Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 49)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Gemeinschaftliche Arbeit an der „Deutschen Ideologie“. Die Gründung des „Kommunistischen Korrespondenz-Komitees“. Kritik am Sektierertum Wilhelm Weitlings und am Pseudokommunismus Hermann Krieges
Ein neuer bedeutender Fortschritt bei der Ausarbeitung der Grundlagen der marxistischen Philosophie und des wissenschaftlichen Kommunismus ist Marx’ und Engels’ Gemeinschaftsarbeit „Die deutsche Ideologie“, die in den Jahren 1845 und 1846 entstanden ist.
In diesem Werk steht die wissenschaftliche Theorie des proletarischen Befreiungskampfes, die wissenschaftliche philosophische Weltanschauung des Marxismus in allen entscheidenden Fragen im Gegensatz zur bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie. Marx und Engels bezeichnen ihre Lehre schon nicht mehr als „realen Humanismus“, sondern als Kommunismus, als kommunistischen oder auch praktischen Materialismus. Der Gegensatz dieser Lehre nicht nur zum Idealismus, sondern auch zum metaphysischen Materialismus Feuerbachs und, was nicht minder wichtig ist, zum kleinbürgerlichen Sozialismus wird hier ganz deutlich sichtbar. Die Kritik der bürgerlichen Ideologie (und ihrer verfeinerten, philosophischen Form der „deutschen Ideologie“) wird mit der Entlarvung des kleinbürgerlichen Sozialismus verbunden.
Während sich die Begründer des Marxismus in der „Heiligen Familie“, wie Lenin bemerkte, der Idee der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse erst nähern, untersuchen sie in der „Deutschen Ideologie“, wenn auch vorläufig noch in allgemeiner Form, die historisch einander ablösenden Eigentumsformen. Letztere werden als die einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte entsprechenden sozialen Verkehrsformen, im Wesen folglich als Produktionsverhältnisse, aufgefasst. In dieser Arbeit entwickeln Marx und Engels die Lehre vom Klassenkampf, von den sozialen Revolutionen überhaupt und der proletarischen Revolution im besonderen.
„Die deutsche Ideologie“ ist eines der bedeutendsten Werke aus der Entstehungsgeschichte des Marxismus. In ihr werden die Grundsätze der marxistischen Philosophie, speziell des historischen Materialismus, dargelegt. Auch verwenden hier Marx und Engels zum erstenmal den Terminus „materialistische Geschichtsauffassung“. Dieses hervorragende Werk konnte nur deshalb entstehen, weil Marx und Engels aktiv an der Arbeiterbewegung teilgenommen, die Erfahrungen des proletarischen Klassenkampfes studiert und verallgemeinert sowie die vorausgegangenen philosophischen, ökonomischen und sozialistischen Lehren einer revolutionären Kritik unterzogen hatten.
Als Marx und Engels im Frühjahr 1845 in Brüssel erneut zusammentrafen, spürte man in Europa bereits das Heranreifen einer revolutionären Situation. Die Begründer des Marxismus verstärkten ihre Bemühungen um die Vereinigung der in verschiedenen Ländern Europas bestehenden, vereinzelten kommunistischen Gruppen. Anfang 1846 wird in Brüssel auf Marx’ Initiative das internationale „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ gegründet. [1] Aus den zahlreichen Briefen, die Marx und Engels damals erhielten, besonders aus den Briefen ihrer deutschen Anhänger, geht hervor, dass die Ideen des Kommunismus ständig an Einfluss gewinnen. So berichtet Roland Daniels (später Mitglied des „Bundes der Kommunisten“) über die Festigung der kommunistischen Gruppe in Köln. [2] Ähnliche Berichte enthalten die Briefe von Bernays, Schapper, Harney, Moll, Rosenthal und anderen Korrespondenten. Viele Jahre später schrieb Engels über diese Zeit: „Wir sassen beide schon tief in der politischen Bewegung, hatten unter der gebildeten Welt, namentlich Westdeutschlands, einen gewissen Anhang und reichliche Fühlung mit dem organisierten Proletariat.“ [3]
Marx und Engels nehmen Verbindung auf mit dem revolutionären Teil der Chartisten, mit der von Ledru-Rollin und Louis Blanc geleiteten sozialistisch-demokratischen Partei in Frankreich, mit der Organisation „Bruder-Demokraten“ (die englische, französische, russische und polnische Revolutionäre vereinigte) und vor allem mit dem „Bund der Gerechten“. Schon 1843 hatte Engels in London dessen führende Köpfe Heinrich Bauer, Karl Schapper und Joseph Moll kennengelernt. Damals war der „Bund der Gerechten“ eine Geheimorganisation vornehmlich deutscher Handwerksgesellen und Arbeiter, in der teils die Ideen Blanquis, teils die Weitlings vorherrschten.
