Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 48)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die Feuerbachthesen
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In den Feuerbachthesen legt Marx den logischen Akzent auf den Begriff der revolutionären Praxis, das heißt des die gesellschaftlichen Verhältnisse verändernden Klassenkampfes. Die gewaltige Bedeutung dieses Begriffs nicht nur für die Erkenntnistheorie, sondern auch für die materialistische Geschichtsauffassung und den wissenschaftlichen Kommunismus ist ganz offenkundig. Bei der Entwicklung dieses Begriffs kritisiert Marx die vom bisherigen Materialismus geschaffene Theorie der Erziehung, die von den utopischen Sozialisten übernommen und ihrer Konzeption der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft zugrunde gelegt wurde. In der „Heiligen Familie“ verweisen Marx und Engels auf diese Theorie und vermerken die in ihr enthaltenen historisch progressiven Ideen und Ansätze einer materialistischen Geschichtsauffassung. In den Feuerbachthesen geht Marx schon weiter; was die Umgestaltung des Menschengeschlechts auf dem Wege der Erziehung betrifft, so weist er nach, dass schon diese Fragestellung utopisch ist. „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren (zum Beispiel bei Robert Owen – d. Verf.). Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“ [14]
Der Hauptmangel der von den französischen Materialisten und utopischen Sozialisten erarbeiteten soziologischen Erziehungskonzeption bestand also darin, dass sie den Klassenkampf, die revolutionäre Praxis, das heißt die wichtigsten Faktoren der sozialen Umgestaltung, ignoriert hat. Folglich hatte sie auch nur eine beschränkte Vorstellung von der Erziehung selbst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Verfechter dieser Konzeption die naiv-utopische Ansicht vertraten, der Mensch der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft könne unter den Bedingungen des Kapitalismus erzogen werden. Tatsache ist jedoch, dass nur im Verlauf des Klassenkampfes, im Prozess der praktischen revolutionären Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse auch die Menschen selbst verändert werden. Die Veränderung der menschlichen Lebensbedingungen und die Veränderung des Wesens der Menschen bilden ein Ganzes, und eine Utopie wäre die Annahme, man könne zuerst die Menschen und dann ihre Lebensumstände verändern. Ebenso falsch aber ist die Annahme, dass sich die Menschen, wenn sie ihre Lebensbedingungen umgestalten, dabei nicht selbst verändern.
Die Praxis, die Marx zuerst unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten betrachtet hat, wird jetzt schon als soziologische Kategorie bestimmt. Diese Definition der Praxis als Einheit von Freiheit und Notwendigkeit, von subjektiver Tätigkeit und objektiven Folgen dieser Tätigkeit (das „Ändern der Umstände“) ist ihre grundlegende philosophische Definition, da sie unmittelbar auf der materialistischen Geschichtsauffassung basiert. Von dieser Position aus analysiert Marx Feuerbachs Lehre von der religiösen Entfremdung und weist nach, dass in ihr die Bedeutung der gesellschaftlichen Praxis, speziell der revolutionären, „praktisch-kritischen“ Tätigkeit nicht begriffen wird.
Feuerbach deckt in den verschiedenen religiösen Vorstellungen den vielfältigen irdischen Inhalt auf. Wodurch erklärt es sich aber, dass dieser völlig reale Inhalt die besondere, für die Religion charakteristische phantastische Ausdrucksform annimmt? Daraus vermag Feuerbach keine auch nur halbwegs befriedigende Antwort zu geben, da er die Ursachen der Religion unter Hinweis auf die Furcht vor dem Tode, das Verlangen nach Glück usw. anthropologisch deutet. Diese Vorstellung über die Ursachen der Religion aber trägt nicht dazu bei, ihren historisch vergänglichen Charakter verständlich zu machen. Was aber ist erforderlich, um die religiöse Verdoppelung der Welt, die religiöse Entfremdung des Menschen aufzuheben? Auch diese Frage kann Feuerbach vor allem deshalb nicht befriedigend beantworten, weil er im Grunde keine Vorstellung von der revolutionären Praxis von der revolutionären Umgestaltung des gesellschaftlichen Seins und des von ihm bedingten gesellschaftlichen Bewusstseins hat. „Feuerbach geht von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdoppelung der Welt in eine religiöse und eine weltliche aus. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber dass die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muss also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem zum Beispiel die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muss nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.“ [15]
Marx spricht von der Selbstzerrissenheit und dem Sichselbstwidersprechen der irdischen materiellen Grundlage der Religion, von der Notwendigkeit der revolutionären praktischen Beseitigung der sozialen Antagonismen, die die religiöse Verdoppelung der Welt hervorrufen. Damit unterscheidet er sich prinzipiell von Feuerbach, dem zufolge das Wesen der Religion das menschliche Wesen ist. Doch was ist denn nun dieses menschliche Wesen? Nach Feuerbach ist es die Gattungsgemeinschaft der Individuen, die diese durch natürliche Bande verbindet. Da jedes Individuum bestimmte Gattungsmerkmale aufweise, gelange in ihm das menschliche Wesen zum Ausdruck. Das gesellschaftliche Bewusstsein und die Religion als eine seiner Formen lassen sich jedoch nicht anthropologisch erklären.
