Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 37)
von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844" und die antimarxistische Interpretation des Marxismus.
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Wie seine Vorgänger behauptete auch de Man, die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ seien für das Verständnis des Grundgedankens der Marxschen Lehre von entscheidender Bedeutung. Die Manuskripte, erklärte dieser Revisionist kategorisch, gäben einen entscheidenden Anstoß dafür, „die Frage des Verhältnisses zum Marxismus als Frage des Verhältnisses von Marx zum Marxismus neu zu stellen.“ [12] De Man bemühte sich, zubeweisen, dass die wirklichen Ansichten von Marx nur in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ ihren adäquaten Ausdruck gefunden hätten. Diese Ansichten unterscheiden sich prinzipiell von dem, was man Marxismus nennt und als Marxismus propagiert. Man müsse den „humanistischen Marxismus“ von Marx vom späteren „materialistischen Marxismus“, der ernsthafte Einwände hervorrufe, unterscheiden.
De Mans Grundkonzeption besteht also darin, den Marx der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ dem späteren Marx, dem Verfasser des „Kapitals“ und der „Kritik des Gothaer Programms“, gegenüberzustellen. Dies schließt nach de Man übrigens nicht aus, dass es zwischen der humanistischen und der materialistischen Entwicklungsphase des Marxismus auch Gemeinsamkeiten gibt. Des weiteren behauptet de Man, dass ausnahmslos alle Thesen der„Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ als Thesen des reifen Marxismus aufzufassen sind. Nur habe Marx diese Thesen sozusagen später vergessen, so dass sie in seine späteren Arbeiten nicht eingegangen seien. Dadurch entstehe der Eindruck, als sei Marx von diesen Thesen abgerückt, als seien sie für den Verfasser des „Kapitals“ unannehmbar. Wenn dieser falsche Eindruck beseitigt und auf die Unterscheidung zwischen Marxens Frühschriften und seinen späteren Werken verzichtet werde, dann wolle er, de Man, gern auf den Revisionismus verzichten, da er den Marxismus von einer Position aus kritisiere, „die sich in wesentlichen Punkten mit der des humanistischen Marx aus den vierziger Jahren deckt“. [13]
De Man hat also sein Programm der Überprüfung der Grundthesen des Marxismus mit lobenswerter Offenheit formuliert. Es ist die Absage an die materialistische und revolutionäre Lösung des Problems der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft unter der Flagge einer Rückkehr zum „wahren“ Marx.
In den vorausgegangenen Abschnitten dieses Kapitels wurde gezeigt, dass Marx in den„Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ dem Wesen nach bereits materialistische und kommunistische Anschauungen darlegt und auch begründet, obwohl es sich noch nicht völlig vom anthropologischen Materialismus Feuerbachs abgegrenzt hat. In der Darstellung und in der Terminologie wird dies besonders deutlich. Es versteht sich von selbst, und das wurde ebenfalls schon hervorgehoben, dass die Darstellungsweise zugleich auch bestimmte Mängel, Unklarheiten über den Inhalt der behandelten Fragen selbst widerspiegelt. Das aber zeugtwiederum davon, dass die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ auf keinen Fall als Werk des reifen Marxismus angesehen werden können. Sie enthalten noch Thesen, die im Prinzip mit dem Marxismus unvereinbar sind, und daneben auch Thesen, die in späteren Werken richtiggestellt oder exakter, wissenschaftlich formuliert wurden.
Hendrik de Man, der die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ zum Ausgangspunkt für eine Revision des Marxismus macht, versuchte beharrlich zu beweisen, dass diese Arbeit der einzige authentische Ausdruck der Auffassungen des Marxismus sei.
