Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 40)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Zweiter Teil. Die Schaffung der Grundlagen des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichen Kommunismus.
Erstes Kapitel. Die theoretische Begründung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Konzeptionen des bürgerlichen Radikalismus.
1. Kritik des spekulativen Idealismus und der idealistischen Dialektik. Die dialektisch-materialistische Antwort auf die Grundfrage der Philosophie. Die philosophiegeschichtliche Konzeption von Marx und Engels.
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Unabhängig voneinander gelangten Marx und Engels zu Beginn des Jahres 1844 vom Idealismus und revolutionären Demokratismus zum dialektischen Materialismus und wissenschaftlichen Kommunismus, obwohl jeder von ihnen bis dahin recht unterschiedliche soziale und ökonomische Verhältnisse untersucht und auch andere Literatur studiert hatte.
Mit den Artikeln von Marx und Engels in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ und Marxens „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" endet die erste Etappe der Herausbildung der marxistischen Philosophie. Die genannten Arbeiten bezeugen die geistige Einheit ihrer Schöpfer, die von nun an gemeinsam die wissenschaftliche Ideologie der Arbeiterklasse begründen.
Der Übergang vom Idealismus und revolutionären Demokratismus zum dialektischen und historischen Materialismus bedeutet jedoch noch nicht den Abschluss des Entwicklungsprozesses der philosophischen Ansichten der Begründer des Marxismus; in der nun folgenden Etappe dieses Prozesses arbeiten sie die Grundsätze des dialektischen und historischen Materialismus aus und entwickelten die materialistische Begründung des wissenschaftlichen Kommunismus.
Lenin hat das „Elend der Philosophie“ und das „Manifest der Kommunistischen Partei“, die beide 1847 entstanden sind, als die ersten Werke des reifen Marxismus bezeichnet. In ihnen findet die Genesis des Marxismus ihren Abschluss; hier wird die dialektisch-materialistische Gesellschaftsbetrachtung konsequent durchgeführt, und es werden die Grundgedanken des wissenschaftlichen Kommunismus formuliert. Was die ihnen vorangehenden Schriften der Jahre 1844 bis 1846 betrifft, so wäre es falsch, sie als Werke des reifen Marxismus zu betrachten, obwohl sie einzelne klassisch gewordene Formulierungen der marxistischen Lehre enthalten.
Im ersten Teil der vorliegenden Untersuchung habe ich [Oiserman] darauf hingewiesen, dass das Wichtigste in den Aufsätzen, die Marx und Engels in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichten, die Erkenntnis von der historischen Mission des Proletariats ist. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats, das heißt die Einsicht, dass die Arbeiterklasse ihre welthistorische Mission nur durch die Schaffung eines proletarischen Staates erfüllen kann, fehlte dagegen noch. Ein solcher Grundbegriff des historischen Materialismus wie „Produktionsverhältnisse“ ist in diesen Artikeln noch nicht hinreichend bestimmt. Auch erkenntnistheoretische Fragen nehmen in diesen Arbeiten nur wenig Raum ein.
Charakteristisch für die neue Etappe der Herausbildung der marxistischen Philosophie ist nicht nur, dass sie die in den „Jahrbüchern“ aufgestellten Thesen weiterentwickeln, sondern auch, dass sie neue Fragen aufwerfen und Thesen formulieren, die dort noch nicht zu finden waren, bzw. Behauptungen korrigieren, die sich als falsch erwiesen haben.
Es wäre jedoch falsch, die Arbeiten von Marx und Engels in der neuen Etappe ihrer geistigen Entwicklung in Gegensatz zu den „Jahrbuch“-Veröffentlichungen zu stellen. Alle diese Werke des werdenden Marxismus sind Stufen in dem ständig fortschreitenden Prozess der Herausbildung des Marxismus. Bei der Untersuchung dieses Prozesses sehen wir, wie früher aufgestellte Thesen konkretisiert und präzisiert und neue Probleme aufgeworfen werden.