Wie Marx bemerkt, sieht Feuerbach nicht, dass das religiöse Bewusstsein ein gesellschaftliches Produkt und dass das von ihm anthropologisch charakterisierte Individuum (obwohl er immer wieder betont, dass es sich um das lebendige, fühlende, erlebende Individuum handelt) der abstrakte Mensch ist. Das Wesen des Menschen kann nicht auf seine individuellen Züge, also auf das, was ihn von anderen Menschen unterscheidet, reduziert werden, denn der Mensch ist vor allem ein soziales Wesen. Das Individuelle ist eine spezifische Daseinsweise des Gesellschaftlichen. Feuerbach indessen geht vom Individuum aus, von der Natur des Individuums, die er sich ähnlich der äußeren Natur als von Anfang an gegeben vorstellt. „Aber das menschliche Wesen“, sagt Marx, „ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ [16] -
Die Kritik der Religion kann also nur dann zu den wirklichen Quellen des religiösen Bewusstseins gelangen, wenn ihr Gegenstand die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die die Religion hervorbringen. Feuerbach dagegen kritisiert die gesellschaftlichen Verhältnisse so gut wie gar nicht, seine Kritik richtet sich gegen ihren phantastischen ideellen Ausdruck (die Religion, den Idealismus), und er erkennt nicht, was sich hierin widerspiegelt und eine mystische Gestalt annimmt.
Es wäre naiv, anzunehmen, diese Mängel seien nur für Feuerbach bezeichnend. Noch bezeichnender sind sie für den bisherigen Materialismus, und wenn Marx seine Kritik auf Feuerbachs Lehre konzentriert, dann nur deshalb, weil diese Mängel in Feuerbachs Lehre schärfer und bestimmter zum Ausdruck kommen, da Feuerbach in seiner Kritik der Religion und des Idealismus weiter gegangen ist als die anderen vormarxschen Materialisten.
Die Definition des Wesens des Menschen als „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ bedeutet einen radikalen Bruch mit der philosophischen Anthropologie Feuerbachs, die im menschlichen Wesen etwas Primäres, an sich Vorhistorisches sieht, das lediglich in der Geschichte seine weitere Ausbildung erfährt. Demgegenüber betrachtet der historische Materialismus die gesellschaftlichen Verhältnisse als sich beständig verändernde Verhältnisse (folglich auch als qualitativ verschiedene Verhältnisse in unterschiedlichen Epochen), die durch das Entwicklungsniveau der Produktivkräfte determiniert, das heißt diesen gegenüber sekundär, von ihnen abgeleitet sind. So gesehen, wird das Wesen des Menschen, das heißt das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, im Verlaufe der Weltgeschichte von der Menschheit selbst hervorgebracht. Das ist eine prinzipiell neue Auffassung vom Menschen und von der Menschheit, die wir in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" noch nicht vorfinden, wo der Begriff des sozialen Wesens des Menschen hauptsächlich mit der Beschreibung des menschlichen Individuums, dessen Beziehungen zu anderen Menschen und zu sich selbst verbunden wurde. Die Auffassung vom menschlichen Wesen als etwas jedem einzelnen Individuum Zukommendes fixiert zwar die Relevanz des Unterschiedes eines menschlichen Individuums vom anderen, sie ist jedoch nicht geeignet, das sich historisch ändernde und sich entwickelnde soziale Wesen des Menschen zu erklären. -
„Vom Feuerbachschen abstrakten Menschen“, bemerkt dazu später Engels, „kommt man aber nur zu den wirklichen lebendigen Menschen, wenn man sie in der Geschichte handelnd betrachtet ... der Kultus des abstrakten Menschen, der den Kern der Feuerbachschen neuen Religion bildete, musste ersetzt werden durch die Wissenschaft von den wirklichen Menschen und ihrer geschichtlichen Entwicklung.“ [17] -
Lenin hat die Grundsätze der materialistischen Geschichtsauffassung dahingehend erläutert, dass Marx das Individuelle auf das Soziale und dieses (die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen) auf die ursprünglichen und in letzter Instanz ausschlaggebenden Produktionsverhältnisse zurückgeführt hat. -
Die Feuerbachthesen sind ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur wissenschaftlichen Durchdringung des Wesens des sozialhistorischen Prozesses.
