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Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 39)

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Engels’ Ansichten über den Kommunismus. Kritik der bürgerlichen Demokratie und des Pseudosozialismus der Liberalen.

Im Februar und März 1844 schreibt Engels zwei Aufsätze über England, die zwischen August und Oktober 1844 in der Zeitung „Vorwärts“ veröffentlicht wurden. Im Dezember 1844 folgte ein weiterer Artikel in Owens Wochenblatt „The New Moral World“ mit dem Titel „Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland“. In diesen Arbeiten entwickelt und konkretisiert Engels die kommunistischen Ideen, die er bereits in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ geäußert hatte. Es geht um die sozialökonomischen Wurzeln des Kommunismus, um das Verhältnis des Kommunismus zur bürgerlichen Demokratie und um den deutschen „philosophischen Kommunismus“.

Die Notwendigkeit einer sozialistischen Umwälzung in England leitet Engels aus der industriellen Umwälzung ab, die eine „soziale Revolution“ auf dem Gebiet der Produktion ist und die materiellen Voraussetzungen für eine qualitativ neue, sozialistische Gesellschaft schafft. „Die soziale Revolution ist erst die wahre Revolution, in der die politische und philosophische Revolution ausmünden müssen; und diese soziale Revolution ist in England schon seit siebzig oder achtzig Jahren im Gange und geht eben jetzt mit raschen Schritten ihrer Krisis entgegen.“ [1] Der Terminus „soziale Revolution“ ist wohl kaum der adäquate Ausdruck für das Wesen der industriellen Umwälzung, die die objektive Notwendigkeit der sozialen Revolution des Proletariats keineswegs aufhebt. Engels trennt jedoch die industrielle Umwälzung nicht von der Idee des revolutionären Angriffs auf den Kapitalismus. Im Gegenteil, er nimmt an, dass diese Umwälzung „jetzt mit raschen Schritten ihrer Krisis entgegengeht“, dass es also zu einer revolutionären Explosion kommen muss. Diese Explosion ist unausbleiblich, weil die industrielle Umwälzung die antagonistischen Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung nicht abgeschwächt, sondern im Gegenteil verschärft hat. Das Anwachsen des englischen Nationalreichtums hat die Armut der Werktätigen nicht nur nicht beseitigt, sondern hat vielmehr die Kluft zwischen Bourgeoisie und Proletariat noch vertieft. -

„Der Mensch hat aufgehört, Sklave des Menschen zu sein und ist Sklave der Sache geworden; die Verkehrung der menschlichen Verhältnisse ist vollendet; die Knechtschaft der modernen Schacherwelt, die ausgebildete, vollkommene, universelle Verkäuflichkeit ist unmenschlicher und allumfassender als die Leibeigenschaft der Feudalzeit ...“ [2]

An die Stelle der persönlichen Abhängigkeit ist also die Knechtschaft der Persönlichkeit durch die spontanen Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung getreten. Trotzdem ist dies ein Fortschritt, wenn auch ein antagonistischer. Ein anderer Fortschritt ist unter der Herrschaft des Privateigentums nicht möglich. Die fortschrittliche Bedeutung der bürgerlichen Reformen besteht darin, dass sie die notwendigen Voraussetzungen für den späteren Übergang zum Kommunismus schaffen. -

„Die Auflösung der Menschheit in eine Masse isolierter, sich abstoßender Atome ist an sich selbst schon die Vernichtung aller kooperativen, nationalen und überhaupt besonderen Interessen und die letzte notwendige Stufe zur freien Selbstvereinigung der Menschheit. Die Vollendung der Veräußerung in der Herrschaft des Geldes ist ein unvermeidlicher Durchgang, wenn der Mensch, wie er denn jetzt nahe daran ist, wieder zu sich selbst kommen soll.“ [3]

Die bürgerlichen Liberalen behaupteten, die Entwicklung der Demokratie werde zur Beseitigung aller sozialen Konflikte, zu allgemeinem Glück und Wohlergehen führen. Die kleinbürgerlichen Kritiker der bürgerlichen Demokratie leugneten faktisch, ganz, wie ihre feudalen Kritiker, jede historisch fortschrittliche Bedeutung bürgerlich-demokratischer Errungenschaften. Engels übt zwar heftige Kritik an der bürgerlichen Demokratie, doch liegt ihm ihre nihilistische Negierung völlig fern. „England“, schreibt er, „ist unleugbar das freiste, das heißt am wenigsten unfreie Land der Welt, Nordamerika nicht ausgenommen ...“ [4]

