Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 57)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Kritik der politischen Theorie des deutschen bürgerlichen Radikalismus. Sozialismus und Demokratie
Schon in den Werken der revolutionär-demokratischen Periode äußerten Marx und Engels den Gedanken, Deutschland stehe am Vorabend einer Revolution. Damals konnten sie jedoch den sozial-ökonomischen Inhalt der heranreifenden Revolution noch nicht verstehen. Jetzt dagegen, in den Jahren 1846 und 1847, sprechen sie schon von der Unvermeidlichkeit einer bürgerlichen Revolution. Eine solche Fragestellung kennzeichnet anschaulich die neue Stufe in der Herausbildung des Marxismus. Diese neue Etappe setzt ein wissenschaftliches Verständnis der Klassenstruktur der Gesellschaft, der Gesetzmäßigkeiten des Übergangs von einer ökonomischen Gesellschaftsformation zu einer anderen sowie des grundlegenden Gegensatzes von sozialistischer und bürgerlicher Revolution voraus.
Marx und Engels weisen darauf hin, dass „das deutsche Bürgertum das wirkliche, durch ökonomische Verhältnisse erzeugte Bedürfnis der politischen Macht empfindet und zu verwirklichen strebt“. [1] Wie aber soll sich das Proletariat zur bürgerlichen Revolution, zum Kampf um die Demokratie verhalten? Zum erstenmal wurden diese Fragen schon in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ aufgeworfen. Marx hat damals erklärt, die politische Emanzipation sei in Deutschland unmöglich ohne die menschliche Emanzipation. Jetzt stellen die Begründer des Marxismus konkret die Frage nach der Beteiligung des Proletariats an der bürgerlichen Revolution. Sie üben Kritik an der politischen Theorie des deutschen bürgerlichen Radikalismus und setzen sich für die politische Selbständigkeit der Arbeiterklasse ein. Unter diesem Gesichtspunkt muss man Marx’ und Engels’ Polemik gegen Karl Heinzen betrachten.
Im Jahre 1842 hatte Karl Heinzen als Mitarbeiter der „Rheinischen Zeitung“ liberale Ansichten vertreten und für den Fortschritt auf dem Boden der Legalität geschwärmt. Nach dem Verbot seines Buches durch die preußische Regierung war er gezwungen auszuwandern. Im Februar 1844 richtete er an Marx als Redakteur der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ die Mahnung, sich in politischer Hinsicht zu mäßigen, da kommunistische Anschauungen „unpraktisch“ seien. „Seid nur praktisch“, schrieb er an Marx, „und ihr könnt mehr leisten, als die ganze inländisch-deutsche Presse.“ [2] Diesem Rat ist Marx natürlich nicht gefolgt.
Solange Heinzen auf dem Boden der Legalität kämpfte, griff er alle an, die für eine Revolution waren; als ihm der legale Kampf unmöglich gemacht wurde, rief er zu einem sofortigen Aufstand gegen die deutschen Fürsten auf. [3] Alle sozialen Probleme reduzierten sich für ihn auf die Forderung, die Monarchie durch die Republik zu ersetzen. Die Fürsten erklärte er für die Hauptschuldigen, ja eigentlich für die einzigen Schuldigen an aller Armut und Not, ihnen schrieb er, wie Engels bemerkte, eine übernatürliche, dämonische Allmacht zu. Heinzen fasste die Aufgaben der bürgerlichen Revolution sehr eng auf. Er verstand sie nicht als Kampf gegen die ökonomischen und politischen Grundlagen der Feudalgesellschaft, sondern reduzierte sie auf den Kampf lediglich gegen den Despotismus der Fürsten. In seiner Polemik gegen die Kommunisten schrieb er: „Ihr wollt den Akzent der Zeit auf die sozialen Fragen legen, und ihr seht nicht ein, dass es keine wichtigere soziale Frage gibt als die nach Königtum oder Republik.“ [4]