Als das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ ins Leben gerufen wurde, betrachteten Marx und Engels es zweifellos als ihre Aufgabe, den kleinbürgerlichen „Bund der Gerechten“ in eine wirklich revolutionäre, kommunistische Organisation umzuwandeln. Marx hat später einmal zurückblickend geschrieben: „Wir veröffentlichten gleichzeitig eine Reihe teils gedruckter, teils lithographierter Pamphlets, worin das Gemisch von französisch-englischen Sozialismus oder Kommunismus und von deutscher Philosophie, das damals die Geheimlehre des ,Bundes’ bildete, einer unbarmherzigen Kritik unterworfen, statt dessen die wissenschaftliche Einsicht in die ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft als einzig haltbare theoretische Grundlage aufgestellt und endlich in populärer Form auseinandergesetzt ward, wie es sich nicht um Durchführung irgendeines utopischen Systems handle, sondern um selbstbewusste Teilnahme an dem unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Umwälzungsprozess der Gesellschaft.“ [4]
Sehr aufschlussreich in bezug auf die Bemühungen der Begründer des Marxismus um die Mitglieder des „Bundes der Gerechten“ ist Engels’ Brief an das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ in Brüssel vom 23. Oktober 1846. In diesem Brief berichtet Engels über seine Teilnahme an den Diskussionen, zu denen es auf den Versammlungen der Pariser Gemeinde des Bundes kam. Die meisten Mitglieder der Gemeinde standen unter dem Einfluss des „wahren Sozialisten“ Karl Grün und des Proudhonismus. Engels wandte sich gegen die Ideen der Grünianer und Proudhonisten. „Die Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution nachzuweisen und überhaupt den Grünschen wahren Sozialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue Lebenskraft gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch zurückzuweisen.“ [5] -
Als die Mitglieder der Gemeinde von Engels eine Definition des Begriffs Kommunismus forderten, gab Engels ihnen, wie er berichtet, „eine höchst simple Definition, die gerade so weit [ging] wie die vorliegenden streitigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und Rücksicht gegen die Bourgeois resp. das Straubingertum und endlich die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehaltenem individuellen Besitz und was sich daran knüpft durch Behauptung der Gütergemeinschaft ausschloss ... Ich definierte also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution“. [6]
Obwohl Engels diese Definition selbst nur als provisorisch bezeichnet, müssen wir doch bemerken, dass sie, was die Auffassung über das Wesen der kommunistischen Umgestaltung der Gesellschaft und der kommunistischen Lehre selbst betrifft, einen weiteren Fortschritt bedeutet. -
Der Kommunismus wird hier den Interessen der Bourgeoisie als der wissenschaftliche Ausdruck der Interessen des Proletariats direkt gegenübergestellt. -
Daraus ergibt sich, dass jedwede Möglichkeit, den Kommunismus innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, das heißt auf nichtrevolutionärem Wege, zu verwirklichen, verneint wird. Den Begriff der „gewaltsamen, demokratischen Revolution“ stellt Engels offenbar der Taktik der Verschwörer gegenüber, die glauben, den Kapitalismus durch einen von einer revolutionären Geheimorganisation vorbereiteten Aufstand stürzen zu können, den eine kleine Gruppe von Revolutionären ohne jede Verbindung mit einer Massenbewegung, mit dem Kampf der Klassen, mit dem Kampf für die Demokratie durchführen sollte. Zugleich ist dieser Begriff nicht hinreichend klar und eindeutig bestimmt. Er verweist nicht auf den proletarischen Charakter der Revolution, deren Aufgaben und deren Inhalt sich nicht auf den Begriff „Demokratie“, wie er auch verstanden werden mag, reduzieren lassen. Noch weniger verständlich ist der Begriff „Gütergemeinschaft“, dem wir in den Werken der utopischen Kommunisten ständig begegnen. Diesen Begriff haben Marx und Engels später durch den Begriff des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln ersetzt, der zwischen persönlichen Eigentum und Privateigentum unterscheidet.
