Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 58)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die materialistische Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus und die Kritik des kleinbürgerlichen Utopismus.
Der proletarische Kommunismus und die kleinbürgerliche Propaganda für einen „allgemeinmenschlichen“ Sozialismus
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Eine der wichtigsten Besonderheiten der Genesis des Marxismus ist die ständige Abgrenzung von politischen Mitläufern jeder Art, zunächst vom bürgerlichen Liberalismus, dann vom kleinbürgerlichen Demokratismus einschließlich des kleinbürgerlichen Sozialismus. Die Kritik des letzteren ist die notwendige Fortsetzung des Kampfes, den Karl Marx und Friedrich Engels gegen die bürgerliche Ideologie führen. Diese Besonderheit des Genesis des Marxismus widerspiegelt den historischen Prozess der Abgrenzung des Proletariats von den anderen ausgebeuteten Klassen.
Die Begründung der historischen Rolle des Proletariats setzt die Erforschung des qualitativen Unterschiedes zwischen dem gesellschaftlichen Bewusstsein dieser Klasse und der Ideologie der nichtproletarischen Massen voraus. Hieraus folgt notwendig, die Unentschlossenheit des Kleinbürgertums zu kritisieren. Marx und Engels schätzen den revolutionären Demokratismus der nichtproletarischen Werktätigen sehr. Sie hielten es jedoch für ihre Pflicht, jene Ideologen zu kritisieren, die sich als Repräsentanten der konservativen Neigungen des Kleinproduzenten gegen die Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse stellten. Solche Ideologen waren in Deutschland Mitte der vierziger Jahre [19. Jh.] die „wahren Sozialisten“ Karl Grün, Otto Lüning, Joseph Weydemeyer, Hermann Püttmann und andere. Sie nannten sich „wahre Sozialisten“, im Gegensatz zu dem ihrer Meinung nach „rohen“ und „ungebildeten“ französischen und englischen utopischen Sozialismus. Der „wahre Sozialismus“ nimmt um das Jahr 1844 feste Gestalt an. Das Hauptmerkmal dieser Richtung, bei deren Zustandekommen der schlesische Weberaufstand eine entscheidende Rolle gespielt hat, besteht neben der Leugnung der Notwendigkeit der kapitalistischen Entwicklung in der Ablehnung des revolutionären Kampfes des Proletariats. Man muss deshalb den „wahren Sozialismus“ von dem ihm vorausgehenden „philosophischen Kommunismus“ unterscheiden, wenngleich auch dessen Vertreter zum größten Teil auf die Positionen des „wahren Sozialismus“ übergingen. Die Notwendigkeit einer solchen Differenzierung wurde durch die Untersuchungen von M. W. Serebrjakow und J. P. Kandel ausreichend begründet. [1]
Die „wahren Sozialisten“ behaupteten, Deutschland dürfe nicht den englischen und französischen, das heißt den kapitalistischen Entwicklungsweg beschreiten. Sie kritisierten die deutsche Bourgeoisie wegen der Förderung der kapitalistischen Verhältnisse und appellierten an die feudalen Regierungen, die Zunahme des Proletariats und damit des Pauperismus zu verhindern. In ihren Schriften schilderten die „wahren Sozialisten“ in grellsten Farben das Elend der Werktätigen. Das gilt zum Beispiel für die im Jahre 1846 erschienen „Polizei-Geschichten“ von Ernst Dronke. Dieser Protest gegen die Massenarmut widerspiegelte die revolutionäre Gärung, die im deutschen Volk herrschte.