Ende August 1844 reist Engels für kurze Zeit nach Paris, wo er mit Marx zusammentrifft. Zehn Tage lang diskutieren sie Grundprobleme ihrer Lehre, Pläne des ideologischen und politischen Kampfes und Möglichkeiten der Organisation der Kommunisten und der ihnen nahestehenden Revolutionäre. Engels unterrichtet Marx über die Hauptgedanken seines Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, an dem er arbeitet. Beide vereinbaren auch ein gemeinsames Auftreten gegen die von Bruno Bauer geführte Gruppe der Junghegelianer, die sich anschickte, in ihrem Monatsblatt „Allgemeine Literatur-Zeitung“ einen Feldzug gegen Sozialismus und Kommunismus zu führen, wo sie versuchte, diese als dogmatische Abstraktion zu diskreditieren, die angeblich die freie Betätigung des unendlichen Selbstbewusstseins oder der „kritischen Kritik“ lähmen.
Bruno Bauer und seine Gesinnungsgenossen waren klug genug, um das Wesentliche in den Anschauungen von Marx und Engels zu erkennen. Als Theoretiker des deutschen bürgerlichen Radikalismus verstanden sie sehr wohl, dass die These von der sozialistischen Mission des Proletariats mit der idealistischen Lehre von der Allmacht des Selbstbewusstseins, die sie vertraten, absolut unvereinbar war, und bemühten sich deshalb, sie als „unkritisch“ abzustempeln. „Bauer“, schrieb Georg Jung damals an Marx, „ist so wahnsinnig auf Kritisieren versessen, dass er mir neulich schrieb, man müsse nicht allein die Gesellschaft, die privilegierten Eigentümer etc., sondern, woran noch niemand gedacht habe, auch die Proletarier kritisieren ...“ [1]
Die Adepten der „kritischen Kritik“, die sich als Sachwalter des absoluten Selbstbewusstseins empfanden, behaupteten, dass alles Bestehende einer vernichtenden Kritik unterzogen werden müsse. In Wirklichkeit aber war die „kritische Kritik“, die das Proletariat als „unkritische Masse“ abtat, in zunehmendem Maße in den Kampf gegen die revolutionären Ideen und die revolutionäre Bewegung hineingezogen worden. -
„Dieser unsinnigen und schändlichen Richtung“, schreibt Lenin, „traten Marx und Engels entschieden entgegen. Im Namen der wahren menschlichen Persönlichkeit, des von den herrschenden Klassen und vom Staate getretenen Arbeiters, fordern sie statt der Betrachtung den Kampf für eine bessere Gesellschaftsordnung. Die zu diesem Kampf fähige und an ihm interessierte Kraft sehen sie natürlich im Proletariat.“ [2]
Das Buch „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten“ ist im Februar 1845 erschienen. Dazu notiert Lenin in seinem Konspekt: „Marx kommt hier von der Hegelschen Philosophie zum Sozialismus: der Übergang ist deutlich zu erkennen – man sieht, was Marx sich schon angeeignet hat und wie er zu einem neuen Ideenkreis übergeht.“ [3] In der „Heiligen Familie“ werden die Ideen fortgeführt und weiterentwickelt, zu denen sich Marx und Engels in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ bekannt hatten. Zugleich gehen sie bei ihrer Ausarbeitung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung zu einem neuen Gedankenkreis über.