Um die revolutionären Kräfte zusammenzuschließen, bekämpfen Marx und Engels entschieden diejenigen Vertreter des kleinbürgerlichen Sozialismus, die die Organisation einer kommunistischen Partei durch ihre sektiererische Politik behindern. Einer der einflussreichsten Vertreter dieses Sektierertums war Wilhelm Weitling. Mit seinen ersten Schriften und Auftritten hatte Weitling zweifellos revolutionierend gewirkt, wurde dann aber zu einem Hindernis für die weitere Entwicklung der sozialistischen Bewegung und ihrer wissenschaftlichen Theorie. Er [Wilhelm Weitling] begriff nicht die Bedeutung des Klassenkampfes, er bestritt die Notwendigkeit, das Proletariat in einer Partei zu organisieren, und versuchte, den „Bund der Gerechten“ in eine Sekte seiner ihn sklavisch verehrenden Anhänger umzuwandeln. Er lehnte sogar den Gedanken ab, die Probleme des Kommunismus wissenschaftlich zu untersuchen, und hielt sich für den Gründer einer wahren Religion, für den Retter des Menschengeschlechts. Daher übten Marx und Engels denn auch im März 1846 auf einer Sitzung des „Kommunistischen Korrespondenz-Komitees“ heftige Kritik an Weitling und seinen Anhängern. Diese Sitzung fand in Marx’ Wohnung statt. P. W. Annenkow hat sie als Augenzeuge geschildert.
Nach Annenkows Bericht erklärte Marx in seiner Polemik gegen Weitlings utopische Anschauungen: „Zumal in Deutschland sich an die Arbeiter ohne eine streng wissenschaftliche Idee und ohne positive Lehre zu wenden, komme einem leeren und gewissenlosen Spiel mit Predigten gleich, das einerseits einen inspirierten Propheten voraussetzt und bei dem andererseits nur Esel zugelassen werden, die ihm mit aufgesperrtem Mund zuhören.“ [7] Als Weitling dann den wissenschaftlichen oder, wie er sich ausgedrückt habe, auf „Kabinettsanalysen“ beruhenden Sozialismus kritisierte, habe Karl Marx so heftig mit der Faust auf den Tisch geschlagen, dass die Lampe darauf klirrte und ins Schwanken geriet, sei aufgesprungen und habe gerufen: „Niemals noch hat die Unwissenheit jemanden genutzt!“ [8]
Anfang Mai 1846 veröffentlichte Marx, Engels und mehrere andere Mitglieder des „Kommunistischen Korrespondenz-Komitees“ das „Zirkular gegen Kriege“, in dem sie Krieges pseudokommunistische Propaganda verurteilten. Hermann Kriege gehörte zu den deutschen „wahren Sozialisten“, emigrierte 1845 in die USA und gab dort die Zeitung „Der Volks-Tribun“ heraus. In seinen Zeitungsartikeln stellte er den Kommunismus als eine Art Religion der Liebe dar, die die ganze Menschheit zur Brüderlichkeit und zur Glückseligkeit führen solle. Den amerikanischen Frauen versuchte Kriege einzureden, als „echte Priesterinnen der Liebe“ seien sie von Natur aus dazu bestimmt, das „Reich der Liebe“ auf Erden zu gründen. Allen Ernstes forderte er: „Aus dem Herzen der Liebe muss sich der heilige Geist der Gemeinschaft entwickeln.“ Er [Kriege] verschwieg, dass der Kommunismus die revolutionäre Aufhebung des Privateigentums erfordert, und verkündete: „Wir wollen keines Menschen Privateigentum antasten, was der Wucherer einmal hat, mag er behalten; wir wollen nur dem ferneren Raub an des Volkes Gut zuvorkommen und das Kapital hindern, noch länger der Arbeit ihr rechtmäßiges Eigentum vorzuenthalten.“ Dabei erklärte dieser neu erschienene Apostel des „Kommunismus“ überall, er vertrete in den USA die deutsche kommunistische Partei. Hieraus ergab sich für das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ die Notwendigkeit, gegen Hermann Kriege vorzugehen.
Die Mitglieder des Komitees stellen in ihrem Zirkular fest, dass Hermann Kriege „den Kommunismus als den liebevollen Gegensatz des Egoismus darstellt und eine weltgeschichtliche revolutionäre Bewegung auf die paar Worte: Liebe – Hass, Kommunismus – Egoismus reduziert“. [9] Diesen sentimentalen Pseudokommunismus, der sich auf den Glauben an einen „heiligen Geist der Gemeinschaft“ gründet, lehnt das Zirkular ab und nimmt Stellung zu der Bewegung der amerikanischen Nationalreformer, der sich Hermann Kriege angeschlossen und die er sogleich für kommunistisch erklärt hatte.