Solche Einengung des revolutionären Programms der bürgerlichen Demokratie beinhaltete eine antidemokratische Tendenz, die, wenn die bürgerlich-demokratischen Reformen zu Ende geführt werden sollten, entlarvt werden musste. Hieraus wird verständlich, warum Engels schreibt: „Herr Heinzen wird nie den Hass auf die Fürsten herüberwälzen, den der Fronbauer gegen den Gutsherrn, der Arbeiter gegen seinen Arbeitgeber [Engels schreibt „Arbeitgeber“ / R. S.] hat. Herr Heinzen arbeitet aber allerdings im Interesse der Gutsherrn und Kapitalisten, wenn er für die Exploitation des Volks durch diese beiden Klassen nicht ihnen, sondern den Fürsten schuld gibt.“ [5]
Heinzen bemühte sich zu beweisen, dass die Kommunisten die Einheitsfront der Demokratie spalteten, um sich mit dem Lorbeer von Kämpfern gegen die Opposition zu schmücken, und dass sie auch die „radikalsten Männer“, wie die Brüder Bauer, Ruge und ihn selbst, „auf das rücksichtsloseste herabsetzen“. [6] Seinen Konflikt mit den Kommunisten nannte er eine „unsinnige Spaltung, welche die Kommunisten im Lager der deutschen Radikalen hervorgerufen haben“ [7], und Marx und Engels warf er vor, „die Menschen bloß ,klassenweise’ anzureden oder je nach dem ,Handwerk’ aufeinander zu hetzen“. [8] Um die Kommunisten in Misskredit zu bringen, behauptete Karl Heinzen, der von Marx und seinen Anhängern propagierte Klassenstandpunkt führe zu sittlicher Zügellosigkeit und rechtfertige jede Gewaltanwendung. Hier ist unschwer eines der ersten Beispiele der sozialen Demagogie des Antikommunismus zu erkennen.
Wie die anderen bürgerlichen Radikalen, so erklärte auch Heinzen die Kommunisten für Gegner der Demokratie. Engels betonte demgegenüber: „Mit den deutschen Radikalen müssen und wollen die Kommunisten zusammenwirken. Aber sie behalten sich vor, jeden Schriftsteller anzugreifen, der die gesamte Partei kompromittiert.“ [9] Marx und Engels kritisierten Heinzen weniger wegen seiner antikommunistischen Anschauungen als wegen seines eng begrenzten bürgerlich-demokratischen Programms. Die Kommunisten, schrieb Engels, „greifen Heinzen nicht deshalb an, weil er kein Kommunist, sondern weil er ein schlechter demokratischer Parteischriftsteller ist. Sie greifen ihn an nicht in ihrer Eigenschaft als Kommunisten, sondern in Eigenschaft als Demokraten ... Wenn auch gar keine Kommunisten in der Welt wären, so müssten die Demokraten doch gegen Heinzen auftreten ... Die Kommunisten, weit entfernt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen mit den Demokraten nutzlose Streitigkeiten anzufangen, treten vielmehr für den Augenblick in allen praktischen Parteifragen selbst als Demokraten auf ... Solange die Demokratie noch nicht erkämpft ist, solange kämpfen Kommunisten und Demokraten also zusammen, solange sind die Interessen der Demokraten zugleich die der Kommunisten.“ [10]
Marx und Engels betonen, dass die Kommunisten Vorkämpfer der Demokratie sind. Die Kritik der bürgerlich-demokratischen Illusionen setzt die Bedeutung bürgerlich-demokratischer Reformen nicht im geringsten herab. Im Gegenteil, diese Kritik zielt unmittelbar darauf ab, diese Reformen konsequent zu Ende zu führen. Als proletarischer Kampf für die Demokratie ist sie unvereinbar mit Sektierertum und Doktrinarismus, deren typischer bürgerlicher Vertreter eben dieser Heinzen ist.
