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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 44)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Schaffung der Grundlagen des dialek- tischen Materialismus und des wissen- schaftlichen Kommunismus.

Die theoretische Begründung der dialek- tisch-materialistischen und kommunisti- schen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Kon- zeptionen des bürgerlichen Radikalismus.

2. Die Kritik der junghegelianischen Theorie von den „Helden“ und der „Masse“. Die Rolle der Volksmassen in der Geschichte und ihre gesetzmäßig wachsende Bedeutung. Probleme der materialistischen Dialektik.
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Der idealistischen Auslegung des Gegensatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie setzen Marx und Engels die materialistische Auffassung entgegen, die sich, wie sie betonen, mit der Überzeugung der bewussten Arbeiter deckt.

Diese Arbeiter
, schreiben Marx und Engels, „glauben nicht durch ,reines Denken’ ihre Industrieherren und ihre eigene praktische Erniedrigung wegräsonieren zu können. Sie empfinden sehr schmerzlich den Unterschied zwischen Sein und Denken, zwischen Bewusstsein und Leben. Sie wissen, dass Eigentum, Kapital, Geld, Lohnarbeit u. dgl. durchaus keine ideellen Hirngespinste, sondern sehr praktische, sehr gegenständliche Erzeugnisse ihrer Selbstentfremdung sind, die also auch auf eine praktische, gegenständliche Weise aufgehoben werden müssen, damit nicht nur im Denken, im Bewusstsein, sondern im massenhaften Sein, im Leben der Mensch zum Menschen werde.“ [18] -

Hieraus ist ersichtlich, dass proletarische Parteilichkeit und materialistische Geschichtsauffassung eine Einheit bilden. Die Interessen des proletarischen Klassenkampfes erfordern die konsequente Durchführung der Prinzipien des historischen Materialismus.

Die Junghegelianer hielten sich keineswegs für Ideologen der Bourgeoisie; einige von ihnen nannten sich sogar Sozialisten, allerdings „kritische“ Sozialisten im Unterschied zu den „vulgären“, „praktischen“ Sozialisten in England und Frankreich. Aber die Polemik dieser „kritischen“ Sozialisten gegen die „praktischen“ Sozialisten war eigentlich ein Affront gegen die Befreiungsbewegung der Arbeiterklasse. So erklären sich ihre Angriffe auf Marx und Engels wegen ihrer „Verehrung“ des Proletariats und die Versuche, die wissenschaftliche These von der historischen Mission des Proletariats als ein theologisches Dogma darzustellen, dessen Bekämpfung für die heilige Pflicht der „kritischen Kritik“ erklärt wird. Auf diese Ausfälle erwidern Marx und Engels: „Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies keineswegs, wie die kritische Kritik zu glauben vorgibt, weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichen Spitze zusammengefasst sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewusstsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muss das Proletariat sich selbst befreien.“ [19] Aber im Unterschied zu den ausgebeuteten Klassen früherer Epochen, die bestenfalls nur sich selbst befreien konnten, löst das Proletariat, wenn es die kapitalistischen Verhältnisse beseitigt, auch eine allgemeinmenschliche Aufgabe, und zwar aufgrund einer objektiven Notwendigkeit, die durch das Niveau der gesellschaftlichen Entwicklung und durch die Lage der Arbeiterklasse in der bürgerlichen Gesellschaft bedingt ist. -

Das Proletariat „kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben“. [20]

Hier wie auch an vielen anderen Stellen der „Heiligen Familie“, werden die Grundgedanken des wissenschaftlichen Sozialismus in der Terminologie des anthropologischen Materialismusvorgetragen. Die soziale Lage des Proletariats wird als die vollendete Entfremdung von jeder Menschlichkeit und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft als Widerherstellung wahrhaft menschlicher Verhältnisse bestimmt. Im Jahre 1845 hatten Marx und Engels noch nicht die marxistische Lehre von den ökonomischen Gesellschaftsformationen erarbeitet, nach der die verschiedenen Typen der Produktionsverhältnisse gesetzmäßige Phasen des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses sind. Die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse werden daher vornehmlich als verkehrte, unmenschliche Verhältnisse gefasst und nicht als Verhältnisse, die einem bestimmten Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Produktivkräfte entsprechen. [21] Dennoch haben Marx und Engels, obwohl ihre allgemeine Konzeption der gesellschaftlichen Entwicklung noch nicht völlig ausgreift ist, die welthistorische Bedeutung der proletarischen Befreiungsbewegung begriffen und geben dem Gedanken, dass der Sozialismus objektiv notwendig ist, dass die soziale Befreiung des Proletariats untrennbar verbunden ist mit der Befreiung der ganzen Gesellschaft von der Herrschaft der spontanen Kräfte der sozialen Entwicklung, wissenschaftlichen Ausdruck. Dabei zeigen sie im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten, dass das Proletariat sich selbst befreien wird.

