Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 56)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Gesellschaftliches Bewusstsein und gesellschaftliches Sein
Die Erforschung der Rolle der materiellen Produktion in der Geschichte der Gesellschaft, die Analyse ihrer sozialen Form, das heißt der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, die die Grundlage des politischen und juristischen Überbaus bildet, ermöglicht es, die materialistische Lösung des Problems des gesellschaftlichen Bewusstseins und des gesellschaftlichen Seins zu konkretisieren und weiterzuentwickeln.
Dass das gesellschaftliche Sein die Gesamtheit der objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse einschließlich der ihnen zugrunde liegenden materiellen Produktion darstellt, geht schon aus den bisherigen Betrachtungen hervor. Was verstehen Marx und Engels nun unter dem gesellschaftlichen Bewusstsein?
Feuerbach betrachtete das menschliche Bewusstsein in erster Linie als eine Widerspiegelung der Natur, wobei er allerdings auch darauf hinwies, dass sich der Mensch seiner eigenen Natur, seines Verhältnisses zu anderen Menschen bewusst wird. „Das Bewusstsein“, schreibt Feuerbach, „setzt das Sein voraus, ist nur bewusstes Sein ...“ [1]
Dennoch erweist sich der soziale Inhalt des Bewusstseins für Feuerbach als etwas Zweitrangiges, da er vom gesellschaftlichen Sein als einer spezifischen objektiven Realität einfach keine Vorstellung hat. Deshalb fragt er auch nicht nach der Widerspiegelung dieses gesellschaftlichen Seins.
Marx und Engels berücksichtigen selbstverständlich die Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein die Natur widerspiegelt. Aber sie gehen gleichzeitig über die anthropologische und naturalistische Auffassung Feuerbachs hinaus und stellen fest, dass das Verhältnis der Menschen zur Natur nur im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse realisiert wird. Gesellschaftliches Bewusstsein ist es eigentlich deshalb, weil es das gesellschaftliche Sein widerspiegelt. Das Bewusstsein des einzelnen Individuums ist gesellschaftliches Bewusstsein, obwohl es zunächst, eben als das Bewusstsein eines Individuums, individuelle Züge trägt. Das gesellschaftliche und das individuelle Bewusstsein bilden eine untrennbare Einheit.
Das gesellschaftliche Bewusstsein existiert nicht außerhalb des Bewusstseins der Mitglieder der Gesellschaft. Und dennoch unterscheidet sich das individuelle Bewusstsein wesentlich vom gesellschaftlichen Bewusstsein, dessen mannigfaltige Formen die Moral, die Philosophie, die Wissenschaft, die Religion usw. sind. Das Bewusstsein des einzelnen Individuums kann unmöglich das gesamte gesellschaftliche Bewusstsein in sich aufnehmen. Dieser Unterschied zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Bewusstsein ist gleichfalls sozialer Natur, allein schon deshalb, weil der Mensch als Individuum nur innerhalb der Gesellschaft heranreift. „Das Bewusstsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.“ [2]
In der „Deutschen Ideologie“ wird auch kurz darauf eingegangen, wie sich das gesellschaftliche Bewusstsein geschichtlich herausgebildet hat. „Das Bewusstsein ist natürlich zuerst bloß Bewusstsein über die nächste sinnliche Umgebung und Bewusstsein des bornierten Zusammenhanges mit anderen Personen und Dingen außer dem sich bewusst werdenden Individuum; es ist zu gleicher Zeit Bewusstsein der Natur, die den Menschen anfangs als eine durchaus fremde, allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt, zu der sich die Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren lassen wie das Vieh; und also ein rein tierisches Bewusstsein der Natur (Naturreligion).“ [3]
Die Begründer des Marxismus unterscheiden schon in diesem anfänglichen primitiven Bewusstsein zwischen dem Begreifen der nächsten natürlichen und sozialen Umgebung einerseits und der phantastischen Widerspiegelung der den Menschen beherrschenden spontanen Naturkräfte andererseits. Deshalb halten sie selbst das primitive Bewusstsein für kein religiöses, mystisches Bewusstsein. Dieses primitive Bewusstsein, das Marx und Engels sowohl menschlich als auch tierisch nennen, ist nur dem Menschen eigen, wovon vor allem die soziale Form zeugt, in der dieses Bewusstsein existiert – die Sprache. „Die Sprache ist so alt wie das Bewusstsein – die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewusstsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewusstsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen.“ [4]
