Der praktische Theoretiker der Revolution
Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) als Revisor des Marxschen Denkens (1)
Von Karl Wild
"Proletarier aller Länder
und unterdrückte Völker,
vereinigt euch!"
(W.I. Lenin)
So lange es die organisierte Arbeiterbewegung gibt, also seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, stellt sich für sie die Frage nach Strategie und Taktik, um einerseits die Lebenssituation der Ausgebeuteten zu verbessern und andererseits eine neue, bessere Gesellschaftsordnung zu erkämpfen. Welche Wege im Kampf sind einzuschlagen und wie kommt man zum Ziel einer Gesellschaft, die dem Kapitalismus nachfolgt? Der Marxismus von Marx und Engels, die geschichtsmächtige Theorie des 19. Jahrhundets, entwarf ein umfassendes Konzept über die Historie der menschlichen Gesellschaft und verkündete, dass mit der bürgerlichen Ordnung und der kapitalistischen Produktionsweise ein Stadium der Menschheitsgeschichte erreicht sei, welche einen radikalen endgültigen Ausstieg aus der menschlichen Geschichte von Ausbeutung und Unterdrückung durch die Mehrheit, dem Proletariat, ermöglichen würde und in eine lichte Zukunft verweist. Verdinglichung und Entfremdung des Menschen, notwendige Folgen der kapitalistischen Produktionsweise, gälte es zu überwinden und eine Gesellschaft ohne blinde Warenproduktion und allmächtigen Staat zu errichten. Der Weg dahin führt zwangsläufig, da die „Gewalt der Geburtshelfer“ jeder neuen Gesellschaft sei, über eine umfassende soziale Revolution der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Doch die von Marx und Engels noch für das 19. Jahrhundert erwartete Revolution in Westeuropa, die Weltgegend mit dem am weitesten fortgeschrittenen Kapitalismus, blieb bekanntlich aus und die erstarkende Arbeiterbewegung der 1. Internationalen stand vor einer neuen Situation und neuen Fragen nach ihrer Strategie und Taktik.
Die Marxsche Revolutionserwartung für die Länder mit hochentwickelter kapitalistischen Produktionsweise wurde zum Ausgang des 19. Jahrhunderts und zum Beginn des 20. Jahrhunderts von zwei gegensätzlichen Positionen einer kritischen Neuausrichtung unterzogen.
Angesichts der immer mehr erstarkenden Arbeiterbewegung wurden Forderungen laut, bereits hier und jetzt im bürgerlichen System die Lage des Proletariats zu verbessern und die politische Gleichstellung des Proletariats mit dem Bürgertum zu erkämpfen. Es sollte nicht auf eine unbestimmte Revolution gewartet werden, denn, so der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein, der „Weg“ der Reformen „sei alles, das Ziel“, der Kommunismus, „aber nichts“, da in weiter Ferne. Rosa Luxemburg in der führenden sozialdemokratischen Partei einerseits, den Generalstreik als Hebel der Revolution propagierend, und andererseits Wladimir I. Lenin, geprägt durch die im rückständigen Russland herrschenden despotischen Verhältnisse, hielten hingegen an der Unmittelbarkeit der sozialen Revolution fest, machte diese weniger vom Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise abhängig als von der Schwäche des Gegners, von der Unmöglichkeit zur "Akkumulation des Kapitals" (Luxemburg) bzw. das „schwächste Kettenglied“ im sich formierenden Imperialismus der Monopolherrschaft, welcher die freie Konkurrenz des Bürgertums durch schiere Gewalt ersetzt, sei nun notwendigerweise Ort der Revolution.(so Lenin) Nicht aus Einsicht und Erkenntnis, so der Verdacht der neuen orthodoxen Revolutionäre, werde der Weg der Reformen besschritten, sondern aus Feigheit und Verrat erfolge vom Reformismus die Bejahung des bürgerlichen Systems opportunistisch aus eigenem Interesse. Opportunistisch werde von den sozialdemokratischen „Arbeiterführern“, den eigenen Vorteil im Blick, die soziale Revolution bekämpft und der Übergang zu imperialistischen Positionen vollzogen.