Das Proletariat ist die der bürgerlichen Gesellschaft immanente Negation ihrer ökonomischen Grundlage – des Privateigentums. Aus dieser Negation, die ihren unmittelbaren Ausdruck darin findet, dass das Proletariat eine besitzlose Klasse ist, ergibt sich die sozialistische Mission dieser Klasse. Das Proletariat „macht nicht vergebens die harte, aber stählerne Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet“. [22] -

Dieses äußerst wichtige theoretische Ergebnis untermauern Marx und Engels durch Hinweise auf die historischen Erfahrungen in den am höchsten entwickelten kapitalistischen Ländern: „Es bedarf hier nicht der Ausführung, dass ein großer Teil des englischen und französischen Proletariats sich seiner geschichtlichen Aufgabe schon bewusst ist und beständig daran arbeitet, dies Bewusstsein zur vollständigen Klarheit herauszubilden.“ [23] Vergleicht man diese Feststellungen von Marx und Engels mit den entsprechenden Ausführungen in ihren in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichten Artikeln, so zeigt sich ganz deutlich, wie sich im Verlaufe der Herausbildung des Marxismus das wissenschaftliche Verständnis der historischen Rolle des Proletariats entwickelt hat und (auf der Grundlage des historischen Materialismus) konkretisiert wird. Lenin bemerkt in diesem Zusammenhang, dass in der „Heiligen Familie“ Marx’ Ansicht über die revolutionäre Rolle des Proletariats schon fast völlig herausgebildet ist. [24] -

Während sich die „kritischen Kritiker“ sub specie aeternitatis über die Klassengegensätze zu erheben versuchen, um erklären zu können, der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei im spekulativen Selbstbewusstsein überwunden, lehnen Marx und Engels den Gedanken der Versöhnung von gegensätzlichen Klassen ab und begründen theoretisch, dass der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie objektiv notwendig ist.

Marx und Engels schreiben: „Proletariat und Reichtum sind Gegensätze. Sie bilden als solches ein Ganzes. Sie sind beide Gestaltungen der Welt des Privateigentums. Es handelt sich um die bestimmte Stellung, die beide in dem Gegensatz einnehmen. Es reicht nicht aus, sie für zwei Seiten eines Ganzen zu erklären.“ [25] Diese These richtet sich direkt gegen die Auffassung Hegels (und der Junghegelianer), nach der die Einheit der Gegensätze ein rein korrelatives, „reflektives“ Verhältnis ist, das sich letztlich als ihre Identität erweist. Die Gegensätze spielen nach Marx und Engels in dem konkreten System, dessen Struktur ihre Wechselbeziehung bildet, verschiedene Rollen. Darum genügt es auch nicht, sie bloß als zwei Seiten eines Ganzen aufzufassen, sondern man muss die Gegensätze und ihr Verhältnis zueinander konkret analysieren. Dadurch, dass Marx und Engels die Problematik der Gegensätze im Zusammenhang mit dem Antagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie untersuchen, decken sie die spezifische Dialektik der Gegensätze innerhalb des jeweiligen ökonomischen Verhältnisses auf. Diese Gegensätze haben eine unterschiedliche Funktion, wechseln niemals ihre Stelle, gehen nicht ineinander über, und der Kampf zwischen ihnen führt notwendigerweise zur Aufhebung der einen Seite und zur radikalen Veränderung der anderen. Heißt dies, dass Marx und Engels die These von der Identität der Gegensätze, von ihrem Umschlagen ineinander generell ablehnen? Natürlich nicht. Die Begründer des Marxismus rücken nur die Frage des Kampfes der Gegensätze, des antagonistischen Widerspruchs, der Wechselbeziehung zwischen der konservativen (positiven) und der revolutionären (negativen) Seite dieses Widerspruchs in den Vordergrund, und das ergibt sich in erster Linie aus dem Untersuchungsgegenstand, handelt es sich doch hier um die sozialen Kataklysmen der kapitalistischen Ordnung. -