Mehr noch, zu solcher Höhe, behauptete er, habe sich Marx in seinen späteren Werken infolge Krankheit, materieller Schwierigkeiten und aus anderen Gründen nie wieder erhoben. [14]
Die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ sind ohne Frage ein geniales Werk. Wenn man jedoch versucht, diese frühe Schrift von Marx als sein bedeutendes Werk überhaupt hinzustellen, dann hat das nur das eine ganz konkrete Ziel, das „Kapital“ und die anderen Werke, in denen Marx seine Lehre systematisch darstellt und streng wissenschaftlich begründet, in ihrer Bedeutung herabzusetzen. -
Die Manuskripte von 1844 als den Höhepunkt des humanistischen Marxismus, dem der ökonomische Marxismus folge, darzustellen, bedeutet, den wirklichen humanistischen Inhalt der wissenschaftlichen Ideologie der Arbeiterklasse zu verfälschen. -
F. W. Konstantinow hat recht, wenn er feststellt: „Um wie hoch wir auch immer die frühen Werke des jungen Marx schätzen, so sind es doch nicht nur sie und nicht einmal hauptsächlich sie, in denen die grundlegenden humanistischen Ideen und Prinzipien, das reife Wesen des marxistischen revolutionären Humanismus enthalten sind.“ [15]
Den wahren Sinn und die wirkliche Bedeutung der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ kann man nur dann richtig verstehen, wenn man sie in Beziehung setzt zu den vorausgegangenen und vor allem den nachfolgenden Arbeiten von Marx, in denen die Hauptthesen dieser frühen Arbeit nicht nur weiterentwickelt, sondern auch korrigiert werden. -
Einen gänzlich anderen Weg ging de Man, der vom Standpunkt der „Ökonomischphilosophischen Manuskripte“ die späteren Werke von Marx einschätzt und deren Mangel darin sieht, dass ihre grundlegenden Thesen mit einigen Thesen der Manuskripte unvereinbar sind.
Die Art und Weise, in der de Man dabei zu Werke geht, entspricht nicht dem Geist einer wirklich wissenschaftlichen Untersuchung. Er reißt einzelne Formulierungen aus dem Zusammenhang und stellt sie in Gegensatz zu den Grundauffassungen, die Marx und Engels in ihren klassischen Werken systematisch entwickelt haben. Er interpretiert die Feuerbachsche Terminologie der Manuskripte als den adäquaten begrifflichen Ausdruck ihres Inhalts und verwandelt Marx letztlich in einen bürgerlichen Humanisten, in einen Gegner des Materialismus.
Wir haben bei der Behandlung der Manuskripte schon darauf hingewiesen, dass Marx sich in dieser Zeit nicht als Materialist bezeichnete, obwohl er auch schon ihrem Wesen nach materialistische Anschauungen vorgetragen hat. Diesen Umstand nutzt de Man für sich aus und behauptet, Marx sein nicht Materialist, sondern „Realist“, der den Geist wie die Materie „der umfassenderen Wirklichkeit des Lebens in seiner passiv-aktiven, unbewusst-bewussten Totalität unterordne“. [16] So wird Marx von de Man zu einem Anhänger der irrationalistischen „Lebensphilosophie“ gemacht, die als philosophischen Grundbegriff den Begriff des Lebens proklamiert, der es angeblich ermöglicht, sich über die Einseitigkeit des Gegensatzes von Geist und Materie zu erheben. De Man benötigt eine derartige Interpretation der philosophischen Anschauungen von Marx, um die materialistische Geschichtsauffassung (deren Vorhandensein in den „ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ nicht geleugnet werden kann) nicht als eine dem Idealismus entgegengesetzte philosophische Lehre, sondern einfach als eine antispekulative Ausdeutung des gesellschaftlichen Lebens hinstellen zu können.
Am Anfang seines Aufsatzes behauptet de Man, Marx verwende die Worte „Materie“ und „Materielles“ zur Bezeichnung des Realen, Konkreten, Sinnlichen. [17] Im Schlussteil verkündet er bereits im Brustton der Überzeugung, von Marxens Standpunkt aus seienmaterielle Produktion und Ökonomie nur im Kapitalismus die entscheidende Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit Aufhebung des Privateigentums und der Entfremdung würden die für die Entwicklung der Gesellschaft bestimmenden Kräfte wieder – wie dies schon in der vorkapitalistischen Zeit gewesen sei – die menschlichen Bedürfnisse, Sinne und Emotionen. „Die fundamentalen, dauernden menschlichen Antriebe dazu sind nicht ökonomische Interessen – die herrschen nur unter dem Privateigentum vor als Form der Entmenschlichung –, sondern Lebensbedürfnisse, die der Mensch nur durch den Menschen befriedigen kann und deren vollendetster Ausdruck die Liebe der Menschen zu den Menschen ist.“ [18] Und diese sentimentale idealistische Konzeption, die die Produktion der materiellen Güter mit der für den Kapitalisten charakteristischen Profitgier gleichsetzt, wird für das Wesen der materialistischen Geschichtsauffassung und des marxistischen Humanismus ausgegeben.
