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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 46)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Engels’ Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Historischer Materia- lismus und konkrete Sozialforschung

Die Idee der weltgeschichtlichen Rolle des Pro- letariats, die Marx erstmalig in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ formuliert hat, wird einerseits in der „Heiligen Familie“ und andererseits in dem wichtigsten von Engels in dieser Etappe verfassten Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, an dem Engels von September 1844 bis März 1845 arbeitete, weiterentwickelt.

„Auch vor Engels“, bemerkt Lenin im Hinblick auf dieses Werk, „hatten sehr viele die Leiden des Proletariats geschildert und auf die Notwendigkeit hingewiesen, ihm zu helfen. Engels aber hat als erster gesagt, dass das Proletariat nicht nur eine leidende Klasse ist; dass gerade die schmachvolle wirtschaftliche Lage, in der sich das Proletariat befindet, es unaufhaltsam vorwärtstreibt und es zwingt, für seine endgültige Befreiung zu kämpfen. Das kämpfende Proletariat aber wird sich selbst helfen.“ [1]

Engels’ Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ist eine glänzende Widerlegung der von bürgerlichen Kritikern des Marxismus geschaffenen Legende, die Ausgangsthesen des wissenschaftlichen Kommunismus seien rein spekulativer Art. Schon die Analyse der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844" und besonders der „Heiligen Familie“ hat gezeigt, dass die Urheber dieser Legende keineswegs originell sind; sie wiederholen einfach die Argumente der Junghegelianer, die als spekulative Philosophen ihre Gegner der spekulativen Konstruktion der Weltgeschichte beschuldigen.

Die modernen bürgerlichen Soziologen treten dem historischen Materialismus, den sie als ein apriorisches Schema des weltgeschichtlichen Prozesses hinstellen, mit einer empirischen Soziologie entgegen, die auf Begriffe wie Entwicklung, Gesetzmäßigkeit oder Fortschritt verzichtet, weil sie angeblich mit der konkreten Untersuchung sozialer Gegebenheiten nicht vereinbar sind. Dabei ist die Entwicklungsgeschichte des Marxismus selbst der beste Beweis dafür, dass es keinen Grund gibt, zwischen der tatschenbezogenen Sozialforschung und der allgemeinsoziologischen Theorie einen Gegensatz herzustellen. Marx und Engels haben sich schon lange vor der Entstehung der „empirischen Soziologie“ mit konkreter Sozialforschung beschäftigt und alle ihre theoretischen Schlussfolgerungen durch das Studium und die Verallgemeinerung von Tatsachen gewonnen, die von den bürgerlichen Soziologen bei ihren Erörterungen über die Gesellschaft als solche, über den Fortschritt an sich usw. gewöhnlich ignoriert wurden. Diese grundlegende Besonderheit des Marxismus – der Verzicht auf apriorische und geschichtsphilosophische Voraussetzungen – wird schon in der Zeit, da sich die Anschauungen von Marx und Engels erst noch herausbilden, deutlich sichtbar.

Während der Arbeit an seinem Buch studierte Engels nicht nur das von anderen Forschern zusammengetragene riesige Tatsachenmaterial, sondern verwandte auch viel Zeit darauf, sich unmittelbar mit dem Leben der englischen Arbeiter vertraut zu machen. Er suchte sie in ihren Wohnungen auf, informierte sich über die Arbeits- und Lebensbedingungen, besuchte Arbeiterversammlungen und beteiligte sich an der Chartistenbewegung. Engels’ Buch beginnt mit einer Widmung an die englischen Proletarier: „Ich habe lange genug unter euch gelebt, um einiges von euren Lebensumständen zu wissen; ich habe ihrer Kenntnis meine ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet; ich habe die verschiedenen offiziellen und nichtoffiziellen Dokumente studiert, soweit ich die Möglichkeit hatte, sie mir zu beschaffen – ich habe mich damit nicht begnügt, mir war es um mehr zu tun als um die nur abstrakte Kenntnis meines Gegenstandes, ich wollte euch in euren Behausungen sehen, euch in eurem täglichen Leben beobachten, mit euch plaudern über eure Lebensbedingungen und Schmerzen, Zeuge sein eurer Kämpfe gegen die soziale und politische Macht eurer Unterdrücker. Ich verfuhr dabei so: Ich verzichtet auf die Gesellschaft und die Bankette, den Portwein und den Champagner der Mittelklasse und widmete meine Freistunden fast ausschließlich dem Verkehr mit einfachen Arbeitern; ich bin froh und stolz zugleich, so gehandelt zu haben.“ [2]