In den Jahren 1845 bis 1847 erlangte der „wahre Sozialismus“ in Deutschland beträchtlichen Einfluss. Seine Zeitschriften, der „Prometheus“, „Das Westphälische Dampfboot“, das „Veilchen“, der „Gesellschaftsspiegel“ und die „Rheinischen Jahrbücher zur gesellschaftlichen Reform“, propagierten diese Lehre nicht nur in Prosa, sondern auch in Versen. Später gingen dann einige Vertreter des „wahren Sozialismus“ ins revolutionäre Lager über. [2] Als ideologische Strömung jedoch war der „wahre Sozialismus“ zweifellos reaktionär. [3]
Entgegen den Behauptungen Karl Heinzens und anderer Gegner des sich herausbildenden Marxismus, die alle Anhänger des Sozialismus jener Jahre in einen Topf warfen, haben Marx und Engels sich niemals zum „wahren Sozialismus“ bekannt. Allerdings haben sie in den Jahren 1844 und 1845 mit einigen „wahren Sozialisten“ zusammengearbeitet, hauptsächlich mit Moses Heß, der als erster Junghegelianer die Ideen des utopischen Sozialismus propagierte. Da Marx und Engels die französischen sozialistischen Ideen mit den bedeutendsten Errungenschaften der klassischen deutschen Philosophie und der englischen Nationalökonomie zu verbinden suchten, unterstützten sie natürlich Heß. Dieser aber blieb auf dem Standpunkt des Idealismus stehen, während Marx und Engels die Schöpfer des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichenKommunismus wurden. Die Differenzen, die sich schon in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ abzuzeichnen begannen, vertiefen sich in den folgenden Jahren mehr und mehr.
Im vorigen Kapitel haben wir uns bereits mit Engels’ Einleitung zu dem Fragment einer Schrift Fouriers beschäftigt. Hier richtet Engels eine Reihe heftiger Bemerkungen an die Adresse der „wahren Sozialisten“. Auch in dem „Zirkular gegen Kriege“ [- Personenname] werden verschiedene Ansichten des „wahren Sozialismus“ entlarvt. Da Kriege jedoch keiner der miteinander konkurrierenden Gruppen des „wahren Sozialismus“ in Deutschland unmittelbar angehört, fassten keineswegs alle seine Anhänger die Entlarvung Krieges als auf sich gemünzt auf. Otto Lüning hat das Rundschreiben sogar (allerdings mit allerlei Einfügungen und Ergänzungen) in seiner Zeitschrift „Das Westphälische Dampfboot“ veröffentlicht und erklärt, er sei im wesentlichen mit den hier ausgesprochenen Ansichten einverstanden. Hierin offenbart sich die für den „wahren Sozialismus“ charakteristische theoretische Unklarheit, seine ideologische Hilflosigkeit und seine Neigung zu [faulen] Kompromissen.
Moses Heß solidarisierte sich mit Marx’ Polemik gegen Weitling. Er schrieb an Marx: „So notwendig im Anfange ein Anknüpfen der kommunistischen Bestrebungen an die deutsche Ideologie war, so notwendig ist jetzt die Begründung auf geschichtliche und ökonomische Voraussetzungen ...“ [4] Diese im Grunde durchaus richtige Einstellung hinderte Heß jedoch nicht daran, ein Idealist und Utopist zu bleiben.
Die „wahren Sozialisten“ bemühten sich auf jede Weise, Marx und Engels für die regelmäßige Mitarbeit an ihren Publikationen zu gewinnen. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Brief, den Moses Heß bald nach dem Erscheinen der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ an Marx schrieb. Heß berichtet darin von einem Triumphzug des Sozialismus durch Deutschland: „In Kurzem wird das ganze gebildete Deutschland sozialistisch sein, und zwar radikal sozialistisch, ich meine communistisch ... Karl Grün, der immer besser wird, hat viel Verdienst um die Verbreitung unsrer Richtung in der deutschen Presse. Er ist unermüdlich. Wir leben hier zusammen und schießen täglich neue Breschen in das faule Gebäude unserer Zustände ... nun sind alle die ehemaligen philosophischen Radikalen eben sozialistische Radikalen.“ [5]
In Vorbereitung der Herausgabe der Monatsschrift „Gesellschaftsspiegel“, als deren Aufgabe der Zusammenschluss der „Schriftsteller unsrer Richtung“ verkündet wurde, suchte Heß sich der ständigen Mitarbeit von Marx und Engels zu versichern. [6] Die Begründer des Marxismus lehnten dies jedoch ab, obwohl sie zweifellos, noch während ihrer Arbeit an der „Deutschen Ideologie“, deren zweiter Band ausdrücklich der Kritik des „wahren Sozialismus“ gewidmet war, zwischen Heß und den anderen Vertretern des „wahren Sozialismus“ einen gewissen Unterschied machten.
