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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 52)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Grundvoraussetzungen des historischen Materialismus. Objektivität und Spontanität in der Entwicklung der Gesellschaft. Freiheit und Notwendigkeit.
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Die materialistische Geschichtsauffassung geht nicht von spekulativen, sondern von empirischen Voraussetzungen aus. Es handelt sich dabei, wie Marx und Engels erläutern, um die realen Individuen und ihre materiellen Lebensbedingungen. Die Individuen sind körperliche, in bestimmter Weise organisierte Lebewesen, und das wiederum setzt bestimmte Beziehungen zueinander und zur Natur voraus. Eine wissenschaftliche Geschichtsauffassung muss vor allem diese natürlichen Voraussetzungen des gesellschaftlichen Lebens in Rechnung stellen, also die Menschen, die Bevölkerung, die natürlichen Voraussetzungen des gesellschaftlichen Lebens.

Da die Menschen die Natur im Prozess der materiellen Produktion verändern, gehört unbestreitbar auch die Produktion zu den empirischen Voraussetzungen der Wissenschaft von der Gesellschaft. Welches Verhältnis besteht nun zwischen der Produktion der materiellen Güter und der Reproduktion des menschlichen Lebens? Um leben zu können und folglich auch um sich als Gattung reproduzieren zu können, müssen die Menschen essen und trinken, Kleidung und eine Wohnung haben usw. Natürlich waren diese grundlegenden Daseinsbedingungen der Gesellschaft auch den vormarxschen Denkern bekannt, aber es handelt sich gerade darum, die allen geläufigen Tatsachen zu konstatieren (und vor allem, sie entsprechend einzuschätzen). „Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst.“ [1] Diese „erste geschichtliche Tat“ muss in ihrer ganzen Tragweite mit allen sich daraus ergebenden Folgen für die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens begriffen werden.

„Das Zweite ist, dass das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt.“ [2] Die Bedürfnisse als Ergebnis der Produktion werden dann selbst zur Ursache für die Entwicklung der Produktion.

Die dritte Grundtatsache des gesellschaftlichen Lebens, die die Entwicklung der Gesellschaft ständig beeinflusst, ist die Fortpflanzung der Menschen, das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, die Familie, die „im Anfange das einzige soziale Verhältnis ist“. [3] Später, mit der Entwicklung neuer Bedürfnisse und vielfältiger gesellschaftlicher Bindungen, wird die Familie, die Vermehrung der Menschen zu einem „untergeordneten“ Verhältnis, das letzten Endes durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion bedingt wird.

„Die Produktion des Lebens, sowohl des eigenen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis – einerseits als natürliches, andererseits als gesellschaftliches Verhältnis –, gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird.“ [4] Ausschlaggebend in diesem doppelten Verhältnis sind die „Weise des Zusammenwirkens“, die gesellschaftlichen Produktivkräfte, da „die Menge der den Menschen zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen Zustand bedingt“. [5]

Schon in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" und in der „Heiligen Familie“ war nachgewiesen worden, dass die Natur des Menschen durch die Entwicklung der materiellen Produktion bedingt ist, das heißt durch Bedingungen, die dem Menschen nicht von außen, ursprünglich mitgegeben sind. In der „Deutschen Ideologie“ entwickeln Marx und Engels diesen Gedanken weiter, indem sie die mannigfachen Unterschiede des Menschen von den anderen Lebewesen als geschichtlich sich entwickelnde Unterschiede betrachten. Was den grundlegenden Unterschied des Menschen von den anderen Lebewesen bedingt, ist letztlich auch für alle anderen Unterschiede zwischen ihnen bestimmend. „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ [6] Der Unterschied zwischen Mensch und Tier wird somit historisch-genetisch abgeleitet. Deshalb bleibt der geschichtlich bedingte Unterschied des menschlichen Individuums vom einzelnen Tier im weiteren Unabhängig davon erhalten, ob dieses Individuum arbeitet oder nicht. Doch was für einzelne Individuen, für eine Minderheit möglich ist, verbietet sich für die Masse, für die Mehrheit der Individuen, deren Lebenstätigkeit mehr oder weniger mit der Produktion zusammenfällt. „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“ [7]