In seiner Artikelfolge „Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral“ analysiert Marx die These, mit der Heinzen seine Forderung nach sofortigem Sturz der Monarchie begründet. Nach Ansicht Heinzens liegen die Dinge in Deutschland so, dass „die Gewalt auch das Eigentum beherrscht“. [11] An dieser nicht sehr verständlichen Bemerkung widerspiegelte sich unabhängig davon, was sich Heinzen selbst dabei dachte, der Grundsatz zwischen der herrschenden Stellung der Bourgeoisie in der Wirtschaft und der politischen Herrschaft der Grundbesitzer. Die Kapitalisten besitzen noch nicht die politische Macht – das ist der ganze prosaische Sinn dieser Tirade Heinzens. Daher widerspiegelt sich in der Forderung, die Herrschaft der Gewalt über das Eigentum zu beseitigen, nur das Bestreben der Bourgeoisie, den politischen Überbau entsprechend der sich herausbildenden kapitalistischen Basis umzugestalten. Von den Interessen der Bourgeoisie, von ihrem Kampf um die Macht sprach Heinzen natürlich nicht. Er hatte mit seinen unklaren Betrachtungen, wie Marx schreibt, „nur die Tatsache ausgesprochen“, dass die deutsche Bourgeoisie die politische Gewalt erobern muss“ [12], dass der Staat noch nicht ihr Eigentum ist.
Selbstverständlich halten Marx und Engels den revolutionären Sturz der Monarchie und die Einführung demokratischer Zustände in Deutschland für notwendig. Aber im Unterschied zu Heinzen betrachten sie die Monarchie nicht als Grundlage der in Deutschland bestehenden Gesellschaftsordnung, sondern nur als den für diese charakteristischen politischen Überbau. Deshalb werden die Aufgaben der bürgerlichen Revolution auch nicht auf die Vernichtung des feudalen Überbaus reduziert. Es müssen auch die feudalen Produktionsverhältnisse beseitigt werden. Marx und Engels begründen also ihre revolutionäre politische Linie materialistisch.
Marx erkennt das Streben der Bourgeoisie zur politischen Macht angesichts der damaligen deutschen Zustände als fortschrittlich an und sieht die entscheidenden Merkmale der deutschen Revolution von 1848 voraus, darunter auch das politische Verhalten der liberalen Bourgeoisie. Deutschland, sagt er, hat den Weg des Kapitalismus verspätet beschritten. Die deutsche Bourgeoisie beginnt ihren Kampf mit dem Absolutismus in dem Augenblick, wo die Bourgeoisie in den entwickelten Ländern bereits im Kampf mit dem Proletariat begriffen ist. In Deutschland bestanden noch halbfeudale Verhältnisse nebst der politischen Misere der absoluten Monarchie. Andererseits entwickeln sich aber schon die Widersprüche zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse, die zum Beispiel im schlesischen Weberaufstand zutage getreten sind. „Die deutsche Bourgeoisie befindet sich also schon im Gegensatz zum Proletariat, ehe sie noch als Klasse sich politisch konstituiert hat.“ [13]
Während in England und Frankreich die Umwandlung der liberalen Bourgeoisie in eine konterrevolutionäre Kraft das Ergebnis siegreicher bürgerlicher Revolutionen war, beginnt dieser Prozess in Deutschland bereits am Vorabend der bürgerlichen Revolution. „Die Herren Bourgeois suchen daher soviel als möglich ohne Revolution auf gütlichem Weg das absolute Königtum in bürgerliches zu verwandeln.“ [14]
Das revolutionäre Proletariat muss verhindern, dass zwischen der liberalen Bourgeoisie und der feudalen Reaktion ein Kompromiss zustande kommt. Die Kommunisten müssen, da sie die Aufgabe haben, das Maximum an Demokratie zu erkämpfen, alle wirklich demokratischen Kräfte zusammenschließen. Dabei sind sie sich vollkommen darüber im klaren, dass der Kampf für bürgerliche Rechte und andere demokratische Freiheiten erst die Voraussetzungen schafft für den darauffolgenden Kampf um den Sozialismus. -
„Die Arbeiter wissen“, schreibt Marx, „dass die Abschaffung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse nicht herbeigeführt wird durch Erhaltung der feudalen. Sie wissen, dass durch die revolutionäre Bewegung der Bourgeoisie gegen die feudalen Stände und die absolute Monarchie ihre eigne revolutionäre Bewegung nur beschleunigt werden kann. Sie wissen, dass ihr eigner Kampf mit der Bourgeoisie erst anbrechen kann an dem Tag, wo die Bourgeoisie gesiegt hat ... Sie können und müssen die bürgerliche Revolution als eine Bedingung der Arbeiterrevolution mitnehmen. Sie können sie aber keinen Augenblick als ihren Endzweck betrachten.“ [15]