Es versteht sich von selbst, dass die von Engels betriebene konkrete Sozialforschung sich nicht auf die Konstatierung, Beschreibung und Systematisierung von Tatsachen beschränkte. Er zog daraus wichtige theoretische Schlussfolgerungen, deren Bedeutung weit über die historische Situation hinausging, die zu untersuchen der faktische Anlass zu seinem Buch war. Die wichtigste dieser Schlussfolgerungen lautet, dass die Arbeiterklasse nicht nur dazu fähig ist, die kapitalistische Ordnung zu beseitigen, sondern auch fähig ist, die klassenlose kommunistische Gesellschaft aufzubauen.

Im Vorwort zu seinem Buch schrieb Engels: „Die Lage der arbeitenden Klasse ist der tatsächliche Boden und Ausgangspunkt aller sozialen Bewegungen der Gegenwart, weil sie die höchste, unverhüllteste Spitze unserer bestehenden sozialen Misere ist.“ [3] Mit dieser entscheidenden These enthüllt Engels die Grundzüge der industriellen Umwälzung in England und verweist auf ihre sozialen Folgen. „Vor sechzig, achtzig Jahren ein Land wie alle andern, mit kleinen Städten, wenig und einfacher Industrie und einer dünnen, aber verhältnismäßig großen Ackerbaubevölkerung; und jetzt ein Land wie kein anderes, mit einer Hauptstadt von drittehalb Millionen Einwohnern, mit kolossalen Fabrikstädten, mit einer Industrie, die die ganze Welt versorgt und die fast alles mit den kompliziertesten Maschinen macht, mit einer fleißigen, intelligenten, dichtgesäten Bevölkerung, von der zwei Drittel durch die Industrie in Anspruch genommen werden und die aus ganz andern Klassen besteht, ja, die eine ganz andre Nation mit andern Sitten und andern Bedürfnissen bildet als damals.“ [4]

Die industrielle Umwälzung ist nicht nur eine Umwälzung in der Technik. Ihr wichtigstes Ergebnis ist die Entstehung eines revolutionären Proletariats. Vor der industriellen Umwälzung führten die Arbeiter „ein stilles Pflanzenleben“. Sie hatten ihre eigenen primitiven Spinnräder und Webstühle, lebten vornehmlich in Dörfern, trieben gleichzeitig auch etwas Landwirtschaft, verdienten im allgemeinen genug zum Leben und hielten an den patriarchalischen Gebräuchen fest. „Dafür aber waren sie auch geistig tot, lebten nur für ihre kleinlichen Privatinteressen, für ihren Webstuhl und ihr Gärtchen und wussten nichts von der gewaltigen Bewegung, die draußen durch die Menschheit ging. Sie fühlten sich behaglich in ihrem stillen Pflanzenleben und wären ohne die industrielle Revolution nie herausgetreten aus dieser allerdings sehr romatisch-gemütlichen, aber doch eines Menschen unwürdigen Existenz.“ [5] Die industrielle Umwälzung bereitete dieser stumpfsinnigen Idylle ein Ende. Die Erfindung der Spinn- und Webmaschine zerstörte den alten Gesellschaftszustand, vereinigte große Massen von Arbeitern, trennte sie vom Boden und brachte sie in Gegensatz zu den kapitalistischen Unternehmen.

