worden sind. „Die letzte Frage, welche diskutiert wurde, handelte über das Verhältnis zwischen Arbeitern und Meistern in der heutigen Gesellschaft ...“ [13] In dem Brief wird auch heftige Kritik an der Verschwörertaktik der Blanquisten geübt. Die Revolution erfordere [auch] eine langwierige geistige Vorbereitung. Vordringlich sei „die geistige Revolution, welche jetzt angefangen hat“, erst dann werde „die physische“ möglich sein. [14] Daraus ergibt sich die Aufgabe, eine revolutionäre kommunistische Propaganda zu organisieren. Die Autoren des Briefes (Schapper, Rosenthal, Doepel, Göbel, Heinrich Bauer, Steen, Lehmann, Kelterborn und Moll) schlagen Marx, Engels und ihren Anhängern vor, sich dem „Bund der Gerechten“ anzuschließen, um mit ihnen gemeinsam „Propaganda für die Gütergemeinschaft zu machen“ und „für eine bessere Zukunft“ zu wirken. [15] Es muss jedoch betont werden, dass die Leitung des „Bundes der Gerechten“ sich zwar mit Marx’ und Engels’ Kritik an Weitling einverstanden erklärte, der im „Zirkular gegen Kriege“ gegebenen Einschätzung über Hermann Krieges Propaganda aber nicht zustimmte. Das war kein Zufall. Die Lehre des „wahren Sozialismus“ fand unter den Mitgliedern des Bundes beträchtlichen Einfluss. Karl Schapper erklärte in einem Brief an das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“, man dürfe sich nicht mit einer materialistischen Begründung des Kommunismus begnügen, denn das bedeute „die Möglichkeit des Kommunismus bloß auf die wachsende Not der Arbeiter und die Vervollkommnung der Maschinen etc. gründen“. „verdammt nicht den Sentimentalen“, fordert er in dem gleichen Brief, „wenn er von der allgemeinen Bruderliebe schwärmt ...“ [16]

Es bedurfte einer umfangreichen Aufklärungsarbeit und einer intensiven ideologischen Auseinandersetzung mit dem „wahren Sozialismus“ und dem Proudhonismus, um den „Bund der Gerechten“ in eine kommunistische Partei umzuwandeln. So gesehen, war die Kritik, die Marx und Engels am deutschen kleinbürgerlichen Sozialismus und an der Lehre Proudhons übten, ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung des „Bundes der Kommunisten“. Ein Ergebnis dieses Kampfes war der Beschluss der Mitglieder des „Bundes der Gerechten“, diesen Geheimbund in eine kommunistische Partei umzuwandeln, die nach Möglichkeit offen, legale Bedingungen nutzend da, wo sie gegeben sind, die Interessen der Arbeiterklasse vertreten sollte. „Das, was wir bisher an diesem Bund auszusetzen gehabt“, schrieb Engels, „wurde jetzt von den Vertretern des Bundes selbst als fehlerhaft preisgegeben; wir selbst wurden aufgefordert, zur Reorganisation mitzuarbeiten. Konnten wir nein sagen? Sicher nicht. Wir traten also in den Bund ...“ [17]

Das Bekenntnis der Mitglieder des „Bundes der Gerechten“ zu den Anschauungen von Marx und Engels ist das wichtigste Ergebnis des Kampfes der Begründer des Marxismus um die Schaffung einer kommunistischen Partei. Hier muss auch gesagt werden, dass alle Schriften von Marx und Engels aus der Entstehungszeit ihrer Lehre die Notwendigkeit einer revolutionären proletarischen Partei begründen, die sich qualitativ von einer Geheimgesellschaft unterscheidet, welche nicht in der Lage ist, die Arbeiterklasse in ihrem täglichen Kampf zu vertreten. Schon im „Zirkular gegen Kriege“ wird von einer Partei gesprochen, deren Mitglieder sich in ihren Zielen und in ihren Überzeugungen einig sind, und von der Festigung dieser Partei durch den Kampf gegen Anschauungen, die den Interessen des Proletariats widersprechen. Von diesem Grundsatz ließen sich Marx und Engels in ihrem Kampf gegen die „wahren Sozialisten“, gegen Karl Heinzen und die anderen Vertreter der kleinbürgerlichen und der bürgerlichen Ideologie leiten.