Auf zwei Säulen fusste das Leninsche Denken. Beide sind unabdingbar für seine Weiterentwicklung und Revision der Marxschen Theorems, welche sich – vergleichbar der Bedeutung der französischen bürgerlichen Revolution von 1789 – in der Oktoberrevolution historisch als siegreich erwiesen, während die verratene deutsche Revolution bekanntlich mit der Ermordung von Rosa Luxemburg endete.(2) Angesichts des Despotismus des "Völkergefängnis" des Zarenreiches, seiner ungeheuerlichen Rückständigkeit - und der in die Illegalität gezwungenen verspätet sich formierenden Arbeiterbewegung - forderte Lenin als Bedingung der Revolution eine im Geheimen agierende, disziplinierte und zentralisierte Arbeiterpartei von Berufsrevolutionären. Die Partei sollte in ideologischen und strategischen Fragen geeint auftreten, ermöglicht durch das Konzept des "Demokratischen Zentralismus" und die Masse der Bevölkerung, bestehend aus 80% analphabetischer Bauern, auf den Weg zur notwendigerweise gewaltsamen Revolution anleiten.(3)
Zweite Säule, gleichzeitig notwendige Bedingung der ersten, und das Kernstück seiner Revolutionstheorie war die Leninsche Imperialismustheorie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und beschleunigt durch den Ersten Weltkrieg sei eine neue Epoche angebrochen, das Zeitalter der Weltrevolution. Das Fundament seiner Imperialsmustheorie lautet: “Die.. Verwandlung der Konkurrenz (wie noch zu Marx Zeiten, KW) in das Monopol ist eine der wichtigsten Erscheinungen – wenn nicht die wichtigste – in der Ökonomik des modernen Kapitalismus”.(4) Daraus folgt im Innern der Nationen wie in ihrem Verhältnis zueinander: “Das Herrschaftsverhältnis und die damit verbundene Gewalt … das ist es, was aus der Bildung allmächtiger wirtschaftlicher Monopole unvermeidlich" hervorgeht. Krieg und barbarische Unterdrückung wird zum Wesensmerkmal des nun herrschenden monopolistischen "Finanzkapitals".“Das Übergewicht des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des Kapitals bedeutet ... die Aussonderung weniger Staaten, die finanzielle >Macht< besitzen.” Die Herrschaft der "Finanzoligarchie" und nicht mehr die des "abstrakten Werts"(Marx) plündert die Welt aus. Dunkle Mächte und nicht das "Wertgesetz"(Marx) bestimmen die Entwicklung der Menschheit. “Insbesondere verschärfen sich auch die nationale Unterdrückung und der Drang nach Annexionen, d.h. nach Verletzung der nationalen Unabhängigkeit”. Die daraus resultierende "Ungleiche Entwicklung" schafft nun erst die Voraussetzungen für die sozialen und nationalen Revolutionen.
Und Lenin, Taktiker und Stratege zugleich, führte sein Parteienkonzept zur ersten siegreichen kommunistischen Revolution, bewies in der Praxis der gesamten Linken auf der Welt die Richtigkeit seiner Analyse und seiner Konzeption. Es begann der Siegeszug der Leninschen Imperialismustheorie in der revolutionären Linken, Ausdruck davon die III. Kommunistische Internationale, die die Herrschenden aller Länder in Panik versetzte - gerade auch den Kolonialismus in der doppelt ausgebeuteten Peripherie des kapitalistischen Weltsystems, wo ein Aufstand dem nächsten folgte.
Zur Kritik des Leninismus
Nach der historischen Niederlage der gesamten Linken – auch des reformistischen Teils – mit dem Niedergang des sowjetischen Entwicklungsmodells 1989/91 schien es geboten, alte Gewissheiten über Bord zu werfen. Lenins theoretische Behauptungen, bei seinem Nachfolger Stalin zum Kanon des Leninismus erstarrt, wie die Zwangsläufigkeit der Weltrevolution als Ergebnis des notwendigen Verfalls des Imperialismus, sind anscheinend widerlegt.
Heute im 21. Jahrhundert, angesichts von neoliberaler Globalisierung, neuem Hegemonismus und der Bedrohung der "europäisch" geprägten Zivilisation durch Kräfte, deren Hauptfeind zugleich der kapitalistische Westen wie der Kommunismus ist, geht es um nichts weniger als das Überleben der Menschheit. Auf "verkehrte" Weise scheint dennoch Lenin gegen Marx Recht zu bekommen: Blutige Kriege kennzeichnen wie zur Hochzeit des Imperialismus die Welt; schonungslose sklavenähnliche Ausbeutung aller Werktätigen betrifft eine Unzahl von Gesellschaften; Oligarchen beherrschen national wie global Ökonomie, Staat und Politik; der permanente Aufstand der Massen geht über in den religiös und sozial bestimmten weltweit agierenden Dschihadismus. Aber: Weder der Generalstreik der Arbeiterbewegung (Luxemburg) noch der Aufstand kommunistischer Gruppen ist nun die existenzielle Bedrohung der Mächtigen, sondern das "Böse" schlechthin in Gestalt des Terrorismus.
Ausblick und Fazit
Die kapitalistische Gesellschaftsformation, traurige Realität seit über 500 Jahren, lebt - und damit ist Rosa Luxemburg und W.I. Lenin zuzustimmen - von der Beherrschung und Ausbeutung rückständiger Wirtschaftssektoren und Weltregionen, von ungleicher Entwicklung und stößt dabei permanent an ihre Grenzen, Ausdruck davon sind die ständigen ökonomischen "Krisen". Nicht die entwickeltere Nation zeigt der weniger entwickelten das Bild ihrer Zukunft (Marx, Vorwort "Das Kapital", MEW 23), sondern umgekehrt: Im 21. Jahrhundert scheint die "Reaktion" über den "Fortschritt" in der Gesellschaft zu triumphieren.
