Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 63)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die materialistische Dialektik und Proudhons „Philosophie des Elends“
[2 von 2]
Das Fabriksystem, das an die Stelle der Arbeits- teilung, wie sie in der Manufaktur bestand, tritt, zerlegt den Produktionsprozess in seine Best- andteile und bringt neue Formen der Arbeitstei- lung hervor.
In der kapitalistischen Fabrik vereinfachen die Maschinen die Funktionen des Arbeit- ers, machen seine Arbeit einseitig. Proudhon, der sich in dem wirklichen Verhältnis zwi- schen der maschinellen Produktion, dem kapitalistischen Fabriksystem und der Ar- beitsteilung nicht zurechtfand, vermochte natürlich erst recht nicht zu begreifen, dass die Entwicklung der Großindustrie die materiellen Voraussetzungen für die Bese- itigung der den Menschen knechtenden Formen der Arbeitsteilung schafft, wie sie in der antagonistischen Gesellschaft bestehen.
Er sah nur, dass eine Maschine in einem Arbeitsgang eine ganze Nadel herstellt, währ- end in der Manufaktur mit ihrer Herstellung zwölf Arbeiter beschäftigt waren. Proudhons Ideal ist die Herstellung einer ganzen Nadel durch einen einzigen Arbeiter mit Hilfe einer Maschine. Auf diese Weise würde der Arbeiter zu der Wissenschaft und dem Bewusst- sein der Nadel gelangen.
Die wirklichen Voraussetzungen für die Beseitigung der den Menschen knechten- den Formen der Arbeitsteilung sind andere. Sie bestehen in der Beseitigung ein- seitiger Spezialisierung und des damit verbundenen „Fachidiotismus“, in der En- twicklung des Bedürfnisses nach Universalität, im Bestreben nach einer allseit- igen Entwicklung des Individuums. -
Diesen Gedanken von der progressiven Rolle des Fabriksystems bei der Schaff- ung der materiellen Voraussetzungen für die allseitige Entwicklung der Persön- lichkeit hat Marx später im „Kapital“systematisch weiter ausgebaut.
Auch an der Konkurrenz unterscheidet Proudhon eine gute und eine schlechte Seite. Die Konkurrenz ist ebenso unentbehrlich wie die Arbeitsteilung, sie ist „notwendig zur Herb- eiführung der Gleichheit“. [14] Diejenigen aber, die am Konkurrenzkampf beteiligt sind, verdirbt sie. Die Aufgabe besteht also darin, ein vermittelndes Prinzip zu finden.
Proudhon polemisiert heftig gegen die Fourieristen, die die Konkurrenz durch den Wett- eifer ersetzen möchten. Die Konkurrenz, behauptet Proudhon, ist der Wetteifer. Die Konkurrenz ist absolut notwendig, weil sie ein unabdingbarer Bestandteil der mensch- lichen Freiheit ist. Dem hält Marx entgegen, dass die Konkurrenz der Wetteifer im Hinblick auf den Profit ist. In der kommunistischen Gesellschaft wird es keine Konkurrenz geben, wohl aber den Wettbewerb.
Nach Proudhon ergibt sich die Konkurrenz aus der menschlichen Natur. Doch die Geschichte der Menschheit, sagt Marx, ist nur eine fortgesetzte Umwandlung der menschlichen Natur. Die Natur oder das Wesen des Menschen ist in jeder historischen Epoche ein Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung. Das bedeutet, es gibt keine unveränderlichen, für ewige Zeiten gegebenen ökonomischen Prinzipien.