In den letzten Thesen über Feuerbach stellt Marx den von ihm entwickelten „neuen Materialismus“ der ganzen bisherigen materialistischen Philosophie gegenüber, die sich auf die Betrachtung der Individuen der bürgerlichen Gesellschaft beschränkt, das heißt die Tatsache der Klassengesellschaft (insbesondere der bürgerlichen Gesellschaft) als etwas Selbstverständliches, Natürliches, Ewiges hinnimmt. „Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen [Materialismus ist] die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit.“ [18] Diese These darf nicht so verstanden werden, als ob nur die Materialisten den Standpunkt der „bürgerlichen Gesellschaft vertreten hätten, die Idealisten dagegen nicht. Marx fasst hier die kritische Analyse der bisherigen materialistischen Lehren zusammen, enthüllt ihre historische Beschränktheit und stellt ihnen eine neue, die dialektisch-materialistische Philosophie gegenüber, die die theoretische Grundlage des wissenschaftlichen Kommunismus ist. Mit dem Idealismus hatten Marx und Engels schon 1844 reinen Tisch gemacht. Dass der Idealismus mit beiden Beinen auf dem Boden der „bürgerlichen Gesellschaft“ steht, hat Marx noch früher, im Manuskript „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, nachgewiesen. Übrigens spricht Marx auch in den Feuerbachthesen nicht nur von den Materialisten. Die elfte und letzte These, die auf die soeben angeführte unmittelbare folgt und deren Inhalt weiter ausbaut, bezieht sich gleichermaßen auf alle philosophischen Lehren, die die Ideologie der ökonomisch oder politisch herrschenden Ausbeuterklassen waren. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ [1]
Die bürgerlichen Kritiker des Marxismus verfälschen den wirklichen Sinn dieser Schlussthese, wenn sie aus ihr einen beschränkten Praktizismus herauslesen, der die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Erklärung der Welt bestreitet, sie also mit einer Denkweise in Verbindung bringen, die dem Marxismus schon immer fremd war. So behauptet der Neothomist V. Smith: „Alles, was in keiner Beziehung zur Praxis steht, hat für die marxistische Metaphysik überhaupt keine Bedeutung.“ [20] Diese unverständliche Schlussfolgerung zeugt von einem eklatanten Unverständnis dieser Feuerbachthese, nicht nur deshalb, weil der Marxismus jegliche Metaphysik ablehnt, sondern auch, weil vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus die Erkenntnis gar nichts enthält, was nicht direkt oder indirekt Beziehung zur Praxis hätte. Entgegen der Behauptungen Smiths wird in Marx’ Schlussthese die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Erklärung der Welt keineswegs abgelehnt, wird die Veränderung der Welt durchaus nicht in Gegensatz zur Erklärung der Welt gestellt. Marx stellt die Philosophie, die die Veränderung der Welt theoretisch begründet (und eine solche Philosophie ist der dialektische und historische Materialismus) in Gegensatz zu jener Philosophie, die sich damit begnügt, die Welt zu interpretieren, und die dazu neigt, das, was ist, anzuerkennen und zu rechtfertigen, weil es sich nun einmal so herausgebildet hat, auf eine lange Geschichte zurückblicken kann usw. Er [Marx] wendet sich also gegen die Philosophen, die das, was ist, nur verstehen wollen, und es dabei bewenden lassen. Dieser leidenschaftslosen Einstellung zu einer sozialen Wirklichkeit, die den Menschen knechtet und verdirbt, dieser vermeintlich „unparteiischen“ philosophischen Haltung, die den Interessen der Ausbeuterklassen entspricht, hält Marx die wissenschaftliche Erklärung der Realität entgegen, die ihrer revolutionären Veränderung dient. In dieser letzten These wird also die Rolle der Theorie nicht bestritten, sondern es wird gefordert, die Theorie auf ein wissenschaftliches Niveau zu heben, das es ihr ermöglicht, die Gesetze der Veränderung der Wirklichkeit zu erkennen.
Eine wahrhaft wissenschaftliche Erklärung der Welt besteht in der theoretischen Begründung ihrer Umgestaltung. Eine solche Erklärung ist von der revolutionären Praxis nicht zu trennen. Es handelt sich also um die Einheit von Theorie und Praxis, um eine Einheit, die die Theorie wie die Praxis auf eine neue, höhere Stufe erhebt. Wer dies als eine Herabsetzung der Theorie betrachtet, der hält die spekulative (und überhaupt die idealistische) Auffassung vom Verhältnis Theorie-Praxis für die einzig mögliche. Diese Annahme entbehrt jedoch jeder Grundlage.