Auf dem Londoner Kongress des „Bundes der Gerechten“ im Sommer 1847 wurde die Reorganisation des Bundes beschlossen. Er nannte sich von nun an „Bund der Kommunisten“, und an die Stelle der kleinbürgerlichen Devise „Alle Menschen sind Brüder“ trat die internationalistische [internationale] Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Friedrich Engels nahm an dem Kongress als Delegierter der Pariser Gemeinden des Bundes aktiv teil. Der Kongress nahm neue Statuten an, in denen die Hauptaufgabe der Arbeiterklasse und ihrer Partei von marxistischen Positionen aus bestimmt wurde:

„Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum.“ [18] [Bund der Kommunist 1847] -

In einer speziellen Entschließung wurde der von Friedrich Engels verfasste „Entwurf eines Kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ als Diskussionsgrundlage bestätigt.

Im „Kommunistischen Glaubensbekenntnis“, das in der damals üblichen Katechismusform geschrieben ist, werden klar das Endziel der Kommunisten und die Wege zu seiner Erreichung formuliert. Es wird betont, dass eine kommunistische Umgestaltung der Gesellschaft erst auf der Grundlage der Entwicklung der maschinellen Großindustrie möglich wird. „Der Kommunismus ist die Lehre von einer Befreiung, die nicht den Sklaven, den Leibeigenen oder den Handwerkern möglich war, sondern erst den Proletariern, und daher gehört er notwendig dem neunzehnten Jahrhundert an und war zu keiner früheren Zeit möglich.“ [19]

Der neue Bund beschloss ferner, eine „Kommunistische Zeitschrift“ herauszugeben, deren erste und einzige Nummer als „Probeblatt“ im September 1847 erschien. In den in dieser Nummer erschienenen Artikeln werden jene sentimentalen kleinbürgerlichen Vorstellungen von einer friedlichen Verwirklichung des Sozialismus kritisiert, die noch vor kurzem im Bund geherrscht hatten. Allerdings findet man in der Zeitschrift auch falsche Auffassungen. So werden beispielsweise als Proletarier alle bezeichnet, „die nicht von ihrem Kapital leben können“, also sowohl der Gelehrte, der Künstler wie der kleine Bourgeois. [20]

Der zweite Kongress des „Bundes der Kommunisten“ fand noch in demselben Jahr, Ende November bis Anfang Dezember 1847, statt. Diesmal war Karl Marx anwesend. Hier setzten die Begründer des Marxismus „ihre Forderung durch, dass der Bund der Kommunisten als kommunistische Partei vor die Weltöffentlichkeit trete und unverhüllt seine theoretischen Grundsätze verkünde. Dieser außerordentlich wichtige Beschluss bedeutete den endgültigen Bruch mit der früheren Verschwörungstaktik des Bundes, dessen Bestehen und Ziele geheimgehalten wurden“. [21] Der Kongress beschloss, für den Bund ein Programm auszuarbeiten, und beauftragte damit Karl Marx und Friedrich Engels.

Der neue Programmentwurf waren die von Friedrich Engels im Oktober/November 1847 verfassten „Grundsätze des Kommunismus“. Obwohl die Begründer des Marxismus weder mit der Form noch mit dem Inhalt dieses Werkes zufrieden waren [22], stellt es ein historisch höchst bedeutsames Dokument dar, in dem nicht nur die schon in den früheren Werken von Marx und Engels ausgearbeiteten Grundsätze des wissenschaftlichen Kommunismus dargelegt, sondern auch einige neue Fragen aufgeworfen werden.

Friedrich Engels definiert den wissenschaftlichen Kommunismus als die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats. Diese klare und exakte wissenschaftliche Formulierung stellt den wissenschaftlichen Kommunismus sogleich in Gegensatz zu all den utopischen Lehren, deren Schöpfer sich für die objektiven Voraussetzungen einer kommunistischen Umgestaltung der Gesellschaft überhaupt nicht interessierten und die ihre Lehre nicht als die Theorie der Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse ansahen. Des weiteren skizziert Engels die Geschichte des Proletariats. Er erläutert, dass es diese Klasse nicht immer gegeben hat. Ihre Entstehung und Entwicklung hängt mit der industriellen Revolution, mit der Trennung der Produktionsmittel von den unmittelbaren Produzenten und mit der ständig zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft zusammen.