In grellen Farben zeichnet Engels ein erschütterndes Bild von der Notlage der englischen Arbeiter. Mit unwiderleglicher Überzeugungskraft, jedes einzelne seiner Ergebnisse bekräftigend, weist Engels nach, dass das englische Proletariat trotz der gewaltigen Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, des Nationalreichtums und der Gewinne der Kapitalisten immer mehr verelendet. Diese Proletarisierung der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet Engels als gesetzmäßige Folge der Herrschaft des Privateigentums und des Kapitals.

Entschieden lehnt Engels die naiven Vorstellungen der utopischen Sozialisten ab, dass die besitzenden Klassen, dass die Bourgeoisie an einer sozialistischen Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse interessiert sei. Der Sozialismus verträgt sich nicht mit den Klasseninteressen der Bourgeoisie. „Der Bourgeois, der Knecht des sozialen Zustandes und der mit ihm verbundenen Vorurteile ist, segnet und kreuzigt sich vor allem, was wirklich einen Fortschritt begründet; der Proletarier hat offene Augen dafür und studiert es mit Genuss und Erfolg.“ [6]

Engels betrachtet die Arbeiterbewegung als gesetzmäßigen Ausdruck des antagonistischen Widerspruchs zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft. Den Chartismus bewertet er als eine proletarische Bewegung, hält es aber für einen Mangel der Chartisten, dass sie die Notwendigkeit einer sozialen Revolution nicht begreifen. Der Sozialismus hat in England fast gar keine Verbindung mit der Arbeiterbewegung, seine Anhänger vertreten nicht den Standpunkt des unversöhnlichen Klassenkampfes. Engels schreibt hierzu: „Der Sozialismus ging von Owen, einem Fabrikanten, aus und verfährt deshalb, während er der Sache nach über den Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat hinausgeht, in seiner Form dennoch mit vieler Nachsicht gegen die Bourgeoisie und vieler Ungerechtigkeit gegen das Proletariat. Die Sozialisten sind durchaus zahm und friedfertig, erkennen die bestehenden Verhältnisse, so schlecht sie sind, insofern als gerechtfertigt an, als sie jeden anderen Weg als den der öffentlichen Überzeugung verwerfen.“ [7]

Den englischen Sozialisten fehlt der Sinn für die geschichtliche Bedingtheit des gesellschaftlichen Lebens. Daher verbinden sie auch den Übergang zum Sozialismus nicht mit bestimmten, sich historisch herausbildenden Bedingungen. Sie klagen über die Erbitterung der Arbeiter gegen die Bourgeoisie, ohne zu verstehen, dass dieser Hass gegen die Ausbeuter die Arbeiter vorwärts führt. „Sie erkennen nur die psychologische Entwicklung an, die Entwicklung des abstrakten Menschen, der außer aller Verbindung mit der Vergangenheit steht, wo doch die ganze Welt auf dieser Vergangenheit beruht und der einzelne Mensch mit ihr.“ [8] Wie kann nun diese Beschränktheit des englischen Sozialismus überwunden werden? Dazu ist erforderlich, dass der englische Sozialismus durch den Chartismus hindurchgeht, sich von seinen bürgerlichen Elementen reinigt und mit der Arbeiterbewegung verschmilzt. Dieser Prozess hat schon begonnen, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass viele Chartistenführer Sozialisten geworden sind. Diese Entwicklung wird schließlich zu einem proletarischen Sozialismus führen, dessen geschichtliche Notwendigkeit sich aus dem antagonistischen Charakter des Kapitalismus und aus dem Fortschritt der Philosophie und der Soziallehre ergibt. Nur ein „echt proletarischer Sozialismus“ kann die englische Arbeiterklasse zum Herrn in ihrem Lande machen.

Im Gegensatz zur bürgerlich-liberalen Ideologie erklärt Engels, dass die revolutionären Aktionen des Proletariats, wie auch sein Befreiungskampf überhaupt, gesetzmäßig und fortschrittlich sind. Unter kapitalistischen Verhältnissen offenbart sich die Menschenwürde der Proletarier nur im Kampf gegen die bestehenden Zustände.