In der vormarxistischen Soziologie wurde die Produktion bestenfalls als eine zwar lebensnotwendige, aber außergeschichtliche Notwendigkeit aufgefasst, da sich ja auch die Tiere irgendwie Nahrung verschaffen, sich Nester und Höhlen bauen und dergleichen. „Die ganze bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Basis der Geschichte entweder ganz und gar unberücksichtigt gelassen oder sie nur als eine Nebensache betrachtet, die mit dem geschichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht.“ [8] Ein wissenschaftliches Verständnis der Gesellschaft kann sich nicht darauf beschränken, die materielle Produktion als notwendige Lebensbedingung der Menschen anzuerkennen. Sogar die Einsicht, dass die Produktion ununterbrochen fortschreitet, lässt sich ohne weiteres mit einer idealistischen Geschichtsauffassung vereinbaren. Der historische Materialismus beginnt erst mit dem Begreifen der sozialen Form der Produktion, das heißt mit dem Begriff der durch die Produktion bedingten und historisch infolge der Veränderung des Charakters der Produktion sich verändernden Produktionsverhältnisse. „Der Begriff der Produktivkräfte“, bemerkt der bekannte Erforscher der „Deutschen Ideologie“ G. A. Bagaturija ganz richtig, „war bereits in der vormarxistischen politischen Ökonomie vorhanden.“ [9] Und obwohl sich die marxistische Auffassung von den Produktivkräften wesentlich von der vormarxistischen unterscheidet, ist im historischen Materialismus der wichtigste Begriff der der Produktionsverhältnisse, die durch den Stand der Entwicklung (und den Charakter) der Produktivkräfte bedingt sind und ihrerseits als die ökonomische Basis den politischen und ideologischen Überbau bestimmen.

Der historische Materialismus erforscht die vielfältigen Beziehungen aller Seiten des gesellschaftlichen Lebens zu der sie bestimmenden materiellen Grundlage. Die materialistische Geschichtsauffassung „beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozess, und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrsform, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen Stufen, als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen Erzeugnisse und Formen des Bewusstseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozess aus ihnen zu verfolgen, wo dann natürlich auch die Sache ihrer Totalität (und darum auch die Wechselwirkung dieser verschiedenen Seiten aufeinander) dargestellt werden kann“. [10]

Somit werden in der „Deutschen Ideologie“ solche Grundbegriffe des historischen Materialismus formuliert wie Produktionsweise, Produktionsverhältnisse (hier gewöhnlich „Verkehrsformen“ genannt), Basis und Überbau, gesellschaftliches Bewusstsein, Ideologie, Staatsverfassung usw. Allerdings genügt die Definition dieser Grundbegriffe nicht immer den Ansprüchen des reifen Marxismus. So wird zum Beispiel der Begriff der Produktionsweise etwas weit gefasst. „Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, dass sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben.“ [11] Bei der Analyse der Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Lebens und der Entwicklung der materiellen Produktion konkretisieren Marx und Engels jedoch diesen Begriff und fassen ihn präziser, sie weisen die Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, den Widerspruch zwischen ihnen, die Bedeutung dieses Widerspruches für die Entwicklung der Gesellschaft nach usw.

Die Produktionsverhältnisse bzw. die Verkehrsformen fassen Marx und Engels als historisch entstandene Verhältnisse zwischen den Menschen im Produktionsprozess auf, die durch die vorhandenen Produktivkräfte bedingt werden und ihrerseits die bestimmende Grundlage der Staatsverfassung und des ideologischen Überbaus bilden. „Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhandenen Produktionskräfte bedingte und sie wiederum bedingende Verkehrsform ist die bürgerliche Gesellschaft.“ [12]