Das Proletariat unterscheidet sich wesentlich von den werktätigen Klassen früherer Geschichtsepochen. „Der Sklave kann ... eine bessere Existenz haben als der Proletarier, aber der Proletarier gehört einer höheren Entwicklungsstufe der Gesellschaft an und steht selbst auf einer höheren Stufe als der Sklave. Der Sklave befreit sich, indem er von allen Privateigentumsverhältnissen nur das Verhältnis der Sklaverei aufhebt ...; der Proletarier kann sich nur dadurch befreien, dass es das Privateigentum überhaupt aufhebt.“ [23]

Auch den Kapitalismus hat es nicht immer gegeben, er ist an die Stelle der Feudalordnung getreten. Die Bourgeoisie beseitigte die politische Herrschaft der Aristokratie und des Adels und ihre ökonomische Grundlage, den feudalen Grundbesitz. Sie hat die Zunftordnung, das heißt die feudale Organisation der Produktion in der Stadt, abgeschafft. Sie hob alle Privilegien auf und setzte an deren Stelle die freie Konkurrenz, die es jedem gestattet, jeden beliebigen Industriezweig zu betreiben. Dieses Recht können allerdings nur diejenigen wahrnehmen, die die dafür erforderlichen Mittel besitzen.

Die Entwicklung des Kapitalismus hat gezeigt, dass die kapitalistischen Verhältnisse allmählich zu einem Hemmschuh für die Entwicklung der Produktion werden. Daraus folgt, dass „die große Industrie selbst entweder ganz aufgegeben werden muss, was eine absolute Unmöglichkeit ist, oder dass sie eine ganz neue Organisation der Gesellschaft durchaus notwendig macht, in welcher nicht mehr einzelne, einander Konkurrenz machende Fabrikanten, sondern die ganze Gesellschaft nach einem festen Plan und nach den Bedürfnissen aller die industrielle Produktion leitet“. [24]

Die große Industrie ermöglicht eine unbegrenzte [richtig ist: eine qualitativ hochproduktive und sozial-ökonomisch-ökologische] Ausdehnung der Produktion [und Kreislaufwirtschaft], und hieraus ergibt sich die Möglichkeit, alle Lebensbedürfnisse der Menschen zu befriedigen und dadurch die freie und allseitige Entwicklung ihrer Kräfte und Anlagen zu sichern. Diese Möglichkeit [einer qualitativ hochproduktiven und sozial-ökonomisch-ökologischen Kreislaufwirtschaft] lässt sich jedoch im Kapitalismus nicht realisieren, weil die auf dem Privateigentum beruhenden Verhältnisse zu Krisen und Elend führen. -

„Das Privateigentum wird also ebenfalls abgeschafft werden müssen, und an seine Stelle wird die gemeinsame Benutzung aller Produktionsinstrumente und die Verteilung aller Produkte nach gemeinsamer Übereinkunft oder die sogenannte Gütergemeinschaft treten.“[25]

Friedrich Engels macht den Leser mit dem Gedanken vertraut, dass die kapitalistische Produktionsweise auf revolutionärem Wege gestürzt werden muss. Gleichzeitig verurteilt er entschieden jegliche Verschwörertaktik, die er nicht nur für nutzlos, sondern auch für ausgesprochen schädlich hält. -

Die Kommunisten „wissen zu gut, dass Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern dass sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen waren, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen durchaus unabhängig sind“. [26] -

Diese These enthält im Keim die marxistische Lehre von der revolutionären Situation. Friedrich Engels stellt die Frage nach der Diktatur des Proletariats und erklärt, dass die Diktatur des Proletariats durch die konsequente revolutionäre Verwirklichung der Demokratie errichtet werden wird. Dazu aber ist eine kommunistische Revolution erforderlich, die „vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen“ wird. [27] -