Die Begründer des Marxismus entlarven die idealistischen Behauptungen Heinzens, die kommunistische Bewegung sei von der kommunistischen Theorie hervorgebracht. In derartigen Behauptungen drückt sich das Bemühen der Bourgeoisie aus, die Entwicklung einer selbständigen politischen Bewegung der Arbeiterklasse aufzuhalten. Deshalb versuchte Heinzen, den wissenschaftlichen Kommunismus als eine von Stubengelehrten geschaffene lebensfremde Theorie darzustellen. Auf das reaktionäre Wesen einer solchen Deutung des Kommunismus (die die heutigen bürgerlichen Ideologen übrigens wieder aufzuwärmen suchen) eingehend, schreibt Engels: „Herr Heinzen bildet sich ein, der Kommunismus sei eine gewisse Doktrin, die von einem bestimmten theoretischen Prinzip als Kern ausgehe und daraus weitere Konsequenzen ziehe. Herr Heinzen irrt sich sehr. Der Kommunismus ist keine Doktrin, sondern eine Bewegung; er geht nicht von Prinzipien, sondern von Tatsachen aus. Die Kommunisten haben nicht diese oder jene Philosophie, sondern die ganze bisherige Geschichte und speziell ihre gegenwärtigen tatsächlichen Resultate in den zivilisierten Ländern zur Voraussetzung ... Der Kommunismus, soweit er theoretisch ist, ist der theoretische Ausdruck der Stellung des Proletariats in diesem Kampfe und die theoretische Zusammenfassung der Bedingungen der Befreiung des Proletariats.“ [16] Diese Feststellung konkretisiert die marxistische Negation der Philosophie im alten Sinne des Wortes, jenen neuen Begriff der Sozialtheorie und jene wissenschaftliche Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, die von Marx und Engels geschaffen werden. [17]
Die bürgerlichen Radikalen fürchteten sich vor einer Beteiligung des Proletariats an der Revolution. Sie kamen gar nicht auf den Gedanken, dass die Aufgabe des klassenbewussten Proletariats in einer bürgerlichen Revolution keineswegs darin besteht, seine eigene Herrschaft zu errichten. Ohne klare Vorstellung über das Wesen des wissenschaftlichen Kommunismus und ohne die geringste Ahnung davon, dass die Aufgaben der Kommunisten erst auf einer bestimmten, wesentlich höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung realisiert werden können, die im damaligen Deutschland noch längst nicht erreicht war, hielt Heinzen die kommunistische Idee der Notwendigkeit, das Privateigentum durch das gesellschaftliche Eigentum zu ersetzen, für eine Art Erfindung, die ihre Urheber möglichst rasch zu verwirklichen trachteten. Er konnte einfach nicht begreifen, dass auch die bürgerliche Revolution, freilich auf ihre Art, über die Eigentumsfrage im Interesse der Bourgeoisie entscheidet. -
„Die Eigentumsfrage“, erläutert Marx, „je nach der verschiedenen Entwicklungsstufe der Industrie, war immer die Lebensfrage einer bestimmten Klasse. Im 17. und 18. Jahrhundert, wo es sich um die Abschaffung der feudalen Eigentumsverhältnisse handelte, war die Eigentumsfrage die Lebensfrage der bürgerlichen Klasse. Im 19. Jahrhundert, wo es sich darum handelt, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse abzuschaffen, ist die Eigentumsfrage eine Lebensfrage der Arbeiterklasse.“ [18] -
Noch ehe also das Proletariat in Gestalt seiner Ideologen die Abschaffung des kapitalistischen Eigentums proklamierte, hatten die bürgerlichen Revolutionen das feudale Eigentum liquidiert. Es handelt sich also nicht um die Abschaffung des Eigentums überhaupt (wie Heinzen und andere bürgerliche Radikale glauben machen wollten), sondern nur um die Abschaffung einer bestimmten Eigentumsform, und das auch erst dann, wenn diese Eigentumsform zu einem Hindernis für die weitere Entwicklung der Produktivkräfte wird. Gegenwärtig, sagt Marx, steht Deutschland vor einer bürgerlichen Revolution, die das Privateigentum nicht nur nicht abschafft, sondern vielmehr das von den feudalen Fesseln befreite Privateigentum festigt. Die Kommunisten berücksichtigen diese objektive Gesetzmäßigkeit des geschichtlichen Wechsels der Eigentumsformen. Sie [die KommunistInnen] sind sich darüber im klaren, dass die Abschaffung des Privateigentums kein Akt der Willkür ist, sondern objektive Bedingungen voraussetzt, die im Zuge der Entwicklung des Privateigentums entstehen.