„Das Privateigentum als Privateigentum, als Reichtum, ist gezwungen, sich selbst und damit seinen Gegensatz, das Proletariat, im Bestehen zu erhalten. Es ist die positive Seite des Gegensatzes, das in sich selbst befriedigte Privateigentum. Das Proletariat ist umgekehrt als Proletariat gezwungen, sich selbst und damit seinen bedingenden Gegensatz, der es zum Proletariat macht, das Privateigentum, aufzuheben. Es ist die negative Seite des Gegensatzes, seine Unruhe in sich, das aufgelöste und sich auflösende Privateigentum.“ [26]

Der Gegensatz zwischen der revolutionären und der konservativen Seite des antagonistischen Widerspruchs schließt natürlich ihre gegenseitige Bedingtheit und sogar das Moment der Identität zwischen ihnen nicht aus. Diese Auffassung der Frage ist ein großer Fortschritt im Vergleich zur Behandlung des gleichen Problems in Marx’ Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Marx und Engels entwickeln Hegels Dialektik zur materialistischen Dialektik und weisen nach, dass die Identität ein reales Moment des Widerspruchs, des Verhältnisses zwischen einander ausschließenden, gleichzeitig aber auch einander bedingenden Gegensätzen ist. Anhand von konkreten Tatsachenmaterial erläutern sie den Zusammenhang zwischen Identität und Unterschied, den widerspruchsvollen Charakter der Identität:

„Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß die Entfremdung als ihre eigne Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz. Sie ist, um einen Ausdruck von Hegel zu gebrauchen, in der Verworfenheit die Empörung über diese Verworfenheit, eine Empörung, zu der sie notwendig durch den Widerspruch ihrer menschlichen Natur mit ihrer Lebenssituation, welche die offenherzige, entschiedene, umfassende Verneinung dieser Natur ist, getrieben wird. Innerhalb des Gegensatzes ist der Privateigentümer als die konservative, der Proletarier die destruktive Partei. Von jenem geht die Aktion des Erhaltens des Gegensatzes, von diesem die Aktion seiner Vernichtung aus.“ [27] -

Wichtig ist, dass Marx und Engels von zwei grundverschiedenen Arten der „menschlichen Entfremdung“ sprechen: vom entfremdeten Dasein der Bourgeoisie und von der entfremdeten Arbeit des Proletariats. Diese Abgrenzung, die sich schon in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" andeutet, gewinnt große Bedeutung bei der Überwindung der abstrakt-humanistischen (zum Teil Feuerbachschen) Fragestellung zur Problematik des menschlichen Wesens schlechthin.

Diese gegenseitige Bedingtheit der Gegensätze und ihre unterschiedliche Rolle in diesem objektiven (hier sozialen) Verhältnis machen den Charakter der historischen Notwendigkeit verständlich, die sich von der natürlichen Notwendigkeit insofern unterscheidet, als sie dem menschlichen Handeln immanent ist. Die Bourgeoisie erstrebt die Erhaltung des Privateigentums, das Proletariat seine Beseitigung. Der Charakter der Tätigkeit und des Kampfes der beiden Klassen wird jeweils durch die Existenz und die gesamte Tätigkeit der Gegensätze bestimmt. Die objektive Gesetzmäßigkeit, der die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft unterliegt, ist also nicht etwas den gesellschaftlichen Verhältnissen Äußerliches. Sie ist bedingt durch die Wechselwirkung; durch die gegenseitige Abhängigkeit dieser gegensätzlichen Seiten bzw. Klassen, durch den Kampf zwischen ihnen, der keineswegs eine Sache der freien Wahl ist, sondern eine objektive ökonomische Grundlage hat, die von den Menschen im Laufe vieler Generationen geschaffen wurde. Die der gesellschaftlichen Entwicklung immanente geschichtliche Notwendigkeit ist also nicht zu trennen von den für sie charakteristischen Grundwidersprüchen. Diese Notwendigkeit repräsentiert sowohl die von den früheren Generationen geschaffenen objektiven Voraussetzungen des menschlichen Handelns als auch das bewusste Handeln der verschiedenen sozialen Gruppen und Klassen in der jeweiligen Entwicklungsetappe der Gesellschaft.