Marx und Engels betrachten die Philosophie der Junghegelianer als Zersetzungsprodukt der Hegelschen Philosophie, während sie in Hegels Lehre wie im klassischen deutschen Idealismus überhaupt die Wiedergeburt der Metaphysik des 17. Jahrhunderts erblicken. Die rationalistischen Systeme eines Descartes, Leibniz oder Spinoza waren ungeachtet ihrer teleologischen Tendenzen mit den positiven Wissenschaften verbunden. Die Metaphysik des 17. Jahrhunderts „machte Entdeckungen in der Mathematik, Physik und anderen bestimmten Wissenschaften, die ihr anzugehören schienen. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts war dieser Schein vernichtet. Die positiven Wissenschaften hatten sich von ihr getrennt und selbständige Kreise gezogen. Der ganze metaphysische Reichtum bestand nur noch in Gedankenwesen und himmlischen Dingen, gerade als die realen Wesen und die irdischen Dinge alles Interesse in sich zu konzentrieren begannen“. [4]
Die Verbindung der metaphysischen (vornehmlich idealistischen) Systeme mit den positiven Wissenschaften entsprang also keineswegs aus der Natur des Idealismus, sondern erklärt sich daraus, dass sich die positiven Wissenschaften noch nicht von der Philosophie gesondert hatten. Als dieser Prozess aber im wesentlichen abgeschlossen war, zeigte es sich, dass die metaphysischen Systeme, die den Anspruch erhoben, eine vermeintlich übernatürliche Realität erfassen und die Summe alles Wissens in einem geschlossenen Lehrgebäude vereinigen zu können, mit der tatsächlichen Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis, die sich immer mehr auf Probleme des irdischen Lebens konzentrierte, in Konflikt gerieten. Die metaphysischen Systeme verloren an Ansehen. Sie wurden überwunden vom französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts. -
Im Materialismus aber sehen Marx und Engels den eigentlichen, unversöhnlichen Gegner jeder metaphysischen Systemschöpfung. Sie verwahren sich gegen die in der bürgerlichen Philosophie herrschende Vorstellung, dass auch der Materialismus eine Spielart des metaphysischen Philosophierens sei.
Marx und Engels gehen nicht auf die Frage ein, wieso die idealistische Metaphysik, nachdem sie durch den Materialismus des 18. Jahrhunderts bezwungen worden war, in der klassischen deutschen Philosophien zu neuem Leben erwachen konnte. Sie sagen noch nichts über die Grundmängel dieses Materialismus, jene Mängel, die, wenngleich aus idealistischer Sicht, von den Klassikern der deutschen Philosophie schon bemerkt und in gewissem Maße kritisiert worden waren. Marx und Engels betonen, dass diese Restauration der Metaphysik des 17. Jahrhunderts eine siegreiche und gehaltvolle Restauration war, und erkennen damit die große historische Bedeutung des klassischen deutschen Idealismus an. Sie geben aber auch zu bedenken: Nachdem Hegel die Metaphysik des 17. Jahrhunderts „auf eine geniale Weise mit aller seitherigen Metaphysik und dem deutschen Idealismus vereint und ein metaphysisches Universalreich gegründet hatte, entsprach wieder, wie im 18. Jahrhundert, dem Angriff auf die Theologie der Angriff auf die spekulative Metaphysik und auf alle Metaphysik. Sie wird für immer dem nun durch die Arbeit der Spekulation selbst vollendeten und mit dem Humanismus zusammenfallenden Materialismus erliegen“. [5] Marx und Engels stehen also auf dem Standpunkt, dass nur eine durch die Spekulation angereicherte materialistische Philosophie (und das heißt in diesem Falle: durch die dialektische Denkweise angereichert) einen wirklichen Ausweg aus den Widersprüchen der Hegelschen Lehre und des Idealismus überhaupt zu zeigen vermag. Gemeint ist nicht der Materialismus des 18. Jahrhunderts, sondern ein neuer, vollendeter Materialismus, der die Errungenschaften der Hegelschen Philosophie aufgreift und auch die Gesellschaft einbezieht. Dieser Materialismus wird von den Begründern des Marxismus als Humanismus bezeichnet. Das zeigt, wie hoch sie Feuerbach als den Denker schätzen, der die humanistische Weltanschauung materialistisch begründet hat. Diese hohe Wertschätzung lässt jedoch außer acht, dass es Feuerbach nicht gelungen ist, einen wirklich vollendeten Materialismus zu schaffen, der sowohl die Natur als auch die Gesellschaft umfasst.