Die Frage nach dem Privateigentum ist die Frage nach bestimmten, sich historisch entwickelnden Produktionsverhältnissen und nach der ihnen entsprechenden Klassenstruktur der Gesellschaft, die ebenfalls ein Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung ist. -
Die Aufhebung des Privateigentums wird erst dann zu einer Notwendigkeit, wenn die sich entwickelnden Produktivkräfte der kapitalistischen Gesellschaft den engen Rahmen der auf dem Privateigentum beruhenden Verhältnisse sprengen. Engels bemerkt hierzu:
„Weil die große Industrie, die Entwicklung der Maschinerie, der Kommunikationen, des Welthandels so riesenhafte Dimensionen annimmt, dass ihre Ausbeutung durch vereinzelte Kapitalisten täglich unmöglicher wird; weil die steigenden Weltmarktkrisen der schlagendste Beweis davon sind; weil die Produktionskräfte und Verkehrsmittel der jetzigen Weise der Produktion und des Verkehrs, dem individuellen Austausch und dem Privateigentum täglich mehr über den Kopf wachsen: weil, mit einem Worte, der Zeitpunkt herannaht, wo der gemeinsame Betrieb der Industrie, des Ackerbaus, des Austausches eine materielle Notwendigkeit für die Industrie, den Ackerbau und den Austausch selbst wird, deswegen wird das Privateigentum abgeschafft werden.“ [19]
Das Proletariat und seine Partei stellen sich also in einer Periode der bürgerlichen Revolution nicht die Aufgabe, das Privateigentum abzuschaffen, wie sie auch nicht danach streben, die geschichtlich unvermeidliche und unter bestimmten Bedingungen fortschrittliche Eroberung der politischen Macht durch die Bourgeoisie zu verhindern. Engels macht sich über die ökonomischen Projekte Heinzens lustig, der ohne Verständnis für das Wesen der kapitalistischen Produktion und ihrer Gesetze eine energische Beschränkung der Konkurrenz fordert, weil diese unweigerlich zum Ruin zahlreicher Eigentümer führt. Engels weist darauf hin, dass die freie Konkurrenz nicht etwas vom Privateigentum Unabhängiges ist. Sie ist im Gegenteil eine notwendige Folge seiner Entwicklung. Solange aber die Abschaffung des Privateigentums noch nicht möglich ist, ist die Forderung, die Konkurrenz, die Anarchie der Produktion usw. abzuschaffen, unweigerlich reaktionär, weil sie sich gegen die Entwicklung der kapitalistischen Großproduktion, das heißt gegen den gesellschaftlichen Fortschritt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, richtet.
Zu den von Heinzen vorgeschlagenen Reformen insgesamt bemerkt Engels, dass dieser sie von den Kommunisten entlehnt habe. Die Kommunisten aber betrachten diese Reformen als vorbereitende Maßnahmen zu der in der proletarischen Revolution erfolgenden Liquidierung des Privateigentums. „Alle Maßregeln zur Beschränkung der Konkurrenz, der Anhäufung großer Kapitalien in den Händen einzelner, alle Beschränkung oder Aufhebung des Erbrechts, alle Organisation der Arbeit von Staats wegen etc., alle diese Maßregeln sind als revolutionäre Maßregeln nicht nur möglich, sondern sogar nötig.“ [20] Heinzen dagegen erblickt in diesen Reformen das Endziel der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, dass heißt, er verwandelt diese Maßregeln in bloße Phrasen, deren die Bourgeoisie bedarf, um das Proletariat von seiner eigentlichen Aufgabe in der bürgerlichen Revolution abzulenken, von der Aufgabe nämlich, ein Maximum an Demokratie für den späteren Kampf gegen den Kapitalismus zu erkämpfen.
