Skip to main content Skip to page footer

Der humanistische Charakter der Lehre vom Klassenkampf

Bereit gestellt von Reinhold Schramm

Im Mittelpunkt der marxistischen Lehre von der Gesellschaft steht die radikale Beseitigung aller Umstände, unter denen der Mensch ein geknechtetes und ausgebeutetes, ein niedergedrücktes und gequältes Wesen ist, die Befreiung des Menschen und die Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte und Fähigkeiten, seiner Würde und Schönheit in einer freien Gesellschaft – das ist das zutiefst humanistische Ziel der Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Kommunismus.

Die Frage nach den Bedingungen, unter denen Freiheit und Würde des Menschen verwirklicht werden können, hat nicht erst der Marxismus gestellt. Sie stand im Mittelpunkt der Überlegungen vieler Humanisten, die von den verschiedensten sozialen und weltanschaulichen Positionen aus nach Wegen suchten, wie der Mensch wirklich zum „Maß aller Dinge“ werden könne. Unter den Vertretern der großen deutschen Humanisten finden wir Namen wie Lessing, Goethe, Herder, Humboldt, Kant, Hegel, Fichte und Feuerbach.

Aber der Humanismus, der dem Marxismus eigen ist, stellt dennoch etwas völlig Neues dar. Er ist praktischer Humanismus. Er geht nicht von einem konstruierten, abstrakten Ideal des Menschen „an sich“ aus, er huldigt nicht einer abstrakten Liebe zu den Menschen, sondern er kämpft für die wirklichen, lebendigen Menschen mit ihren konkreten Bedürfnissen und Eigenschaften, Ideen und Hoffnungen, so wie sie durch die jeweiligen sozialen und politischen Lebensverhältnisse bedingt sind.

Der Marxismus lehrt, dass wahre Menschlichkeit nur dort Wirklichkeit wird, wo die Menschen befähigt werden, die Umstände menschlich zu gestalten, unter denen sie leben und wirken – und zwar als Glieder einer freien emanzipatorischen Gesellschaft, in der die Vervollkommnung der ganzen Gesellschaft die Entwicklung der Persönlichkeit jedes einzelnen bedingt.

Was heißt es aber, die Bedürfnisse und Interessen der Menschen historisch-konkret, gemäß ihren sozial-ökonomisch-ökologischen und politischen Lebensbedingungen zu erkennen und zu verwirklichen? Das heißt, die Menschen als Angehörige bestimmter gesellschaftlicher Klassen und ihre Interessen als Klasseninteressen zu begreifen. Wir stoßen hier auf die Frage nach dem Gegenstand der marxistischen Lehre von den Klassen und vom Klassenkampf.

Wir begegneten dieser Frage bereits, als wir das Problem der Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung erörterten. Dabei stellten wir fest, dass es keine „Gesetze an sich“ gibt, nach dem sich die Entwicklung automatisch zum Sozialismus hin bewegt [vgl. dazu das Kapitel I des vorliegenden Buches, siehe Quelle].  Diese Bewegung resultiert vielmehr aus dem Kampf der Klassen, die die Richtung des geschichtlichen Prozesses bestimmen und durchsetzen, indem die Arbeiterklasse und anderen Werktätigen und Verbündeten, ihre objektiv bedingten, materiellen Lebensinteressen verfolgen.

Das Wesen der gesellschaftlichen Entwicklung besteht darin, dass das historisch Notwendige stets in Gestalt der materiellen Lebensinteressen der Menschen sichtbar wird. Solange die Menschen ihrer konkreten sozialen Lage nach unterschiedlichen Klassen angehören, muss daher das geschichtlich Notwendige als Klasseninteresse erkannt werden. In den antagonistischen Gesellschaftsordnungen [es gibt heute weltweit nichts anderes] muss es im Klassenkampf gegen den Widerstand der Klassenkräfte, die sich an die überlebten Verhältnisse klammern, bis zur Beseitigung dieser Verhältnisse selbst durchgesetzt werden.

Die marxistische Lehre von den Klassen und vom Klassenkampf ist untrennbarer Bestandteil  der humanistischen, streitbaren Weltanschauung, des Marxismus. Sie dient der Befähigung der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten zum Kampf für die Überwindung der unmenschlichen, zugleich letzten und mächtigsten Ausbeuterordnung und für die Errichtung der neuen, der sozial-ökonomisch-ökologischen Gesellschaftsordnung, der sozialistischen Emanzipationsgesellschaft, in der der arbeitende Mensch mit seinen Bedürfnissen und seiner allseitigen Entwicklung zum Maß aller Dinge wird.

[Eine notwendige Modifikation, vgl.]

Quelle: Politisches Grundwissen. Dietz Verlag Berlin 1972. Vgl.: Der humanistische Charakter der marxistisch-leninistischen Lehre vom Klassenkampf.

14.05.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)