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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 53)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Grundvoraussetzungen des historischen Materialismus. Objektivität und Spontanität in der Entwicklung der Gesellschaft. Freiheit und Notwendigkeit.
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Marx und Engels grenzen den naturgeschichtlichen sozialen Prozess und die spontane gesellschaftliche Entwicklung begrifflich voneinander ab. Die spontane gesellschaftliche Entwicklung betrachten sie als historisch vorübergehende Existenzform der Gesellschaft, als Produkt antagonistischer Produktionsverhältnisse und speziell die Werktätigen unterjochende Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die es mit sich bringt, „dass die geistige und materielle Tätigkeit – dass der Genuss und die Arbeit, Produktion und Konsumtion, verschiedenen Individuen zufallen“. [20] Darum ist mit der Teilung der Arbeit in ihrer entwickelten Form, die nach Marx nicht nur den Gegensatz von körperlicher und geistiger Arbeit, sondern auch die ungleiche Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte [21] voraussetzt, auch schon die soziale Ungleichheit gegeben. Mehr noch, für Marx und Engels sind „Teilung der Arbeit und Privateigentum identische Ausdrücke – in dem Einen wird in Beziehung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was in dem Andern in bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird“. [22]

Diese Gleichsetzung der Arbeitsteilung mit dem Privateigentum deutet darauf hin, dass die ökonomische Lehre von Marx und Engels im betrachten Zeitraum noch ungenügend ausgearbeitet war. [23] In der einen oder anderen Form ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung auch in einer Gesellschaft notwendig, deren Grundlage das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln ist. In der „Deutschen Ideologie“ jedoch wird die Teilung der Arbeit begrifflich noch ungenügend von anderen gesellschaftlichen Verhältnissen abgegrenzt und ist weitgehend mit dem Begriff der antagonistischen Entwicklungsform der Produktivkräfte identisch. „Durch die Teilung der Arbeit“, heißt es beispielsweise, „ist schon von vornherein die Teilung auch der Arbeitsbedingungen, Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplitterung des akkumulierten Kapitals an verschiedne Eigentümer, und damit die Zersplitterung zwischen Kapital und Arbeit, und die verschiedenen Formen des Eigentums selbst.“ [24] Erst in den Werken des reifen Marxismus wurde diese weite Auffassung der Arbeitsteilung überwunden.

In antagonistischen Gesellschaftsformationen führt die gesellschaftliche Arbeitsteilung zum Widerspruch zwischen Mensch und Mensch, zwischen dem Menschen und dem Produkt seiner Arbeit, zwischen den sozialen Gruppen (bzw. Klassen), zwischen dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen. Diese Widersprüche bedingen auch den naturwüchsigen Charakter des sozialhistorischen Prozesses. So kommt es, dass, „solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besonderen und gemeinsamen Interesse existiert, solange die Tätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt dass er sie beherrscht“. [25] Auch früher hatten Marx und Engels, als sie Hegels und Feuerbachs Entfremdungskonzeption materialistisch überarbeiteten und weiterentwickelten, das Problem der den Menschen knechtenden Arbeitsteilung, der Herrschaft des Produkts der Arbeit über die Produzenten usw. aufgeworfen. In der „Deutschen Ideologie“ werden diese Thesen weiterentwickelt. Die Herrschaft der vergegenständlichten, toten Arbeit über die lebendige Arbeit, der gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt über die Menschen wird als ein Entwicklungsgesetz der antagonistischen Klassengesellschaft charakterisiert. Die Tatsache, dass die vereinte Macht der Individuen diesen als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt erscheint, die nicht nur von ihrem Willen unabhängig ist, sondern vielmehr sie beherrscht, hat ihre empirisch konstatierbare Grundlage im Privateigentum.

