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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 60)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Marx’ Kritik der ökonomischen Utopie Proudhons und die Frage des historisch vergänglichen Charakters der kapitalis- tischen Verhältnisse
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Ein neuer Fortschritt bei der Begründung des wissenschaftlichen Kommunismus ist Marxens Auftreten gegen die Lehre Proudhons.

Während die Kritik an den „wahren Sozialisten“ vor allem gegen die spekulativ-idealisti- sche Interpretation des Sozialismus gerichtet war, entlarvte die Kritik des Proudhonis- mus nicht nur den Idealismus, sondern widerlegte auch die falsche ökonomische Kon- zeption des kleinbürgerlichen Sozialismus.

Schon vor Proudhon hatten einige englische Sozialisten (Hodgskin, Bray u. a.) aus der Werttheorie sozialistische Schlussfolgerungen gezogen. Obwohl Proudhon diese nicht als seine Vorgänger bezeichnet, ist er doch offenbar von ihren Gedanken ausgegangen und hat sein „Tauschbank“-Projekt direkt von Bray übernommen.

Im übrigen hat Proudhon im Unterschied zu den englischen Sozialisten versucht, die im Sinne des utopischen Sozialismus interpretierte Werttheorie mit einer philosophischen Konzeption der Weltgeschichte zu verbinden.

Marx hat, wie bereits erwähnt, Proudhons Frühschrift „Was ist das Eigentum?“ im gro- ßen und ganzen positiv beurteilt. Während seines Pariser Aufenthaltes in den Jahren 1844 und 1845 hat Marx mit Proudhon verkehrt und sich bemüht, diesen für den revo- lutionären Kampf gegen den Kapitalismus zu gewinnen. Proudhon aber tendierte nach rechts und näherte sich den „wahren Sozialisten“, durch die er die Philosophie Hegels kennenlernte. Marx’ Versuch, Proudhon für das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ zu interessieren, ist, wie wir bereits wissen, ebenfalls erfolglos geblieben.

Im Jahre 1846 veröffentlichte Proudhon sein neues Buch „System der ökono- mischen Widersprüche oder Philosophie des Elends“. Darin wandte er sich gegen den Kommunismus, gegen die Arbeiterbewegung und gegen den politischen Kampf überhaupt. Er propagierte die friedliche Umwandlung des Kapitalismus in eine Gesellschaft voneinander unabhängiger Kleinproduzenten, die ihre Erzeugnisse entsprechend der für sie aufgewendeten Arbeitsmenge untereinander austauschen.

Eine solche Gesellschaft, meinte Proudhon, mache jede Staatsgewalt überflüssig. Die Existenz des Staates erklärte Proudhon nicht aus dem Kampf gegensätzlicher Klassen, sondern aus der nationalen Organisation der Produktion, deren Notwendigkeit er entschieden ablehnte. In seinem neuen Buch trieb Proudhon die metaphysische Gegenüberstellung des Privateigentums der Kleinproduzenten einerseits und des kapitalistischen Privateigentums andererseits auf die Spitze. Das letztere betrachtete er als eine Verzerrung der menschlichen Natur, das erstere dagegen als ihr notwendiges Attribut.

Die Proletarier erschienen ihm [Proudhon] als minderwertige Menschen, da sie sich von der „selbständigen“ handwerklichen Produktion entfernt hatten. Proletarische Streiks und Aufstände betrachtete er als Rebellion einer blinden Masse. Alle seine Hoffnungen auf eine radikale soziale Reform setzte er auf die Handwerker. Seiner Ansicht nach brauchten diese nur „Tauschbanken“ zu organisieren, an denen jeder ohne Geld sein Erzeugnis gegen ein anderes Produkt, das er benötigt, werde austauschen können, und dem Kleinproduzenten brauchten nur Kredite gewährt zu werden, um alles Unglück auf Erden zu beseitigen. Nach Proudhons Meinung hat alles soziale Unglück seinen Ursprung im Handel, im Geld und im Wucher. Das Wertgesetz dagegen fasste er als das Gesetz des gerechten Austausches auf, das lediglich durch die Geldzirkulation entstellt worden sei.