Aber: Eine "andere" bessere Gesellschaft bleibt möglich, den die Etwicklung der Produktivkräfte (siehe Industrie 4.0) und das verschlungen wirkende Marxsche Wertgesetz werden neue "subalterne" Massen und Klassen befähigen, ein neues politisches Projekt, aller derzeitiger Hoffnungslosigkeit zum Trotz, zu entwickeln und in der Praxis umzusetzen. Heute gilt es, die Errungenschaften der „Zivilisation“ anzuerkennen und deren Möglichkeiten zu nutzen. Die Wege zum Fortschritt sind „steinig und schwer“; das Ziel, Abschaffung der Warenproduktion und des gewalttätigen Staates, muss immer wieder, anhand der objektiven Bedindungen, neu gedacht werden. Insofern können wir von Marx, Engels, Luxemburg wie Lenin, jeweilige charismatische Kritiker ihrer Zeit, wie von all den anderen Revolutionären - von Ho Chi Minh bis Che Guevara nur lernen.
Anmerkungen:
(1) Zu Lenins Leben und Wirken, basierend auf wikipedia.org, die wichtigsten Daten:
*22. April 1870 in Simbirsk, gest. 21. Januar 924 in Gorki/Nischni Nowgorod; in einer begüterten liberalen, dem niedrigen Adel zugehörenden Familie aufgewachsen; sein älterer Bruder Alexander als Terrorist 1887 hingerichtet; 1891 Ablegen des Juraexamens mit Bravour als Externer; 1893 Umzug nach Sankt Petersburg; mehrere Auslandsreisen u.a. nach Frankreich und ins Deutsche Reich; 1895 Gründung des "Bundes für die Befreiung der Arbeiterklasse"; 1897 dreijährige Verbannungsstrafe, wo er 1898 Nadeschda Krupskaja heiratete; 1898 Gründung der SDAPR; 1900 Annahme des Pseudonyms Lenin; 1900-05 im Ausland (Genf, München), Gründung der Zeitung "Iskra" gemeinsam mit dem marx. Führer Plechanow; 1902 erscheint "Was tun?"; 1903 in London Spaltung der SDAPR in "Menschewiki" und der von Lenin geführten "Bolschewiki"; 1905 erste, gescheiterte russische bürgerliche Revolution; 1907 Flucht nach Finnland, später wieder in Genf; April 1912 Erstausgabe der "Prawda"; 1914 Ausbruch des 1. Weltkrieges, September 1915 int. Konferenz von Zimmerwald, Kurs auf Umwandlung des imperialistischen Krieg in Sturz der eigenen Regierung; Februarrevolution 1917 in Russland, Lenins Partei zählt nach Verfolgung nur mehr 24.000 Mitglieder; April 1917 Fahrt durch Deutschland nach Schweden; 16. April 1917 eintreffen in Petrograd; Julikrise, Lenin als dt. Agent bezeichnet, in Ilegalität in Finnland;
25.Oktober 1917 Oktoberrevolution, Sturm aufs Winterpalais, den Sitz der Regierung Kerenski, Tagung des „II. Allrussischen Sowjetkongress“, Lenin wird Vorsitzendes des "Rats der Volkskommissare"; 26. Oktober 1917 "Dekret über den Frieden"; 11. November 1917 Wahlen zur Konstituante (verfassungsgebenden Versammlung), Auflösung 5. Januar 1918, beginnender Bürgerkrieg und ausländische Interventionen - bis 1922; 07. Dezember 1917 Gründung "Tscheka" ; 15.Januar 1918 Gründung Rote Armee; 03. März 1918 Friedensschluss von Brest-Litowsk mit Deutschland, Besetzung großer Teile Russlands; 30. August 1918 Attentat durch Fanny Kaplan von der Sozialrevolutionären Partei; 02.-06. März 1919 Gründungskongress der Kommunistischen III. Internationalen; März 1921 Niederschlagung Kronstädter Aufstand („Für Sowjets ohne Bolschewiki!“); 1921 große Hungersnot (Ukraine); 25. Mai 1922 erster schwerer Schlaganfall; 30. Dezember 1922 Gründung Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR); November und Dezember 1922 sieben weitere Schlaganfälle, zunehmende Verschechterung des Gesundheitszustands; Lenin verstirbt am 21. Januar 1924.
(2) siehe den Artikel "Mordssache. Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht" vom 05. Januar 2015 auf der Startseite von www.projekt3kw.wordpress.com
(3) Die wichtigsten Schriften W.I. Lenins zur Parteifrage und zur Revolution:
-Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, März 1902
-Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, 1904.
-Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, Januar – Februar 1916.
-Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Mitte 1917.
-Staat und Revoution, August – September 1917.
-Der "Linke Radikalismus", die Kinderkrankheit des Kommunismus, April–Mai 1920.
(4) alle Zitate aus W. I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW Bd. 22
Ergebnis der Überarbeitung und Neufassung diverser Überlegungen von 2003-10; April 2015