In den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" ging es um die Entfremdung der Arbeit, die das Privateigentum als die Grundlage jeder weiteren Entfremdung hervorbringt. In der „Deutschen Ideologie“ wird der Entfremdungsbegriff durch einen neuen historischen und ökonomischen Inhalt bereichert, weiter konkretisiert und präzisiert. Jetzt bestimmen Marx und Engels die Entfremdung vor allem als Herrschaft der vergegenständlichten, naturwüchsigen (spontan zustande kommenden) gesellschaftlichen Verhältnisse über die Menschen, als Knechtung der Menschen durch die antagonistischen Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Dabei benutzen sie verhältnismäßig selten den Terminus „Entfremdung“ und betonen sogar, dass er der spekulativen Philosophie angehöre. So schreiben sie: „Diese ,Entfremdung’, um den Philosophen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden.“ Die erste Voraussetzung ist die Vertiefung und Verschärfung der antagonistischen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft. Dazu gehört, dass die Entfremdung „die Masse der Menschheit als durchaus ,Eigentumslos’ erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandenen Welt des Reichtums und der Bildung“. Als die zweite für die Aufhebung der Entfremdung notwendige Bedingung betrachten Marx und Engels „eine große Steigerung der Produktivität, einen hohen Grad ihrer Entwicklung“. Dabei wird unterstrichen, dass eine große Steigerung der Produktivkräfte „eine absolut notwendige praktische Voraussetzung“ ist [26], weil „nur mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist“. [27]

Vergleicht man diese Aussagen mit den entsprechenden Äußerungen über die Entfremdung in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844", dann wird der Unterschied zu Marx’ und Engels’ jetzigem Standpunkt ganz offensichtlich. In der „Deutschen Ideologie“ nimmt der Entfremdungsbegriff keinen zentralen Platz mehr ein. Davon zeugt auch der oben angeführte Vorbehalt hinsichtlich der Anwendung des Begriffs Entfremdung – „um den Philosophen verständlich zu bleiben“. Im Grunde geht es darum, dass das Privateigentum und die gesellschaftliche Arbeitsteilung (in der Form, in der sie sich in der Klassengesellschaft herausgebildet hat) gesetzmäßiger Ausdruck der unzureichenden Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte sind. Diese grundlegende Tatsache charakterisiert in entscheidender Weise die Entwicklung der Klassengesellschaft, die antagonistische Form des sozialen Fortschritts.

Wir werden uns allerdings mit der endgültigen Antwort auf die Frage nach dem historischen Schicksal des Begriffs (und des Terminus) der Entfremdung nicht beeilen. Der Entfremdungsbegriff (und entsprechend der Terminus) begegnen uns in den Ökonomischen Manuskripten 1857–1859, im „Kapital“ und in anderen Werken von Marx. In den „Theorien über den Mehrwert“ charakterisiert Marx das Wesen der kapitalistischen Produktion als das Wesen „der sich selbst entfremdeten Arbeit, der der von ihr geschaffene Reichtum als fremder Reichtum, ihre eigne Produktivkraft als Produktivkraft ihres Produkts, ihre Bereicherung als Selbstverarmung, ihre gesellschaftliche Macht als Macht der Gesellschaft über sie gegenüberstellt“. [28] Es ist nicht unsere Aufgabe, die gesamte Geschichte des Problems der Entfremdung in der marxistischen Lehre zu untersuchen. Wir wollen lediglich klären, warum Marx und Engels, die in der „Deutschen Ideologie“ gegenüber dem Terminus „Entfremdung“eine ironische Haltung einnehmen, in ihren späteren Arbeiten zu ihm zurückkehren. Die Ursache dafür ist vor allem, dass der Entfremdungsbegriff in den Werken des reifen Marxismus vollständig von seinem anthropologischen Inhalt (das heißt der Vorstellung von der Entfremdung des natürlichen menschlichen Wesens) befreit wird und als eine historisch konkrete Kategorie ausgearbeitet wird, die einen begrenzten geschichtlich bestimmten Inhalt hat. Eine weitere Ursache, auf die Marx und Engels hinweisen, hängt mit den Besonderheiten des Entstehungsprozesses der marxistischen Philosophie selbst zusammen. In der „Deutschen Ideologie“ wird hervorgehoben, dass schon in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ die Ausgangsthesen der materialistischen Geschichtsauffassung angedeutet waren. „Da dies damals noch in philosophischer Phraseologie geschah, so gaben die hier traditionell unterlaufenden philosophischen Ausdrücke wie ,menschliches Wesen’, ,Gattung’ pp. den deutschen Theoretikern die erwünschte Veranlassung, die wirkliche Entwicklung zu missverstehen und zu glauben, es handle sich hier wieder nur um eine neue Wendung ihrer abgetragenen theoretischen Röcke ...“ [29] Es ging folglich um eine Abgrenzung von den Junghegelianern, von der Feuerbachschen Anthropologie und speziell von dem kleinbürgerlichen „wahren Sozialismus“ nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form, in der Ausdrucksweise, in der Terminologie. [30]