Die vormarxsche Philosophie hatte selbst dann, wenn sie die Theorie nicht in Gegensatz zur Praxis (zum Beispiel der Beherrschung der spontanen Naturkräfte) stellte, nicht vermocht, die Philosophie zum Instrument der Erforschung der allgemeinsten Gesetze der Veränderung der Wirklichkeit und insbesondere des gesellschaftlichen Lebens zu machen. So waren die französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts aktive revolutionäre Kämpfer gegen den Feudalismus, und doch gelang es ihnen nicht, die Erscheinungen der Wirklichkeit so zu erklären, dass damit zugleich auch die praktische Veränderung der Wirklichkeit theoretisch begründet worden wäre.
Marx’ elfte Feuerbachthese ist also, wenn man sie im konkreten Zusammenhang mit den anderen Thesen und den vorhergehenden Werken der Begründer des Marxismus sieht, eine aphoristische Definition des Wesens des dialektischen und historischen Materialismus, des Wesens der revolutionären Umwälzung, die der Marxismus in der Philosophie vollzogen hat.
Feuerbach, in dessen Aphorismus mitunter Ansätze zu prinzipiell neuen Ideen enthalten sind, hat einmal gesagt: „Die wahre Philosophie besteht darin, nicht Bücher, sondern Menschen zu machen.“ [21] Dieser Leitsatz scheint sich auf den ersten Blick fast mit Marx’ elfter These zu decken. Auch lässt sich nicht ausschließen, dass Marx in bestimmtem Maße von ihm beeinflusst wurde. Doch stellt hier Feuerbach der Philosophie nur die Aufgabe, die Menschen zu erziehen, geht also nicht über jene Erziehungstheorie hinaus, die Marx kritisiert hat. Der Vergleich zweier scheinbar ähnlicher Thesen offenbart anschaulich den grundlegenden Unterschied zwischen der Marxschen Position und den Anschauungen Feuerbachs.
Lenin hat die tiefe soziale Bedeutung der elften Feuerbachthese von Marx mehrfach betont und in ihr die philosophische Begründung des revolutionären Kampfes des Proletariats gesehen. Im Zusammenhang mit seiner Kritik der opportunistischen Auffassung von den Aufgaben des Proletariats in der Revolution von 1905 schrieb Lenin: „Die Art, wie die Neuiskristen ihre Gedanken darlegen, erinnert an den Ausspruch von Marx (in seinen berühmten ,Thesen’ über Feuerbach) über den alten Materialismus, dem die Idee der Dialektik fremd war. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, sagte Marx, es kommt aber darauf an, sie zu verändern. So können auch die Neuiskristen den Prozess des sich vor ihren Augen abspielenden Kampfes leidlich beschreiben und erklären, sie sind jedoch völlig außerstande, für diesen Kampf die richtige Lösung zu geben. Eifrige Marschierer, aber schlechte Führer, würdigen sie die materialistische Geschichtsauffassung dadurch herab, dass sie außer acht lassen, welche wirksame, führende und leitende Rolle in der Geschichte die Parteien spielen können und müssen, die die materiellen Bedingungen der Umwälzung erkannt und sich an die Spitze der fortgeschrittenen Klassen gestellt haben.“ [22] Lenin weist nach, dass mit dieser letzten Feuerbachthese die gesamte materialistische Geschichtsauffassung und insbesondere die marxistische Lehre von der Rolle des subjektiven Faktors im sozialhistorischen Prozess zusammenhängt.
In den Feuerbachthesen werden somit schon früher aufgestellte Grundsätze zusammengefasst und weiterentwickelt. Gleichzeitig werden darin neue Probleme aufgeworfen, wird der dialektische und historische Materialismus durch neue Ideen bereichert. Die Feuerbachthesen können daher nur im Zusammenhang mit den vorangehenden und den folgenden Werken der Begründer des Marxismus richtig verstanden, entschlüsselt und erläutert werden.«
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Anmerkungen
14 Karl Marx: [Thesen über Feuerbach]. In MEW, Bd. 3, S. 5/6.
15 Ebenda, S. 6.
16 Ebenda.
17 Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Bd. 21, S. 290.
18 Karl Marx: [Thesen über Feuerbach]. In: MEW, Bd. 3, S. 7.
19 Ebenda.
20 V. E. Smith: Idea-Men of Today, Milwaukee 1950, S. 201/202.
21 L. Feuerbach: Fragmente zur Charakteristik meines philosophischen curriculum vitae. In: Gesammelte Werke, Bd. 10, Berlin 1971, S. 180.
22 W. I. Lenin: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution. In: Werke, Bd. 9, S. 30.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl.: 5. Die Feuerbachthesen.