Die amerikanischen Nationalreformer verlangten die Abschaffung der Pachtzahlungen für die unbesetzten Ländereien, die die amerikanische Regierung den Siedlern überließ. Durch Verteilung von Parzellen an Arbeitslose und durch die Nationalisierung des Bodens hofften sie, die weitere Entwicklung des Kapitalismus mit ihren unvermeidlichen Folgen – Arbeitslosigkeit, Armut usw. – verhüten zu können. Für diese utopischen Ansichten der Nationalreformer machte Kriege Propaganda. Er behauptete, jeder Arme werde ein menschenwürdiges Leben führen, wenn ihm die Gesellschaft ein Stück Land zur Verfügung stelle, auf dem er sich und seine Familie werde ernähren können. Es handelte sich um 1400 Millionen Acres nordamerikanischer Staatsländereien. „Wird diese ungeheure Bodenfläche“, schrieb Kriege, „dem Handel entzogen und in begrenzten Quantitäten der Arbeit zugesichert, so ist mit einem Schlage aller Armut in Amerika ein Ende gemacht.“ [10]
Marx und Engels, die jeder demokratischen Massenbewegung größte Beachtung schenkten, hielten es für erforderlich, den historischen fortschrittlichen Charakter der Bewegung der Nationalreformer zu unterstreichen. Entschieden lehnten sie jedoch Krieges Versuche ab, diese Bewegung für eine Verwirklichung des Sozialismus, den sich Kriege als ein Reich voneinander unabhängiger Kleinproduzenten vorstellte, auszugeben. -
„Wir erkennen die Berechtigung amerikanischer Nationalreformer in ihrer historischen Berechtigung vollständig an. Wir wissen, dass diese Bewegung ein Resultat erstrebt, das zwar für den Augenblick den Industrialismus der modernen bürgerlichen Gesellschaft befördern würde, das aber als Resultat einer proletarischen Bewegung, als Angriff auf das Grundeigentum überhaupt und speziell unter den in Amerika bestehenden Verhältnissen durch seine eigenen Konsequenzen zum Kommunismus forttreiben muss.“ [11]
Marx und Engels sprechen folglich von der Möglichkeit des Hinüberwachsens einer demokratischen Bewegung, in der das Proletariat die führende Kraft ist, in die sozialistische Bewegung.
Kriege dagegen, der den Charakter dieser Bewegung nicht versteht, stellt ihre tatsächliche Bedeutung ebenso wie den wirklichen Inhalt der Theorie und Praxis des Kommunismus verzerrt dar. Hätte Kriege den Nationalreformismus als erste Form einer in der Entstehung begriffenen amerikanischen Arbeiterbewegung unterstützt, statt ihn zu idealisieren, so wäre dagegen, wie Marx und Engels erklären, nichts einzuwenden gewesen. „So aber erklärt er eine allerdings noch untergeordnete Bewegungsform wirklicher, bestimmter Menschen für eine Sache der Menschheit, stellt sie wider sein besseres Wissen als letztes, höchstes Ziel aller Bewegungen überhaupt hin und verwandelt dadurch die bestimmten Zwecke der Bewegung in baren überschwenglichen Unsinn.“ [12]
Lenin äußerte sich sehr anerkennend über diese gründliche, jegliches Sektierertum und jeglichen Dogmatismus strikt ablehnende Kritik an Krieges kleinbürgerlichen Pseudosozialismus. „Im Jahre 1846", schreibt Lenin, „entlarvte Marx rücksichtslos das Spießertum des amerikanischen Sozialrevolutionärs Hermann Kriege, der für Amerika eine regelrechte schwarze Umteilung vorschlug, wobei er diese ,Kommunismus’ nannte. Marx’ dialektische und revolutionäre Kritik schied von der Schale kleinbürgerlicher Doktrin den gesunden Kern des ,Angriffs auf das Grundeigentum’ und der ,Anti-Rent-Bewegung’.“ [13] Diese Bemerkung Lenins über Marx’ dialektische und revolutionäre Kritik verweist auf eine der wichtigsten Besonderheiten der marxistischen Philosophie, die ihrem Wesen nach revolutionär-kritischen Charakter trägt. Wir stellen fest, dass dieses entscheidende Merkmal der dialektisch-materialistischen Weltanschauung schon im Jahre 1846 voll zum Vorschein kommt.