Die bürgerliche Gesellschaft wird also als die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse, das heißt, als die ökonomische Struktur der Gesellschaft, bestimmt, denn sie „umfasst den gesamten materiellen Verkehr der Individuen innerhalb einer bestimmten Entwicklungsstufe der Produktivkräfte. Sie umfasst das ganze kommerzielle und industrielle Leben einer Stufe“. [13] Da „bürgerliche Gesellschaft“ im Deutschen auch „bourgeoise Gesellschaft“ bedeutet, halten es Marx und Engels für erforderlich, diese Begriffe voneinander abzugrenzen. „Die bürgerliche Gesellschaft als solche“, erläutern sie, „entwickelt sich erst mit der Bourgeoisie; die unmittelbar aus der Produktion und dem Verkehr sich entwickelnde gesellschaftliche Organisation, die zu allen Zeiten die Basis des Staats und der sonstigen idealistischen Superstruktur bildet, ist indes fortwährend mit demselben Namen bezeichnet worden.“ [14] Ungeachtet der ungenauen Terminologie („idealistische Superstruktur“) und der präzisionsbedürftigen Idee eines unmittelbaren Zusammenhanges zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der materiellen Produktion ist diese begriffliche Abgrenzung insofern sehr wichtig, als sie erlaubt, zwischen einer der ökonomischen Gesellschaftsformationen (dem Kapitalismus) und dem für alle Formationen zutreffenden Merkmal der ökonomischen Basis zu unterscheiden, die hier ungenau als bürgerliche Gesellschaft bezeichnet wird. Später haben Marx und Engels bekanntlich auf den Terminus „bürgerliche Gesellschaft“ verzichtet, da er seiner etymologischen Bedeutung nach nicht nur an Produktionsverhältnisse denken lässt.

Wir sind mit der von G. A. Bagaturija geäußerten Ansicht einverstanden, der schreibt: „Der Begriff der Produktionsverhältnisse ist in der ,Deutschen Ideologie’ im Grunde genommen schon vorhanden, und auch der Terminus selbst kommt bereits vor. Aber die Form bleibt hier hinter dem Inhalt zurück. Dieser Begriff bildet sich hier im Inhalt solcher Termini heraus wie ,bürgerliche Gesellschaft’, ,Verkehrsweise’, ,Verkehrsform’, ,Verkehrsverhältnisse’, ,Eigentumsverhältnisse’ und schließlich auch ,Produktionsverhältnisse’. Dieser Begriff wird hier noch nicht eindeutig genug bestimmt, doch in seinen Grundzügen ist er schon entwickelt (wobei auch der unterschiedliche Reifegrad der verschiedenen Teile des Manuskripts berücksichtigt werden muss).“ [15] Die weitere Entwicklung des Begriffs der Produktionsverhältnisse erfordert, wie die Werke von Marx und Engels bezeugen, die Abgrenzung dieser grundlegenden, ursprünglichen Verhältnisse der Menschen im Produktionsprozess von allen anderen gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich auf dieser Grundlage herausbilden.

Wenn Marx und Engels von den unmittelbaren, empirisch konstatierbaren Voraussetzungen der materialistischen Geschichtsauffassung sprechen, verweisen sie, wie oben bereits festgestellt, auf die Bevölkerung. Durch weitere Analysen kommen sie zu der Schlussfolgerung, dass diese unmittelbare Voraussetzung im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit immer abhängiger von der materiellen Produktion und der durch sie bedingten Struktur der Gesellschaft wird. Schon in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ hatten Marx und Engels den Malthusianismus als eine wissenschaftsfeindliche und reaktionäre Theorie entlarvt, die die wirklichen Ursachen der Massenarmut verbirgt. In der „DeutschenIdeologie“ ist, was die positive Lösung des Bevölkerungsproblems betrifft, ein Fortschritt zu verzeichnen. Das Wachstum der Bevölkerung wird von der Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse abhängig gemacht. Eine solche Fragestellung zeigt, indem sie die Einheit von Natürlichem und Sozialem im Menschen nachweist, den Weg zur Überwindung des naturalistischen Herangehens an das Bevölkerungsproblem. Vom naturalistischen Standpunkt aus, den im wesentlichen auch der anthropologische Materialismus teilt, sind Natürliches und Soziales Gegensätze, wobei das Natürliche als das Substantielle und Dauerhafte, das Soziale dagegen als das sich Verändernde und Vergängliche aufgefasst wird. Demgegenüber beweisen Marx und Engels, dass das Natürliche sich zum Sozialen entwickelt und durch das Soziale umgewandelt wird, da es im menschlichen Leben vom Sozialen abhängt.