Marx und Engels gelangten schon im Jahre 1845 zu der Schlussfolgerung, dass es notwendig sei, sich entschieden von den „wahren Sozialisten“ abzugrenzen. [Ebenso, wie heute, von den Vertretern des „echten Sozialismus“. / R. S.] Die Briefe aus Deutschland, die Marx in Brüssel erhielt, ließen erkennen, dass diese kleinbürgerlichen Ideologen der Propaganda der kommunistischen Ideen ernsthaften Schaden zufügten. So berichtete Daniels über Zusammenstöße zwischen Marxens Anhängern in Köln und einem gewissen Kuhlmann, der mit allerlei Projekten im Geiste des „wahren Sozialismus“ in Köln aufgetaucht war. Die „wahren Sozialisten“, schreibt Daniels, bezeichneten sich als „Freunde des Proletariats“, doch sei dies nicht mehr als eine landläufige Redensart. [7]
Schon vor diesem Brief hatte Marx eine Mitteilung von Weitling über das Treiben jenes Kuhlmann in London erhalten, wo dessen Anhänger ihn als den „größten Socialisten der Gegenwart“ darstellten. [8] Marx’ Kampfgefährte Karl Ludwig Bernays beschrieb im einzelnen Karl Grüns Propagandareise durch Deutschland zur Gewinnung neuer Jünger. „Er exploitiere überall die localen Stimmungen“, schrieb Bernays. [9] Alle diese Nachrichten aus Deutschland, die im „Kommunistischen Korrespondenz-Komitee“ eingingen, vermittelten ein lebendiges Bild von der „organisatorischen“ Tätigkeit der „wahren Sozialisten“. Was ihre theoretische Tätigkeit betrifft, so waren Marx und Engels sich über deren Sinn und Zweck bereits vollkommen klar. Als sie nach dem Erscheinen der „Heiligen Familie“ eine neue Gemeinschaftsarbeit, die „Deutsche Ideologie“, planten, beschlossen sie, den zweiten Band dieser Schrift der Kritik des „wahren Sozialismus“ zu widmen. Obwohl die „Deutsche Ideologie“ damals nicht erschien, ist ihr Inhalt offenbar dennoch bekannt geworden, möglicherweise durch jene Verleger, die ihren Druck größtenteils deshalb abgelehnt hatten, weil sie eine Kritik des „wahren Sozialismus“ enthielt. In dem von Engels Anfang 1847 geschriebenen Artikel „Die wahren Sozialisten“ wurden die Hauptthesen des zweiten Bandes der „Deutschen Ideologie“ dargelegt. Aber auch dieser Artikel wurde damals nicht gedruckt.
Im Jahre 1847 bot sich Marx und Engels die Möglichkeit, in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ gegen den „wahren Sozialismus“ aufzutreten. Marx veröffentlichte hier die „Erklärung gegen Karl Grün“ und Engels die Artikelserie „Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa“.
Als die Begründer des Marxismus im Jahre 1846 die „wahren Sozialisten“ kritisierten, bemühten sich diese, eine Versöhnung herbeizuführen. Moses Heß, der offensichtlich nicht begriff, worum es sich bei Marx’ und Engels’ Differenzen mit dem kleinbürgerlichen Utopismus eigentlich handelte, reduzierte die ganze Angelegenheit auf persönliche Streitigkeiten. In seinen Briefen an Marx zählte er diesen und sich selbst zum gleichen politischen Lager („unsere Partei“). [10] Marx und Engels betrachteten es jedoch als vordringlichste Aufgabe, sich vom „wahren Sozialismus“ und von der kleinbürgerlichen Ideologie überhaupt ideologisch abzugrenzen. Gerade deshalb maßen sie dem öffentlichen Auftreten gegen den „wahren Sozialismus“ so große Bedeutung bei. Dazu gehörten auch die Artikel in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“.