Für das Tier existiert im Unterschied zum Menschen sein Verhältnis zur Umwelt nicht als Verhältnis. Mit anderen Worten, das Tier hat kein Bewusstsein, also auch kein Selbstbewusstsein. Deshalb hat das Tier auch keine Sprache. [- Wissensstand und/oder Abgrenzung vom Tier - ] Sowohl das Bewusstsein und Selbstbewusstsein als auch die Sprache sind gesellschaftliche Erscheinungen, die sich im Verlauf der anthropologischen und sozialen Entstehung des Menschen herausbilden. Gerade darum muss man notwendig das entwickelte, vielgestaltige gesellschaftliche Bewusstsein vom primitiven Bewusstsein, das „unmittelbar verflochten (ist) in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen“, unterscheiden. [5]
Erst später, mit der Entstehung des Gegensatzes zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, erlangt das gesellschaftliche Bewusstsein relative Selbständigkeit. „Von diesem Augenblicke an kann sich das Bewusstsein wirklich einbilden, etwas Andres als das Bewusstsein der bestehenden Praxis zu sein, wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen – von diesem Augenblicke an ist das Bewusstsein imstande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der ,reinen’ Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzugehen.“ [6]
In der „Heiligen Familie“ waren die gnoseologischen Wurzeln der idealistischen Gegenüberstellung von Bewusstsein und Wirklichkeit aufgedeckt worden. In der „Deutschen Ideologie“ werden zum Gegenstand der Untersuchung die sozialen Grundlagen dieser Gegenüberstellung, die den Ausgangspunkt der idealistischen Philosophie bilden. Marx und Engels gelangen zu dem Ergebnis, dass sich in der Gegenüberstellung von Bewusstsein und Sein, von Geistigem und Materiellem bestimmte materielle Lebensbedingungen einer Gesellschaft widerspiegeln, in der die sozialen Verhältnisse über die Menschen herrschen. Die spezifischen Formen dieser Gegenüberstellung werden durch eine spezielle Untersuchung ihrer konkrethistorischen sozialen Grundlage aufgedeckt.
Wo sich das gesellschaftliche Bewusstsein in einem Konflikt mit der sozialen Wirklichkeit befindet, erweisen sich als Ursache dieses Konfliktes die gesellschaftlichen Verhältnisse, die „mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind“. [7] Dieser Widerspruch aber ist die unerlässliche Voraussetzung einer sozialen Revolution. Also auch darin, dass sich die deutschen spekulativen Philosophen gegen die in Deutschland herrschenden religiösen und theologischen Vorstellungen wenden, widerspiegelt sich der objektive Prozess des Heranreifens der Revolution.
Reaktionäre behaupten, die Verbreitung revolutionärer Ideen erkläre sich durch das Auftauchen von allerlei Unruhestiftern, von Individuen, die in Konflikt mit der Justiz geraten seien usw. Auf diese platten Anschauungen entgegnen Marx und Engels: „Die Existenz revolutionärer Gedanken in einer bestimmten Epoche setzt bereits die Existenz einer revolutionären Klasse voraus.“ [8]
Das gesellschaftliche Bewusstsein, darunter auch das Bewusstsein der die Gesellschaft ausmachenden Individuen, widerspiegelt das gesellschaftliche Sein. „Das Bewusstsein kann nie etwas Andres sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess.“ [9]
Die Erkenntnistheorie des vormarxschen Materialismus hat mit Recht darauf bestanden, dass als wahr nur solche Vorstellungen, Begriffe und Urteile gelten können, die die objektive Realität widerspiegeln. Die vormarxschen Materialisten hatten jedoch nicht darüber nachgedacht, ob nicht auch falsche, ja sogar phantastische Vorstellungen eine Widerspiegelung der Wirklichkeit sein könnten. Vielmehr glaubten sie, phantastische, zum Beispiel religiöse Vorstellungen seien ebendeshalb falsch, weil sie die Wirklichkeit nicht widerspiegelten. Das ist auch der Grund, weshalb sie die Dialektik von Wahrheit und Irrtum gar nicht bemerkt haben.