Heinzen betrachtet die Bauernmassen als Hauptkraft der demokratischen Bewegung. Engels dagegen verweist auf die entscheidende Bedeutung der Arbeiterklasse. „Das industrielle Proletariat der Städte ist die Krone aller modernen Demokratie geworden; die kleinen Bürger und noch mehr die Bauern hängen von seiner Initiative vollständig ab.“ [21] Hier wird im Grunde die Frage der Hegemonie der Arbeiterklasse im allgemeinen demokratischen Kampf aufgeworfen.
In ihrer Polemik gegen Heinzen entwickeln Marx und Engels den historischen Materialismus weiter und wenden ihn auf die Lösung konkreter politischer Fragen an. Sie erläutern, dass die Kommunisten keineswegs vorschlagen, im Verlauf der bürgerlichen Revolution das Privateigentum abzuschaffen. Die Abschaffung des Privateigentums ist noch nicht zu einer historischen Notwendigkeit geworden. „Stürzt daher das Proletariat die politische Herrschaft der Bourgeoisie“, schreibt Marx, „so wird sein Sieg nur vorübergehend, nur ein Moment im Dienst der bürgerlichen Revolution selbst sein, wie Anno 1794, solang im Lauf der Geschichte, in ihrer ,Bewegung’, die materiellen Bedingungen noch nicht geschaffen sind, die die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsweise und darum auch den definitiven Sturz der politischen Bourgeoisherrschaft notwendig machen.“ [22]
Die außerordentliche Bedeutung dieser These von Marx, die sich aus der materialistischen Auffassung von der objektiven Bedingtheit der in der gesellschaftlichen Entwicklung aufeinanderfolgenden Epochen ergibt, bedarf keines weiteren Beweises. Im vorrevolutionären Deutschland bedeutet diese These eine Absage an das politische Abenteurertum derjenigen Revolutionäre, die davon träumten, durch den Aufstand eines Häufleins von Verschwörern die „rote Republik“ einführen zu können, um danach sogleich die Prinzipien des Sozialismus und Kommunismus zu verwirklichen. Mit solchen Gedanken und Plänen trugen sich bekanntlich nicht nur die Mitglieder der revolutionären Geheimorganisationen in Frankreich. In Deutschland propagierte während der Revolution von 1848 Andreas Gottschalk diese Ideen und die ihnen entsprechende politische Taktik. [23]
Die Begründer des Marxismus lehnen jedes voreilige Abenteuertum ab. Sie fassen die historischen Erfahrungen theoretisch zusammen und lehren das Proletariat, sich aktiv an der bürgerlichen Revolution zu beteiligen. Sie klären das Proletariat darüber auf, dass erst mit dem Sieg der Bourgeoisie der Kampfruf der proletarischen Partei „keineswegs Fürstentum oder Republik, sondern Herrschaft der Arbeiterklasse oder Herrschaft der Bourgeoisklasse“ [24] lautet. Damit stellt Marx direkt die Frage der Diktatur des Proletariats.
Marx und Engels entlarven nicht nur die politische Theorie des deutschen bürgerlichen Radikalismus, der auch die Arbeiter in gewissem Grade beeinflusste, sondern sie entwickeln in ihrem Kampf gegen die bürgerliche Ideologie Grundfragen des wissenschaftlichen Kommunismus, speziell die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Kampf um den Sozialismus und dem Kampf um Demokratie. Diese Frage ist auch heute noch von aktueller Bedeutung, da der Imperialismus die bürgerlich-demokratischen Freiheiten unterdrückt und nur die Werktätigen unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer kommunistischen Parteien konsequente Kämpfer für die Demokratie sind. -
„Der Kampf um Demokratie ist ein Bestandteil des Kampfes um den Sozialismus. Je mehr sich die demokratische Bewegung vertieft, je höher das politische Bewusstsein der Massen ist, desto klarer sehen sie, dass nur der Sozialismus sie zu wahrer Freiheit und zu Wohlstand führt.“ [25]«
Anmerkungen
1 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 96.