Anfangs wenden sich die Arbeiter gegen die Einführung von Maschinen, durch die ihre Lage verschlechtert wird. Allmählich aber wird ihr Kampf bewusster und organisierter. Die Proletarier beginnen mit dem Aufbau eigener Verbände und Assoziationen – zunächst geheimer, später dann, nach der Aufhebung aller den Zusammenschluss der Arbeiter verbietenden Gesetze durch das Parlament, offener, legaler. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Arbeiter immer besser organisieren, ist die Streikbewegung. „Diese Strikes sind allerdings erst Vorpostenscharmützel, zuweilen auch bedeutendere Gefechte; sie entscheiden nichts, aber sie sind der sicherste Beweis, dass die entscheidende Schlacht zwischen Proletariat und Bourgeoisie herannaht. Sie sind die Kriegsschule der Arbeiter, in der sie sich auf den großen Kampf vorbereiten, der nicht mehr zu vermeiden ist; sie sind die Pronunciamientos einzelner Arbeitszweige über ihren Anschluss an die große Arbeiterbewegung.“ [9]

Engels verfolgt die Entwicklung der objektiven Bedingungen für eine Klassenorganisation des Proletariats und zeigt, wie der Fortgang der kapitalistischen Produktion den Zusammenschluss der Proletarier zu einer machtvollen einheitlichen Armee begünstigt, die immer mehr erkennt, dass ihre Interessen mit denen der Kapitalisten unvereinbar sind. Es naht die sozialistische Revolution, sagt Engels. Sie ist unvermeidlich, und der „Krieg der Armen gegen die Reichen, der jetzt schon im einzelnen und indirekt geführt wird, wird auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer und schroffer, der Geist des Widerstandes durchdringt die Arbeiter mehr und mehr, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenden Gefechten und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen.“ [10]

Soviel über die Grundgedanken des Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Dieses Werk ist jedoch nicht frei von ungenauen, unrichtigen Thesen. Dies ist hauptsächlich dadurch zu erklären, dass die ökonomische Theorie des Marxismus noch nicht voll ausgereift ist. Engels glaubt zum Beispiel, der Kapitalismus habe alle seine Entwicklungsmöglichkeiten bereits erschöpft; die zyklischen Überproduktionskrisen betrachtet er als eine Bestätigung seiner Auffassung und die zunehmende Verelendung des Proletariats als sicheres Zeichen dafür, dass die Bourgeoisie schon jetzt den Boden unter den Füßen verliert.

Engels bemerkt zwar richtig, dass die sozialistische Theorie nichts mit einem Kultus der Gewalt zu tun habe, und betrachtet die revolutionäre Gewalt lediglich als ein Mittel, zu dem das Proletariat im Kampf gegen die herrschende Bourgeoisie greifen muss, wenn diese Gewalt anwendet, behauptet jedoch, die Lehre des Kommunismus stehe über dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Diese Schlussfolgerung, die im Grunde genommen dem ganzen Inhalt des Buches widerspricht, wird mit der Tatsache in Zusammenhang gebracht, dass einzelne Vertreter der Bourgeoisie, die sich über die Unvermeidlichkeit des Sozialismus klar sind, auf die Seite der Arbeiterklasse übergehen. „Und da der Kommunismus über dem Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie steht“, erklärt Engels, „so wird es auch dem besseren Teile der Bourgeoise – der aber entsetzlich gering ist und nur auf Rekrutierung unter den Heranwachsenden rechnen kann – leichter werden, sich ihm anzuschließen, als dem ausschließlich proletarischen Chartismus.“ [11]