Die vormarxschen Materialisten deuteten den Erkenntnisprozess metaphysisch. Daher konnten sie das materialistische Prinzip der Widerspiegelung nicht auf die Analyse des gesamten Bewusstseinsinhalts anwenden. Dieses Prinzip fand bei ihnen lediglich eine beschränkte, gnoseologische Anwendung. In der Soziologie hatte es als Prinzip für sie überhaupt keine Bedeutung. Lediglich Feuerbach verstand das illusorische (religiöse) Bewusstsein als Widerspiegelung des wirklichen Lebens des Menschen. Er hat jedoch keine materialistische Antwort auf die Frage gegeben, was denn nun die Religion oder irgendeine andere irrtümliche Vorstellung des Menschen widerspiegelt. -
Erst Karl Marx und Friedrich Engels gelang es, die spezifische soziale Realität zu entdecken, die in der Religion und in jeglichem Bewusstsein überhaupt widergespiegelt wird. -
„Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesse. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologien und die ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.“ [10]
Die verkehrte Widerspiegelung der Wirklichkeit ist also nicht etwas rein Subjektives, sie hat sowohl einen objektiven Inhalt als auch eine objektive Grundlage. Das heißt natürlich nicht, dass sich jeder Irrtum durch den Hinweis auf eine objektive Grundlage erklären lässt. Hier handelt es sich nicht um falsche Schlüsse, um voreilige oder unzulänglich begründete Schlussfolgerungen, für die allein die Gewissenhaftigkeit des Subjekts verantwortlich ist, sondern um jahrtausendelang bestehende Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins, die die Wirklichkeit verzerrt widerspiegeln: die Religion, die idealistische Philosophie usw. Eine solche Widerspiegelung ist objektiv bedingt, sie ist eine notwendige Form des menschlichen Bewusstseins unter geschichtlich bestimmten Bedingungen.
Die verkehrte Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins im Bewusstsein historisch-konkreter (besitzender, ökonomisch oder politisch herrschender) Klassen bezeichnen Marx und Engels als Ideologie, wobei sie diesen Terminus in jenem negativen Sinne gebrauchen, der zu dieser Zeit aufkam. -
Das gesellschaftliche Bewusstsein der ausgebeuteten Klassen bezeichnen sie nicht als Ideologie. [11] Dort, wo Marx und Engels von der Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins reden, unterstreichen sie den durchaus nicht illusorischen Charakter des Bewusstseins dieser Klasse. -
Den wissenschaftlichen Kommunismus betrachten sie als die Widerspiegelung der gesellschaftlichen Stellung und der Interessen des Proletariats, ohne ihn jedoch als „Ideologie“ zu bezeichnen. Auch finden wir weder in der „Deutschen Ideologie“ noch in anderen Werken der Begründer des Marxismus den Terminus „wissenschaftliche Ideologie“, obwohl sie eine wissenschaftliche Theorie des proletarischen Befreiungskampfes ausarbeiteten. Der Begriff der wissenschaftlichen Ideologie wurde von Lenin ausgearbeitet und stellt eine Weiterentwicklung der Lehre von Marx und Engels über die Ideologie dar.
Bürgerliche Marxismuskritiker stellen Marx’ und Engels’ Ideologieverständnis in Gegensatz zu dem Leninschen Begriff der wissenschaftlichen Ideologie. Sie versuchen zu beweisen, die Begründer des Marxismus hätten unter „Ideologie“ immer nur ein illusorisches, idealistisches, entfremdetes gesellschaftliches Bewusstsein verstanden. Indessen haben Marx und Engels, wenn sie die illusionären und idealistischen Thesen der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologien entlarven, ständig den in diesen Illusionen und idealistischen Irrungen verborgenen realen sozialen Inhalt nachgewiesen. Dieser Umstand unterscheidet den Standpunkt von Marx und Engels grundlegend von den Anschauungen ihrer Zeitgenossen, die alle ideologischen Konzeptionen als im Grunde genommen inhaltslos auffassten.