Die Konkurrenz, behauptet Proudhon weiter, widerspricht der Assoziation nicht, sie trägt dazu bei, dass ein gemeinsames Ziel erreicht wird, und darf darum nicht als Egoismus betrachtet werden. Derartige Überlegungen, bemerkt Marx, beweisen nichts, denn auch Egoismus setzt gemeinsame Ziele verschiedener Menschen voraus. „Jeder Egoismus spielt sich ab in der Gesellschaft und vermittelst der Gesellschaft. Er setzt also die Gesellschaft voraus, das heißt gemeinsame Ziele, gemeinsame Bedürfnisse, gemeinsame Produktionsmittel etc. etc.“ [15]
Um seine These von der Ewigkeit der Konkurrenz zu bekräftigen, behauptet Proudhon, alle Produktionszweige, in denen die Konkurrenz nur unzureichend entwickelt ist, seien wirtschaftlich rückständig. Das ist zweifellos richtig, soweit es sich um die kapitalistische Produktion handelt. Proudhon jedoch spricht von Produktion schlechthin. Daher kommt er zu dem Ergebnis, die Konkurrenz sei die „Konstituierung des Wertes“, eine Bedingung für die Herbeiführung der Gleichheit, ein Prinzip der sozialen Ökonomie, ein Dekret des Schicksals usw. Trotz aller dieser Lobeshymnen auf die Konkurrenz kann Proudhon als echter Ideologe des Kleinbürgertums allerdings auch nicht achtlos an deren „schlechter Seite“ vorübergehen. Die Konkurrenz, sagt er, „stürzt die Begriffe der Billigkeit, der Gerechtigkeit“ um [16], zerstört den redlichen und freien Handel, korrumpiert das öffentliche Gewissen und nährt den Bürgerkrieg. Also muss die „schlechte Seite“ der Konkurrenz, die die Existenz der Gesellschaft gefährdet, überwunden werden. Zu diesem Zweck wird der Konkurrenz das Monopol gegenübergestellt.
Diesmal, konstatiert Marx, hat Proudhon das Glück gehabt, ein tatsächlich bestehendes Verhältnis von Gegensätzen zu entdecken. Die Konkurrenz ist aus dem feudalen Monopol hervorgegangen, sie ist als dessen Negation entstanden. Die Konkurrenz ihrerseits erzeugt das Monopol, diesmal das bürgerliche Monopol, das somit die Negation der Negation, die Einheit der Gegensätze ist. „In der Praxis des Lebens findet man nicht nur Konkurrenz, Monopol und ihren Widerstreit, sondern auch ihre Synthese, die nicht eine Formel, sondern eine Bewegung ist. Das Monopol erzeugt die Konkurrenz, die Konkurrenz erzeugt das Monopol. Die Monopolisten machen sich Konkurrenz, die Konkurrenten werden Monopolisten.“ [17]
Diese wirklich existierende Einheit der Gegensätze versteht Proudhon jedoch nicht. Für ihn ist das Monopol wieder einmal eine Entdeckung des Genius der Gesellschaft, die als Gegengift gegen die Konkurrenz verwendet werden muss. In Wirklichkeit aber beseitigt das Monopol die „schlechte Seite“ der Konkurrenz nicht. Die beiden Gegensätze verstärken sich vielmehr gegenseitig.
Zur Überwindung der dem Monopol ebenfalls eigenen „schlechten Seite“ sollen nach Proudhon die Steuern dienen, die den Appetit der Kapitalisten zügeln sollen. Daran, dass die Kapitalisten als politisch herrschende Klasse die Steuern zur Erhaltung ihrer Macht benutzen, denkt er nicht.
Das „Elend der Philosophie“ enthält nicht nur eine fundierte Kritik der philosophischen und ökonomischen Grundlagen des Proudhonismus und des kleinbürgerlichen Sozialismus überhaupt, sondern auch die klassische Darstellung, die ökonomischen und philosophische Begründung des wissenschaftlichen Kommunismus. Die bürgerlichen Ökonomen, sagt Marx, teilen die gesellschaftlichen Verhältnisse in künstliche und natürliche ein. Zu den natürlichen rechnen sie verständlicherweise nur die kapitalistischen Verhältnisse. In dieser Vorstellung widerspiegelt sich der Kampf der Bourgeoisie gegen den Feudalismus, der für seine Zeit eine ebenso natürliche oder notwendige Entwicklungsform der Produktivkräfte war wie der ihm folgende Kapitalismus. Im Rahmen der Feudalgesellschaft entstanden Produktivkräfte, die auf die Auflösung der feudalen Verhältnisse hinwirkten. Wenn bürgerliche Ideologen behaupten, nur die im Kapitalismus geltenden Gesetze seien natürlich und daher ewig, dann ist das lediglich Ausdruck ihres beschränkten Klassenhorizontes. In Wirklichkeit ist die ganze Entwicklung der Gesellschaft ein naturgeschichtlicher Prozess. Keine einzige Gesellschaftsformation ist daher unnatürlich oder naturwidrig, was übrigens nicht zu einer relativistischen Beurteilung des sozialhistorischen Prozesses berechtigt. Denn jede Gesellschaftsform ist unter bestimmten materiellen Bedingungen objektiv notwendig, und sie alle sind gesetzmäßige Stufen in der fortschreitenden Entwicklung der Menschheit.