Diese Überreste der alten, utopisch-sozialistischen Anschauungen, die ihm schon fremd geworden sind, hat Engels dann in den folgenden Werken aus dem Jahre 1845 überwunden. In den „Elberfelder Reden“ versucht er, die ökonomischen Wurzeln des Kampfes zwischen den Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft aufzudecken. Der Kapitalismus hat die feudalen Produktionsbedingungen beseitigt und durch die feie Konkurrenz ersetzt. Der Begriff der freien Konkurrenz ist für Engels der Ausgangspunkt für das Verständnis der Spezifik des Kapitalismus. „Der einzelne Kapitalist steht im Kampf mit allen übrigen Kapitalisten, der einzelne Arbeiter mit allen übrigen Arbeitern; alle Kapitalisten kämpfen gegen alle Arbeiter, wie die Masse der Arbeiter notwendig wieder gegen die Masse der Kapitalisten zu kämpfen hat. In diesem Kriege Aller gegen Alle, in dieser allgemeinen Unordnung und gegenseitigen Ausbeutung besteht das Wesen der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.“ [12] Diese etwas allgemeine, ebenfalls den utopischen Sozialismus kennzeichnende Vorstellung macht Engels jedoch nicht blind für den grundlegenden, antagonistischen Widerspruch des Kapitalismus. „So entsteht dann der schroffe Gegensatz von wenigen Reichen auf der einen und vielen Armen auf der anderen Seite; ein Gegensatz, der in England und Frankreich bereits auf eine drohende Spitze gesteigert ist und auch bei uns sich mit jedem Tage zu größerer Schärfe entwickelt.“ [13] Der Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie wird sich verschärfen, „solange die geistige Basis der Gesellschaft beibehalten wird“, das heißt, solange das kapitalistische Privateigentum und die von ihm erzeugte freie Konkurrenz besteht. Die Herrschaft des Kapitals und die freie Konkurrenz ruinieren das Kleinbürgertum, wodurch die Klassenpolarisierung noch gefördert wird. Als unvermeidliche Folge davon wird „ein schreiendes Missverhältnis zwischen der Produktion und der Konsumtion“ eintreten, und infolgedessen wird es auch zur Anarchie der Produktion und zu periodischen Überproduktionskrisen kommen. Das sind nach Engels’ Meinung die wichtigsten ökonomischen Tatsachen, die notwendig zu einer sozialistischen Revolution führen werden. „Mit derselben Sicherheit, mit der wir aus gegebenen mathematischen Grundsätzen einen neuen Satz entwickeln können, mit derselben Sicherheit können wir aus den bestehenden ökonomischen Verhältnissen und den Prinzipien der Nationalökonomie auf eine bevorstehende soziale Revolution schließen.“ [14] Diese Revolution – „der offene Krieg der Armen gegen die Reichen“ – wird die Zersplitterung der Interessen, den Widersprüchen zwischen den Klassen, der Existenz von Klassen überhaupt für immer ein Ende machen. Verschwinden wird die private Aneignung, da es kein Privateigentum mehr geben wird, und die Produktion wird nach den Bedürfnissen der Gesellschaft geregelt werden, es wird auch keine „Regellosigkeit der Produktion“ mehr geben. Ferner wird in der kommunistischen Gesellschaft kein Staatsapparat und kein stehendes Heer mehr nötig sein. Zugleich rechnet Engels mit der Möglichkeit, dass eine gewisse Zeit lang kommunistische Länder neben anderen, nichtkommunistischen Ländern bestehen werden, und erklärt, dass „das Mitglied einer solchen (das heißt kommunistischen – d. Verf.) Gesellschaft im Falle eines Krieges, der ohnehin nur gegen antikommunistische Nationen vorkommen könnte, ein wirkliches Vaterland, einen wirklichen Herd zu verteidigen hat, dass er also mit einer Begeisterung, mit einer Ausdauer, mit einer Tapferkeit kämpfen wird, vor der die maschinenmäßige Geschultheit einer modernen Armee wie Spreu auseinanderfliegen muss“. [15]