Die Begründer des Marxismus überwinden vollständig den Dualismus von Natürlichem und Sozialem, der letzten Endes zum Idealismus führt. Sie machen klar, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur immer nur innerhalb einer bestimmten Gesellschaftsform existiert. So hat zum Beispiel die Vergöttlichung der Natur durch den Menschen ihre Ursache in historisch bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. „Hier wie überall tritt die Identität von Natur und Mensch auch so hervor, dass das bornierte Verhalten der Menschen zur Natur ihr borniertes Verhalten zueinander, und ihr borniertes Verhalten zueinander ihr borniertes Verhältnis zur Natur bedingt.“ [16]

Der soziologische Naturalismus macht eine wissenschaftliche Behandlung des Problems der spezifischen Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens unmöglich. Er lässt nur die Wirksamkeit von Naturgesetzen, insbesondere von biologischen Gesetzen, gelten. Daraus erwächst die fatalistische Vorstellung, dass der Widerspruch zwischen dem bewussten Handeln der Menschen und dem Wirken der von ihm unabhängigen Naturgesetze nicht zu lösen sei. Wenn die letzteren, wie dies der soziologische Naturalismus unterstellt, wirklich das Gesicht der Gesellschaft bestimmen, kann die bewusste Tätigkeit der Menschen überhaupt nichts ändern. Wenn dagegen die bewusste Tätigkeit der Menschen den Verlauf des sozialhistorischen Prozesses beeinflusst, dann erübrigen sich objektive Gesetzmäßigkeiten. Entweder bestimmen die Umstände das Leben der Menschen, oder die Menschen bestimmen die Umstände ihres Lebens – das ist die Alternative, die die naturalistische Geschichtskonzeption uns anbietet. Die Verfechter dieser Auffassung erkennen nicht die spezifische materielle Grundlage des gesellschaftlichen Lebens, die qualitative Besonderheit der sozialen Gesetzmäßigkeiten, die trotz ihres objektiven Charakters nicht ohne Beziehung zur Tätigkeit der Menschen bestehen.

Karl Marx und Friedrich Engels erklären, dass die Menschen im gleichen Masse die Umstände bilden, wie die Umstände die Menschen bilden. Beides zusammen ist ein einheitlicher dialektischer Prozess. Das Objektive als sozialer Tatbestand ist das Ergebnis der Tätigkeit vieler Generationen von Menschen. „Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert ...“ [17]

Schon Hegel sprach davon, dass die Folgen der bewussten und zweckmäßigen Tätigkeit der Menschen nicht von dieser Tätigkeit selbst abhängen, also etwas Objektives sind. Diese These, die Hegel mit spekulativ theologischen Erwägungen über die „List der Weltvernunft“ begründet, erhält erst im Lichte des historischen Materialismus rationale Bedeutung. Die wissenschaftliche Analyse der materiellen Produktion zeigt, dass sie als bewusste und zweckmäßige Tätigkeit der Menschen in ihrer sich geschichtlich entwickelnden Totalität die objektive Grundlage des ganzen gesellschaftlichen Lebens bildet.

Wer das Objektive im sozialhistorischen Prozess einfach als das Natürliche versteht, der stellt sich auf den Standpunkt des Naturalismus, das heißt einer bestimmten Spielart der idealistischen Geschichtsauffassung. [18] Das Soziale ist das durch die menschliche Tätigkeit umgestaltete Natürliche. Die Menschheit schafft also die ihre Entwicklung bestimmenden materiellen Bedingungen selbst. Es gibt keinerlei Anlass, daraus voluntaristische Schlussfolgerungen zu ziehen, denn jede Generation hat es mit den von den vorangegangenen Generationen geschaffenen Produktivkräften zu tun und richtet sich nach dieser fundamentalen Tatsache.

Die in der „Deutschen Ideologie“ aufgedeckte Dialektik des sozialhistorischen Prozesses widerlegt vollständig die Behauptungen jener bürgerlichen Forscher, die meinen, Marx und Engels hätten beim Übergang vom Idealismus zum Materialismus auf die Dialektik verzichtet. Diese Vorstellung beruht auf einer Deutung der Dialektik als einer Methode, die sich auf die materielle Wirklichkeit prinzipiell nicht anwenden lässt. [19] Indessen sind Marx und Engels nicht einfach vom Idealismus zum Maaterialismus übergegangen, sondern sie haben eine Philosophie geschaffen, die sich von den bisherigen materialistischen Lehren grundlegend unterscheidet. Die Analyse der wichtigsten Grundsätze des historischen Materialismus macht die große Bedeutung der materialistischen Dialektik bei der Schaffung dieser wissenschaftlichen Geschichtsauffassung deutlich.«
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Anmerkungen