Der wichtigste Aspekt, unter dem das Entfremdungsproblem in der „Deutschen Ideologie“ betrachtet wird, ist also der, dass die Menschen von den spontanen Kräften der gesellschaftlichen Entwicklung beherrscht werden. Die Menschen sind sich der sozialen Folgen ihrer eigenen Tätigkeit nicht bewusst, sie verstehen nicht die objektive historische Notwendigkeit der sozialen Prozesse, an denen sie beteiligt sind, und sie kennen nicht die diese Prozesse beherrschenden Gesetze. Doch nicht diese subjektive Seite des sozialhistorischen Prozesses bewirkt seinen spontanen Charakter. Wer den Ursprung der Spontanität der gesellschaftlichen Entwicklung in der Unkenntnis seiner objektiven Gesetzmäßigkeit sieht, stellt sich auf den Standpunkt des Idealismus, dem Marx und Engels die These von der objektiven Bedingtheit des gesellschaftlichen Lebens entgegenhielten. Demnach kann auch die Überwindung der Spontanität der gesellschaftlichen Entwicklung nur das Ergebnis eines objektiv bedingten und gesetzmäßigen Prozesses der Aufhebung des Privateigentums und der ihm entsprechenden Arbeitsteilung, der Spaltung der Gesellschaft in Klassen, des Widerspruchs zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Interessen usw. sein. Welche Rolle spielt nun das gesellschaftliche Bewusstsein in diesem Prozess der kommunistischen Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens? Wenn Marx und Engels auch die idealistische Vergöttlichung des Bewusstseins und Selbstbewusstseins ablehnen, so liegt es ihnen doch völlig fern, die Rolle des Bewusstseins in der Geschichte zu bestreiten, insbesondere beim revolutionären Übergang zum Kommunismus, der an die Stelle der spontanen, nicht steuerbaren sozialen Entwicklung das bewusste soziale Schöpfertum setzt. Aber das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein ist nicht von der materiellen Wirklichkeit unabhängig. Zu einer mächtigen sozialen Macht wird es daher nur, indem es die objektiven Gesetzmäßigkeiten erkennt und sich nach ihnen richtet. Nur unter dieser Bedingung wird die soziale Praxis zur Herrschaft der organisierten Individuen über die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Während die Idealisten, besonders die deutschen, die Freiheit als Selbstbestimmung des Geistes definieren, verbinden die Begründer des Marxismus den Begriff der Freiheit mit den materiellen Lebensbedingungen der Menschen. Freiheit ist die auf der Erkenntnis der objektiven Notwendigkeit beruhende bewusste und zweckmäßige praktische Tätigkeit der Menschen, in der die erreichten Ergebnisse im wesentlichen mit den vorher gesteckten Zielen übereinstimmen. Das Maß der Herrschaft über die Natur bzw. über sich selbst, das der Mensch auf einer bestimmten Stufe der geschichtlichen Entwicklung erreicht, ist letztlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse bedingt, von denen auch die Entwicklung der Erkenntnis wesentlich abhängt. Die Entwicklung der Produktion ist eine ständig fortschreitende Befreiung des Menschen von den spontanen Kräften der Natur und schafft Voraussetzungen für die Beherrschung der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft. Wachstum [qualitatives – sozial-ökonomisch-ökologisches – Wachstum heute!] der Produktivkräfte bedeutet auch Entwicklung des Menschen, seiner Bedürfnisse und Fähigkeiten, darunter auch der Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen.