Das Verhältnis der Gegensätze erschöpft sich jedoch nicht in ihrer gegensätzlichen (und wechselseitig bedingten) Aktion. Diese wechselseitige Bedingtheit hat zur Folge, dass sich jede der beiden Gegenseiten in ihrer Aktion als zwiespältig erweist. So reproduziert das Proletariat in seinem Kampf gegen das Kapital, dessen Ziel die Aufhebung des Kapitalismus ist, infolge seiner Lage in der bürgerlichen Gesellschaft zugleich die kapitalistischen Verhältnisse in der Regel in erweiterter Form immer wieder. -

Das gleiche gilt für die Bourgeoisie, die durch ihre Tätigkeit die sie zerstörenden sozialen Kräfte hervorbringt und dadurch die Grundlagen ihrer eigenen ökonomischen und politischen Herrschaft untergräbt. Diese dialektische Wechselbeziehung zwischen dem bewussten Handeln der Menschen und seinen Ergebnissen, ohne deren Verständnis sich der spezifische Charakter sozialer Gesetzmäßigkeiten nicht begreiflich machen lässt, enthüllen Marx und Engels mit der Feststellung: „Das Privateigentum treibt allerdings sich selbst in seiner nationalökonomischen Bewegung zu seiner eigenen Auflösung fort, aber nur durch eine von ihm unabhängige, bewusste, wider seinen Willen stattfindende, durch die Natur der Sache bedingte Entwicklung, nur indem es das Proletariat als Proletariat erzeugt, das seines geistigen und physischen Elends bewusste Elend, die ihrer Entmenschung bewusste und darum sich selbst aufhebende Entmenschung.“ [28] -

Das bedeutet, dass nicht nur die Befreiungsbewegung des Proletariats, sondern auch die objektiven Folgen der bewussten Tätigkeit der Bourgeoisie, unabhängig von deren Willen und sogar gegen ihren Willen, die materiellen Voraussetzungen des Sozialismus innerhalb der kapitalistischen Ordnung schaffen. Während aber die objektiven Ergebnisse der bewussten Tätigkeit der Arbeiterklasse mit den Zielen übereinstimmen, die diese Klasse sich setzt, besteht zwischen den Zielen und den Endergebnissen der Tätigkeit der Kapitalisten ein tiefer Widerspruch. Der Grund liegt darin, dass der Befreiungskampf der Arbeiterklasse den objektiven Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung des Kapitalismus entspricht, wogegen das bestreben der Bourgeoisie, ihre Herrschaft zu verewigen, dieser Gesetzmäßigkeit widerspricht. Das unvermeidliche Ergebnis dieses ganzen historischen Prozesses, dieser Wechselwirkung zwischen den bewussten Handlungen der verschiedenen Klassen und dem spontanen Verlauf der Ereignisse, der auch wieder in einem bestimmten Verhältnis zur bewussten Tätigkeit steht, das Ergebnis des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse ist die sozialistische Revolution. -

„Das Proletariat vollzieht das Urteil, welches das Privateigentum durch die Erzeugung des Proletariats über sich selbst verhängt, wie es das Urteil vollzieht, welches die Lohnarbeit über sich selbst verhängt, indem sie den fremden Reichtum und das eigne Elend erzeugt. Wenn das Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft geworden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt.“ [29]

Alle diese hier kurz behandelten Aussagen von Marx und Engels über den Widerspruch zwischen Proletariat und Privateigentum, über die Entwicklung dieses Widerspruchs und die Art seiner Auflösung sind die geniale Formulierung des Grundsatzes des wissenschaftlichen Kommunismus von der objektiven Gesetzmäßigkeit und Unvermeidlichkeit des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus. Dabei erschließen Marx und Engels den dialektisch-materialistischen Inhalt des Begriffs der historischen Notwendigkeit, der entgegen den Behauptungen gewisser Kritiker des Marxismus nichts mit Fatalismus zu tun hat. Die historische Notwendigkeit steht der menschlichen Tätigkeit, ihren Voraussetzungen und Ergebnissen, nicht als etwas Äußerliches gegenüber, sie ergibt sich aus allen diesen Elementen des gesellschaftlichen Lebens.