Alle diese Ausführungen lassen nicht nur erkennen, dass Engels endgültig vom revolutionären Demokratismus zum Kommunismus übergegangen ist, sondern auch, dass er seine kommunistischen Anschauungen materialistisch begründet. Natürlich gibt Engels’ ökonomische Charakterisierung des Kapitalismus in den „Elberfelder Reden“ noch keine Vorstellung über die objektiven Gesetze seiner Entstehung und seines Unterganges – über das Wertgesetz, das Mehrwertgesetz, die Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Die ökonomischen Argumente, die Engels hier anführt, waren mehr oder weniger auch schon den utopischen Sozialisten bekannt. Was ihn jedoch von diesen wesentlich unterscheidet, ist seine Feststellung, dass der Kampf der Klassen in der bürgerlichen Gesellschaft eine gesetzmäßige Erscheinung ist, dass sich die Klassenwidersprüche unvermeidlich verschärfen und dass die sozialistische Revolution objektiv notwendig ist.

Ende 1845 besorgte Engels die deutsche Übersetzung „Ein Fragment Fouriers über den Handel“, die im Jahre 1846 im „Deutschen Bürgerbuch“ erschien. In der Einleitung und im Nachwort zu diesem Fragment, die von Engels stammen, wird zum erstenmal vom marxistischen Standpunkt aus öffentliche Kritik an dem deutschen kleinbürgerlichen (dem „wahren“) Sozialismus geübt, mit dessen Vertretern (vor allem mit Moses Heß) Marx und Engels zum Teil noch zusammenarbeiteten.

Engels stellt Fourier diesen Vertretern des deutschen „philosophischen Sozialismus“ gegenüber, die mit Verachtung auf die „rohen“ und „ungebildeten“ englischen und französischen Sozialisten blicken. „Fourier“, bemerkt Engels, „war kein Philosoph, er hatte einen großen Hass gegen die Philosophie und hat sie in seinen Schriften grausam verhöhnt und bei dieser Gelegenheit eine Menge Sachen gesagt, die unsere deutschen ,Philosophen des Sozialismus’ wohltäten, sich zu Herzen zu nehmen.“ [16] Besonders anerkennend äußert sich Engels über Fouriers Kritik des Kapitalismus und hebt so mit Recht die besten Seiten des französischen utopischen Sozialismus vom Beginn des 19. Jahrhunderts hervor. „Und dann hat Fourier die bestehenden sozialen Verhältnisse mit einer solchen Schärfe, einem solchen Witz und Humor kritisiert, dass man ihm seine auch auf einer genialen Weltanschauung beruhenden, kosmologischen Phantasien gerne verzeiht.“ [17] Die deutschen „wahren Sozialisten“ indessen lassen gerade diese wichtigste Seite der Lehre Fouriers, die Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, beiseite und ersetzen sie durch allgemeine philosophische und wichtigtuerische Betrachtungen über die menschliche Natur, aus der sich angeblich die Notwendigkeit einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft ergibt. Diese Theoretiker haben bestimmte Thesen des englischen und französischen Sozialismus in die Sprache der Hegelschen Logik übertragen, und jetzt geben sie diese Übertragungen für etwas Originelles, rein Deutsches aus, das über die „schlechte Praxis“ und die theoretische Unhaltbarkeit aller früheren sozialistischen Lehren erhaben sei. „Was die Franzosen oder Engländer schon vor zehn, zwanzig, ja vierzig Jahren gesagt – und sehr gut, sehr klar, in sehr schöner Sprache gesagt hatten, das haben die Deutschen jetzt endlich seit einem Jahre stückweise kennengelernt und verhegelt, oder im allerbesten Falle haben sie es nachträglich noch einmal erfunden und in viel schlechterer Form als ganz neue Erfindung drucken lassen.“ [18]