Den letzten Versuch, Marx und Engels mit den „wahren Sozialisten“ auszusöhnen, unternahm Otto Lüning, der Herausgeber der Zeitschrift „Das Westphälische Dampfboot“. Im „Westphälischen Dampfboot“ erschien im Herbst 1847 ein gegen Karl Grüns Buch „Die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien“ gerichteter Abschnitt der „Deutschen Ideologie“ als Artikel. Kurz zuvor hatte Lüning Marx geschrieben, dass er sich in bezug auf Grün und dessen Anhänger keinerlei Illusionen mache. Er halte es aber für notwendig, den Ton der Polemik zu mildern, um dem unwissenden oder schadenfrohen Publikum kein Schauspiel zu bieten. Nach Lünings Ansicht war Grüns Tätigkeit keineswegs schädlich. Unter bestimmten Umständen errege sie vielmehr Interesse für den Sozialismus. Aus diesem Grunde müsse sich eine zu scharfe Kritik an Grün auf eine noch so wenig konsolidierende Partei schädlich auswirken. [11] Ebenso wie Heß glaube auch Lüning, dass er und die anderen „wahren Sozialisten“ derselben Partei wie Marx und Engels angehörten. Die Begründer des Marxismus vertraten jedoch einen grundsätzlich anderen Standpunkt. Sie waren sich schon völlig klar über das kleinbürgerliche Wesen des „wahren Sozialismus“ [„echter Sozialismus“ heute] und darüber, dass die spekulative „Begründung“ des Sozialismus, die er entwickelte, ganz unhaltbar war.
Marx und Engels erkennen, wie aus ihren Schriften aus dem Jahre 1845 hervorgeht, die Hauptmängel des französischen und englischen utopischen Sozialismus sehr wohl. Aber die Kritik der deutschen „wahren Sozialisten“ an diesen Lehren ist für sie völlig unannehmbar, weil die „wahren Sozialisten“ den französischen und englischen utopischen Sozialismus seines wirklichen Inhalts beraubt hatten, statt ihn durch eine wissenschaftliche Untersuchung der ökonomischen Verhältnisse und des Klassenkampfes zu bereichern. „Diese ,Sozialisten’ oder ,wahren Sozialisten’, wie sie sich nennen“, heißt es in der „Deutschen Ideologie“, „sehen in der kommunistischen Literatur des Auslandes nicht den Ausdruck und das Produkt einer wirklichen Bewegung, sondern rein theoretische Schriften, die ganz, wie sie es sich von den deutschen philosophischen Systemen vorstellen, aus dem ,reinen Gedanken’ hervorgegangen sind. Sie denken nicht daran, dass diesen Schriften, selbst wenn sie Systeme predigen, die praktischen Bedürfnisse, die ganzen Lebensverhältnisse einer bestimmten Klasse bestimmter Länder zugrunde liegen.“ [12] In Deutschland, erklären Marx und Engels, bestehen noch nicht die ausgebildeten Klassenantagonismen, die in England und Frankreich bereits klar zutage treten. Darum reproduzieren die deutschen kleinbürgerlichen Ideologen die kommunistischen und sozialistischen Ideen des Auslandes im Geiste jener Weltanschauung, die auf der Grundlage der handwerklichen Kleinproduktion spontan entsteht. „Sie heben die kommunistischen Systeme, Kritiken und Streitschriften ab von der wirklichen Bewegung, deren bloßer Ausdruck sie sind, und bringen sie dann in einen willkürlichen Zusammenhang mit der deutschen Philosophie.“ [13] Die kommunistischen Ideen, in denen sich die soziale Lage und die Interessen des Proletariats widerspiegeln, werden für klassendifferente allgemeinmenschliche Prinzipien ausgegeben. Die Verklärung des proletarischen Kommunismus „im Himmel des deutschen Geistes“ ist gleichbedeutend mit dem Verlust aller revolutionären Leidenschaften. Der kleinbürgerliche Sozialismus proklamiert die allgemeine Menschenliebe. Er wendet sich damit nicht an die Proletarier, sondern an den Menschen, somit an das in Deutschland herrschende „gemeine“ und ungemeine (philosophische) Bewusstsein. „Der Mangel wirklicher, leidenschaftlicher, praktischer Parteikämpfe in Deutschland machte auch die soziale Bewegung anfangs zu einer bloß literarischen.“ [14]