Die Idealisten, erklären Marx und Engels, tun so, als wenn das von den Menschen errungene Maß der Freiheit von ihren Vorstellungen vom Ideal des Menschen, der Freiheit usw. bestimmt würde. „In der Wirklichkeit trug sich die Sache natürlich so zu, dass die Menschen sich jedesmal so weit befreiten, als nicht ihr Ideal vom Menschen, sondern die existierenden Produktivkräfte ihnen vorschrieben und erlaubten. Allen bisherigen Befreiungen lagen indes beschränkte Produktivkräfte zugrunde, deren für die ganze Gesellschaft unzureichende Produktion nur dann eine Entwicklung möglich machte, wenn die Einen auf Kosten der Anderen ihre Bedürfnisse befriedigten.“ [31]

Die Idee der historischen Entwicklung der Freiheit hatten allerdings schon die Klassiker des deutschen Idealismus entwickelt. Bei Hegel bildet diese Idee sogar das Leitmotiv seiner ganzen Geschichtsphilosophie. Aber Hegels Problemstellung hat sich, trotz des genialen Gedankens, Freiheit sei die historisch sich entwickelnde Einsicht in die Notwendigkeit, dennoch letztendlich als unzulänglich erwiesen, insofern Hegel behauptete, Freiheit sei die Substanz des Geistes, also etwas Ursprüngliches, das im Verlaufe der Weltgeschichte nur offenbar und bewusst werde. Marx und Engels dagegen lösen das Freiheitsproblem vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung, indem sie den realen Zusammenhang aufdecken, der zwischen der Entwicklung der Freiheit, dem Fortschritt der Produktivkräfte und der Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse besteht.

Die Behandlung des Problems von Freiheit und Notwendigkeit im Kontext des realen sozialhistorischen Prozesses ermöglicht es, den antagonistisch-widersprüchlichen Charakter der Entwicklung der Freiheit in der Klassengesellschaft zu enthüllen und damit die Notwendigkeit einer kommunistischen Umgestaltung der Gesellschaft zu begründen. Die fortschreitende Herrschaft des Menschen über die Natur, setzen die Begründer des Marxismus auseinander, ist nämlich mit einer zunehmenden Knechtung des Menschen durch die Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung untrennbar verbunden. Die Befreiung von den spontanen Naturkräften und die Herrschaft des Menschen über den Menschen sind lediglich zwei Seiten eines einheitlichen antagonistischen Prozesses. Die Aufhebung der persönlichen Abhängigkeit (der Sklaverei, der Leibeigenschaft), das heißt die Entwicklung der persönlichen Freiheit des Individuums, erweist sich zugleich als fortschreitende Knechtung der Persönlichkeit durch die spontanen Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung. [32] Dieser antagonistische Charakter des sich historisch entwickelnden Widerspruchs zwischen Notwendigkeit und Freiheit, wie auch des gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt, wird erst durch die kommunistische Revolution [- Revolution = Emanzipation -] überwunden. -

„In der gegenwärtigen Epoche hat die Herrschaft der sachlichen Verhältnisse über die Individuen, die Erdrückung der Individualität durch die Zufälligkeit, ihre schärfste und universellste Form erhalten und damit den existierenden Individuen eine ganz bestimmte Aufgabe gestellt. Sie hat ihnen die Aufgabe gestellt, an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeit über die Individuen die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit und die Verhältnisse zu setzen.“ [33] -

Diese Aufgabe lässt sich nicht einfach dadurch lösen, dass das Privateigentum und seine unmittelbaren sozialen Folgen aufgehoben werden, da „das Privateigentum nur aufgehoben werden kann unter der Bedingung einer allseitigen Entwicklung der Individuen, weil eben der vorgefundene Verkehr und die vorgefundenen Produktivkräfte allseitig sind und nur von allseitig entwickelnden Individuen angeeignet, das heißt zur freien Betätigung ihres Lebens gemacht werden können“. [Ein revolutionär-emanzipatorischer und historischer Prozess in Wechselbeziehung. - R.S.] [34] -