Engels polemisiert hier nicht nur gegen die Geringschätzung der Leistungen des französischen und englischen utopischen Sozialismus seitens der „wahren Sozialisten“, sondern auch gegen die Oberflächlichkeit, den Eklektizismus und die Unwissenschaftlichkeit ihrer literarischen Erzeugnisse. „Etwas ,Menschentum’, wie man das Dings neuerlich tituliert, etwas ,Realisierung’ dieses Menschentums oder vielmehr Ungetüms, etwas Weniges über das Eigentum aus Proudhon – dritte oder vierte Hand –, etwas Proletariatsjammer, Organisation der Arbeit, die Vereinsmisere zur Hebung der niederen Volksklassen, nebst einer grenzenlosen Unwissenheit über die politische Ökonomie und die wirkliche Gesellschaft – das ist die ganze Geschichte ... Und mit dieser Langeweile will man Deutschland revolutionieren, das Proletariat in Bewegung setzen, die Massen denken und handeln machen?“ [19]

Die Kritik des deutschen „Wahren Sozialismus“ ist natürlich noch keine Kritik des utopischen Sozialismus insgesamt. Engels konfrontiert vielmehr, wie wir schon hervorgehoben haben, die deutschen kleinbürgerlichen Sozialisten mit Fourier und den anderen Klassikern des utopischen Sozialismus. Diese Gegenüberstellung ist durchaus berechtigt, denn die Klassiker des utopischen Sozialismus haben bei der historischen Vorbereitung der materialistischen Geschichtsauffassung und des wissenschaftlichen Kommunismus eine große Rolle gespielt. Nichtsdestoweniger lassen sich einige Argumente, die Engels gegen die „wahren Sozialisten“ ins Feld führt, in einem gewissen Grade auch auf die Klassiker des utopischen Sozialismus anwenden, die ihre Lehre ebenfalls für unparteilich hielten und die Notwendigkeit der sozialistischen Umgestaltung aus den Forderungen einer abstrakten Gerechtigkeit ableiteten usw. Der „wahre Sozialismus“ war eigentlich eine Karikatur auf den utopischen Sozialismus seiner großen Vorläufer, und in ihm zeigten sich, wie in jeder Karikatur in überspitzter Form, die typischen Gebrechen des utopischen Sozialismus insgesamt.

Einer der Hauptmängel des utopischen Sozialismus war bekanntlich die Ablehnung des politischen Kampfes. In der Erkenntnis, dass sich die Durchsetzung bürgerlich-demokratischer Veränderungen sehr wohl mit zunehmender Verelendung der Massen verträgt, suchten die utopischen Sozialisten nach einer Möglichkeit, ihr sozialistisches Ideal außerhalb des Kampfes für die Demokratie zu verwirklichen. Indes wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Westeuropa, wo die liberale Bourgeoisie schon eine konterrevolutionäre Kraft zu werden begann, der Kampf für die konsequente Weiterführung der bürgerlich-demokratischen Reformen immer mehr zur Sache des revolutionären Proletariats. Solange die Bourgeoisie gegen den Feudalismus kämpfte, war sie, wie Engels hervorhebt, demokratisch, und die Arbeiterklasse befand sich unter ihrem Einfluss. „Das arbeitende Volk, obwohl fortgeschrittener als das Bürgertum, konnte noch nicht die völlige Verschiedenheit von Liberalismus und Demokratie, von Emanzipation der bürgerlichen Klasse und Emanzipation der arbeitenden Klassen erkennen ... Aber von dem gleichen Tage, an dem das Bürgertum die volle politische Macht erlangt, von dem Tage, an dem alle feudalen und aristokratischen Interessen zunichte gemacht werden von der Macht des Geldes, von dem Tage, an dem das Bürgertum aufhört, progressiv und revolutionär zu sein, und selber stationär wird, von dem gleichen Tage an übernimmt die Bewegung der Arbeiterklasse die Führung und wird zur nationalen Bewegung.“ [20]