Ein glänzendes Beispiel für die spekulative Interpretation der Theorien des französischen und englischen Sozialismus und Kommunismus ist die Behauptung der „wahren Sozialisten“, ihre Lehre sei die Einheit gegensätzlicher Prinzipien, die die Franzosen und Engländer künstlich voneinander getrennt hätten, die Einheit von Sozialismus und Kommunismus. Dabei hatten die „wahren Sozialisten“ nur eine äußerst schwache Vorstellung von dem Unterschied zwischen sozialistischen und kommunistischen Ideen. Sie gingen einfach von der Hegelschen Triade aus. Den Sozialismus bezeichneten sie als die These, den Kommunismus als die Antithese und erklärten ihre eigene Lehre zur die „Extreme“ überwindenden Negation der Negation. Diese „Synthese“ lief im wesentlichen auf eine Nacherzählung der Hegelschen und Feuerbachschen Entfremdungslehre hinaus. Wie Marx in seiner Analyse des Buches von Karl Grün „Die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien“ nachweist, war dieser Führer des kleinbürgerlichen Sozialismus der unerschütterlichen Überzeugung, dass Feuerbach unfehlbar sei. Er war erfüllt von dem Glauben, „der Mensch“ oder der „reine, wahrhafte Mensch“ sei das Endziel der Weltgeschichte, die Religion, das Geld, die Lohnarbeit seien Entäußerungen des menschlichen Wesens und das menschliche Wesen selbst das Maß aller Dinge usw. Der als Überwindung einer auf unbekannte Weise entstandenen Entfremdung aufgefasste Sozialismus wurde zu einer über den Klassen stehenden Wahrheit, zum Ausdruck der substantiellen Natur des Menschen erklärt, die die deutsche Philosophie endlich begriffen habe. Der Mensch aber sei etwas Einzelnes, dessen Grundlage das Allgemeine – die Gattung, die Menschheit – sei. Von diesem Standpunkt aus ist der Sozialismus die Wiederherstellung der gestörten Einheit zwischen den Kategorien des Allgemeinen und des Einzelnen. Marx und Engels verspotten diese idealistischen Schwafeleien. Sie erklären, dass eine derartige Kritik des Kapitalismus völlig harmlos ist. In den zwecklosen Spielereien mit den Kategorien des Einzelnen und des Allgemeinen, die als „wahre Form der Lösung gesellschaftlicher Fragen“ dargestellt werden, reflektiere sich nur die Rückständigkeit Deutschlands.
Die „wahren Sozialisten“ behaupteten, eigentlich sei jeder Mensch ein Sozialist. Sie predigten die allgemeine Brüderlichkeit, verurteilten den Klassenkampf als die schlimmste Form der Selbstentfremdung des Menschen [analog den heutigen „Sozialpartnern“] und verunglimpften den Kampf für die Demokratie als Selbstbetrug. Den Arbeitern gaben sie den Rat: „... vor allem aber nehmt zu keiner Zeit an politischen Revolutionen teil ...“ [15] [Siehe analog, auch heute, ‘unsere’ vereinten bürgerlichen und kleinbürgerlichen parlamentarischen und gewerkschaflichen „Sozialpartner“, – „Partner“ der Finanz- und Monopolbourgeoisie. / R. S.]