Der Kommunismus ist die allseitige Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der materiellen wie der geistigen. Der Kommunismus beseitigt den Gegensatz zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, zwischen Stadt und Land, gewährleistet die freie Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft und hebt damit den Widerspruch zwischen dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen auf. Die Liquidierung der Klassen und der sozialen Ungleichheit überhaupt führt zur Entwicklung einer echten Gemeinschaft, denn erst in der Gemeinschaft mit anderen Menschen findet das Individuum die Bedingungen und die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden. Persönliche Freiheit ist erst in der Gemeinschaft möglich. -

„In den bisherigen Surrogaten der Gemeinschaft, im Staat usw. existierte die persönliche Freiheit nur für die in den Verhältnissen der herrschenden Klasse entwickelten Individuen und nur, insofern sie Individuen dieser Klasse waren. Die scheinbare Gemeinschaft, zu der sich bisher die Individuen vereinigten, verselbständigte sich stets ihnen gegenüber und war zugleich, da sie eine Vereinigung einer Klasse gegenüber einer anderen war, für die beherrschte Klasse nicht nur eine ganz illusorische Gemeinschaft, sondern auch eine neue Fessel. In der wirklichen Gemeinschaft erlangen die Individuen in und durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit.“ [35]

Die in der „Deutschen Ideologie“ ausgearbeiteten Grundsätze des historischen Materialismus bestätigen überzeugend, dass die von Marx und Engels geschaffene philosophische Wissenschaft von der Gesellschaft die schwierigsten Probleme der Geschichtsphilosophie und der Geschichtswissenschaft wirklich gelöst hat.«
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Anmerkungen

20 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 32.
21 Siehe ebenda.
22 Ebenda.
23 Bei einer abermaligen Durchsicht des Manuskriptes der „Deutschen Ideologie“ bemerkt Engels im Jahre 1888 „wie unvollständig unsre damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte noch waren“. (Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Bd. 21, S. 264.)
24 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 66.
25 Ebenda, S. 33. Etwas weiter unten charakterisieren Marx und Engels den Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeitsteilung mit der Spontanität der gesellschaftlichen Entwicklung folgendermaßen: „Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unseres eigenen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsere Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung.“ (Ebenda.)
26 Ebenda, S. 34.
27 Ebenda, S. 35.
28 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. Dritter Teil. In: MEW, Bd. 26.3, S. 255.
29 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 217/218.
30 Auf diese Frage zurückkommend, schreiben Marx und Engels im „Manifest der Kommunistischen Partei“, dass die deutschen „wahren Sozialisten“ einfach „ihren philosophischen Unsinn“ hinter das französische Original, gemeint ist der französische utopische Sozialismus, gesetzt hatten. „Z. B. hinter die französische Kritik der Geldverhältnisse schrieben sie ,Entäußerung des menschlichen Wesens’, hinter die französische Kritik des Bourgeoisstaates schrieben sie ,Aufhebung der Herrschaft des abstrakten Allgemeinen’ usw. Die Unterschiebung dieser philosophischen Redensarten unter die französischen Entwicklungen tauften sie ,Philosophie der Tat’, ,wahrer Sozialismus’, ,deutsche Wissenschaft des Sozialismus’, ,philosophische Begründung des Sozialismus’ usw.“ (Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 486.) Die Schaffung des historischen Materialismus bedeutete den radikalen Bruch mit dieser spekulativen „Begründung“ des Sozialismus.
31 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, 417.
32 „In der Vorstellung sind daher die Individuen unter der Bourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert.“ (Ebenda, S. 76.)
33 Ebenda, S. 424.
34 Ebenda.
35 Ebenda, S. 74.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 9. Die Grundvoraussetzungen des historischen Materialismus. Objektivität und Spontanität in der Entwicklung der Gesellschaft. Freiheit und Notwendigkeit.