Engels erkennt sehr genau den Klassencharakter der bürgerlichen Demokratie. Er nennt sie eine falsche, unwahre Demokratie, da hier infolge der ökonomischen Herrschaft des Privateigentums eine Minderheit über die Mehrheit herrscht. „Wer regiert denn eigentlich in England. Der Besitz regiert.“ [5] Die wahre oder soziale Demokratie aber, die Engels der Demokratie der Privateigentümer gegenüberstellt, kann nur durch eine revolutionäre sozialistische Revolution erreicht werden. -

Die „bloße Demokratie ist nicht fähig, soziale Übel zu heilen. Die demokratische Gleichheit ist eine Chimäre, der Kampf der Armen gegen die Reichen kann nicht auf dem Boden der Demokratie oder der Politik überhaupt ausgekämpft werden. Auch diese Stufe ist also nur ein Übergang, das letzte rein politische Mittel, das noch zu versuchen ist und aus dem sich sogleich ein neues Element, ein über alles politische Wesen hinausgehendes Prinzip entwickeln muss. Dies ist das des Sozialismus“. [6]

Engels stellt also der bürgerlichen Demokratie die sozialistische gegenüber und betrachtet diese als eine prinzipiell neue soziale Form, die sich auf einer qualitativ neuen ökonomischen Grundlage entwickelt. Es ist „die Demokratie, deren Gegensatz die Mittelklasse und der Besitz ist“. [7]

Im Zusammenhang mit seinen Betrachtungen über die historischen Wurzeln der sozialistischen Theorie gibt Engels einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Wissenschaft im 18. Jahrhundert, deren Ergebnis einerseits die Schaffung der naturwissenschaftlichen Grundlagen für die gesellschaftliche Produktion und andererseits die Herausbildung der materialistischen Weltauffassung war. Ohne diese Errungenschaften des wissenschaftlichen und philosophischen Denkens wären die sozialen Umgestaltungen unmöglich gewesen, die in England und Frankreich im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus verwirklicht wurden. Aber ungeachtet aller naturwissenschaftlichen und philosophischen Entdeckungen hat das 18. Jahrhundert die weltanschaulichen Grundprobleme der neueren Zeit nicht gelöst. -

„Das achtzehnte Jahrhundert löste also den großen Gegensatz nicht, der die Geschichte von Anfang an beschäftigt hat und dessen Entwicklung die Geschichte ausmacht, den Gegensatz von Substanz und Subjekt, Natur und Geist, Notwendigkeit und Freiheit; es stellte aber die Seiten des Gegensatzes in ihrer ganzen Schroffheit und vollkommen entwickelt einander gegenüber und machte dadurch seine Aufhebung notwendig.“ [8] -

Nach Engels’ Meinung sind diese wichtigen philosophischen Probleme von der neuesten deutschen Philosophie gelöst worden, speziell von denjenigen ihrer Vertreter, die auf spekulative idealistische Konstruktionen verzichtet haben und zum Materialismus und Kommunismus übergegangen sind. Hieraus erklärt sich auch die verhältnismäßig schnelle Verbreitung sozialistischer und kommunistischer Lehren in Deutschland. „Tatsächlich“, schreibt Engels, „nimmt der Sozialismus schon jetzt in Deutschland eine zehnmal stärkere Position ein als in England.“ [9] Allerdings stellt Engels im Hinblick auf Deutschland einige Seiten weiter fest: „... hierzulande bedeutet das Wort Sozialismus nichts anderes als die verschiedenen verschwommenen, unbestimmten und unbestimmbaren Vorstellungen derjenigen, die sehen, dass etwas getan werden muss, und die sich dennoch nicht entschließen können, vorbehaltlos auf das Gemeinschaftssystem einzugehen.“ [10] Engels macht einen Unterschied zwischen den kommunistischen und den sozialistischen Lehren der vierziger Jahre. Nur die ersten sind seiner Meinung nach wirklich revolutionär. Übrigens bezeichneten sich im damaligen Deutschland, was Engels gleichfalls hervorhebt, viele liberale Bourgeois nicht nur als Sozialisten, sondern auch als Kommunisten, was sie nicht daran hinderte, auf dem Standpunkt ihrer Klasse zu verharren [siehe z. B. heute aktuell „Soziale Marktwirtschaft“ und „Sozialpartner“ etc.] und die von den kommunistischen Doktrinen formulierten Forderungen im Sinne der bürgerlichen Philanthropie zu interpretieren. Engels berichtet von polemischen Auseinandersetzungen zwischen wirklichen deutschen Kommunisten und bürgerlichen Mitläufern, die alle möglichen philanthropischen Vorhaben als Kommunismus bezeichneten. Im Verlauf der Polemik wurden diese Pseudokommunisten entlarvt.