Natürlich ist auch „Humanismus“ noch kein adäquater Begriff für die philosophischen Anschauungen von Marx und Engels.
Marx und Engels beurteilten den historischen Werdegang der klassischen deutschen Philosophie vom materialistischen Standpunkt aus. Sie kritisierten die Junghegelianer, weil deren Theorie nicht in der Lage war, über die Hegelsche Lehre, das heißt über den Idealismus, hinauszugehen, aber den Anschein erweckte, Hegel endgültig überwunden zu haben, indem sie ein Element seiner Philosophie dem anderen gegenüberstellt: „In Hegel sind drei Elemente, die spinozistische Substanz, das Fichtesche Selbstbewusstsein, die Hegelsche notwendig-widerspruchsvolle Einheit von beiden, der absolute Geit. Das erste Element ist die metaphysisch travestierte Natur in der Trennung vom Menschen, das zweite ist der metaphysisch travestierte Geist in der Trennung von der Natur, das dritte ist die metaphysisch travestierte Einheit von beiden, der wirkliche Mensch und die wirkliche Menschengattung.“ [6] Der Kampf zwischen den beiden bedeutendsten Vertretern der Junghegelianer, David Friedrich Strauß und Bruno Bauer, ist ein Streit innerhalb der Hegelschen Spekulationen, bei dem Strauß vom spinozistischen, Bauer vom Fichteschen Element der Hegelschen Philosophie ausgeht. Strauß sieht den Ursprung der Evangelien in einem spontanen, unbewussten („substantiellen“) Mythenschaffen in den ersten christlichen Gemeinden und betrachtet sie als eine spezifische Äußerung des Volksgeistes. Bruno Bauer erklärt sie dagegen aus dem Selbstbewusstsein, aus dem Wirken der großen Evangelisten, die diese Legenden (die eine notwendige Stufe der historischen Entwicklung der Selbstentäußerung und -entfremdung des allgemeinmenschlichen Selbstbewusstseins sind) bewusst geschaffen haben.
Sowohl Strauß als auch Bauer kritisieren Hegel: Der erste, weil Hegel die Lehre von der Substanz, der zweite, weil Hegel die Lehre vom Selbstbewusstsein inkonsequent entwickelt habe. Aber keiner von ihnen verlässt den Boden des Hegelianismus. Erst Feuerbach grenzt sich von der Hegelschen Philosophie und vom Idealismus ab, indem er Natur und Mensch von ihrem mystischen Schleier befreit und die idealistische Mystifikation durch die materialistische Lehre von der Einheit des Menschen und der Natur ersetzt. Die Natur ist für Feuerbach keine dem Menschen äußerliche Realität. Auch der Mensch ist Natur, existiert nicht neben oder über ihr. Und obwohl für Feuerbach, wie Marx und Engels unterstreichen, die Hegelsche Konzeption als Ausgangspunkt dient, gelangt er zu ganz entgegengesetzten philosophischen Ergebnissen: „Erst Feuerbach, der den Hegel auf Hegelschem Standpunkt vollendete und kritisierte, indem er den metaphysischen absoluten Geist in den ,wirklichen Menschen auf der Grundlage der Natur’ auflöste, vollendete die Kritik der Religion, indem er zugleich zur Kritik der Hegelschen Spekulation und daher aller Metaphysik die großen und meisterhaften Grundzüge entwarf.“ [7]
Ebenso wie an anderen Stellen der „Heiligen Familie“ werden zweifellos auch hier die historischen Verdienste Feuerbachs überbewertet, da Marx und Engels selbst noch unter dem Einfluss seiner Philosophie stehen. Das bedeutet aber nicht, dass die angeführte Einschätzung des Feuerbachschen Materialismus als der Wirklichkeit nicht entsprechend abgetan werden könnte. Vielmehr ist sie trotz der offensichtlichen Überbewertung durchaus zutreffend. Freilich hat Feuerbach die Religionskritik nicht vollendet, weil ihm die historisch vergänglichen ökonomischen Verhältnisse verborgen geblieben sind, die bedingen, dass die Menschen von den spontanen Kräften der gesellschaftlichen Entwicklung beherrscht werden. -