Marx hat in den „Manuskripten“ klargestellt, dass die Arbeit, die Produktion (nicht nur die materielle, sondern auch die geistige) den Hauptinhalt der Weltgeschichte bildet. Der sozialdemokratische Theoretiker dagegen unterstellt dem Begründer des Marxismus die idealistische Anschauung, wonach die Bedürfnisse, Gefühle und Emotionen des menschlichen Individuums die Grundlage des sozialhistorischen Prozesses seien. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass die Bedürfnisse des Menschen nicht unabhängig von der Geschichte existieren. Ihre Vielfalt und qualitative Bestimmtheit werden vom welthistorischen Prozess und seiner materiellen Grundlage bedingt.
Wir sind absichtlich so ausführlich auf die Konzeption de Mans eingegangen, obwohl er diese schon vor fast 50 Jahren [heute 81 Jahre] entwickelt hat, weil gerade hier das Bestreben der bürgerlichen Marxismus-Interpreten, die frühen Arbeiten von Marx den Werken des reifen Marxismus gegenüberzustellen, besonders augenfällig zu Tage tritt.
Es ist schwer zu verstehen, wie Wissenschaftler, die Anspruch auf wissenschaftliche Gründlichkeit erheben, dazu kommen, die unvollendeten, fragmentarischen Manuskripte von 1844 für authentischer zu erklären als ein so fundamentales Werk wie das „Kapital“. Aber die Logik des ideologischen Kampfes zwingt die Gegner des Marxismus oft zu ausgesprochenen unlogischen Positionen.
Die marxistische Kritik der bürgerlichen und revisionistischen Interpretation der „Ökonomischphilosophischen Manuskripte“ wie auch die Widersprüche, in die sich ihre antimarxistischen Kommentartoren verstricken, haben schließlich auch den bürgerlichen Leser erkennen lassen, dass es nicht angeht, einen Gegensatz zwischen dem jungen Marx und dem Marxismus zu konstruieren. Bürgerliche Marxismus-Kritiker mussten inzwischen zugeben, wenn es das „Kapital“ und andere Werke des reifen Marxismus nicht gäbe und wenn nicht die Ideologie des wissenschaftlichen Sozialismus in das Bewusstsein von Millionen Menschen [?] eingedrungenwäre, dann würden die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ niemals ein so lebhaftes Interesse bei denjenigen Forschern gefunden haben, die den Marxismus ablehnen, ja sogar ihm feindlich gegenüberstehen. Derselbe Marcuse, der 1932 die Manuskripte als Grundlage für eine Revision des Marxismus ansah, musste 1962 eingestehen: „Die Marxschen Frühschriften sind jedoch in jeder Hinsicht bloß vorläufige Stufen zu einer reifen Theorie, Stufen, deren Bedeutung nicht überbetont werden sollte.“ [19] Was hat sich an der bürgerlichen Interpretation der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ verändert? Die Marxschen Frühschriften werden nicht mehr als Gegensatz zu seinen späteren Arbeiten angesehen, sondern statt dessen werden die qualitativen Unterschiede zwischen ihnen gelöscht. -
Hatte man früher behauptet, dass sich die genialen Ideen des jungen Marx in seinen nachfolgenden Werken nicht mehr widerspiegelten, so begann man jetzt zu beweisen, Marx habe sein ganzes Leben hindurch die Hauptthesen seiner Frühschriften wiederholt und dabei lediglich die Terminologie variiert. Zur Illustration sei hier H. B. Acton genannt. „Ich möchte sagen, dass Marx sein ganzes Leben der Umarbeitung des Buches widmete, dessen erster Entwurf die Pariser Manuskripte waren.“ [20] Hier wird in unverfrorener Offenheit angestrebt, den Leser ad hominem davon zu überzeugen, Marx habe seiner Lehre in den vier Jahrzehnten harter und unermüdlicher Arbeit, die den Manuskripten von 1844 gefolgt sind, eigentlich keine neuen Ideen hinzugefügt.