Selbstverständlich unterscheidet sich diese „demokratische Staatsverfassung“ prinzipiell von der bürgerlichen Demokratie, denn ihre Hauptaufgabe besteht darin, eine Reihe umfassender, „direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln“ durchzusetzen. [28] Hierzu gehören die allmähliche Expropriation der Grundeigentümer, Fabrikanten und Besitzer von Transportmitteln, die Einführung des Arbeitszwangs [menschenwürdige und auskömmlich bezahlte Arbeit für alle Werktätigen und auch für die vormaligen Angehörigen der Bourgeoisie und deren vormaligen ökonomischen, staatlichen und gesellschaftspolitischen Administration und Beamtenschaft, einschließlich der historisch vergangenen Finanz- und Monopolbourgeoisie] für alle Mitglieder der Gesellschaft, die Zentralisierung des Kreditsystems und andere. -

Eine solche Demokratie ist jedoch nichts anderes als die Diktatur des Proletariats [der großen Mehrheit der – technisch-wissenschaftlich-sozial-kulturell – werktätigen Frauen und Männer].

Die von Friedrich Engels vorgeschlagenen Maßnahmen, die die Arbeiterklasse nach Errichtung ihrer politischen Macht ergreifen muss, enthalten im wesentlichen schon die Idee der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus. Hiermit hängt auch die äußerst wichtige These zusammen, dass das Privateigentum nicht mit einem Schlage abgeschafft werden kann. Dazu müssen die Produktivkräfte einen so hohen Stand erreicht haben, dass er den Übergang zum sozialistischen [Welt-] Wirtschaftssystem ökonomisch sicherstellt. Der Sozialismus ist nicht einfach eine radikale Veränderung des Systems der Verteilung der materiellen Güter, sondern die grundlegende Umgestaltung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse auf der Grundlage des stürmischen [qualitativen und sozial-ökonomisch-ökologischen] Wachstums der Produktivkräfte. -

„Die große Industrie, befreit von dem Druck des Privateigentums, wird sich in einer Ausdehnung entwickeln, gegen die ihre jetzige Ausbildung ebenso kleinlich erscheint wie die Manufaktur gegen die große Industrie unserer Tage.“ [29] Engels erkennt folglich an, dass der von den fortschrittlichen kapitalistischen Ländern erreichte Stand der Produktion für den Übergang zum Sozialismus [im 19. Jahrhundert] noch nicht ausreicht.

In den „Grundsätzen des Kommunismus“ wird der erfolgreiche Versuch unternommen, die verschiedenen Formen des utopischen Sozialismus auf ihren Klasseninhalt hin zu untersuchen. Schon damals wurden unter dem Aushängeschild des Sozialismus allerlei Lehren propagiert, die in Wirklichkeit die Interessen der Ausbeuterklassen widerspiegelten. -

Friedrich Engels entlarvt die Anschauungen der Vertreter des feudalen und bürgerlichen Pseudosozialismus. Im Unterschied zu diesen sind die „demokratischen Sozialisten“ Verbündete der Kommunisten. Sie sind „entweder Proletarier, die über die Bedingungen der Befreiung ihrer Klasse noch nicht hinreichend aufgeklärt sind, oder sie sind Repräsentanten der Kleinbürger, einer Klasse, welche bis zur Erringung der Demokratie und der aus ihr hervorgehenden sozialistischen Maßregeln in vieler Beziehung dasselbe Interesse haben wie die Proletarier“. [30]

Friedrich Engels geht auf die Frage des Verhältnisses der Kommunisten zu den übrigen Parteien ein und formuliert die politische Linie des Proletariats und seiner Partei in der herannahenden bürgerlichen Revolution. [– 19. Jh. –] Es liegt im Interesse der Kommunisten, „die Bourgeois sobald als möglich an die Herrschaft bringen zu helfen, um sie sobald wie möglich wieder zu stürzen“. [31]

Die „Grundsätze des Kommunismus“ sind somit die unmittelbare Vorstufe für das programmatische Dokument des Marxismus, das „Manifest der Kommunistischen Partei“.«