Proudhons kleinbürgerliche Kritik des Kapitalismus war eine ernsthafte Gefahr für die damalige Arbeiterbewegung, in der die kleinbürgerlichen Illusionen noch sehr stark und die Hoffnungen auf allerlei Allheilmittel und Projekte, wie sie die utopischen Doktrinäre in Mengen erfanden, weit verbreitet waren. Marx erkannte gleich nach dem Erscheinen des Proudhonischen Buches die Notwendigkeit, diese pseudosozialistische Ideologie zu bekämpfen. -

In einem Brief an Annenkow vom 28. Dezember 1846 charakterisierte Marx Proudhon als Ideologen des Kleinbürgertums, der sich in einer zwiespältigen Lage befindet:

„Er ist geblendet von der Herrlichkeit der großen Bourgeoisie und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im innersten seines Gewissens schmeichelt es sich, unparteiisch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben, das den Anspruch erhebt, etwas anderes zu sein als das rechte juste-milieu. Ein solcher Kleinbürger vergöttlicht den Widerspruch, weil der Widerspruch der Kern seines Wesens ist.“ [1]

Im Grunde lehnt Proudhon, wie Marx nachweist, weder das Privateigentum noch die Konkurrenz oder andere Grundlagen des Kapitalismus ab. Vielmehr bemüht er sich, in allen diesen Phänomenen eine gute und eine schlechte Seite zu entdecken, den Widerspruch zwischen beiden zu „überwinden“ und ein Rezept zur Verbesserung des Kapitalismus vorzulegen. [Aktuell, siehe auch: „Die Linke“ und Frau Wagenknecht. / R. S.] Alle ökonomischen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft werden von ihm als Einrichtungen angesehen, denen gute Gedanken zugrunde liegen. Leider lasse jedoch die Verwirklichung dieser guten Gedanken noch zu wünschen übrig. Proudhon tut, „was alle guten Bourgeois tun ... Sie wollen alle die Konkurrenz ohne die unheilvollen Folgen der Konkurrenz. Sie wollen alle das unmögliche, d. h. bürgerliche Lebensbedingungen ohne die notwendigen Konsequenzen dieser Bedingungen. Sie alle verstehen nicht, dass die bürgerliche Form der Produktion eine historische und vorübergehende ist, genauso wie es die feudale Form war.“ [2]

Marx enthüllt als die philosophische Grundlage der kleinbürgerlichen Anschauungen einen Idealismus Hegelscher Prägung. Proudhon versteht die Kategorien der bürgerlichen Nationalökonomie nicht als den abstrakten Ausdruck historisch vergänglicher ökonomischer Verhältnisse, die ökonomischen Verhältnisse betrachtet er vielmehr als Verkörperung der Kategorien, die von Ewigkeit her in der unpersönlichen Menschheitsvernunft existieren. So stehen bei ihm auf der einen Seite die ewigen Ideen, die Kategorien der reinen Vernunft, und auf der andern die praktische Tätigkeit der Menschen, die diese Kategorien realisiert. Proudhon wirft der Bourgeoisie nur vor, dass sie die „ewigen“ Prinzipien des Eigentums, der Konkurrenz usw. entstelle. Zwischen den Ideen und der praktischen Tätigkeit der Menschen besteht seiner Ansicht nach ein Widerspruch, und er empfiehlt ein Produkt zur Überwindung dieses Missverhältnisses. Wenn Proudhon auch nicht direkt behauptet, dass sich in der bürgerlichen Gesellschaft die ewigen Prinzipien der Vernunft verkörpern, so sagt er es doch indirekt, indem er die Kategorien der bürgerlichen Nationalökonomie als zeitlos und unverständlich heiligt. „So kommt er nicht über den bürgerlichen Horizont hinaus.“ [3]

Die gesellschaftlichen Verhältnisse erweisen sich bei Proudhon als unabhängig von den Produktivkräften. Bedingt sind sie angeblich nur dadurch, wie weit die menschliche Einsicht gediehen ist, in welchem Grade die ewigen ökonomischen Kategorien erkannt worden sind. Er [Proudhon] kann nicht begreifen, dass die Produktion nicht nur die Produktion von Sachen ist, sondern auch der gesellschaftlichen Verhältnisse nebst den ihnen entsprechenden ökonomischen Kategorien. Er glaubt daher, die Auflösung sozialer Widersprüche sei Sache des Denkens, der Wissenschaft, während doch diese Widersprüche durch das materielle Leben erzeugt worden sind und nur in diesem selbst wirklich aufgelöst werden können. „Die Gelehrten also“, bemerkt Marx ironisch, „die Menschen, die Gott seine intimen Gedanken zu entreißen verstehen, machen die Geschichte. Das niedere Volk hat bloß ihre Offenbarungen anzuwenden.“ [4] Darum ist es nicht verwunderlich, dass Proudhon ein Gegner des politischen Kampfes ist, der seiner Meinung nach durch die Verwirklichung der von ihm erarbeiteten Reformen ersetzt werden kann.