Es ist bekannt, welch großen Raum in Marxens Untersuchungen die Analyse und theoretische Verallgemeinerung der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus sowie der historischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung einnehmen. Arbeiten wie „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850", „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, die Artikel in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ und in anderen Periodika, „Das Kapital“ (alle vier Bände) beweisen, dass die theoretischen Schlussfolgerungen von Marx auf der peinlich genauen Erforschung eines gewaltigen Tatsachenmaterials beruhen. Das alles interessiert jedoch Acton und die anderen Gegner des Marxismus nicht im geringsten. Heute behaupten sie, Marx habe in all seinen Arbeiten, von der ersten bis zur letzten, dem Wesen nach immer nur ein und dasselbe gesagt und habe ständig weiter im Banne seiner Jugendideen gestanden, ohne die neuen historischen Erfahrungen zu berücksichtigen.
Robert Tucker, der die Thesen von Acton und anderen Antimarxisten weiterführt, verkündet, das „erste Marxsche System“, dass heißt die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, werfe Licht auf alle seine späteren Werke. Das heutige Marx-Bild, schreibt Tucker, zeige ihn „nicht als den Analytiker der Gesellschaft, der er sein wollte, sondern eher als einen Moralisten oder als so etwas wie einen religiösen Denker. Die alte Ansicht, dass der ,wissenschaftliche Sozialismus’ ein wissenschaftliches System sei, macht mehr und mehr der Meinung Platz, dass es im Kern ein ethisches oder religiöses Gedankensystem ist.“ [21]
Es bedarf keines besonderen Scharfblicks, um zu erkennen, dass die Leugnung qualitativer Unterscheide zwischen den Marxschen Frühschriften und den Werken des reifen Marxismus die gleiche ideologische Funktion erfüllt wie deren Gegenüberstellung. In beiden Fällen wird das Hauptaugenmerk auf die frühen Werke gerichtet, in denen sich Marx noch nicht völlig von Hegel und Feuerbach, dem bürgerlichen Humanismus und dem kleinbürgerlichen Sozialismus abgegrenzt hat. Dieser Umstand erlaubt bürgerlichen Marxismus-Kritikern, zu behaupten, dass die Lehre von Marx und Engels nicht mit dem Klassenkampf des Proletariats, sondern mit den Ideen von Hegel und Feuerbach zusammenhängt, dass die Grundthesen des Marxismus die spekulative Thematik weiterentwickeln, die sie in ihrer Jugend bei Hegel und Feuerbach entlehnt haben. Dieses Thema ist, wie unschwer zu erkennen, kein anderes als die Entfremdung.
Jean Hyppolite, dessen Arbeiten über Hegel und Marx weit bekannt wurden, ist einer der Urheber der in der heutigen bürgerlichen Philosophie äußerst beliebten Interpretation des wissenschaftlichen Kommunismus im Geiste der Hegelschen Entfremdungstheorie. Er schreibt: „Die fundamentale Idee und gleichsam die Quelle allen marxistischen Denkens ist die von Hegel und Feuerbach entlehnte Idee der Entfremdung. Ich bin der Meinung, dass man ausgehend von dieser Idee und der Bestimmung der menschlichen Befreiung als aktivem Kampf des Menschen im Verlaufe der Geschichte gegen jegliche Entfremdung seines Wesens, in welcher Form auch immer sie aufgetreten sein mag, die marxistische Philosophie in ihrer Gesamtheit am besten erklären und die Struktur des Hauptwerkes von Marx, des ,Kapitals’, verstehen kann.“ [22] Noch weiter als Hyppolite, der erklärt, dass die Struktur des „Kapitals“ von Marx dem Wesen nach der von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gleiche, geht P. Bonnel. Sein Ziel ist, den hauptsächlichen Inhalt des wissenschaftlichen Kommunismus mit Hilfe der Kategorie Entfremdung zu „erklären“. In seinem Artikel „Hegel und Marx“ erklärt dieser unter der Flagge des Sozialismus auftretende Theoretiker, dass der Hegelianismus dem Marxismus immanent sei, dass gerade die Hegelsche Geschichtsphilosophie das Wichtigste an Marxens Lehre sei. Marx habe bei Hegel „eine bestimmte Grundkonzeption des Menschen und der Geschichte“ entliehen, „die er niemals anzweifelte“. [23] Diese „Grundkonzeption“ ist natürlich die Konzeption der Entfremdung. Bonnel ignoriert den Gegensatz der materialistischen und kommunistischen Auffassungen von Marx und der idealistischen und bürgerlichen Ansichten Hegels. So behauptet Bonnel, Marx sei ebenso wie Hegel der Meinung gewesen, dass „das Leben des Menschen solange einen dualistischen, innerlich gebrochenen und entfremdeten Charakter hat, solange die Geschichte faktisch diese Entfremdung und Selbstzerrissenheit nicht überwindet; nur bis dahin kann sich eigentlich Geschichte noch vollziehen“. [24] Die Marxsche Auffassung der realen sozialökonomischen Entfremdung, der Ausbeutung der Werktätigen und der tatsächlichen Wege ihrer sozialen Befreiung, die keineswegs den Abschluss der Geschichte bedeutet, hat nichts mit jenem spekulativen Schema gemein, das Bonnel Marx zuschreibt.