Das „Zirkular gegen Kriege“ trug die Unterschriften von Marx, Engels, Gigot, Heilberg, Seiler, v. Westphalen und Wolff. Weitling lehnte die Unterzeichnung ab und versuchte, das Vorgehen des „Kommunistischen Korrespondenz-Komitees“ gegen Kriege zu verhindern. Auf einer Sitzung des Komitees erklärte er, der „Volks-Tribun“ sei angesichts der amerikanischen Verhältnisse ein kommunistisches Organ. Aus seinen Briefen an Kriege geht hervor, dass er [Weitling] den Sinn und die Bedeutung des „Zirkulars gegen Kriege“ nicht verstanden hat. Im Vorgehen von Marx, Engels und ihren Mitkämpfern gegen Kriege sah er nur „Intrigen“, einen „Bruderkrieg“ zu dem Zwecke, seine, Weitlings, Lehre zu diskreditieren.
Wenn man von Marx’ und Engels’ wachsenden Einfluss unter den Brüsseler Kommunisten und Demokraten, im „Bund der Gerechten“ usw. spricht, muss man sich natürlich immer vor Augen halten, dass Marx’ Lehre damals, wie Lenin geschrieben hat. „lediglich eine der äußerst zahlreichen Fraktionen oder Strömungen des Sozialismus“ war. [14]
Die Aufgabe der Begründer des Marxismus und ihrer wenigen Anhänger bestand zunächst einmal darin, die sozialistische Ideologie wissenschaftlich zu begründen und sie einerseits der Ideologie der liberalen Bourgeoisie und andererseits dem kleinbürgerlichen Sozialismus entgegenzustellen. Es kam darauf an, die fortschrittlichen Proletarier davon zu überzeugen, dass nur der wissenschaftliche Kommunismus reale Wege zur sozialen Befreiung der Arbeiterklasse weist, Wege, die diese Klasse infolge der Entwicklung der antagonistischen Widersprüche des Kapitalismus bereits spontan beschreitet. Ferner bestand die Aufgabe darin, den fortgeschrittenen Arbeitern die Augen zu öffnen über das reaktionäre Wesen der kleinbürgerlichen sozialistischen Utopien, über den Zusammenhang dieser mit der bürgerlichen Ideologie. „Wir waren verpflichtet“, schreibt Engels später diese Situation, „unsere Ansicht wissenschaftlich zu begründen; ebenso wichtig aber war es auch für uns, das europäische und zunächst das deutsche Proletariat für unsere Überzeugung zu gewinnen.“ [15] Zu diesem Zweck haben Marx und Engels denn auch „Die deutsche Ideologie“ geschrieben. Die „Deutsche Ideologie“ ist bekanntlich zu Lebzeiten der Begründer des Marxismus nicht veröffentlicht worden. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Verleger weigerten sich, ein Buch drucken zu lassen, in dem die bürgerlich-demokratischen und kleinbürgerlichen sozialistischen Illusionen kritisiert werden. Die Anhänger von Marx und Engels verfügten selbst nicht über die für die Herausgabe einer solchen umfangreichen Untersuchung erforderlichen Mittel. [16] So blieb das Manuskript der „Deutschen Ideologie“ in Marx’ und Engels’ Archiv liegen. Marx schrieb später einmal: „Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten – Selbstverständigung.“ [17]
Die deutsche Sozialdemokratie, in deren Archiv diese geniale Schrift aufbewahrt wurde, hatte es nicht eilig mit der Veröffentlichung. Ihren opportunistischen Führern konnte die kämpferische Parteilichkeit dieses Werkes, die schonungslose Kritik des kleinbürgerlichen Sozialismus, dessen Ideen die sozialdemokratischen Reformisten und Revisionisten auf andere Art hatten wiederaufleben lassen, nicht imponieren. -
Nur der Beharrlichkeit Franz Mehrings war es zu verdanken, dass einzelne Abschnitte der „Deutschen Ideologie“ veröffentlicht wurden. Die erste vollständige Ausgabe der „Deutschen Ideologie“ in der Sprache des Originals ist jedoch erst 1932 in der [historischen] Sowjetunion zustande gekommen.«
Anmerkungen
1 Aus diesem Anlass schrieb Marx am 5. Mai 1846 an Proudhon: „Zusammen mit meinen beiden Freunden, Friedrich Engels und Philippe Gigot (beide in Brüssel), habe ich mit den deutschen Kommunisten und Sozialisten eine fortlaufende Korrespondenz organisiert, die sich sowohl mit der Erörterung wissenschaftlicher Fragen als auch mit der kritischen Übersicht über die populären Schriften und mit der sozialistischen Propaganda, die man mit diesem Mittel in Deutschland betreiben kann, beschäftigen wird. Das Hauptziel unserer Korrespondenz wird jedoch darin bestehen, die Verbindung der deutschen Sozialisten mit den französischen und englischen Sozialisten herzustellen, die Ausländer über die sozialistischen Bewegungen, die sich in Deutschland entfalten werden, auf dem laufenden zu halten, sowie die Deutschen in Deutschland über den Fortschritt des Sozialismus in Frankreich und England zu informieren ... Unsere Korrespondenz wird außer den Kommunisten in Deutschland auch die deutschen Sozialisten in Paris und London umfassen. Unsere Verbindungen mit England sind bereits hergestellt; was Frankreich anbetrifft, so glauben wir alle, dass wir dort keinen besseren Korrespondenten finden können als Sie.“ (Marx an Pierre-Joseph Proudhon, 5. Mai 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 442/443.) Proudhon lehnte jedoch das Angebot ab. Er hatte sich zu dieser Zeit mit Karl Grün, dem Führer des „wahren Sozialismus“, angefreundet und für die Aufgaben, die Marx in seinem Brief andeutet, kein Verständnis.