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 28.
2 Ebenda.
3 Ebenda, S. 29.
4 Ebenda, S. 29/30.
5 Ebenda, S. 30.
6 Ebenda, S. 21.
7 Ebenda.
8 Ebenda, S. 39. „Die Geschichte“, bemerken Marx und Engels hinsichtlich dieser Denkweise, „muss daher immer nach einem außer ihr liegenden Maßstab geschrieben werden; die wirkliche Lebensproduktion erscheint als Urgeschichtlich, während das Geschichtliche als das vom gemeinen Leben Getrennte, Extra-Überweltliche erscheint. Das Verhältnis der Menschen zur Natur ist hiermit von der Geschichte ausgeschlossen, wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird. Sie hat daher in der Geschichte nur politische Haupt- und Staatsaktionen und religiöse und überhaupt theoretische Kämpfe sehen können und speziell bei jeder geschichtlichen Epoche die Illusion dieser Epoche teilen müssen.“ (Ebenda.) An anderer Stelle indes bescheinigen Marx und Engels den Franzosen und Engländern, sie hätten „doch immerhin die ersten Versuche gemacht, der Geschichtsschreibung eine materialistische Basis zu geben, indem sie zuerst Geschichten der bürgerlichen Gesellschaft, des Handels und der Industrie schrieben“. (Ebenda, S. 28.)
9 Г. А. Вагатуриа: Первое великое открытие Маркса (формирование материалистического понимания истории). В. Маркс-историк, Москва 1968, стр. 140.
10 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 37/38.
11 Ebenda, S. 21.
12 Ebenda, S. 36.
13 Ebenda.
14 Ebenda.
15 Г. А. Вагатуриа: Первое великое открытие Маркса (формирование материалистическото понимания истории). В: Маркс-историк, стр. 141.
16 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 31.
17 Ebenda, S. 45. Ende 1846 formuliert Marx in einem Brief an P. W. Annenkow dieses soziologische Gesetz in klassischer Weise: „Die Produktivkräfte sind also das Resultat der angewandten Energie der Menschen, doch diese Energie selbst ist begrenzt durch die Umstände, in welche die Menschen sich versetzt finden, durch die bereits erworbenen Produktivkräfte, durch die Gesellschaftsform, die vor ihnen da ist, die sie nicht schaffen, die das Produkt der vorhergehenden Generation ist. Dank der einfachen Tatsche, dass jede neue Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen, entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte der Menschen, entsteht die Geschichte der Menschheit, die um so mehr Geschichte der Menschheit ist, je mehr die Produktivkräfte der Menschen und infolgedessen ihre gesellschaftlichen Beziehungen wachsen.“ (Marx an Pawel Wassiljewitsch Annenkow, 28. Dezember 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 452/453.) Sehr wichtig ist dabei, dass Marx die dialektische Natur der sozialen Bedingtheit als die geschichtliche Kontinuität in der Produktionstätigkeit der verschiedenen Generationen von Menschen charakterisiert.
18 Wir können uns nicht mit Wolfgang Mönke einverstanden erklären, der annimmt, dass materialistische Erklärungen der Geschichte schon bei den englischen Materialisten des 17. Jahrhunderte und den französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts vorhanden seien. Allerdings, räumt er ein, „weder in dem einen noch in dem anderen Fall haben wir eine wissenschaftliche Erfassung der Geschichte vor uns: Gesellschaftliche Vorgänge werden per analogiam zu Naturvorgängen erklärt und nicht in ihrer besonderen Gesetzmäßigkeit begriffen.“ (W. Mönke: Die heilige Familie. Zur ersten Gemeinschaftsarbeit von Karl Marx und Friedrich Engels, S. 11.) Hier wird zwar richtig die Unwissenschaftlichkeit der naturalistischen Gesellschaftsauffassung konstatiert, aber Mönke betrachtet sie nicht als Spielart des soziologischen Idealismus.
19 „Die dialektische Bewegung“, behauptet zum Beispiel der französische Neuhegelianer Alexandre Kojève, „ist die Bewegung des Denkens und menschlicher Überlegungen, in der Wirklichkeit selbst aber, über die gedacht und geredet wird, gibt es keinerlei Dialektik.“ (A. Kojève: Introduction à la lecture de Hegel, Paris 1947, S. 455.)

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 9. Die Grundvoraussetzungen des historischen Materialismus. Objektivität und Spontanität in der Entwicklung der Gesellschaft. Freiheit und Notwendigkeit.