Marx’ Brief an Annenkow ist eine großartige Skizze des ersten Werkes des reifen Marxismus, des „Elends der Philosophie“, in dem Marx Proudhons „Philosophie des Elends“ als eine kleinbürgerliche Utopie entlarvte, die die Werktätigen vom Klassenkampf ablenkt. Proudhons idealistischen politökonomischen Konstruktionen stellt Marx die dialektisch-materialistische Weltanschauung als Grundlage einer theoretischen Analyse der ökonomischen Verhältnisse gegenüber. Marxens Buch erschien Anfang Juli 1847 in französischer Sprache und spielte eine große Rolle im Kampf gegen den Proudhonismus und die kleinbürgerliche Ideologie überhaupt.

Marx kritisiert zunächst Proudhons Auffassung des Warenaustausches. Proudhon behauptet, die Produkte der Arbeit würden zu Waren, weil die Menschen übereingekommen seien, verschiedene Dinge zu produzieren, um die mannigfachen Bedürfnisse, die sie von Natur aus haben, befriedigen zu können. Die Vielfalt der individuellen Bedürfnisse unterstellt er als von Ewigkeit her gegeben. Die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse ist also nicht die Folge, sondern die Ursache der Produktion verschiedenartiger Güter. Den Menschen der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft [- der ‘entwickelten’ bürgerlichen Gesellschaft? - im 19. Jh. / R. S.] fasst er als den natürlichen Menschen auf, aus dessen Natur sich die Notwendigkeit des Warenaustausches ergibt. Daraus folgt, dass der Warenaustausch (und daher auch der Wert) keine historisch vorübergehende Form der gesellschaftlichen Produktion ist, sondern die Verwirklichung der ewigen Prinzipien der menschlichen Vernunft.

Im Gegensatz zu Proudhon weist Marx nach, dass der Warenaustausch ebenso wie die Vielfalt der Bedürfnisse des gesellschaftlichen Individuums nur dann richtig verstanden werden können, wenn man sie historisch betrachtet. Es gab eine Zeit, in der die Produzenten nur den Überschuss ihrer Produktion austauschten. Im Kapitalismus dagegen ist alles, selbst das, was immer als unveräußerlich gegolten hatte, zum Gegenstand des Kaufs und Verkaufs geworden. -

„Es ist dies die Zeit, wo selbst Dinge, die bis dahin mitgeteilt wurden, aber nie ausgetauscht, gegeben, aber nie verkauft, erworben, aber nie gekauft: Tugend, Liebe, Überzeugung, Wissen, Gewissen etc., wo mit einem Wort alles Sache des Handels wurde. Es ist die Zeit der allgemeinen Korruption, der universellen Käuflichkeit oder, um die ökonomische Ausdrucksweise zu gebrauchen, die Zeit, in der jeder Gegenstand, ob physisch oder moralisch, als Handelswert auf den Markt gebracht wird, um auf seinen richtigsten Wert abgeschätzt zu werden.“ [5] «
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Anmerkungen

1 Karl Marx an P. W. Annenkow, 28. Dezember 1846. In: MEW, Bd. 4, S. 557.
2 Ebenda, S. 555.
3 Ebenda.
4 Ebenda.
5 Karl Marx: Das Elend der Philosophie. In: MEW, Bd. 4, S. 69. 

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Vgl.: 2. Marx’ Kritik der ökonomischen Utopie Proudhons und die Frage des historisch vergänglichen Charakters der kapitalistischen Verhältnisse.

https://de.wikipedia.org/wiki/Proudhon
http://static.twoday.net/sentenzen/files/proudhon.htm
http://dwardmac.pitzer.edu/anarchist_archives/proudhon/Proudhonarchive.html