2 Siehe: Roland Daniels an Karl Marx, 30. Januar 1846. In: MEGA², III/Bd. 1, S. 500.
3 Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 21, S. 212.
4 Karl Marx: Herr Vogt. In: MEW, Bd. 14, S. 439.
5 Engels an das kommunistische Korrespondenz-Komitee, 23. Oktober 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 60. In einem Brief an Marx äußert sich Engels über Karl Grüns Tätigkeit im „Bund der Gerechten“: „Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles Bestimmte in bloße Duselei, Menschheitsstreben pp. verwandelt. Unter dem Scheine, den Weitlingschen und sonstigen Systemkommunismus anzugreifen, hat er ihnen den Kopf voll unbestimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen gesetzt und alles andre für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die Schreiner, die nie Weitlinger gewesen – oder doch nur einzelne – haben eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem ,Löffelkommunismus’ und schließen sich – wenigstens vor dem durchgesetzten Beschluss (es handelt sich um den unter Engels’ Einfluss zustande gekommenen Beschluss der Pariser Gemeinde, sich für kommunistisch zu erklären – d. Verf.) – lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungsplänen usw. an, als diesem ,Löffelkommunismus’. Es herrscht eine grenzenlose Konfusion hier vor.“ (Engels an Marx, 23. Oktober 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 66.)
6 Engels an das kommunistische Korrespondenz-Komitee, 23. Oktober 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 61.
7 Bericht P. W. Annenkows über eine Sitzung des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in Brüssel, 30. März 1846. In: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Berlin 1970, Bd. 1, S. 304.
8 Ebenda, S. 305.
9 Karl Marx/Friedrich Engels: Zirkular gegen [Hermann] Kriege. In: MEW, Bd. 4, S. 7.
10 Zit. in: Ebenda, S. 6.
11 Ebenda, S. 8.
12 Ebenda, S. 10.
13 W. I. Lenin: Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907. In: Werke, Bd. 13, S. 280.
14 W. I. Lenin: Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx. In: Werke, Bd. 18, S. 576.
15 Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: MEW, Bd. 21, S. 212.
16 In einem Brief an Annenkow vom 28. Dezember 1846 schreibt Karl Marx: „Sie können sich nicht vorstellen, auf welche Schwierigkeiten eine solche Veröffentlichung in Deutschland stößt, einesteils von seiten der Polizei, anderenteils von seiten der Verleger, die ja selbst die interessierten Vertreter all der Richtungen sind, die ich angreife. Und was unsere eigene Partei betrifft, so ist sie nicht nur arm, sondern eine starke Gruppe innerhalb der deutschen kommunistischen Partei nimmt es mir übel, dass ich mich ihren Utopien und Deklamationen widersetze.“ (Karl Marx an Pawel Wassiljewitsch Annenkow, 28. Dezember 1846. In: MEW, Bd. 27, S. 462.)
17 Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. In: MEW, Bd. 13, S. 10.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 6. Gemeinschaftliche Arbeit an der „Deutschen Ideologie“. Die Gründung des „Kommunistischen Korrespondenz-Komitees“. Kritik am Sektierertum Wilhelm Weitlings und am Pseudokommunismus Hermann Krieges.