Die Arbeiterklasse wird also nicht nur zur wichtigsten, sondern auch zur führenden Kraft im Kampf für die Demokratie, der die Tendenz zum Hinüberwachsen in den Kampf für den Sozialismus zeigt. Die Demokratie“, sagt darum Engels, „das ist heutzutage der Kommunismus... Die Demokratie ist proletarisches Prinzip, Prinzip der Massen geworden ... Die demokratischen Massen können bei der Berechnung der kommunistischen Streitkräfte ruhig mitgezählt werden.“ [21] Die utopischen Sozialisten verstanden nicht, welche Bedeutung der proletarische Kampf um die Demokratie hat, wenn die sozialistische Aufgabe gelöst werden soll, das kapitalistische System zu beseitigen. Engels kritisiert diesen gewaltigen Irrtum des vormarxistischen Sozialismus, der weitgehend für seinen sektiererischen Charakter bestimmend war.

Der wissenschaftliche Kommunismus unterscheidet prinzipiell zwischen dem Kampf für den Sozialismus und dem Kampf für die Demokratie. Er bleibt dabei jedoch nicht stehen, sondern weist zugleich auf den zwischen beiden existierenden Zusammenhang hin. Beides (die Abgrenzung des Kampfes um die Demokratie vom Kampf um den Sozialismus und ihre Vereinigung) ist unmöglich ohne die materialistische Geschichtsauffassung, ohne die dialektische Analyse der Einheit, des Ineinanderübergehens dieser gegensätzlichen Prozesse. Engels Artikel „Deutsche Zustände“ und „das Fest der Nationen in London“ machen diese reale Dialektik des Klassenkampfes bereits sichtbar und gelangen zu richtigen Ergebnissen im Hinblick auf die Aufgaben der Befreiungsbewegung des Proletariats. «

Anmerkungen

1 W. I. Lenin: Friedrich Engels. In: Werke, Bd. 2, S. 9.
2 MEW, Bd. 2, S. 229.
3 Ebenda, S. 232.
4 Ebenda, S. 249/250.
5 Ebenda, S. 239.
6 Ebenda, S. 454.
7 Ebenda, S. 451/452.
8 Ebenda, S. 452.
9 Ebenda, S. 441.
10 Ebenda, S. 506.
11 Ebenda. In einem anderen Artikel vom Herbst 1845 bemerkt Engels, dass es die Jugend Deutschlands sei, die eine sozialistische Revolution zustande bringen werde: „Diese Jugend darf man nicht im Bürgertum suchen. Die revolutionäre Tat wird in Deutschland aus der Mitte der Arbeiterschaft heraus ihren Anfang nehmen.“ (Friedrich Engels: Das kürzliche Gemetzel in Leipzig – Die deutsche Arbeiterbewegung. In: MEW, Bd. 2, S. 560.)
12 Friedrich Engels: Zwei Reden in Elberfeld. In: MEW, Bd. 2, S. 436.
13 Ebenda, S. 537.
14 Ebenda, S. 555.
15 Ebenda, S. 543.
16 Friedrich Engels: Ein Fragment Fouriers über den Handel. In: MEW, Bd. 2, S. 607.
17 Ebenda, S. 606.
18 Ebenda, S. 605. „Ich nehme hiervon meine eigenen Arbeiten nicht aus“, fügt Engels in bezug auf diese Zeit selbstkritisch hinzu. (Ebenda.) Wir halten jedoch fest, dass seine Arbeiten aus den Jahren 1844 bis 1845 zwar einige Anklänge an den utopischen Sozialismus aufweisen, sich aber dennoch von diesem prinzipiell unterscheiden.
19 Ebenda, S. 608
20 Friedrich Engels: Deutsche Zustände. In: MEW, Bd. 2, S. 579/580
21 Friedrich Engels: Das Fest der Nationen in London. In: MEW, Bd. 2, S. 613.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Die Schaffung der Grundlagen des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichen Kommunismus. Erstes Kapitel. Die theoretische Begründung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Konzeptionen des bürgerlichen Radikalismus. Vgl.: 4. Engels’ Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Historischer Materialismus und konkrete Sozialforschung.