Vom Verhältnis des Marxschen Begriffs der entfremdeten Arbeit (und der Entfremdung überhaupt) zur Hegelschen Konzeption der Entfremdung war bereits die Rede. Die in Hegels Philosophie vorhandenen einzelnen Vermutungen über den antagonistischen Charakter des kapitalistischen Fortschritts sind natürlich weit von Marxens ökonomischer Lehre über die Gesetze der Entstehung, der Entwicklung und des Untergangs der kapitalistischen Produktionsweise entfernt. Die Lehre des Marxismus von der kapitalistischen Gesellschaftsformation wie auch ihre philosophische Grundlage, der historische Materialismus, sind nicht die Fortsetzung der Hegelschen Philosophie der Geschichte, über die Lenin bemerkt: „Im allgemeinen gibt die Philosophie der Geschichte sehr, sehr wenig
– das ist begreiflich, denn gerade hier, gerade auf diesem Gebiet, in dieser Wissenschaft haben Marx und Engels den größten Schritt nach vorn getan. Hier ist Hegel am meisten veraltet und antiquiert.“ [25]
Das sind die Tatsachen. Und trotzdem bestehen die bürgerlichen Kritiker des Marxismus unterBerufung auf die Manuskripte von 1844 darauf, die marxistische politische Ökonomie und der wissenschaftliche Kommunismus seien auf der Theorie der Entfremdung begründet, die, wie wir
uns überzeugen konnten, nur die Rolle eines vermittelnden Gliedes beim Übergang von der Philosophie Hegels zu einem qualitativ anderen Ideenkreis gespielt hat. Gerade deswegen ist die Leugnung qualitativer Unterschiede zwischen den Marxschen Frühschriften und den Werken des reifen Marxismus eine Fortsetzung derselben ideologischen Linie, die jene Autoren vertreten, die die beiden Schaffensperioden von Marx einander gegenüberstellen. Die Gegenüberstellung wird ihrem Wesen nach nicht aufgegeben, wenngleich man sich auch von ihr lossagt und sie für unhaltbar erklärt. An die Stelle der wichtigsten und grundlegenden Thesen des Marxismus werden nach wie vor solche Ideen gesetzt, die vor allem für die frühen Arbeiten von Marx charakteristisch sind. « {...} [2 von 3]
Anmerkungen
12 H. De Man: Der neuentdeckte Marx. In: Der Kampf (Wien), 1932, Heft 6, S. 276.
13 Ebenda.
14 Siehe ebenda, S. 275/276.
15 Ô. Â. Êîíñòàíòèíîâ: Ìàðêñ è ãóìàíèçì. Â: Ìàðêñèçì è íàøà ýïîõà, Ìîñêâà 1968, ñòð. 164.
16 H. De Man: Der neuentdeckte Marx. In: Der Kampf, 1932, Heft 6, S. 272.
17 Ebenda, Heft 5, S. 266.
18 Ebenda, Heft 6, S. 272.
19 H. Marcuse: Vernunft und Revolution, Neuwied 1962, S. 260.
20 H. B. Acton: The Materialism of Karl Marx. In: Revue internationale de philosophie. Bd. XII, 1958, Nr. 45–46, S. 271.
21 R. Tucker: Karl Marx. Die Entwicklung seines Denkens von der Philosophie zum Mythos, München 1963, S. 2.
22 J. Hyppolite: Etudes sur Marx et Hegel, Paris 1955, S. 147.
23 P. Bonnel: Hegel et Marx. In: La Revue socialiste, Nr. 110, Octobre 1957, S. 318/319.
24 Ebenda, S. 321.
25 W. I. Lenin: Konspekt zu Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In: Werke, Bd. 38, S. 304.
Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844" und die antimarxistische Interpretation des Marxismus.