2 Karl Heinzen an Karl Marx, 16. Februar 1844. In: MEGA², III/Bd. 1, S. 424
3 „Wollen wir warten, bis die Büttel sich durch unsere Geduld zu Demagogen bekehren lassen und uns vor Freiheitsbegeisterung selbst die Thüre öffnen?“ (K. Heinzen: Teutsche Revolution, Bern 1847, S. 220.)
4 Zit. in: Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, S. 340
5 Friedrich Engels: Die Kommunisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 311/312.
6 Heinzen unterstellte den Kommunisten, zu denen er Marx und Engels ebenso wie die „wahren Sozialisten“ rechnete, die Absicht, sofort den Sozialismus einführen zu wollen. In dem im Jahre 1848 erschienen Machwerk, mit dem er auf Marx’ und Engels’ Artikel antwortete, warf er Marx und Engels vor, sie wollten mit Hilfe „eines deutschen Blanqui“ eine „kommunistische Diktatur“ errichten, und rief die Arbeiter auf, den Kommunisten den Rücken zu kehren und sich den Republikanern anzuschließen. Dabei bezeichnet er sich selbst als den besten Freund der Arbeiterklasse, während er die Kommunisten als ihre „schlimmsten Feinde“ diffamiert. Er nimmt gewissermaßen die heutige semantische Philosophie vorweg, wenn er solche Wörter wie „Klassen“, „Unterdrückung“, „Herrschaft“ usw. in Anführungszeichen setzt. (Siehe K. Heinzen: Die Helden des teutschen Kommunismus, Bern 1848, S. 98 und 104.)
7 Zit. in: Friedrich Engels: Die Kommunisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 317.
8 Zit. in: Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, 349.
9 Friedrich Engels: Die Kommunisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 324.
10 Ebenda, S. 316/317.
11 Zit. in: Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, S. 337.
12 Ebenda, S. 338.
13 Ebenda, S. 351.
14 Ebenda, S. 352.
15 Ebenda
16 Friedrich Engels: Die Kommunisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 321/322.
17 Auf die oben angeführten Worte von Engels verweisend, verkündet Heinzen in seiner schon erwähnten Broschüre triumphierend, wenn der Kommunismus keine Doktrin sei, dann hätten die Kommunisten auch keine Theorie. (Siehe K. Heinzen: Die Helden des teutschen Kommunismus, S. 53.)
18 Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, S. 342.
19 Friedrich Engels: Die Kommunisten und Karl Heinzen. In: MEW, Bd. 4, S. 322.
20 Ebenda, S. 313.
21 Ebenda.
22 Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, S. 338/339. Über die Beteiligung des Proletariats an den frühbürgerlichen Revolutionen schreibt Marx: „Die erste Erscheinung einer wirklich agierenden kommunistischen Partei findet sich innerhalb der bürgerlichen Revolution, in dem Augenblicke, wo die konstitutionelle Monarchie beseitigt ist. Die konsequentesten Republikaner, in England die Niveller, in Frankreich Babeuf, Buonarroti usw., sind die ersten, die diese ,sozialen Fragen’ proklamiert haben.“ (Ebenda, S. 341.) J. P. Kandel, der diese Stelle zitiert, bemerkt sehr richtig: „Marx gebraucht hier den Ausdruck ,kommunistische Partei’ in einem weiteren Sinne, er denkt dabei an die Aktionen der fortgeschrittensten und revolutionärsten Vertreter des damaligen Proletariats.“ (Е. П. Кандель: Маркс и Энгельс – организаторы Союза коммунистов, Москва 1953, стр. 87.
23 См. Т. И. Ойзерман: Развитие марксистской теории на опыте революций 1848 года, Москва 1955, гл. I.
24 Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. In: MEW, Bd. 4, S. 343.
25 Programm und Statut der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1961, S. 36.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 12. Kritik der politischen Theorie des deutschen bürgerlichen Radikalismus. Sozialismus und Demokratie.