In dem Brief an Annenkow äußert Marx sich folgendermaßen über die Einheit der verschiedenen Seiten und Bestandteile des gesellschaftlichen Organismus: „Was ist die Gesellschaft, welches immer auch ihre Form sei? Das Produkt des wechselseitigen Handels der Menschen. Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Keineswegs. Setzen Sie einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Verkehrs (commerce) und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Organisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort, eine entsprechende Gesellschaft (société civile). Setzen Sie eine solche Gesellschaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung (état politique), die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist.“ [18]
Diesen Gedanken hat Marx im „Elend der Philosophie“ weiterentwickelt. Hier weist er nach, dass das wechselseitige Handeln der Menschen durch die gesamte Arbeitstätigkeit der früheren Generationen, die sich in dem erreichten Stand der Produktivkräfte ausdrückt, objektiv bedingt ist. Der Stand der Produktivkräfte bestimmt die Form des sozialen Verkehrs im weitesten Sinne des Wortes (commerce), einschließlich der Produktionsverhältnisse. Auch die Art der Konsumtion wird durch die erreichte Stufe der gesellschaftlichen Produktion bestimmt. Produktion, Verkehr und Konsumtion führen zur Entstehung einer bestimmten ökonomischen Struktur der Gesellschaft, die ihrerseits eine entsprechende Staatsordnung bedingt. Alle Seiten des gesellschaftlichen Lebens sind organisch miteinander verbunden, aber innerhalb dieser gegenseitigen Abhängigkeit besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen der bestimmenden Grundlage (Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Produktionsweise) und allen anderen Seiten des sozialen Organismus.
Der historische Materialismus verfolgt, wie Marx nachweist, den organischen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Entwicklung nicht nur der Produktionsverhältnisse, sondern auch aller sonstigen Verhältnisse zwischen den Menschen. Sogar die Produktion von Ideen ist abhängig von der Entwicklung der Produktivkräfte, deren wichtigster Gradmesser der technische Fortschritt ist. -
„Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten. Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktivität gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen. Somit sind diese Ideen, diese Kategorien, ebensowenig ewig wie die Verhältnisse, die sie ausdrücken. Sie sind historische, vergängliche, vorübergehende Produkte.“ [19]
Die bürgerliche Gesellschaft kann die Entwicklung der Produktivkräfte ebensowenig aufhalten, wie sie dem Fortschritt überhaupt ein Ende setzen kann. Die Entwicklung der Produktivkräfte aber führt letztendlich zu einer Veränderung der Produktionsverhältnisse. Die Bourgeoisie wird zu einer konservativen Klasse, während das [differenziert technisch-wissenschaftlich-kulturelle] Proletariat die Interessen der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte vertritt.
Der kleinbürgerlichen Idee von der Gleichheit der Kleinproduzenten hält Marx die revolutionäre Idee der Aufhebung der Klassen entgegen. Aber im Gegensatz zu den Utopisten betrachtet er als die Grundvoraussetzungen für die Überwindung der Klassenunterschiede den Kampf der Klassen, den Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie.
Proudhon war gegen die Streikbewegung und gegen den Zusammenschluss der Arbeiter in Gewerkschaften und politischen Organisationen. Er versuchte zu beweisen, dass auf jede durch einen Streik erzwungene Lohnerhöhung unbedingt eine allgemeine Preissteigerung folgen müsse. Was die politische Organisation der Arbeiter betrifft, so erschien sie Proudhon völlig überflüssig, weil es seiner Meinung nach keinen Staat geben kann, der sich für die Interessen der Werktätigen einsetzen würde. -
Als Ideologe der kleinen Warenproduktion konnte er [- Proudhon -] die Notwendigkeit einer zentralisierten Staatsgewalt zum Zwecke der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft nicht verstehen. Diese Umgestaltung, so glaubte er, müsse von den Produzenten selbst durchgeführt werden, die sich in Assoziationen und Vereinigungen von Assoziationen usw. zusammenschließen.