Die Verkünder des „wahren Sozialismus“ wandten sich mit ihrer Predigt auch an die besitzenden Klassen. Sie suchten den Reichen einzureden, dass das Glück nicht im Reichtum bestehe, sondern darin, ein wahrer Mensch zu werden. Joseph Weydemeyer (der später mit dem „wahren Sozialismus“ brach und zu einem Kampfgefährten von Marx und Engels wurde) behauptete zum Beispiel, dass „ein sehr großer Teil unsrer Reichen sich ... nichts weniger als glücklich fühlt“. [16] -
Zum Attribut des wahren Menschen, das heißt des Sozialisten, wurde das „natürliche“ oder „wahre“ Eigentum, das heißt das Eigentum der Kleinproduzenten, erklärt, als Gegensatz zum großen kapitalistischen Eigentum, welches den Kapitalisten selbst und der ganzen Menschheit nur Unglück bringe.
Die Begründer des Marxismus [Marx und Engels] enthüllten die theoretischen Ursprünge dieser utopischen Vorstellungen: „Wenn man sich den Gegensatz des Kommunismus zur Welt des Privateigentums in der rohsten Form vorstellt, das heißt in der abstraktesten Form in der man alle wirklichen Bedingungen dieses Gegensatzes entfernt, so hat man den Gegensatz von Eigentum und Eigentumslosigkeit. Man kann dann die Aufhebung dieses Gegensatzes als Aufhebung der einen oder der andern Seite fassen, als Aufhebung des Eigentums, wobei die allgemeine Eigentumslosigkeit oder Lumperei herauskommt, oder als Aufhebung der Eigentumslosigkeit, die in der Herstellung des wahren Eigentums besteht. In der Wirklichkeit stehen auf der einen Seite die wirklichen Privateigentümer, auf der andern die eigentumslosen kommunistischen Proletarier. Dieser Gegensatz wird täglich schärfer und drängt auf eine Krise hin.“ [17] -
Die „wahren Sozialisten“ indes erwiesen sich als unfähig, über die abstrakte Gegenüberstellung von Eigentum und Eigentumslosigkeit hinauszugelangen. Der Gegensatz zwischen den Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft entging diesen Utopisten, die sich wie alle Kleinbürger vor der kapitalistischen Konkurrenz und der ihnen drohenden Proletarisierung fürchteten. Zum Schluss hat der „wahre Sozialismus“, statt die kapitalistischen Verhältnisse wirklich zu kritisieren, in weinerlichem Ton die allgemeine Brüderlichkeit gepredigt und sich in sentimentalen Klagen über die leidende Menschheit ergangen. -
Er [der „wahre Sozialismus“] „predigte das Evangelium vom Menschen, vom wahren Menschen, vom wahren wirklichen Menschen, vom wahren wirklichen leibhaftigen Menschen aus Leibeskräften, und die waren freilich nicht sonderlich groß“ [18], bemerkt Engels sarkastisch.«
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Anmerkungen
1 См. М. В. Серебряков: Фридрих Энгедьс в молодости, Ленинград 1958. – Е. П. Кандель: Из истории борьбы Маркса и Знгельса с немецким „ истинным социализмом“. В: Из истории формирования и развития марксизма, Москва 1958.
2 Im Oktober 1847 konnte Engels feststellen: „Alle entwicklungsfähigen Leute dieser jetzt gänzlich aufgelösten Richtung sind zu den Kommunisten herübergekommen und greifen jetzt selbst den wahren Sozialismus an, wo er sich noch produziert.“ (Friedrich Engels: Die Kommunnisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 319.)