Marx und Engels sind der Meinung, dass jede Entstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie sie uns in der einen oder anderen Ideologie begegnet, eine Widerspiegelung historisch-konkreter Züge dieser Wirklichkeit, der objektiv bedingten sozialen Lage der jeweiligen Klasse, ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Produktion und ihrer Interessen usw. darstellt.-
„Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer 'Camera obscura' auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.“ [12]
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Marx und Engels den realen sozialen Inhalt der Theorie des vernünftigen Egoismus von Kants Konzeption der praktischen Vernunft und in der junghegelianischen Philosophie des Selbstbewusstseins aufdecken. Dasselbe lässt sich, aber natürlich in weitaus größerem Maße, von ihrem Verhältnis zu Hegel und Feuerbach sowie zu den Klassikern der englischen Nationalökonomie sagen, deren Lehren sie als Ideologien betrachten, aber gleichzeitig als die theoretischen Quellen ihrer eigenen wissenschaftlichen Geschichtsauffassung ansehen.
Marx und Engels bezeichnen die Theoretiker der Bourgeoisie, des Adels und des Kleinbürgertums als Ideologen. Einige dieser Ideologen verteidigen die kapitalistische Ordnung, andere lehnten den Kapitalismus ab und propagierten die Rückkehr zu den feudalen Verhältnissen, wieder andere entwickelten utopische Vorstellungen einer Gesellschaft von Kleineigentümern. Eine wissenschaftliche Ideologie hat es vor dem Marxismus nicht gegeben. Ist es dann verwunderlich, dass Marx und Engels, die eine wissenschaftliche Ideologie schufen, diese (offenbar, um eine Begriffsverwirrung zu vermeiden) nicht als Ideologie bezeichneten? Ihr Standpunkt kann nur bei einem oberflächlichen oder voreingenommenen Herangehen als Negation einer jeden Ideologie oder als Forderung der Entideologisierung der sozialen Erkenntnis aufgefasst werden. Er bedeutete lediglich die Negation der entfremdeten Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, deren wichtigste Erscheinungsform die spekulative idealistische Philosophie war. -
So gesehen, ist der historische Prozess der Herausbildung des Marxismus seinem objektiven Inhalt nach ein Kampf gegen die bürgerliche (und kleinbürgerliche) Ideologie, der die Ausarbeitung eines wissenschaftlichen sozialistischen Bewusstseins, das heißt der wissenschaftlichen Ideologie der Arbeiterklasse, zum Ziele hat. Und es wäre im höchsten Grade naiv, zu glauben, dass schon im Stadium der Herausbildung der wissenschaftlichen Ideologie des Proletariats ihr objektiver Inhalt voll und ganz mit ihrer subjektiven Ausdrucksform übereinstimmen konnte.
In der „Deutschen Ideologie“ wird der Begriff der Ideologie gelegentlich auch in einem weiteren Sinne gebraucht. Das hängt mit der konkreten Analyse des gesellschaftlichen Bewusstseins der Bourgeoisie in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Entwicklungsetappen dieser Klasse zusammen, besonders mit der Untersuchung des ideologischen und politischen Kampfes zwischen den progressiven und den reaktionären gesellschaftlichen Kräften. Die konkrete Analyse erlaubt, zwischen den Ideologien der herrschenden und der unterdrückten, der fortschrittlichen und der reaktionären Klassen zu unterscheiden. -
„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.“ [13] -
Die Ideologen der herrschenden Ausbeuterklasse behaupten freilich, ihre Ideen, ihre Überzeugungen und Ideale würden in der Gesellschaft deshalb vorherrschen, weil sie vernünftiger, nützlicher, erhabener usw. seien. Marx und Engels entlarven diese Illusionen, indem sie ihre sozialökonomische Bedingtheit nachweisen. -
Sie [Marx und Engels] erläutern, dass die illusorische Vorstellung, die Herrschaft einer bestimmten Klasse sei nur die Herrschaft bestimmter Ideen (oder doch eine Folge davon), endgültig erst mit der Aufhebung der antagonistischen gesellschaftlichen Verhältnisse verschwinden werde, also erst, wenn die Notwendigkeit entfällt, Sonderinteressen [- der herrschenden Bourgeoisie und deren ökonomischen und gesellschaftspolitischen Administration und „Sozialpartner“ etc. / R. S.] als Interessen der Allgemeinheit und das Interesse der Allgemeinheit als herrschendes Interesse auszugeben.