Er [Feuerbach] hat jedoch sehr wohl begriffen, dass die Religion die Funktion hat, soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung zu sanktionieren. „Jede eigenmächtige Veränderung der bestehenden Ordnung der Dinge“, erklärt er in seinen Vorlesungen, ist vom Standpunkt der Religion „eine frevelhafte Revolution“. [8] -
Und Feuerbach bekennt sich entschieden zu dieser „frevelhaften“ Revolution. „Die notwendige Folgerung aus den bestehenden Ungerechtigkeiten und Übeln des menschlichen Lebens ist einzig der Wille, das Bestreben, sie abzuändern, aber nicht der Glaube an ein Jenseits, der vielmehr die Hände in den Schoß legt und die Übel bestehen lässt.“ [9] -
Karl Marx und Friedrich Engels arbeiten die in Feuerbachs Lehre erst im Keim enthaltenen Gedanken weiter aus und betrachten sie durchweg als unmittelbare Ergebnisse seiner Lehre. Diese dankbare Anerkennung ihres berühmten Vorgängers hindert sie indes nicht, ein von der Feuerbachschen Philosophie prinzipiell unterschiedenes System von Ansichten zu entwickeln. Feuerbach war bekanntlich metaphysischer Materialist und in seiner Auffassung des gesellschaftlichen Lebens Idealist, obwohl sein anthropologisches Prinzip auch Keime des historischen Materialismus enthielt.
Lenin hat einmal bemerkt, dass die Verfasser der „Heiligen Familie“ „begeisterte Lobreden auf Feuerbach“ hielten. [10] Sie nehmen Feuerbach gegen die Angriffe der „kritischen Kritiker“ in Schutz und werfen diesen vor, dass sie den alten spekulativen Plunder wieder hervorholen, den Feuerbach bereits beseitigt hatte. [11] Noch ist keine Rede davon, dass es Feuerbach nicht gelungen ist, die Philosophie Hegels wirklich zu überwinden, das heißt den Idealismus aufzugeben, die dialektische Denkweise aber zu bewahren. Für sie [für Marx und Engels] ist Feuerbach der Denker, der das Geheimnis der Hegelschen Philosophie enthüllt hat. „Aber wer hat denn das Geheimnis des ,Systems’ aufgedeckt? Feuerbach. Wer hat die Dialektik der Begriffe, den Götterkrieg, den die Philosophen allein kannten, vernichtet? Feuerbach. Wer hat, zwar nicht ,die Bedeutung des Menschen’ – als ob der Mensch noch eine andere Bedeutung habe, als die, dass er Mensch ist! – aber doch ,den Menschen’ an die Stelle des alten Plunders, auch des ,unendlichen Selbstbewusstseins’, gesetzt? Feuerbach und nur Feuerbach. Er hat noch mehr getan.“ [12] Auch diese Überbewertung der historischen Bedeutung Feuerbachs enthält einen rationellen Kern. In der Tat hat Feuerbach das spekulative Philosophieren einer umfassenden Kritik unterzogen und damit auch die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik bloßgelegt. Man darf sich jedoch deswegen keineswegs mit jenen einverstanden erklären, die behaupten, die Begründer des Marxismus hätten in der „Heiligen Familie“ den Standpunkt Feuerbachs vertreten. Diese Ansicht hat Lenin mit dem Nachweis widerlegt, dass Marx und Engels in der „Heiligen Familie“ als proletarische Revolutionäre auftreten, sich für die revolutionäre Beseitigung des Privateigentums aussprechen und ganz nahe an den Grundbegriff des historischen Materialismus, den Begriff der Produktionsverhältnisse, herankommen.