Unter denen, die sich für Anhänger des Kommunismus erklärten, nennt Engels Heinrich Heine und Ludwig Feuerbach. Von Feuerbach berichtet er, dieser habe erklärt, „er sei durchaus überzeugt, dass der Kommunismus nur die notwendige Konsequenz der Prinzipien darstelle, die er verkündet habe, und dass der Kommunismus tatsächlich die Praxis dessen sei, was er lange zuvor theoretisch verkündet habe“. [11] Engels hat gegen diese Äußerung nichts einzuwenden. Er betrachtet sie offenbar für nicht unbegründet.

Engels berichtet auch – und das muss besonders hervorgehoben werden – über den Kampf der deutschen Kommunisten gegen die Junghegelianer, insbesondere gegen Bruno Bauer und Max Stirner. Diese verkündeten die Ansicht, das kritische Selbstbewusstsein, das über jedes praktische Handeln und alle politischen Aufgaben erhaben sei, dürfe auch die kommunistischen Lehren und Ideale nicht annehmen. -

Die Kommunisten, berichtet Engels, haben „jenen deutschen Philosophen“ den Krieg erklärt, „die sich weigern, aus ihren reinen Theorien praktische Schlussfolgerungen zu ziehen, und die behaupten, dass der Mensch nichts weiter zu tun habe, als über metaphysische Fragen nachzugrübeln. Die Herren Marx und Engels haben eine ausführliche Widerlegung der von B[runo] Bauer verteidigten Prinzipien veröffentlicht; und die Herren Heß und Bürgers sind dabei, die Theorie von M[ax] Stirner zu widerlegen. Bauer und Stirner sind die Vertreter der letzten Schlussfolgerungen der abstrakten deutschen Philosophie und deshalb die einzigen bedeutenden philosophischen Gegner des Sozialismus – oder vielmehr des Kommunismus“. [12]

In diesem Artikel finden wir keine Gegenüberstellung der Ansichten von Heß, Weitling, Püttmann und anderen deutschen Sozialisten und Kommunisten mit den eigenen kommunistischen Anschauungen von Engels und auch keine Konfrontation der Lehre Feuerbachs mit seinen eigenen philosophischen Auffassungen. Falsch wäre es, dies so zu verstehen, als habe Engels keinerlei Differenzen mit diesen Denkern gehabt. Aus seinen in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichten Arbeiten geht eindeutig hervor, dass er ebenso wie Marx an einer prinzipiell neuen Weltanschauung arbeitet, die als in sich geschlossenes System von Anschauungen nicht nur mit den utopischen Anschauungen des kleinbürgerlichen Sozialismus, sondern auch mit dem utopischen Kommunismus Weitlings sowie mit Feuerbachs philosophischer Anthropologie unvereinbar ist. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ausarbeitung dieser prinzipiell neuen, wissenschaftlichen Weltanschauung gerade erst beginnt. Formuliert sind erst die theoretischen Ausgangsthesen, und das zudem in einer Terminologie, die ihrem wirklichen Inhalt nicht entspricht. [13] Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Schöpfer der neuen Weltanschauung selbst noch nicht völlig klar sind über den prinzipiellen Unterschied ihrer Lehre von den Anschauungen derjenigen, die vor kurzem noch ihre Kampfgefährten waren. Dieser prinzipielle Unterschied ist selbst noch im Werden begriffen. Andererseits erfordern die gemeinsamen Aufgaben des Kampfes gegen die in Deutschland herrschenden reaktionären gesellschaftlichen Zustände, dass Marx, Engels, Heß, Feuerbach und die anderen Gegner des deutschen Absolutismus gemeinsam auftreten.