Marx erklärt, dass Streiks und Arbeiterkoalitionen mit objektiver Notwendigkeit aus der Entwicklung des Kapitalismus erwachsen. „Die Großindustrie bringt eine Menge einander unbekannter Leute an einem Ort zusammen. Die Konkurrenz spaltet sie in ihren Interessen; aber die Aufrechterhaltung des Lohnes, dieses gemeinsame Interesse gegenüber ihrem Meister [‘ihrem’ Unternehmer, Manager etc.], vereinigt sie in einem gemeinsamen Gedanken des Widerstandes – Koalition. So hat die Koalition stets einen doppelten Zweck, den, die Konkurrenz der Arbeiter unter sich aufzuheben, um dem Kapitalisten eine allgemeine Konkurrenz [einen allgemeinen Widerstand] machen zu können.“ [20] Dieselben ökonomischen Bedingungen also, die die Masse der [differenziert werktätigen] Bevölkerung zu Proletariern gemacht haben, bestimmen auch ihre gemeinsamen Interessen, die sie zu einer antikapitalistischen Klasse werden lassen.
Wie andere kleinbürgerliche Ideologen sieht auch Proudhon im Proletariat nur ein Zerfallsprodukt der Feudalgesellschaft. Marx dagegen weist nach, dass das Proletariat aus dem Fortschritt der Produktivkräfte hervorgegangen ist, dass seine Existenz und sein Kampf eine gewaltige Triebkraft der gesellschaftlichen Höherentwicklung sind. Der revolutionäre Charakter des Proletariats widerspiegelt die materiellen Lebensbedürfnisse der Gesellschaft, und als revolutionäre Klasse ist das Proletariat die bedeutendste Produktivkraft der Gesellschaft.
Den kleinbürgerlichen Ideologen erschrecken die antagonistischen Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung, in denen er etwas Anormales sieht. Dem hält Marx entgegen, dass in einer Gesellschaft, deren Grundlage das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist, die antagonistischen Widersprüche die Haupttriebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts in allen seinen Formen (ökonomisch [sozial-ökologisch], politisch und geistig) bilden.
Die Aufhebung der antagonistischen Widersprüche, die durch die Entwicklung der Produktivkräfte im Rahmen des Kapitalismus unvermeidlich wird, hat zur Voraussetzung nicht die Versöhnung der Klassen, sondern den Kampf zwischen ihnen, nicht eine Neuverteilung der Macht zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, sondern die Verwandlung des Proletariats, der wichtigsten und entscheidenden Produktivkraft der Gesellschaft, in die politisch herrschende Klasse.
Am Ende seines Werkes erläutert Marx den welthistorischen Sinn und die Bedeutung der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft. In genialer Voraussicht der Zukunft erklärt Marx, dass erst der Sieg des Sozialismus den antagonistischen Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung aufhebt und den Weg für einen allseitigen Fortschritt der ganzen Menschheit frei macht, so dass „die gesellschaftlichen Revolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein“. [21] -
Bis dahin jedoch, bis zur Errichtung des Sozialismus und um den Sozialismus errichten zu können, ist der schonungslose Kampf auf Leben und Tod gegen das Kapital unerlässlich.
Dies ist, wie Marx hervorhebt, das letzte Wort der sozialen Wissenschaft. «
[2 von 2]
Anmerkungen
14 Zit. in: Karl Marx: Das Elend der Philosophie. In: MEW, Bd. 4, S. 158.
15 Ebenda, S. 161.
16 Zit. in: Ebenda, S. 162.
17 Ebenda, S. 163.
18 Karl Marx an P. W. Annenkow, 28. Dezember 1846. In: MEW, Bd. 4, S. 548.
19 Karl Marx: Das Elend der Philosophie. In: MEW, Bd. 4, S. 130.
20 Ebenda, S. 180.
21 Ebenda, S. 182.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Vgl.: 3. Die materialistische Dialektik und Proudhons „Philosophie des Elends“.