3 Auguste Cornu und Wolfgang Mönke bemerken in ihrem Vorwort zu den ausgewählten Schriften von Moses Heß sehr richtig: „Die gesamte Literatur des ,wahren’ Sozialismus trug somit gewisse reaktionäre Züge, und das in zweifacher Hinsicht. Einmal mussten die idealistischen Phrasen des ,wahren’ Sozialismus die Arbeiter verwirren, sie vom Klassenkampf abziehen und ihre Bewusstseinsbildung hemmen; zum anderen bekämpften die ,wahren’ Sozialisten in ihrem durch ihre kleinbürgerliche Einstellung bedingten völligen Unverständnis der wirklichen Geschichte die liberale Bourgeoisie in einer Weise, dass sie der feudalen Reaktion in ihrem Kampf gegen diese noch Mittel an die Hand gaben.“ (Moses Heß: Philosophische und sozialistische Schriften. 1837–1850. Eine Auswahl, Berlin 1961, S. X.)
4 Moses Heß an Karl Marx, 28. Juli 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 389/390.
5 Moses Heß an Karl Marx, 3. Juli 1844. In: MEGA², III/Bd. 1, S. 434.
6 Moses Heß an Karl Marx, 17. Januar 1845. In: Ebenda, S. 450/451.
7 Siehe Roland Daniels an Karl Marx, 7. März 1846. In: Ebenda, S. 514.
8 Siehe Wilhelm Weitling an Karl Marx und Friedrich Engels, nach dem 6. Mai 1845. In: Ebenda, S. 463.
9 Siehe Karl Ludwig Bernays an Karl Marx, 13. Juni 1846. In: MEGA², III/Bd. 2, S. 227/228.
10 Siehe Moses Heß an Karl Marx, 29. Mai 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1, S. 344. Im übrigen erklärt Heß in demselben Brief, er betrachte sich als Marxens Gesinnungsgenossen, fügt aber hinzu: „... mit Deiner Partei will ich nichts mehr zu tun haben.“ (Ebenda, S. 345.)
11 Siehe Heinrich Otto Lüning an Karl Marx, 16. Juli 1847. In: MEGA², III/Bd.2, S. 346/347.
12 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 441.
13 Ebenda, S. 442.
14 Ebenda, S. 443. In Deutschland, stellen Karl Marx und Friedrich Engels fest, ist die sozialistische Phraseologie, die keinerlei realen sozialistischen Inhalt besitzt, besonders gefährlich. „Wir wissen sehr gut, dass die kommunistische Bewegung nicht durch ein paar deutsche Phrasenmacher verdorben werden kann. Aber es ist dennoch nötig, in einem Lande wie Deutschland, wo die philosophischen Phrasen seit Jahrhunderten eine gewisse Macht hatten und wo die Abwesenheit der scharfen Klassengegensätze andrer Nationen ohnehin dem kommunistischen Bewusstsein weniger Schärfe und Entschiedenheit gibt, allen Phrasen entgegenzutreten, die das Bewusstsein über den totalen Gegensatz des Kommunismus gegen die bestehende Weltordnung noch mehr abschwächen und verwässern könnten.“ (Ebenda, S. 457.)
15 Zit. in: Friedrich Engels: Die wahren Sozialisten. In: MEW, Bd. 4, S. 265. Moses Heß und Gustav Adolph Köttgen hatten hierzu geschrieben: „Endlich haben wir nicht die Revolution, die wir selbst hassen und verabscheuen, sondern die Lehre aufgestellt und empfohlen, dass einer Revolution vorgebeugt werden müsse ... „ (Rheinische Jahrbücher, Bd. I, Darmstadt 1845, S. 96.)
16 Zit. in: Friedrich Engels: Die wahren Sozialisten. In: MEW, Bd. 4, S. 252.
17 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 456/457.
18 Friedrich Engels: Die wahren Sozialisten. In: MEW, Bd. 4, S. 249.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Zweites Kapitel. Die materialistische Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus und die Kritik des kleinbürgerlichen Utopismus. Vgl.: 1. Der proletarische Kommunismus und die kleinbürgerliche Propaganda für einen „allgemeinmenschlichen“ Sozialismus.