Die politische Atmosphäre in Deutschland wird immer gespannter. Man spürt das Nahen der revolutionären Situation. Welches ist nun der konkrete sozialökonomische Inhalt der nahenden Revolution? Auf diese Frage kann Engels noch keine Antwort geben. Er spricht von einer sozialen Revolution, wobei er davon ausgeht, dass die Aufgabe einer kommunistischen Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse geschichtlich bereits auf der Tagesordnung steht. Er sieht noch nicht, dass die Vorbedingung einer kommunistischen Umwälzung die Entwicklung des Kapitalismus und das Ausreifen der Voraussetzungen des Sozialismus im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft sind. Engels behauptet daher, „der gegenwärtige Zustand in Deutschland“ sei derart, „dass er in sehr kurzer Zeit nichts anderes als eine soziale Revolution erzeugen könne, dass diese nahe bevorstehende Revolution nicht durch irgendwelche Maßnahmen zur Förderung des Handels und der Industrie abgewendet werden könne und dass das einzige Mittel zur Verhinderung einer solchen Revolution – einer Revolution, schrecklicher als alle gewöhnlichen Umstürze der Vergangenheit – die Einführung und die Vorbereitung des kommunistischen Systems sei“. [14] [Anm.: Bitte, die Jugendjahre, den Kenntnis- und Erfahrungsmangel, auch bei Engels berücksichtigen. - R. S.]

Wie man sieht, hält Engels hier noch die „Einführung des kommunistischen Systems“ ohne den vorherigen revolutionären Sturz der kapitalistischen Verhältnisse für möglich. Die Notwendigkeit einer Revolution nicht nur für die Beseitigung der alten gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch für die Schaffung einer sozialistischen Ordnung ist ihm noch nicht klar. Das alles sind Überreste seiner früheren, idealistischen Anschauungen, die erst in dem nun folgenden Kampf gegen die bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologie sowie bei der theoretischen Verallgemeinerung konkreter gesellschaftlicher und historischer Erfahrungen endgültig überwunden werden. -

Das entscheidende Merkmal der Anschauungen des jungen Engels wie auch der damaligen Etappe der Herausbildung des Marxismus insgesamt aber ist, dass die historische Mission des Proletariats und die Notwendigkeit eines festen Bündnisses der fortschrittlichen philosophischen Theorie mit der Befreiungsbewegung dieser Klasse begriffen wird.«

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Die Lage Englands. In: MEW, Bd. 1, S. 550. Weiter unten bemerkt Engels: „Die Revolutionierung der englischen Industrie ist die Basis aller modernen englischen Verhältnisse, die treibende Kraft der ganzen sozialen Bewegung.“ (Ebenda, S. 566.)
2 Ebenda, S. 557.
3 Ebenda.
4 Ebenda, S. 569.
5 Ebenda, S. 577.
6 Ebenda, S. 592.
7 Ebenda.
8 Ebenda, S. 552.
9 Friedrich Engels: Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland. In: MEW, Bd. 2, S. 511.
10 Ebenda, S. 519.
11 Ebenda, S. 515.
12 Ebenda, S. 519.
13 In einigen Fragen hat Engels die idealistische Geschichtsauffassung noch nicht überwunden. So schreibt er zum Beispiel: „Das Altertum, das noch nichts von dem Rechte des Subjekts wusste, dessen ganze Weltanschauung wesentlich abstrakt, allgemein, substantiell war, konnte deshalb nicht ohne die Sklaverei bestehen.“ (Friedrich Engels: Die Lage Englands. In: MEW, Bd. 1, S. 556.) Diese Ansicht trägt noch den Stempel der Hegelschen Konzeption, wonach dasjenige Selbstbewusstsein „in das Verhältnis der Knechtschaft eintritt, welches der Freiheit das Leben vorzieht“. (G. W. F. Hegel: Sämtliche Werke, Jubiläumsausgabe, Bd. 3, S. 110.)
14 Friedrich Engels: Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland. In: MEW, Bd. 2, S. 517.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Engels’ Ansichten über den Kommunismus. Kritik der bürgerlichen Demokratie und des Pseudosozialismus der Liberalen. / In Vorbereitung: Die Schaffung der Grundlagen des dialektischen Materialismus und des wissenschaftlichen Kommunismus. Die theoretische Begründung der dialektisch-materialistischen und kommunistischen Weltanschauung. Der Kampf gegen die philosophischen und politischen Konzeptionen des bürgerlichen Radikalismus. [Teil 40:] Kritik des spekulativen Idealismus und der idealistischen Dialektik. Die dialektisch-materialistische Antwort auf die Grundfrage der Philosophie. Die philosophiegeschichtliche Konzeption von Karl Marx und Friedrich Engels.