Anmerkungen

1 Д. Рязанов: Маркс и Знгельс, Москва 1923, стр. 80.
2 Ebenda, S. 79.
3 См. Е. П. Кандель: Маркс и Знгельс – организаторы Союза коммунистов, Москва 1953. – М. И. Михайлов: История Союза коммунистов, Москва 1968. – K. Obermann: Die deutschen Arbeiter in der ersten bürgerlichen Revolution, Berlin 1950. – Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien, Bd. 1.
4 Siehe J. Spargo: Karl Marx. Leben und Werk, Leipzig 1912, S. 79.
5 Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 21, S. 213.
6 Bericht von Bruno Hildebrand über eine Versammlung des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in London, 14. April 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 311.
7 Siehe Karl Marx: Herr Vogt. In: MEW, Bd. 14, S. 439.
8 Ebenda.
9 Siehe: Brief des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London an Karl Marx in Brüssel, 6. Juni 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 347–350.
10 Siehe K. Obermann: Die deutschen Arbeiter in der ersten bürgerlichen Revolution, S. 42.
11 Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 21, S. 214.
12 Brief des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London an Karl Marx in Brüssel, 6. Juni 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 348.
13 Ebenda, S. 349.
14 Ebenda, S. 347.
15 Ebenda, S. 348. Im Januar 1847 entsandte die Leitung des „Bundes der Gerechten“ Joseph Moll zu Verhandlungen mit Marx und Engels über ihren Eintritt in den Bund und über seine Reorganisation. In der ihm ausgehändigten Vollmacht heißt es: „An das kommunistische Korrespondenzkomitee in Brüssel. Die unterzeichneten Mitglieder des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London geben hiermit dem Bürger Joseph Moll die Vollmacht und den Auftrag, in ihrem Namen mit dem Kommunistischen Korrespondenzkomitee in Brüssel in Unterhandlung zu treten und demselben einen mündlichen Bericht über den hiesigen Zustand der Dinge abzustatten. Zu gleicher Zeit ersuchen wir das Komitee in Brüssel, dem Bürger Moll, welcher Mitglied des hiesigen Komitees ist, über alle Gegenstände von Wichtigkeit genauen Aufschluss zu geben und ihn mit allem, was für das Komitee in London bestimmt ist, zu beauftragen.“ (Schreiben des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London an das Kommunistische Korrespondenzbüro in Brüssel, 20. Januar 1847. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 451.) Dieses Dokument wurde zum erstenmal von Franz Mehring im Jahre 1914 veröffentlicht.
16 Schreiben des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London an das Kommunistische Korrespondenzkomitee in Brüssel, 17. Juli 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 379.
17 Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 21, S. 215.
18 Statuten des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 4, S. 596.
19 Entwurf eines Kommunistischen Glaubenbekenntnisses, angenommen vom ersten Kongress des Bundes der Kommunisten, 9. Juni 1847. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 473.
20 Probeheft der „Kommunistischen Zeitschrift“, Nr. 1, Anfang September 1847. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 504.
21 Friedrich Engels. Sein Leben und Wirken, Moskau 1970, S. 123/124.
22 In diesem Zusammenhang schrieb Engels an Marx: „Ich glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titulieren das Ding: Kommunistisches Manifest. Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muss, passt die bisherige Form gar nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile. Ich fange an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat – Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen, Folgerungen.“ (Engels an Marx, 23./24. November 1847. In: MEW, Bd. 27, S. 107.)
23 Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus. In: MEW, Bd. 4, S. 366.
24 Ebenda, S. 370.
25 Ebenda, S. 370/371. Privateigentum ist nach Engels’ Meinung genaugenommen kapitalistisches Eigentum. „Denn das Privateigentum hat nicht immer existiert, sondern, als gegen das Ende des Mittelalters in der Manufaktur eine neue Art der Produktion erschaffen wurde, welche sich dem damaligen feudalen und Zunfteigentum nicht unterordnen ließ, da erzeugte diese, den alten Eigentumsverhältnissen entwachsene Manufaktur eine neue Eigentumsform, das Privateigentum.“ (Ebenda, S. 371.) Diese These ist offenbar so zu verstehen, dass erst im Kapitalismus das Privateigentum, nachdem es von allen feudalen Beschränkungen durch Zünfte, Gemeindeordnung usw. befreit worden ist, sich überall durchsetzt und zum allgemeinen ökonomischen Verhältnis wird.
26 Ebenda, S. 372.
27 Ebenda.
28 Ebenda, S. 373.
29 Ebenda, S. 375.
30 Ebenda, S. 378/379.
31 Ebenda, S. 379. 

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Vgl.: 4. Die Organisation des „Bundes der Kommunisten“. Friedrich Engels’ „Grundsätze des Kommunismus“.