Im Jahre 1867 schrieb Marx nach nochmaliger Durchsicht der „Heiligen Familie“ an Engels: „Ich war angenehm überrascht, zu finden, dass wir uns der Arbeit nicht zu schämen haben, obgleich der Feuerbachkultus jetzt sehr humoristisch auf einen wirkt.“ [13] Zweiundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches hat also Marx selbst festgestellt, dass der „Feuerbachkultus“ darin nicht das Wichtigste ist. Entscheidend ist hier vielmehr die Ausarbeitung der Grund- und Ausgangsthesen der marxistischen Philosophie und des wissenschaftlichen Kommunismus. [14] «
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Anmerkungen
1 Georg Jung an Karl Marx, 31. Juli 1844. In: MEGA², III/Bd. 1, S. 437.
2 W. I. Lenin: Friedrich Engels. In: Werke, Bd. 2, S. 10.
3 W. I. Lenin: Konspekt zu Marx’ und Engels’ Werk „Die heilige Familie“. In: Werke, Bd. 38, S. 8.
4 Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 134.
5 Ebenda, S. 132.
6 Ebenda, S. 147.
7 Ebenda.
8 L. Feuerbach: Vorlesungen über das Wesen der Religion. In: Gesammelte Werke, Bd. 6, Berlin 1967, S. 190.
9 Ebenda, S. 318.
10 W. I. Lenin: Konspekt zu Marx’ und Engels’ Werk „Die heilige Familie“. In: Werke, Bd. 38, S. 20.
11 Marx und Engels schreiben: „Nachdem der Mensch einmal als das Wesen, als die Basis aller menschlichen Tätigkeit und Zustände erkannt ist“ (womit das historische Verdienst der Philosophie Feuerbachs gemeint ist – d. Verf.), „kann nur noch die ,Kritik’ neue Kategorien erfinden und den Menschen selbst, wie sie es eben tut, wieder in eine Kategorie und in das Prinzip einer ganzen Kategorienreihe verwandeln.“ Etwas weiter unten bemerken Marx und Engels, dass, „während jetzt die deutschen Philister den Feuerbach zu verstehen und seine Resultate sich anzueignen beginnen, sie dagegen außerstande ist, einen einzigen Satz aus ihm richtig aufzufassen und geschickt zu benutzen“. (Friedrich Engels/Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 98, 99.)
12 Ebenda, S. 98.
13 Marx an Engels, 24. April 1867. In: MEW, Bd. 31, S. 290.
14 Nach Ansicht von H. Fleischer, der die Notwendigkeit einer prinzipiellen Abgrenzung der frühen (vor allem idealistischen) Schriften von Marx und Engels von den Werken des reifen Marxismus unterschätzt, ist es angebrachter, zwischen der Periode des „Feuerbach-Kultus“ und der folgenden Periode, in der dieser Kult überwunden ist, zu unterscheiden. (Siehe H. Fleischer: Marxismus und Geschichte, Frankfurt a. M. 1969, S. 17.) Dabei wird jedoch außer acht gelassen, dass Marx und Engels in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844" und erst recht in der „heiligen Familie“, trotz der Überschätzung der Lehre Feuerbachs und trotz einzelner Feuerbachscher Thesen, bereits eine vom anthropologischen Materialismus prinzipiell unterschiedene Philosophie ausarbeiten.«
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Die Schaffung der Grundlagen des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichen Kommunismus. Erstes Kapitel. Die theoretische Begründung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Konzeptionen des bürgerlichen Radikalismus. Vgl.: 1. Kritik des spekulativen Idealismus und der idealistischen Dialektik. Die dialektisch-materialistische Antwort auf die Grundfrage der Philosophie. Die philosophiegeschichtliche Konzeption von Marx und Engels.