Die oben analysierten Sätze von Marx und Engels sind insofern Bemerkenswert, als sie über die Einheit der materialistischen Geschichtsauffassung und der materialistischen Dialektik Klarheit schaffen. Die Einheit von bewusster Tätigkeit der Menschen und objektiver historischer Notwendigkeit, die gleichfalls ein Produkt der geschichtlichen Aktion der aufeinanderfolgenden Generationen ist, kann nur vom Standpunkt der materialistischen Dialektik begriffen und erklärt werden, die den abstrakten Dualismus vom Subjektivem und Objektivem, von Freiheit und Notwendigkeit, mit dem nicht nur die metaphysischen Materialisten niemals fertig geworden sind, endgültig überwindet. -

Auch der Dialektiker Hegel endet schließlich, obwohl er diesen Dualismus für überwunden erklärt und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Freiheit und Notwendigkeit im wesentlichen richtig stellt, beim Fatalismus, der für den absoluten Idealismus ganz unvermeidlich ist. Die Verfasser der „Heiligen Familie“ sind gleich weit entfernt vom Fatalismus wie vom Voluntarismus; sie messen der bewussten Tätigkeit der Menschen große Bedeutung bei und begründen zugleich die äußerst wichtige These des historischen Materialismus von der entscheidenden Bedeutung der materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft, die jedoch durch die Menschen selbst, durch die einander ablösenden Generationen von Menschen hervorgebracht werden.

Die bürgerlichen Kritiker des Marxismus wollen in der „Heiligen Familie“ keine Dialektik sehen, sie behaupten, die Verfasser dieses Werkes lehnten die Dialektik ab. Aus wichtigsten Thesen dieser Gemeinschaftsarbeit geht jedoch hervor, dass Marx und Engels den spekulativen Idealismus eindeutig ablehnen und die Prinzipien der materialistischen Dialektik und der materialistischen Geschichtsauffassung wissenschaftlich ausarbeiten.
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Anmerkungen

18 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 55/56.
19 Ebenda, S. 38.
20 Ebenda.
21 Im Jahre 1846 distanzieren sich Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ bereits von dieser Ansicht. Hier kritisieren sie jene Vertreter des kleinbürgerlichen Sozialismus, die den Standpunkt vertreten, der wirkliche Mensch sei, insofern er ein entfremdetes Dasein führe, überhaupt kein Mensch. Diese Philosophen haben „die Menschen nicht darum für unmenschlich erklärt, weil sie dem Begriff des Menschen nicht entsprachen, sondern weil ihr Begriff des Menschen nicht dem wahren Begriff des Menschen entsprach, oder weil sie nicht das wahre Bewusstsein vom Menschen hatten“. (Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 415/416.) An einer anderen Stelle bemerken die Begründer des Marxismus: „Der positive Ausdruck ,menschlich’ entspricht den bestimmten, einer gewissen Produktionsstufe gemäß herrschenden Verhältnissen und der durch sie bedingten Weise, die Bedürfnisse zu befriedigen, wie der negative Ausdruck ,unmenschlich’ dem durch dieselbe Produktionsstufe täglich neu hervorgerufenen Versuche entspricht, diese herrschenden Verhältnisse ... innerhalb der existierenden Produktionsweise zu negieren.“ (Ebenda, S. 417/418.)
22 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 38.
23 Ebenda.
24 Siehe W. I. Lenin: Konspekt zu Marx’ und Engels’ Werk „Die heilige Familie“.In: Werke, Bd. 38, S. 10.
25 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 37.
26 Ebenda.
27 Ebenda.
28 Ebenda.
29 Ebenda, S. 37/38.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Die Kritik der junghegelianischen Theorie von den „Helden“ und der „Masse“. Die Rolle der Volksmassen in der Geschichte und ihre gesetzmäßig wachsende Bedeutung. Probleme der materialistischen Dialektik.