Wenn die Begründer des Marxismus die Ideologie als Begreifen des gesellschaftlichen Seins und die darauf aufbauende soziale Orientierung kennzeichnen, in der sich die Stellung und die Interessen einer bestimmten Klasse ausdrücken, dann unterscheiden sie auch hier deutlich zwischen gesellschaftlichem Bewusstsein und gesellschaftlichem Sein, wobei sie unterstreichen, dass ihre Einheit nicht die Identität ihres Inhalts bedeutet. Darum muss bei der Einschätzung des gesellschaftlichen Bewusstseins vom gesellschaftlichen Sein ausgegangen werden, und nicht umgekehrt, wie es die Idealisten tun. -
„Während im gewöhnlichen Leben jeder 'Shopkeeper' sehr wohl zwischen Dem zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtsschreibung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder Epoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet.“ [14] -
Der idealistischen Anschauung der bürgerlichen Historiographie stellen die Begründer des Marxismus die Ansicht der materialistischen Geschichtsauffassung gegenüber: „... es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklichen tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt.“ [15]
Der historische Materialismus weist die Einheit von Bewusstsein und Sein nach und grenzt beide zugleich voneinander ab. Er untersucht die Wechselwirkung zwischen ihnen, die verschiedenen Formen der Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins und die Rückwirkung des gesellschaftlichen Bewusstseins auf seine Grundlage. Alle diese Aspekte der dialektisch-materialistischen Auffassung des geistigen Lebens der Gesellschaft sind in der „Deutschen Ideologie“ bereits vorhanden.
Die vormarxschen Soziologen hatten die Tatsache, dass sich das gesellschaftliche Sein der Menschen in ihrem Bewusstsein widerspiegelt, überhaupt nicht bemerkt. Die Begriffe „gesellschaftliches Sein“ und "gesellschaftliches Bewusstsein“ waren ihnen fremd. Bei der Schaffung der Wissenschaft von der Gesellschaft haben Marx und Engels diese äußerst wichtigen philosophischen und soziologischen Kategorien erarbeitet. Die „Deutsche Ideologie“ enthüllt die Dialektik des gesellschaftlichen Bewusstseins und des gesellschaftlichen Seins. Dieses Werk ist ein hervorragender Beitrag zur Entwicklung der materialistischen Dialektik.
Die „Deutsche Ideologie“ ist insgesamt eine überzeugende Bestätigung dafür, dass die Herausbildung einerseits der materialistischen Geschichtsauffassung und andererseits der materialistischen Dialektik ein einheitlicher Prozess ist, dass die marxistische Dialektik vor allem durch die Erforschung des sozialhistorischen Prozesses entwickelt wurde.«
Anmerkungen
1 Karl Grün: Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlass sowie in seiner philosophischen Charakterentwicklung, Bd. 2, 1850–1872, Leipzig und Heidelberg 1874, S. 306.
2 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 30/31.
3 Ebenda, S. 31. Es ist zu beachten, dass die Begründer des Marxismus ihre Auffassung vom ursprünglichen primitiven Bewusstsein später präzisiert haben. Davon zeugt unter anderem Engels’ Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“.
4 Ebenda, S. 30.
5 Ebenda, S. 26.
6 Ebenda, S. 31.
7 Ebenda, S. 32.
8 Ebenda, S. 47.
9 Ebenda, S. 26.
10 Ebenda, S. 26/27.
11 Ungeachtet dieser Tatsache stellt Paul Kägi den Standpunkt von Marx und Engels folgendermaßen dar: „Nicht nur die Denker einer herrschenden oder schließlich einer aufstrebenden Klasse sind Ideologen. Es wird ganz allgemein von Politikern, Juristen und sonstigen Ideologen gesprochen, von Moral, Religion, Metaphysik und sonstiger Ideologie.“ (P. Kägi: Genesis des historischen Materialismus. Karl Marx und die Dynamik der Gesellschaft, Wien/Frankfurt a. M./Zürich 1965, S. 326.) Dabei wird allerdings verschwiegen, dass bei Marx und Engels von professionellen Politikern und Juristen, die natürlich Vertreter der besitzenden und herrschenden Klassen waren, und von der in einer antagonistischen Gesellschaft herrschenden Moral, Religion usw. die Rede ist.
12 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 26.
13 Ebenda, S. 46.
14 Ebenda, S. 49.
15 Ebenda, S. 26.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 11. Gesellschaftliches Bewusstsein und gesellschaftliches Sein.